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PRAGER
DEUTSCHE STUDIEN.
HERAUSGEGEBEN
VON
CARL VON KRAUS UND AUGUST SAUER.
ACHTES HEFT.
UNTERSUCHUNGEN UND QUEI.LEN
ZUR GERMANISCHEN UND ROMANISCHEN
PHILOLOGIE
JOHANN VON KELLE DARGEBRACHT.
ERSTER TEIL.
PRAG.
DRUCK UND VERLAG VON CARL BELLMANN. 1908.
UNTERSUCHUNGEN UND QUELLEN
ZUR
GERMANISCHEN und ROMANISCHEN PHILOLOGIE
^JOHANN VON KELLE
DARGEBRACHT
VON
SEINEN KOLLEGEN UND SCHÜLERN. ERSTER TEIL.
MIT UNTERSTÜTZUNG DER GESELLSCHAFT ZUR
FÖRDERUNG DEUTSCHER WISSENSCHAFT, KUNST
UND LITERATUR IN BÖHMEN.
PRAG.
DRUCK UND VERLAG VON CARL BELLMANN. 1906.
JOHANN \ ON *ZLLf
zu SEINEM ACJfTZiSTZ'v jEBJT
N-OlKH ,
Inlna.ltsver2:elclnnis.
I. TEIL.
Seite
BERNEKER, Weihen i
V. d. LEYEN, Der gefesselte Unhold 7
CORNU, Zwei Beiträge zur lateinischen Metrik ...... 37
JANKO, Zum Lautwert des gotischen A . 59
MEYER-LÜBKE, Germanisch-romanische Wortbeziehungen 71 POGATSCHER, Zur Behandlung von lat. u in altenglischen
Lehnwörtern 81
KELLER, Über die Akzente in den angelsächsischen Hand-
' Schriften 97
MOUREK, Zur Syntax des Konjunktivs im Beöwulf . . .121 WILMANNS, Zur althochdeutschen Deklination und Wort- bildung 139
STEINMEYER, Isidor und Fragmenta theotisca 147
SCHATZ, Zur Sprache der Wessobrunner Denkmäler . . .165
SIEVERS, Zur älteren Judith 179
von KRAUS, Die ursprüngliche Sprachform von Veldekes
Eneide 211
MUCH, Zur Rigsthula 225
LESSIAK, Der Vokalismus der Tonsilben in den deutschen
Namen der ältesten kärntnischen Urkunden 241
MARTIN, Zur Geschichte der Tiersage im Mittelalter ... 273
WALLNER, Kerling und Spervogel 289
SINGER, Literarhistorische Miszellen 303
EHRISMANN, Die Treue in Hartmanns Armem Heinrich 317
SEEMÜLLER, Zur Poesie Neidharts 325
SCHRÖDER, Der Dichter der Guten Frau 339
JÜNK, Eine historische Anspielung in Rudolfs Wilhelm . 353 FOERSTER-BURDACH, Die Nikolsburger Bispelhandschrift 363 LEITZMANN, Zu den Kitzinger Fragmenten der Schlacht
von Alischanz 387
BOLTE, Zehn Meisterlieder Michael Beheims 401
VIII IXHALTSVERZEICHXIS.
Seite PRIEßSCH, Die Gnindfabd und EntwiAiiing^ysrhirhte
der Dicfatnn^ vom Bruder Rausch 423
BERXT. Bin Beitrag za mittelalteriichen VolrabnUirien . . 435 JEIXrXBK, Zur Geschichte der Ägglntiiiatioiistheorie . . 457 TSCmXKBL^ Der Genitiv in der Gottscheer Mnndait . . 467 ROLIX. Die Mundart von Vasto in den Abmzzen .... 477 ROBTHB, Ri^ehna&ge Satz- und Sinneseinschnitte in
mittflhochdegtschen Strophen 505
LAKBBI«, Bin Bruchstück einer deutschen Predigt Beitholds
von Ri^ensburg 515
ZWIBRZIX A, Bemerknn£^en zur Übedieferun^r des ältesten
Textes der Georgsl^nende 555
FREYMOXD, Bine Präger Handschrift der Lamentations
de Hatheolns und des livre de Leesce 565
SAUER, Ans Jacob Grimms Briefwechsd mit slavischen
Gddbrten 585
WKIHKN.
Von E. BERNEKER.
Über die Herkunft und Verwandtschaft von »weihen« und seiner Sippe (got. wetks, as. ahd. wZh, mhd. wZch ^heilig'; got. w^/'ää 'Priester'; w^/äwöt^ 'geheiligt werden' ; diS. wZh, ags.weoA, aisl. ve 'Heiligtum'; got. weihan, ga- weihan, Prät. gaweihaida 'weihen, heiligen, segnen' ; as. wlhian 'segnen' ; ahd. wZken 'heiligen, weihen, einsegnen', auch 'offerre, facere' von Opfern und Gelübden ; dazu mit grammatischem Wechsel aisl. vTgia^ md. wTgen 'weihen'; ags. wtg 'Heiligtum', sind bisher zwei An- sichten geäußert worden (vgl. Schade Ad. Wb.^ 1150)- Jakob Grimm (Deutsche Gramm. 2, 18 Nr. 201 ; Deut- sche Mythol.* 58. 986) hat »weihen« zu got. weihan (Prät. waih) 'kämpfen, streiten' (ahd. wlhan; mit gram- matischem Wechsel got. wigans, ursprünglich Part., *Krieg'; ahd. wZgant 'Kämpfer'; aisl. vega 'kämpfen', vZg 'Kampf, veig 'Kraft') gestellt, das von Hause aus 'facere (sacra), sacrare' bedeutet habe, und Schade stützt diese Deutung durch die Berufung auf Tacitus Germ. 7: »ceterum neque animadvertere neque vincire, ne verberare quidem nisi sacerdotibus permissum, non quasi in poenam nee ducis iussu, sed velut deo impe- rante, quem adesse bellantibus credunt«. Kampf und Krieg seien den Germanen religiöse Akte gewesen. Von Neueren hält Zupitza (Germ. Gutt. 142) an dieser Zusammenstellung fest, nur sucht er eine andere Be- Festschrift für Kelle. I
2 BERNEKER
deutungsvermittelung in dem Begriff »Kraft« : weihs verhalte sich zu lit. vekä 'Kraft* in der Bedeutung wie abg. sv(tü *heilig* zu got. swinßs 'stark, kräftig, ge- sund'. Doch ist diese Parallele jedenfalls nicht bewei- send, da abg. svf^ weder von lit. szvenlas 'heilig' noch von aw. sp9nta- 'heilig, sanctus' getrennt werden darf; es hat mit got. swinps nichts zu tun, weil sein sv auf idg. I« zurückgeführt werden muß. Zupitza kann also für sich als Analogon nur das Verhältnis von ahd. heil 'gesund, gerettet': ahd. heilag 'heilig' anführen.
Die zweite Ansicht rührt von Pott her, der in seinem Wurzel-Wörterbuch 3, 288 »weihen« und Ver- wandte zu ai. vinäktt, vivekti 'sondert, siebt, sichtet' ; vuviktds 'gesondert, abgesondert; von allem Ungehöri- gen getrennt, rein, lauter' stellt: got. weihs sei eigent- lich passivisch und etwa soviel als vivikta- 'separatus', denn von dem Geweihten, Heiligen wurde das Profane fern gehalten und so könne das Geweihte recht gut selbst als das 'Gesonderte, Abgetrennte, Unnahbare' vorgestellt worden sein. Dieser Deutung Potts ist ein Verfechter in Osthoff erstanden (IF. 6, 39 — 47), der den Begriffsübergang von »abtrennen, aussondern« zu »weihen« aus dem Semitischen belegt, der Sippe von weihs und vindkti mit Glück das vielverkannte lat. victima 'Opfertier, Opfer' anreiht und erschöpfend über die Bildungsweise der einzelnen Wörter handelt.
Beide Erklärungen von »weihen« entsprechen in lautlicher und semasiologischer Beziehung allen An- forderungen, die man an eine befriedigende Etymologie stellen muß; die zweite, scheint mir, noch besser als die erste (Zweifel an der Zusammenstellung von weihs und vindkti äußert Uhlenbeck Ai. Wb. 287, ohne ihn jedoch zu begründen.)
Wenn hier nun eine dritte Deutung von got. weihs versucht wird, so kann sie sich nicht, wie üblich, auf dem Trümmerfeld der früheren aufbauen. Sie kann ihre
WEIHEN. 3
Berechtigung vielmehr nur aus der Erwägung her- leiten, daß die etymologische Behandlung eines Wortes nur dann lückenlos ist, wenn trotz einer schon vor- handenen befriedigenden Erklärung alle noch etwa möglichen Anknüpfungen berücksichtigt werden, die auf das gleiche Prädikat Anspruch machen dürfen.
Ich führe got. weihs und Sippe (die Zusammen- stellung mit lat. victima bleibt dabei durchaus bestehen ; auch das schwierige umbr. eveietu »soll weihen«, das Osthoff aaO. behandelt, fände zur Not seinen Platz in der neuen Familie) auf eine "Wurzel mit auslauten- dem idg. %, nicht q, zurück und vergleiche die bisher nicht genügend erklärten slavischen Wörter abg. visett^TtgiiiapLak^ hangen', russ. vtsef, serb. vlsjeti ds. ; dazu mit Ablaut das Kausativum ksl. vesiti, russ. vhW 'wägen', po-vtsit' 'aufhängen, hängen lassen', und das Nomen russ. ves 'Gewicht', PI. ves^ 'Wage' usw.; das gesamte slavi- sche Material bei Miklosich Et. Wb. 392 unter vis-. Für die Bedeutungsentwickelung von »hängen« zu »wägen« braucht nur an lat. pendeq 'hange, hange herab' : pendo 'lasse beim Wägen herabhängen, wäge': pondtis 'Gewicht' erinnert zu werden. Über die außer- sla vischen Beziehungen von vis- bemerkt Miklosich aaO. mit Zurückhaltung nur »asl. vesü 'Wage' ver- gleichen andere mit lit. vansas, g^nsas 'Haken'« (Kurschat : wg.sz(is)\ eine Vergleichung so augenfällig falsch, daß sie nicht erst der Zurückweisung bedarf. Früher (Vgl. Gr.*^ I, 264) hatte er viseti mit ai. vif mit ä 'in der Luft schweben' verglichen und Pedersen IF. 5, 44 ist nicht abgeneigt, ihm darin recht zu geben. Nun ist aber die Bedeutung der bekannten Wurzel vif (vgl. zur Etymo- logie z. B. Uhlenbeck Ai. Wb. 288 : vifdti) 'sich nieder- lassen, hineintreten in, eingehen in, sich hineinbegeben in' ; mit ä 'eingehen, eintreten, sich niederlassen in oder unter, eindringen, fahren in, Besitz nehmen von' und die beiden Beispiele, wo Böhtlingk im Petersburger
4 BERNEKER
Wörterbuch die Übersetzung 'schweben' wählt, lassen, wie mir Kollege Winternitz zu bestätigen die Güte hat, ebenso gut die Übersetzung 'sich niederlassen' zu. Die Vergleichung Miklosichs gehört also zu den in frü- herer Zeit nicht seltenen Fällen, wo der Etymologein unvorsichtiger Benutzung des Petersburger Wörter- buchs eine Übersetzungsmöglichkeit als die ihm will- kommene ursprüngliche Bedeutung einer Wurzel nahm. Durch den Anschluß an die germanische Sippe tritt das slav. viseti aus seiner bisherigen auffälligen Isolie- rung. Die russische Wurzelbetonung und die serbische Intonation fordern den Ansatz einer idg. Wz. ueik- mit Langdiphthongen, deren Bedeutung 'hangen' gewesen sein wird. Zu dieser Wz. gehörte ein Adjektiv "^ulkos 'hangend' oder 'gehängt' = germ. "^wtx^^z, got. iveihs, der Bildung nach etwa le. sckMbs 'schief zu schkiebt 'schief neigen, kippen' zu vergleichen; weitere Bildungsana- logien bietet Osthoff IF. 5, 320 f. Über das Verhältnis von weihs zu weihan bleibt das von Osthoff IF. 6, 45 f. Bemerkte zu Recht bestehen. Hier sei noch erwähnt, daß das got. weihnan 'geweiht werden' d. i. 'gehängt werden' in dem slav. ^visngti, russ. visniit' 'hangen, schweben', serb. dbismiH (qxxs "^ob-visngti) 'hangen bleiben' eine Bildungsparallele hat. Auf die idg. Wz. uei%- könnte man auch mhd. 7viege, ahd. *wega, ablautend mit iviga 'Wiege' beziehen (anders darüber Noreen Urgerra. Lautl. 31), dessen germ. e^ gut zu dem vorauszusetzenden idg. ei stimmte. Doch ist dieses Wort jedenfalls nicht ein- deutig.
»Weihen« = »hängen«? dieser Bedeutungsüber- gang erscheint zunächst seltsam. Aber die Brücke ist nicht schwer zu finden.
In seinem Reallexikon der idg. Altertumskunde 599 f. hat Schrader über das Opfer ohne Feuer ge- handelt und dabei auch, ohne etymologische Schlüsse daraus zu ziehen, zwei Zeugnisse beigebracht, daß eine
WEIHEN. 5
Art des Opfers bei den Germanen und Slaven darin bestand, daß man die Opferleiber oder ihre Häupter an Bäume hängte. So erblickt Germanicus, als er im Jahre 15 n. Chr. das Schlachtfeld des Vanis besucht, die »truncis arborum antefixa ora« (Tac. Ann. I 61) der getöteten Pferde. Der Araber Ibn Dustah (um 912 n. Chr.) berichtet von den heidnischen Russen (vgl. Thom- sen Ursprung des russischen Staates, deutsch von Bomemann, Gotha 1879, S. 27): »Der Weissager nimmt den Menschen oder das Tier, legt ihm eine Schlinge um den Hals, hängt das Opfer an einem Baume auf, wartet bis es ausatmet^ und sagt dann, dies sei ein Opfer zu Gott«. Und diese Zeugnisse lassen sich leicht mehren. »Dem Ares, der Artemis«, sagt Jakob Grimm Gesch. d. deutsch. Spr.' 87, »hingen die Jäger einen Teil ihrer Beute an den Baum .... Marti praedae primordia vovebantur, huic truncis suspendebantur exu- viae (Jemandes cap. 5)«. Weiteres bei Golther Handbuch der germ. Mythol. 562 ff. aus dem skandinavischen Norden: Starkad opfert den König Wikar dem Odin, indem er ihn an einem Baum aufhängt und mit dem Speer durchbohrt und dazu spricht: »Nun gebe ich dich dem Odin« ; und in Hleidra auf Seeland wie zu Uppsala hängen die Leiber der Geopferten an den Bäumen. Vielleicht darf man zu guterletzt noch daran erinnern, daß sich ein »survival« des alten Brauches noch beim jungen Goethe findet, der Meister Erwin sein Weihgeschenk darbringt (Von deutscher Baukunst, Jubiläums-Ausgabe 33, 4) : »Siehe hier, in diesem Hain, wo ringsum die Namen meiner Geliebten grünen, schneid' ich den deinigen in eine deinem Turm gleich schlank aufsteigende Buche, hänge an seinen vier Zipfeln dies Schnupftuch mit Gaben dabei auf. Nicht ungleich jenem Tuche, das dem heiligen Apostel aus den Wolken herabgelassen ward, voll reiner und unreiner Tiere: so auch voll Blumen, Blüten,
6 BERNEKER WEIHEN.
Blätter, auch wohl dürres Gras und Moos und fiber Nacht geschoßne Schwämme, das alles ich auf dem Spaziergang durch unbedeutende Gegenden, kalt zu meinem 2^itvertreib botanisierend, eingesammelt, dir nun zu Ehren der Verwesung weihe c.
So läßt sich die Ansicht, daß »weihen« ursprüng- lich »hängen« ist, auch sachlich wohl begründen. Die allgemeine Bedeutung »hängen« spezialisierte sich bei »weihen« schon in früher Zeit zu dem sacralen Terminus »einem Gotte als Opfer hängen, opfern«, worauf dann das Wort mit dem Aufhören des heidnischen Brauches und dem Eindringen der christlichen Vorstellungen einen neuen Inhalt gewann.
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DER GEFESSELTE UNHOLD.
Eine mythologische Studie.
Von FRIEDRICH V. d. LEYEN.
Panzer, Beitrag zur Deutschen Mythologie (Mün- chen 1848) II. Band S. 56 erzählt: 'In Waldkirchen in Niederbayern und in der dortigen Gegend ist es Brauch, daß der letzte der Schmiede, Meister oder Geselle, welcher am Feierabend die Werkstätte verläßt, mit dem Hammer einen kalten Schlag auf den Amboß macht. Das geschieht, damit Lucifer seine Kette nicht ab- feilen kann, denn er feilt immer daran, so daß sie immer dünner wird. Am Tage nach Jakobi ist sie so dünn wie ein Zwirnsfaden, aber an diesem Tage wird sie auf einmal wieder ganz; würden die Schmiede nur einmal vergessen den kalten Schlag auf den Amboß zu machen, so könnte Lucifer seine Kette ganz abfeilen'.
Dieselbe Sage und derselbe Brauch lebte noch in anderen Orten Niederbayerns'). Außerdem sind sie be- zeugt in der Schweiz und vielfach in Tirol.
Rochholz, Deutscher Glaube und Brauch im Spiegel der heidnischen Vorzeit (Berlin 1867), Band II, S. 58: Nach dem alten Zunftbrauch der Grobschmiede wird kein Feierabend ge- macht, ohne nicht drei kalte Streiche auf dem Amboß getan
>) Dr. Otto Mausser hörte sie in Grafenau und Vilshofen. Vergl. Volkskunst und Volkskunde, (München 1907) S. 65.
8 V. d. LEYEN
zu haben. — Die Erzählung einer Familienhandschrift des i8. Jahrhunderts aus Brugg, die Rochholz sah, berichtet, daß diese kalten Schläge geschahen, um die Ketten Lucifers zu nieten, die dieser sonst durchfeilen würde. — J. Zingerle. Sagen, Märchen und Gebräuche aus Tirol, (Innsbruck 1859) S. 290 Nr. 516. Teufelanschmieden : Nach einer Weissagung wird vor Untergang der Welt Lucifer von seinen Ketten loskommen und alles wütend mit sich fortreißen ; um es zu verhüten, daß dies jetzt schon geschehe, war es vor kurzem noch in manchem ab- gelegenen Tale Tirols bei den Schmieden üblich, Samstags oder an anderen Feierabenden nach Einstellung der Arbeit drei Streiche auf den bloßen Amboß zu tun; dadurch sollten die Kettenglieder des höllischen Ungeheuers wieder festge- schweißt werden. Beilage zur Donau 1855 Nr. 316. — Wörtlich ebenso Theodor Vernaleken, Alpensagen, (Wien 1858) S. 69. — Alpenburg, Mythen und Sagen Tirols, (Zürich 1857) S. 252: Die Schmiede hatten einst den Brauch (ein vor zehn Jahren verstorbener Schmied im Zillertale tat es noch), daß sie am Feierabend nach getaner Arbeit noch drei starke Streiche auf den Amboß gaben; warum? weil Lucifer, der oberste der Teufel, der durch den Erlöser der Welt an eine Kette geschmiedet worden, nach und nach von der Kette loskommt, denn er reißt unbändig daran. Durch die drei Schläge wird sie wieder fest. Würde Lucifer los und käme er in die Welt, dann würde er dieselbe mit sich ins Chaos reißen, während die anderen Teufel, die gegen die guten Menschen Krieg führen, nicht viel aus- richten.
Diese Sage wird auch auf folgende Weise von den alten Bäuerlein erzählt : *Ein grimmiger Wolf oder ein 'Drache mit vielen Köpfen' oder *Der Höllenfürst Lucifer' wurde von Christus dadurch für die Welt unschädlich gemacht, daß Christus ihn 'hin- ter neun Eisentüren an einer dreifachen Kette befestigte' — diese Vorstellung bitte ich zu behalten, wir werden sie nach längerer Wanderung wiederfinden — weil er sonst den Untergang der Welt veranlassen würde. Durch die drei Schläge der Schmiede werden Ketten und Türen im alten festen Stande erhalten, welche sonst nach und nach zerbrechen und das Untier frei werden würde. Diese Sage und diesen Brauch bezeugt auch Mannhardt, Germanische Mythen, (Berlin 1858) S. 87 (aus Wild- schönau).
Außerhalb Deutschlands wurden unsere Sagen und unser Brauch in Smaland gefunden, nur mit dem
DER GEFESSELTE UNHOLD. 9
Unterschied, daß . Liicifer die schwere Kette nicht feilt, sondern mit seinen Klauen zereißt'). Das ist nicht un- wichtig. Ich erinnere an die Worte Axel Olriks (Danske Studier 1905, S. 133): In Smäland und über- haupt in Südschweden haben die Vorstellungen über die einzelnen heidnischen Götter in so großem Um- fange fortgelebt, wie in keinem anderen Ort im Norden. Wir begegnen Odhin in den Hexenprozessen des 17. Jahrhunderts und wir begegnen Ödhin, Thor und Frigg in mancherlei neuerem Volksglauben und zugleich Sagen über Odhin und Thors Kämpfe mit Riesen.
Sehr überraschen aber muß uns, daß derselbe Brauch und dieselben Sagen auch bei ganz anderen Völ- kern auftauchen, insbesondere bei den kaukasischen, den Armeniern, Georgiern und Tscherkessen und daß sie dort schon seit dem 5. Jahrhundert n. Ch. bezeugt sind.
Den ältesten Bericht darüber gibt uns der arme- nische Geschichtsschreiber Moses von Khorni: Arta- vazd, als er eines Tages Wildschweine jagte, wurde von Sinnverwirrung ergriffen; er zog in diesem Zu- stand auf den Ararat, fiel in eine Kluft und verschwand. Das ist, sagt Moses, der wahre Sachverhalt. Die alten Frauen aber erzählen, daß er in einer Höhle gefesselt liegt, beladen mit Eisenketten. Zwei Hunde nagen un- ablässig an seinen Ketten und er bemüht sich, zu ent- kommen und das Ende der Welt herbeizuführen. Aber unter den niederhallenden Schlägen der Schmiede ge- winnen die Ketten des Gefangenen, wie man sagt, eine neue Kraft").
Sehr nahe dieser Sage steht eine andere armenische. Schidar war der schwachsinnige Sohn eines Königs,
») Menzel, Odhin, (Stuttgart 1855) S. 81. Nach mündlicher Mitteilung des Schulinspektors Russworm in Habsal.
2) Ernst Kuhn, Zs. f. d. Phil. 2, 374. Spiegel, Eran. Alter- tumskunde (Leipzig 1878), 3, 216. V. d. Leyen, Märchen in Edda (Berlin 1899), S. 31. — Anholm, Danske Studier 1904, S. 148.
XO V. d. LEYEN
wurde auf der Jagd entrückt und am Ararat gefesselt. Zwei Hunde, ein weißer und ein schwarzer, lecken un- ablässig an seiner Kette, um ihn zu befreien. Deshalb müssen alle Schmiede am armenischen Neujahrstag mit dem Hammer auf den Amboß schlagen, wenn es aber einmal Schidar glückt, sich loszureißen, so wird er gehen und die ganze Welt zerstören").
Nur diese beiden Berichte kennen, wie ich gleich bemerken will, den Eingang von dem schwachsinnigen und entrückten Königsohn. Dieser Eingang gehört gewiß nicht in unsere Sagen, wie es kam, daß er sich vor sie stellte, weiß ich nicht.
Bei den Georgiern kenne ich auch zwei Sagen vom gefesselten Unhold. Er heißt in beiden Amiram, hat sich gegen Gott vergangen und liegt in einer Höhle des Elborus gefesselt. Seine Ketten wären längst von seinem treuen Hunde, der ohne Unterlaß daran nagt, durchbrochen, wenn nicht, wie der eine Bericht sagt, die georgischen Schmiede durch dreimaligen Hammerschlag am Gründonnerstag Morgen der Kette ihre frühere Stärke wiedergäben-). Nach dem anderen Bericht kommt alljährlich ein Schmied am Charfreitag aus der Erde und macht die Ketten Amirams wieder fest. Das Schwert ist Amiram entfallen und liegt neben ihm auf der Erde (Mannhardt, Spiegel a. a. O.).
Mit diesen georgischen Sagen sind wieder zwei tscherkessische nah verwandt, von denen die eine wohl verstümmelt überliefert wurde: auf dem Gipfel vom Berge Ditz liegt in einer tiefen Höhle Dachkai, mit 7 Ketten gebunden, dabei liegt sein Schwert, das er
») Russ. Revue, 23, 200, Anholm S. 148.
*) Erman. Archiv f. die Kunde Rußlands, 15, 146. Ma- gazin des Auslandes 1855, Nr. 67. — Mannhardt, Germanische Mythen S. 88.
DER GEFESSELTE UNHOLD. n
nicht erreichen kann, wonach er aber in Raserei greift. Dann entstehen Erdbeben').
Die andere nennt unseren Riesen Abschaser; er ist am Elbrus gefesselt, an einer Quelle beim Fluß Hadsilga. An der Seite des Gefangenen steht ein Drache, der beständig an seinen Ketten nagt. Sobald es dem Drachen glückt, die Kette, die dem Helden am nächsten ist, durchzunagen, zeigt sich eine Frau in schwarzer Kleidung, sie rührt an die Kette mit einem Stock und die Glieder werden wie neu (Anholm a a. O.).
Als ein Motiv, das in den bayrischen, tirolischen usw. Sagen nicht auftrat und dessen Herkunft sich uns später enthüllen wird, erscheinen in den kaukasischen zwei Hunde oder ein Hund oder ein Drache, die die Ketten dünn lecken. Sonst umfasst die Ähnlichkeit zwischen den deutschen und den schwedischen Sagen und Vorstellungen hier, zwischen den kaukasischen dort alle entscheidenden Motive: den gefesselten Unhold, der die Welt zerstören will und der sich bei den ger- manischen, christlich gewordenen Völkern in den Teufel verwandelte — die Ketten, die dünn werden und denen an einem bestimmten Tage des Jahres der Schlag der Schmiede die alte Stärke zurückgibt. Ein Zusammen- hang zwischen den beiden, räumlich so weit getrennten Überlieferungen, scheint mir gewiß. Nur. weiß ich noch nicht, wie die kaukasischen Sagen wanderten und wo die deutschen unter ihren Einfluß gerieten.
Daß sie wanderten, zeigen eine albanesische und zwei russische Sagen, dann verliert sich, so weit ich wenigstens sehe, jede Spur ihres Weges.
Die Albanesen sagen, daß der Teufel an einer Kette liege, die um einen Felsen geschlungen ist, am großen
») Brosset CoUection d' historiens Armeniens 2, 595. Afanasjev, Poeticeskija vozzrenija slayjan na prirodu i, 757. Anholm S. 143.
12 V. d. LEYEN
Sabbat hängt sie nur noch mit einem dünnen Blättchen an einander, aber am Ostermorgen erscheint der Hei- land und fesselt den Teufel mit einer neuen Kette').
Nach russischem Volksglauben ist Satan nach der Himmelfahrt unter 12 Schlösser und 12 Ketten an- geschmiedet worden. Er zerbeißt im Laufe des Jahres ein Schloß und eine Kette nach der anderen, jedesmal beim letzten Glied ertönt das 'Christus ist erstanden* und die Ketten sind wieder heil.*) Und ähnlich, aber anschaulicher, erzählt eine andere russische Sage. Am Tage seiner Auferstehung setzte Christus den Satan ins Erdinnere unter einen Felsen, schmiedete ihn an zwölf eiserne Ketten und schloß ihn mit 12 eisernen Türen mit 12 eisernen Schlössern ein. Im Ver- lauf des Jahres nagt Satanas an den Türen, Schlössern und Ketten, doch jedesmal, wenn ihm nur noch das letzte Glied der Kette zu durchbeißen bleibt, ertönt der jubelnde Ruf: 'Christus ist erstanden!' — nud in dem- selben Augenblick werden die Türen, Schlösser und Ketten so heil und stark wie früher').
Die kaukasischen Sagen ihrerseits können aus Persien nach dem Kaukasus getragen sein. Denn in Persien erzählt man sich Ähnliches. Allerdings unter- scheiden sich die persischen von den kaukasischen viel stärker als diese von den germanischen, und das Ma- terial ist so gering, daß man nicht recht wagt, Schlüsse darauf zu bauen.
Mir sind von vergleichbaren persischen Sagen be- gegnet zuerst die von Dähaka (Zohak). Dieser wird von Feridun besiegt und in einer Höhle des Gebirges Demavend an den Fels genagelt. Sein Herzblut
1) Hahn, Albanesische Studien i, 165, Mannhardt S. 88.
») Etnograf. Obozrenije 13, 4, 33. (Moskov 1901); mir mitgeteilt durch August von liöwis.
a) Afanasjev a. a. O. S. 757, Mitteilung von August von Löwis.
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träufelt auf die Erde, wenn er zuckt, ent- stehen Erdbeben. Einst aber kommt er los, und es geht die Rede, Zohak ist los. Einen halben Tag richtet er sehr viel Unheil in der Welt an, bis Cäma ihn besiegt und zur Annahme des wahren Glaubens zwingt. Es gibt auch ein Fest, das zu Ehren der Fes- selung Zohaks gefeiert wurde'). Dann gehört hierher die Sage von den Söhnen Gogs und Magogs, Wesen scheußlicher Ungestalt ; sie wohnen in einem Bergkessel, aus dem nur eine Schlucht führt und verheeren die Nach- bargebiete. Deshalb errichtet Alexander vor der Schlucht einen riesigen Damm, zu dem er alles zusammentragen ließ, was das Land an Eisen, Erz, Kohle barg. Die Söhne von Gog und Magog lecken diesen Damm durch ihre Zungen jeden Tag dünn wie eine Eierschale, aber jeden Morgen ist er wieder so dick, wie vorher. So geht es bis an das Ende der Welt, bis einer der Riesen sagt: morgen lecken wir den Damm durch, so Gott will. Dies Wort hilft. Am nächsten Tage fällt der Danim und die Riesen verwüsten die Erde als Vorboten des jüngsten Gerichtes-).
Hier erscheint ein Volk von Riesen statt eines einzelnen ; ein König bändigt sie, kein Gott ; sie sind eingesperrt, nicht gefesselt; sie lecken einen Damm dünn statt einer Kette (daher fehlen auch die Schmiede, die der Kette ihre frühere Dicke zurückgeben) und sie reißen sich los durch den Willen Gottes.
Das Dünnlecken, die sich immer erneuernde Stärke des Dammes, die Beziehung auf den jüngsten Tag hat
>) Mannhardt, Germanische Mythen S. 86. — Axel Olrik, Om Ragnarök, (Kopenhagen 1902) S. 238 erzählt ohne Quellen- angabe eine sehr ähnliche Sage: Thraetaona überwindet die Schlange Dahaka und bindet sie im Gebirge Demavend, aber beim Ende der Welt zerreißt sie ihre Fesseln und geht aus, die Welt zu zerstören, bis der Held Keresaspa aufwacht und sie fällt.
2) Hammer, Rosenöl, (Stuttgart und Tübingen 181 3), i, 288 ff.
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diese persische mit der kaukasischen und germanischen - Sage gemeinsam. Die Vorstellung vom Damm kehrt etwas verändert wieder in einer tatarischen und einer esthnischen Sage, zu denen wir uns nun wenden. Diese haben für uns noch ein anderes Interesse: sie klären das Motiv von den gefesselten Hunden auf, das bereits unsere Aufmerksamkeit erregte.
In beiden ist dies Motiv sehr erweitert und mit Motiven anderer Herkunft verflochten in eine Helden- sage. Ich hebe aus ihnen nur das für uns wesentliche heraus ')
Die tatarische Sage erzählt von 7 Hunden, die am Ende der Welt, wo Sonne und Mond untergehen^ gefesselt sind mit starken Eissenketten, reißen sie sich los, bellen und heulen sie nur einmal, so ist das Ende da für alle, Menschen, Tiere und Vögel. Die Hunde reißen sich nun wirklich los, nachdem ihr Wächter Jedai Khan gefallen. Aber dessen Besieger^ Ala Kartaga, bindet sie wieder und legt ihnen einen kupfernen Maulkorb um, damit sie nicht mehr bellen können. Er vertraut sie dann 6 Helden an, sie reißen sich nochmals los, er bindet sie wieder und sperrt sie hinter des Berges Felsentor. Er befiehlt den Hel- den, jedes oder jedes andere Jahr nachzusehen, ob sie mit ihren scharfen Eisenklauen das Tor zerkratzten. Wieder reißen sich die Hunde los, die Helden dachten nämlich, es sei genug, wenn sie einen Felsen vor Ein- gang des Berges wälzten. Ala Kartaga kehrt nochmals zurück und erschlägt Helden und Hunde. Er hatte sich davor gescheut, weil dem Besitzer der Hunde ewiges Leben verliehen war; nun meint er, er würde auch ohne sie leben, wenn Gott es ihm gönnt*^).
') Eine ausführliche Analyse gibt Axel Olrik S. 238 ff. *) Schiefner, Heldensagen der minussischen Tataren, (Fe« tersburg 1859) S. 123. Derselbe, Melanges asiatiques 3 (1859)
s. 579.
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In der esthnischen Erzählung muß ein Knabe bei einem Riesen Hunde bewachen, die in einem Keller hinter dreifacher Eisentüre angekettet sind. Sie dürfen sich nicht unter der Türe mit den Pfoten durchgraben,, denn wenn einer frei wird, sind die anderen auch nicht zu halten; sie folgen ihm und zerstören alles Lebendige auf der Welt. Vor der Tür ist ein Berg von Granitblocken aufgestapelt; sie wurden zusammenge- schleppt, damit man immer einen neuen Stein vor die Tür wälzen kann, wenn die Hunde die alten durch- kratzten ').
In diesen beiden Sagen fehlt das Motiv von den Ketten, die immer dünner werden und durch den ge- heimnisvollen Schlag der Schmiede neue Kraft erhalten. Die Hunde sind zugleich gefesselt und eingesperrt^ das kaukasische und das persische Motiv wurden darin übereinander gelegt. (Wie auch schon in dem zweiten russischen Märchen, S. 12.) Wenn wir nun an die schwe- dische Sage zurückdenken (S. 8 f.), daß Lucifer seine schwere Kette mit den Klauen zerreißt, so dürfen wir wohl vermuten, diese Sage habe ursprünglich gelautet, Lucifer lag hinter einer Eisentür und diese zerkratzte er mit den Klauen. Eine Bestätigung für diese Ver- mutung kommt aus Deutschland, eine Reihe von deut- schen Sagen kennt bald in unserem Zusammenhangs (vgl. oben Alpenburg und Mannhardt), bald in einem andern die Vorstellung von dem Teufel, der in Gestalt eines Hundes hinter neun Türen gefesselt liegt^ einen Schatz bewachend-). Darnach hätten auch in Deutschland die beiden Vorstellungen, die vom ge- fesselten und die vom eingesperrten Teufel, Heimat- recht.
») Kreutzwald Löwe, Esthnische Märchen, (Halle 1869),. S. 98. — Schiefner, Melanges russes 4, S. 8. Axel Olrik S. 242 A. I.
') J. Grimm, Deutsche Sagen, Nr. 9. Derselbe, Mytholo- gie * S. 963. Simrock, Handbuch der deutschen Mythologie * S. 114.
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Die tatarischen und esthnischen Berichte verraten auch die Herkunft des Motivs von den Hunden, denn sie sagen, das tatarische : die Hunde sind da, wo Sonne und Mond untergehen, und das esthnische, wenn der letzte Hund ausbräche, so sei das Ende der Welt da und die Sonne hätte zum letztenmal geschienen.
Aus dieser Wendung dürfen wir unbedenklich schließen, daß unser Motiv einer weitverbreiteten Vor- stellung entstammt, die heute noch bei primitiven, be- sonders amerikanischen Völkern lebendig ist und zu- gleich bis in eine primitive Zeit hinein reicht: der alten Vorstellung nämlich von der Sonnen- und Mond- finsternis. Wenn Sonne und Mond sich verfinstern, so glauben die primitiven Völker, Ungeheuer verfolgten die Gestirne und wollten sie verschlingen und man müsse sie verscheuchen und unschädlich machen, sonst sei das Ende der Welt da. Diese Ungeheuer erscheinen bald als Dämonen in menschlicher oder riesischer Gestalt, bald als Drachen, bald als Hunde, bald als Wölfe*).
Der Zusammenhang unseres Hundemotivs ist nun enthüllt. Zugleich begreift sich ein Teil der hier vorgeführten Entwicklungen, Spaltungen und Ver- schlingungen der alten mythischen Vorstellung sehr leicht. Freilich: eine Erklärung für den kalten Schlag der Schmiede, für die örtlichen Begrenzungen dieses Brauchs und für seine Zusammenschmelzung mit dem Fesselungsmotiv finden wir, oder wenigstens ich finde sie nicht. Der Glaube aber: bei einer Sonnenfinsternis verfolgen Unholde die Sonne und die Welt geht unter,
») Tylor, Primitive Culture ♦ [i, S. 329 f. — Lasch, Archiv f. Religionswissenschaft 3, .S. 97 f. — Axel Olrik, a. a. O. S. 192, A. I. — Benfey, Pantschatantra, (Leipzig 1859) i, 387. — Volks- kunst und Volkskunde 1907, S. 66, bringt einen Beleg aus Niederbayem, Axel Olrik, Danske Studier 1905, S. 48, einen aus Litauen. Die Litauer verehren den Hammer des Donner- gottes, weil sie glauben, mit ihm habe der Gott die Unholde verscheucht, die die Sonne verschlingen wollten.
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konnte sich, da diese Finsternisse selten wiederkehren, leicht in die Prophezeiung verwandeln: einst wird die Sonne von den Unholden verschlungen werden und die Welt wird untergehen. Hieran konnte sich wieder die Erfindung reihen: bis zum Weltuntergang sind die Unholde, sei es gefesselt, sei es eingesperrt, und sie suchen sich loszureißen. Bei den Christen verwandelte sich der Unhold, der die Welt vernichten will, in den Teufel. Diese Entwicklungen alle trug das Motiv wie im Keim mit sich, sie wuchsen ganz natürlich aus ihm heraus, war es doch eine schreckhafte Erscheinung, die plötzlich auftrat, niemand wußte woher, und die die lebhafte Phantasie primitiver Völker immer von neuem erregen und beschäftigen mußte. Ebensowenig befremdet es uns, daß die Herkunft des Motives, be- sonders wenn es mit anderen Sagen verschmolzen wurde, sich später vergaß.
Die Sage spaltete sich, je nachdem man sich die Unholde als unheimliche Wesen in Riesen- oder Men- schengestalt (persisch, kaukasisch, deutsch), als Drachen (kaukasisch, germanisch), als Schlangen (persisch), als Hunde und Wölfe (kaukasisch, deutsch, esthnisch, ta- tarisch) dachte oder als gefesselt oder als eingesperrt. Die getrennten Vorstellungen zogen sich später wiederum an. Die von dem gefesselten und die vom eingesperrten Tier begegneten dicht hinter einander in einer esthni- schen bezw. tatarischen Sage, die Vorstellungen vom gefesselten Hund und vom gefesselten Unhold, ebenso die vom gefesselten Drachen und gefesselten Unhold verschlangen sich, was wir schon gesehen, aber noch nicht erklärt haben, in den kaukasischen Berichten, so daß es dort hieß, nicht die Hunde lecken an ihren oder der Unhold reißt an seinen Ketten, sondern die Hunde sind bei dem Unhold und lecken seine Ketten dünn.
Ganz analoge Entwicklungen habe ich gezeigt, als ich die Entstehung der Mythen und Märchen vom
Festschrift für Kelle. 2
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Raub des Feuers und des Wassers zu erklären versuchte *). Die eine primitive Vorstellung war, das Feuer sei im Himmel, die andere, es sei im Holz: beide bestanden teils nebeneinander, teils vereinigten sie sich zu der Mythe: ein Held holt das Feuer aus dem Himmel und versteckt es im Holz. — Das Wasser war nach der einen primitiven Vorstellung ursprünglicher Besitz von Wassertieren, die es verschluckt hatten und dann von sich geben mußten, nach einer anderen war es in Top- fen verborgen, nach einer dritten kam es aus den Ber- gen. Auch diese Vorstellungen findet man bald getrennt, bald vereinigt und vereinigt ergeben sie das Märchen. Ein Held sprengt einen Berg, um zum Wasser zu ge- langen, dort ist es in Töpfen verborgen, er verwandelt sich in einen Vogel, trinkt das Wasser und gibt es später wieder her').
Wir beobachteten an einem sehr merkwürdigen und überzeugenden Beispiel, wie eine Vorstellung der Ur- zeit sich in ein Märchen und Sagenmotiv verwandelt, schon in alter Zeit, wie dies an vielen Orten sich stei- gert, dehnt, entwickelt, neue Verbindungen eingeht, die Erinnerung an den Ursprung verliert, wie die einzelnen Teile sich losen und wieder zueinanderstreben, und wie es durch diese Umgestaltungen immer neu und jung bleibt.
n.
Ich rief alle diese Zeugen auf, um den Ursprung und die Schicksale eines merkwürdigen Motives, soweit ich sie überblicken kann, zu schildern. Die bisher er- langten Einsichten haben aber noch eine andere Kraft : sie erhellen und entwirren einige mythische Vorstel- lungen der Edda und diese wiederum, die aus ver-
*) Germanistisclie Abhandlungen für Hermann Paul (Strassburg 1902) S. 143, 146 ff.
») Eine andere Analogie a. a. O. S. 147.
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schiedenen Kulturschichten stammen und recht mannig- fach sich vor uns ausbreiten, werden unsere Erkenntnisse bestätigen, sichern und wesentlich ergänzen.
Es kommen für uns in Betracht die Berichte über die Sonnenwölfe Skoll und Hate, über den Höllen- hund Garmr, über die Fesselung des Fenreswolf es und über die Fesselung Lokes.
Skoll und Hate. Die Wölfe Skoll und Hate begleiten die Sonne; der eine vor ihr, der andere hinter ihr, bis der Wald sie schützt, das heißt: bis sie untergeht, erst nachdem sie unterging, ist sie vor den Wölfen sicher').
Die Vorstellung des Wolfes vor der Sonne ent- sprang wie Axel Ölrik (S. 191 und A. i) zeigt, einem in nordischen Ländern bekannten Phänomen, bunten Lichtflecken bei der Sonne, hervorgerufen durch die Brechung der Sonnenstrahlen in den Wolken. Der wissenschaftliche Name dafür ist Nebensonne, der volks- tümliche Sonnenwolf.
Die beiden Wölfe sind täglich bei der Sonne, bei der Götterdämmerung am Weltende treten sie ursprüng- lich nicht auf. Das unterscheidet sie von den Sonnen- wölfen, die die Furcht vor der Sonnenfinsternis schuf. Aber der Glaube, daß sie die Sonne als Wölfe feindlich verfolgen und sie verschlingen wollen, muß eine Ein- wirkung jener uns bekannten Sonnenfinsternisvorstel- lungen sein. Warum sollte denn sonst eine tägliche Be-
*) Grimnismal 39, Axel Olrik S. 190 f. Axel Olrik, dem wir die sorgfältigste und zugleich abschließende Untersuchung dieser Vorstellung verdanken, zeigt, daß Snorre (und nach ihm alle späteren Mythologen) in der Gylfaginning diese Stelle falsch auffaßte, wie mir scheint, in Anlehnung an den Volksglauben, auf den er sich ja öfter beruft (vgl. Vithars Schuh, Naglfar) : er machte aus den beiden Sonnenwölfen einen Wolf, der die Sonne und einen anderen, der den Mond verschlingt.
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gleitung als eine Verfolgung mit mörderischer Absicht aufgefaßt werden?').
Garmr. In der Höhle Gnipaheller liegt der Hund Garmr, bei dem Untergang der Welt bellt er laut auf, zerreißt seine Fesseln und stürzt davon auf die Götter^).
Diese Sage hat jeden sichtbaren Zusammenhang mit einem Naturphänomen verloren; dafür steht sie den von uns vorher berührten tatarischen und esthni- schen Sagen überraschend nahe. Ich kann wieder nicht an einen zufälligen Zusammenhang glauben und erin- nere besonders an den einen Zug, daß in den Märchen auch der Untergang der Welt droht, wenn die Hunde einmal bellen oder heulen.
Das Märchen schildert diese Hunde, ihre Fesse- lung, ihre Mühen, die Fesseln zu zerreißen, viel leb- hafter und ausführlicher, als die wenigen Verse der Völuspa es können. Doch steht nichts der Annahme im Wege, daß der Dichter der Völuspa auch eine aus- führlichere und anschaulichere Schilderung kannte und aus ihr absichtlich nur eben das heraushob, was beim Weltuntergang selbst geschah. Er hat, wie uns Axel Olrik (S. 269) zeigte, vieles ausgeschieden, sobald es den wunderbaren Aufbau seiner Dichtung stören konnte.
Für die Entscheidung der Frage, welche Vor- stellung war die Quelle für die andere, ob die esthnisch- tatarische für die altnordische oder umgekehrt? bietet
1) Der eine Wolf Hate wird der Sohn des Hrothvitner d. h. des Fenrer genannt und Vsp. 40 heißt es: Die Alte im Eisenwalde saß östlich und gebar dort Fenres Geschlecht (Fenres kinder), von ihnen allen wird einer der Räuber des Gestirns (d. h. der Sonne) in der Gestalt eines Trolls. Diese beiden Stellen ergänzen sich sehr gut und verlangen die Les- art Fenrer (vgl. auch Detter-Heinzel zu Vsp. 39, 4) nicht fenrer wie Axel Olrik S. 189 A. i verlangt. Über Vfthrm. 46. 47 siehe unten S. 21.
») Vsp. 44, i; 49, i; 58, I. Grimn. 44, 5. Snorre, SE. I, 190 behauptet, er kämpfe mit Tyr, darüber unten S. 22.
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unser Motiv keine Handhabe. Da aber grade in der letzten Zeit in einer Reihe esthnischer mythologischer Vorstellungen und Märchen die Herkunft aus dem Ger- manischen und Nordischen nachgewiesen wurde, aus der Fahrt Thors zu Geirrothr, aus der Hymeskvitha *), in einem Fall die Herkunft aus einem Mythus, der älter war als die nordische Thrymskvitha'), so scheint auch hier die Annahme die natürlichste, daß die ger- manische Vorstellung nach Osten wanderte und über Esthland zu den Tataren kam, die sie dann ausein- ander wickelten.
F eurer. Vafthruthnesmal 46.47 heißt es: Woher kommt die Sonne an den glatten Himmel, wenn F e n r e r die gegenwärtige getötet hat? Und die Antwort lautet: Eine Tochter gebiert Alfrötholl, bevor Fenrer sie tötet, die soll fahren auf der Mutter Straßen, wenn die Götter sterben.
Das ist die einzige Stelle, die behauptet, daß der Fenreswolf die Sonne beim Untergang der Welt ver- schlinge und sie bewahrt uns, wie ich im Gegensatz zu Axel Olrik glaube (vgl. oben S. 20 A. i) zugleich die älteste Auffassung von dem Wolfe. Ich stütze meine Ansicht auf die folgenden Erwägungen: Ein- mal sind die Vafthruthnesmal reich an alten mythi- schen Vorstellungen, die von der Völuspa abweichen, wie gerade Axel Olrik mit bewundernswertem Scharf- sinn zeigte. Die unsere ergänzt sich dahin, daß wenn die Sonne verschwunden ist, ein furchtbarer Winter eintritt, in dem alles zu gründe geht und daß die
>) L. von Schröder, Gennanische Eiben und Götter beim Esthenvolk. S. B. der Wiener Akademie 1906, Heft I, bes. S. TJ,
2) Axel Olrik, Danske Studier 1905, S. 129 f. Kaarle Krohn, Lappische Beiträge zur germanischen Mythologie, Finnisch- ugrische Forschungen, 1906, S. 166. Ich denke diesen Zusammen- hängen bei anderer Gelegenheit, bei einer Studie über die Sagen von Thor, nachzugehen.
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Welt wieder auflebt, wenn die Sonnentochter die Bahnen der Mutter wandelt, von denen sich Wärme und Segen verbreiten. Alsdann führen auf unsere Vorstellung als auf die älteste auch die anderen Vorstellungen vom Fenreswolf zurück. Die eine, daß nicht er, aber seine Kinder die Sonne verschlingen, (vgl. oben S. 20 A. i) und die andere, die dann alle früheren verdrängte, daß er Öthenn tötet. Öthenn trat hier an Stelle des alten Himmelsgottes Tyr, des eigentlichen Feindes Fen- res, denn Fenrer hatte ihm bei seiner Fesselung die Hand abgebissen, und die Götter treten bei dem letzten Kampf ihrem früheren Gegner gegenüber '). — Die Vor- stellung aber: der Wolf verschlingt die Sonne, konnte sich doch leicht zu der anderen, erhabeneren steigern, der Wolf kämpft mit dem strahlenden Himmelsgott.
Wie die anderen Unholde, die die Welt vernichten, ist auch der Fenreswolf gefesselt: der Schwerpunkt der Geschichte, die von seiner Fesselung erzählt, ist aber nicht, daß er gefesselt wird und diese Fesseln zu zerreißen strebt, sondern, abweichend von allem, was wir bisher kennen lernten, — die Art, wie er; die List, durch* die er gefesselt wird.
Wenn wir nun außerhalb der Edda eine Sage f inden, die den Ursprung hat, den wir für den Fenres- wolf erschlossen und denselben Schwerpunkt: die List, die eine Fesselung ermöglicht, so wäre das eine neue Bestätigung für unsere Schlußreihe und wir hätten diese dann nicht allein aus der Edda selbst gerecht- fertigt, wir hätten außerdem gezeigt, daß die alten Vor- stellungen vom gefesselten Unhold auch bei anderen Völkern sich in der Richtung entwickeln können, wie sie sich in der Edda entwickelten.
Eine solche Sage ist nun überliefert im Kaukasus, im östlichen und westlichen Georgien, sie gehört zu
1) Much, Gennanischer Hhnmelsgott, (Halle 1898) S. 221. Snorre, SE. i, 190, lässt Tyr, da ihm der Fenreswolf genommen, mit einem nah verwandten Ungeheuer, dem Garmr, kämpfen.
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den Sagen, die wir am Eingange dieser Studie zusam- menstellten^).
Zu Amiram, dem Riesen, sagt Gott : Hier siehst Du einen Pfahl und eine Schnur. Schla- ge den Pfahl in die Erde, binde die Schnur daran und das andere Ende um Deinen Fuß und laß uns so sehen, ob Du den Pfahl herausziehen kannst. Dem Amiram schien, das sei unter seiner Würde, sich mit solchen Kinderstreichen abzu- geben, aber er konnte ja Gott den Gefallen tun. Und nun ging das so : je mehr Amiram rückte, um so fester stand der Pfahl und zuletzt war er ver- wandelt in einen Eisenpfeiler, der aus den Tiefen der Erde hervorschoß und aus der Schnur war eine Eisenkette geworden.
Damit vergleiche man den Bericht der Gylf aginning (c. 34) :
Die Götter wollen den Wolf mit einer ganz dünnen Schnur fesseln. Er hält es für seiner Würde nicht entsprechend, sie zu zerreißen (wittert aber Be- trug und verlangt, daß ein Gott seine Hand in seinen Rachen legt zum Zeichen, daß nie- mand ihn betrügen will. Tyr legt die Hand hinein), läßt sie sich dann doch anlegen. Die Götter senken einen gro- ßen Stein in die Erde und be- nutzen ihn als Taupfahl. (Das andere Ende der Schnur ziehen sie gleichfalls durch einen Stein, den sie auch in der Erde festlegen). Der Wolf ist vollständig gefesselt und je mehr er reißt, und mit den Füßen arbeitet, umso fester wird das Band.
Es ist wohl über jedem Zweifel, daß dem Bericht der Gylfaginning eine Geschichte zugrunde lag, die der kaukasischen sehr ähnlich war. Die von mir ein- geklammerten Stellen erweisen sich als eine Erweite- rung des ursprünglichen Berichtes.
Die Möglichkeit, daß die kaukasische Sage über Rußland nach dem Norden zog, scheint mir wieder nicht ganz ausgeschlossen: der Eingang der georgi- schen Geschichte ist nämlich, daß Amiram einen starken
1) Anholm S. 145. Svornik Materialoff dlja opisanija uje- stnoski kavkasu 17 (1896) S. 135 (östliches Georgien); 18, S. 378 (westliches Georgien, mit Erweiterungen, die uns hier nicht interessieren).
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Pfahl in die Erde schlägt; jeder Vorbeikommende muß daran rücken, sonst wird er erschlagen. Endlich kommt Gott vorbei, als alter, schwacher Mann; er hebt den Pfahl mit zwei Fingern und fesselt nun in der eben geschilderten Art den Riesen. Von dieser Sage und zugleich von den früher (S. 9 f.) vorgeführten ist nun wieder die folgende russische ein in das christliche ungestiramter Nachklang. Die Teufel machten ein Eisen (kleinruss. 'zalizo' wohl gleich 'Fessel, Kette*) für Christus. Und einst ging dieser seines Weges und trat in die Hölle ein. Der alte Teufel bat ihn, er möge das Eisen sich aufsetzen. Christus nötigte ihn aber, es zu- erst anzulegen. Als der Teufel hineingekrochen war, da verfluchte ihn Christus, bis zum jüngsten Gericht in dieser Lage zu bleiben. Der Teufel nagt jetzt an diesem Eisen und wenn er es fast zerbissen hat, so wird das 'Christus ist erstanden !* gerufen und das Eisen wird wieder so, wie es früher war').
Die Erzählung vom Fenreswolf in der Edda hat aber noch andere Erweiterungen. Die eine gilt der Fessel: das Motiv, den Wolf bindet eine schwache Fessel, wird märchenhaft dahin ausgestaltet, daß, nach- dem er die stärksten Fesseln zerriß, ihn eine dünne, unscheinbare, aber zauberkräftige Schnur bindet. Diese Erweiterung geschah unter dem Einfluß eines bei den Slaven, Litauern und Deutschen bezeugten Märchens von einem Burschen, der die stärksten Fesseln zerreißt und schließlich von der verräterischen Mutter oder Schwester mit einem zarten, dünnen Band gebunden wird. Dies Märchen von der Fesselung des Starken und der verräterischen Schwester ist mit dem biblischen
») Cubinskij, Trudy etnograf-statist-eksped i, 195. (klein- russ.) Mir mitgeteilt von August von Löwis. — Jakob Grimm zitiert auch eine Sage aus Mähren, Mythologie* S. 963: Es werde über den Teufel eine Schlinge von Bast geworfen, die er gleich dem gefesselten Wolf nicht zu zerreißen vermag.
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von Sinison nah verwandt und die Simson-Sage er- klärt uns auch, • woher denn grade das dünnste Band, eine Seidenschnur oder ein Frauenhaar (litauisch) für den Stärksten unzerreißbar wird. Die Fessel war ur- sprünglich ein Haar und besaß nach Meinung der pri- mitiven Volker dessen zauberwirkende Kraft*). Diesen Sinn hat der Erzähler der Edda ganz vergessen. Er zählt nach Art volkstümlichen Witzes, der Geheim- mittel der Zauberei verspottet, allerhand unmögliche Bestandteile auf, die der Fessel ihre Stärke geben sollen*}.
Die andere Erweiterung entstand, wie Axel Olrik zeigte, (S. 246 f.) wieder aus einem weit verbreiteten Ver- schlingungsmythus. Snorre erzählt: die Götter stießen dem Wolf, der nach ihnen schnappen wollte, ein Schwert in den Gaumen, sein Griff stand im Unterkiefer, die Spitze im Oberkiefer, und an anderer Stelle (c. 51) er- zählt er, daß der Unterkiefer die Erde, der Oberkiefer den Himmel berühre. Das gleiche Motiv samt der Gau- mensperre enthalten serbische und sibirische Märchen. Darin ist der Wolf ein Ungeheuer, der eine Fülle von Volk und Vieh verschlang, das nun aus seinem weit geöffneten Rachen, in den ein Held ein Schwert ge- stoßen, wieder heil herauskommt. Das Märchen von diesem Ungeheuer entsprang der primitiven Vorstel- lung von der Nacht. Die Naturvölker denken sich diese als ein Ungetüm, das die ganze Welt verschlingt, sie aber aus seinem Innern unversehrt herausläßt^).
») Von der Leyen, Märchen in Edda, S. 29 ff. — Derselbe, Herrigs Archiv 114, S. 9. A. 6.
*) Vergl. auch R. Köhler, Kleinere Schriften (Weimar 1899) 3. 515. Wilhelm Hertz, Gesammelte Abhandlungen (Stuttg. u. Berlin 1905) S. 388 A. 3. und Goethe, Goetz von Berlichingen, (Jubiläums-Ausgabe) 10, 46, (Franz sagt von Weisungen: *Ich warf ihm ein Seil um den Hals, aus drei mächtigen Stricken, Weiber und Fürstengunst und Schmeichelei gedreht*).
a) Tylor I, 335. V. d. Leyen Herrigs Archiv 114, 19 u. A. i.
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Wir übersehen nun die ganze Entstehungsge- schichte der Sage von Fenreswolf. Zwei Verschlingungs- mythen, deren einen die Sonne, deren anderen die Nacht schuf. Der eine wurde erweitert; an Stelle der verfolgten Sonne trat ein Gott, und außerdem schilderte der Dichter zuerst die Art der Fesselung des Wolfes und dann die märchenhafte, zauberische Kraft der Fessel; dies letzte in Anlehnung an ein bekanntes Märchen, das vielleicht ein späterer Erzähler mutwillig durch allerhand fabelhaften Spuk überbot. Die Zusam- mensetzung der Sage aus einzelnen Teilen zu dem Ganzen, das uns Snorre erzählt, geschah nicht in bun- tem Durcheinander, sondern organisch ; zwei sehr ähn- liche Mythen traten zusammen und ein hervortretendes Motiv des einen verlockte den Erzähler zur Ausge- staltung.
Der Aufbau der Erzählung, einer der anschaulich- sten und im Wechsel der Stimmung und der Steigerung wirkungsvollsten der jüngeren Edda erinnert in man- chem unverkennbar an den Aufbau der Sage von Baldrs Tod: Fesselung und Tod Baldrs geschehen auch im Beisein aller, zuerst übermütiger, dann furchtsam ver- legener Götter; die stärkste Waffe verletzt Baldr nicht und der Wolf zerreißt spielend die stärksten Fesseln, bis die Gotter von den Schwärzelben eine Zauber- fessel herstellen lassen und diese dünne, unscheinbare Schnur bindet den unheimlichen Wolf bis zum Ende der Tage und bis ein schmaler Mistelzweig, den Frigg übersah und den Loke erst durch eine List erfragte, den strahlenden Gott niederwirft.
Dieser Mistelzweig, ebenso wie die seltsame Fessel, sind Zauberdinge des Märchens, ähnlich wie etwa nach meiner Überzeugung der Vergessenheitstrunk in die nordische Nibelungensage aus dem Märchen eingewan- dert ist'). An der Baldr-Sage ist christlich nur die
1) Aus dem Märchen von der vergessenen Braut. Reinhold Köhler, Kleinere Schriften i, 163, 169.
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Auffassung Baldrs als milden, unschuldig leidenden Got- tes, Lokes als tückischen Anstifters alles Unheils. Die einzelnen Motive sind, wie bei der Sage vom Fenres- wolf, Märchen- und Sagen-Motive').
Loke. 'Wenn man die Rolle Lokes und die des Fenreswolfes bei der Götterdämmerung vergleicht, so entdeckt man einen wesentlichen Unterschied: der Fenreswolf vollbringt die größte Kampftat bei der Götterdämmerung, den Fall des Götterkönigs. Loke vollbringt keine Tat, und der Verlauf des Kampfes wird durch ihn nicht verändert, gleichviel, ob er ge- bunden bleibt oder ob er sich losreißt. Mit anderen Worten: der Fenreswolf ist das wesentlichste Glied im
') Vergl. V. d. Leyen, Märchen in Edda, S. 24 ff. — Wie es scheint, existierte ein Baldr-Märchen auch in Rußland. Mir teilte August von Löwis ein kleines, aber sehr merkwür- diges Fragment mit. Etnogr. Obozr. 4, 4, 172. (1892). Erzählung der Votjaken, mitget. von P. B. Einen Helden, der drei Tage nach seiner Geburt schon eine Schere zusammenbiegen konnte, wollen seine Eltern, da er nicht ihr Kind sein könne, ermor- den. — Da sagte der Held zu ihnen : 'Ihr könnt mich mit nichts anderem töten als mit einem Knüppel aus dem Holz der Eber- esche*.
Die Ausführungen von Kaarle Krohn, Finnische Beiträge zur germanischen Mythologie, Finnisch-ugrische Forschungen 1905, S. iT2f. haben mich leider nicht überzeugt, soweit sie den christlichen Charakter der Baldr-Sage betreffen. Sie wieder- holen teils längst widerlegte Argumente Bugges, teils gehen sie noch über Bugge hinaus, indem Krohn versucht, die Fassung der Baldr-Sage bei Saxo aus der bei Snorre abzuleiten — dann müßte eine in ihren Hauptpersonen christlich gewordene Sage durch die Darstellung eines Mönches wieder heidnisch werden können. — Seltsamer noch wirkt das Unterfangen, für den Merseburger zweiten Zauberspruch, dessen echtes Heidentum in allen Einzelheiten und im Aufbau bezeugt ist, eine christ- liche Grundlage zu finden: den Heiland, der beim Einritt in Jerusalem seinen Esel heilt. (I) Denn daß das Pferd des Merse- burger deutschen Zauberspruches ursprünglich ein Esel ge- wesen sei, bezeugten hunderte von finnischen Varianten des Spruches! (!! S. 132.)
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Götterkampf. Loke ist vom Standpunkt der Handlung aus überflüssig. Er ist die schwächere Wiederholung eines Gedankens, der einen kräftigeren und treffenderen Ausdruck im Fenreswolfe fand (Axel Olrik, S. 236).
Die Sage nun von Lokes Fesselung (Gylfag. c. 50, Lokasenna Prosa nach 65) klingt besonders bei der Fesselung wie eine Variante der Sage vom Wolf. Auch Loke wird mit einer seltsamen Fessel gebunden, mit den Därmen seines vorher in einen Wolf ver- wandelten und dann von dem eigenen, auch Wolf ge- wordenen Bruder, zerrissenen Sohnes und diese schwache Fessel wird stark, die Därme verwandeln sich in Eisen. Eine ähnliche, unheimliche Verwandlung der Fessel, lernten wir auch in der kaukasischen Sage kennen, die der vom Fenreswolf so glich. Und ein anderes Seitenstück kennt die nordische Sage, die Fesselung des Vikar (Axel Olrik, S. 244).
Loke wird gefesselt auf einer Klippe, genau wie andere Unholde der Sage, z. B. die in unseren kauka- sischen Überlieferungen *).
Vor die Erzählung der Fesselung Lokes wird die Sage von seiner Flucht vor den verfolgenden Göttern gestellt, das ist eine neue Erweiterung des Fessel ungs- motivs nach rückwärts, von der Fesselung sind wir über die Art der Fesselung nun allmählich zur Flucht vor der Fesselung gelangt. Auch diese Erzählung scheint im Anschluß an andere nordische Mythen ge- bildet. Loke verwandelt sich in einen Lachs und wird, nachdem er den Göttern erst entglitt, mit einem Netz gefangen, das er selbst erfind, d. h. er hatte sein Netz verbrannt und die Götter hatten ein gleiches aus der Asche des ersten hergestellt. — Die Flucht Lokes in
1) Vgl. auch die Parallelen Märchen in Edda S. 30. 31. — Einfluss christlicher Vorstellungen hier anzunehmen: (die Fesselung Lucifers auf einer Klippe), scheint mir unnötig. Ich stimme hier mit Axel Olrik S. 243 nicht überein.
DER GEFESSELTE UNHOLD.
29
Fischgestalt und seinen Kampf mit einem anderen Gott Heimdallr, der sich auch in eine Robbe verwandelte, schildert uns auch die aus dem 10. Jahrhundert bezeugte, von Müllenhoff wiederhergestellte Dichtung vom Bri- singamene. Dies Kleinod der Freyja stahl Loke, er floh und verbarg es fem im Westen hinter einer Meeres- klippe, Heimdallr aber, der Gott der Frühe, entkämpfte es dem Loke und brachte es der Freyja zurück. Das Brisingamene ist nach allgemeiner Annahme die Sonne, die abends ins Meer sinkt und morgens dem Meer ent- steigt. Der eine Gott raubt sie, den Halsschmuck der Sonnengöttin, und verbirgt sie ins Meer, der andere führt sie an den Himmel zurück'). Diese Deutung trifft gewiß das Rechte. Man muß sich aber hüten, sie als uralten Mythus auszugeben, wie das manche My- thologen noch tun. Daß solch ein Mythus ganz anders aussieht, viel unbeholfener und grotesker, zeigten unsere Verschlingungsmythen — : wie kunstreich ausgeführt und aufgebaut ist im Vergleich mit ihnen die Geschichte vom Brisingamen. Es ist die feine, wohl erwogene Schöpfung eines Dichters, schon der Vergleich, die Sonne sei der Halsbandschmuck der Freyja, d. h. der Sonnengöttin, ist keine mythische Vorstellui^g der Ur- zeit, sondern steht einer skaldischen Kenning recht nah-).
1) Golther, Handbuch der germanischen Mythologie, (Leip- zig 1895) S. 364. L. von Schröder, Wiener S. B. 1906, 1, 67.
») Über den Unterschied von Mythus und Dichtung spricht wunderschön Axel Orik S. 269 f. — Die verschmitzte und künst- liche Art, wie Loke das Halsband stiehlt (Sörla Thattr, Fla- teyjarbok i, 275); daß er als Fliege in Freyjas Gemach schlüpft, sich dann in einen Floh verwandelt und die Göttin so sticht, daß sie sich umdreht und dadurch das Halsband in eine Lage bringt, die dem Gott die Entwendung ermöglicht, diese Art geschah, wie Panzer, Hilde Gudrun (Halle 1901) S. 164 zeigt, unter dem Einfluß eines aus Indien stammenden Märchens vom ge- stohlenen und zurückgebrachten Kleinod. (Herrigs Archiv 116, 24 A. i.j In looi Nacht erscheint derselbe Diebstahl als Tier- fabel, der Übeltäter ist auch ein Floh (Burton, Thousand Nights
30 V. d. LEYEN
Daß noch andere nordische Mythen bestanden, die Ähnliches erzählten, wie Lokes Flucht, dürfen wir aus finnischen Sagen im Kalewala schließen, die aus älteren nordischen uns verlorenen sich entwickelten und aus primitiven Vorstellungen vom Feuer hervorgingen (L. von Schröder S. 67): der himmlische Feuerfunken fliegt in das Wasser, wird dort von einem Barsch ver- schlungen, den verschlingt ein Lachs, den ein Hecht, das Feuer fährt, seine Träger wütend peinigend, im Wasser umher, bis die verfolgenden Helden es endlich mit Netzen fangen, die eigens zu diesem Zweck er- funden und kunstreich hergestellt sind.
Der eigentliche Ausgangspunkt des Loke Mythus war aber ein anderer. Es ist der Teil, in dem es heißt: Die Götter befestigen Loke auf einer Klippe, über ihn eine Giftschlange, Sigyn, sein Weib, hält eine Schale darunter, in der sie das Gift auffängt. Wenn aber die Schale gefüllt ist und Sigyn sie ausgießen muß, tropft unterdessen das Gift in Lokes Antlitz und dann windet er sich so gewaltsam, daß die Erde erbebt. Wir ge- raten hier noch einmal an einen Naturmythus als Keim für eine Göttersage der Edda: die Vorstellung, daß ein Erdbeben entsteht aus Zuckungen eines Riesen, ist weit verbreitet, uralt, wir stießen auf sie schon während unserer Studie in tscherkessischen und persischen Über- lieferungen, in Deutschland wies sie Axel Olrik nach (S. 244) und bei anderen Völkern verfolgte sie z. B.
and a Night (Benares 1885) 3, 153. — Deutsch: Ausgabe der Insel 1907, 3, 274.) — Ein neues Interesse gewinnt der Dieb- stahl für uns dadurch, daß er eines der beiden esthnischen Märchen einleitet, die in so nahem Zusammenhang mit der Thrymskvitha stehen. Er ist m. E. erst in später Zeit diesem Märchen vorgehängt worden und die Trennung von alten und jungen Bestandteilen in ihm ist, wie mir scheint, eine recht schwierige, von Axel Olrik (Danske Studier 1905, S. 142) viel- leicht etwas unterschätzte Aufgabe.
DER GEFESSELTE UNHOLD. 31
Lasch '). Besonders erinnern an die Sagen von Loke ostindische: die Schlange,* die die Welt trägt, wird durch eine Hummel unter die Arme gestochen, daß sie vor Schmerz sich krümmt und dadurch Erdbeben veranlaßt (Lasch S. 371). Und auf Celebes wird erzählt: wenn eine große Fliege den Weltbüffel in das Ohr steche, so schüttle er seinen Kopf und lasse die Erde erbeben.
Aus diesen Parallelen dürfen wir schließen, daß die ältere, einfachere Form der Eddasage war: eine Schlange ließ ihr Gift auf Loke fallen, wenn es auf ihn tropfte, zuckte er im Schmerz auf und die Erde erbebte. Diesen Schluß erhebt zur Gewißheit eine Skulp- tur auf dem Gosforth-Kreuz. Sie bildet Loke ab, und über ihm hängt eine Schlange. (Axel Olrik S. 244.)
Was Snorre und die Prosa der Lokasenna weiter von Sigyn erzählen, ist nicht ganz leicht zu erklären. Ich glaube den Schlüssel im Märchen zu entdecken, in dem Motiv, daß die Liebende urn den Geliebten un- aufhörlich weint, bis sich ein Krug oder eine Schale mit ihren Tränen füllt-). Dies Motiv von der voUge- weinten Schale hätte dann ein Erzähler mit dem Motiv von den Gifttropfen, die auf Loke fallen, verbunden und aus der Verbindung entstand unsere, etwas künst- liche Geschichte').
1) Ursache und Bedeutung der Erdbeben in Volksglau- ben und Volksbrauch. (Archiv für Religionswissenschaft, 5, 236 ff.).
•) In einem litauischen Märchen Leskien-Brugman, Litau- ische Märchen, (Straßburg 1882) S. 399, 552, ist es für die ver- räterische Schwester eine Strafe, daß sie einen Kessel voll Trä- nen weinen soll.
«) Axel Olrik denkt an die Möglichkeit christlicher Ein- wirkungen und verweist auf Zeichnungen, wie man sie in der altengl. Kaedmon Handschrift findet: geflügelte Wesen stehen bei oder fliegen zum Teufel. Dies geflügelte Wesen habe ein Vikinger als Hausfrau des gebundenen Lucifer aufgefaßt. Diese
30 V. d. LEYEN
Daß noch andere nordische Mythen bestanden, die Ähnliches erzählten, wie Lokes Flucht, dürfen wir aus finnischen Sagen im Kalewala schließen, die aus älteren nordischen uns verlorenen sich entwickelten und aus primitiven Vorstellungen vom Feuer hervorgingen (L. von Schröder S. 67): der himmlische Feuerfunken fliegt in das Wasser, wird dort von einem Barsch ver- schlungen, den verschlingt ein Lachs, den ein Hecht, das Feuer fährt, seine Träger wütend peinigend, im Wasser umher, bis die verfolgenden Helden es endlich mit Netzen fangen, die eigens zu diesem Zweck er- funden und kunstreich hergestellt sind.
Der eigentliche Ausgangspunkt des Loke Mythus war aber ein anderer. Es ist der Teil, in dem es heißt: Die Götter befestigen Loke auf einer Klippe, über ihn eine Giftschlange, Sigyn, sein Weib, hält eine Schale darunter, in der sie das Gift auffängt. Wenn aber die Schale gefüllt ist und Sigyn sie ausgießen muß, tropft unterdessen das Gift in Lokes Antlitz und dann windet er sich so gewaltsam, daß die Erde erbebt. Wir ge- raten hier noch einmal an einen Naturmythus als Keim für eine Göttersage der Edda: die Vorstellung, daß ein Erdbeben entsteht aus Zuckungen eines Riesen, ist weit verbreitet, uralt, wir stießen auf sie schon während unserer Studie in tscherkessischen und persischen Über- lieferungen, in Deutschland wies sie Axel Olrik nach (S. 244) und bei anderen Völkern verfolgte sie z. B.
and a Night (Benares 1885) 3, 153. — Deutsch: Ausgabe Insel 1907, 3, 274.) — Ein neues Interesse gewinnt der stahl für uns dadurch, daß er eines der beiden esth: Märchen einleitet, die in so nahem Zusammenhang Thrymskvitha stehen. Er ist m. E. erst in später Märchen vorgehängt worden und die Trennung voi jungen Bestandteilen in ihm ist, wie mir scheini schwierige, von Axel Olrik (Danske Studier 19 leicht etwas unterschätzte Aufgabe.
DER GEFESSELTE UNHOLD. 31
Lasch '). Besonders erinnern an die Sagen von Loke ostindische: die Schlange,' die die Welt trägt, wird durch eine Hummel unter die Arme gestochen, daß sie vor Schmerz sich krümmt und dadurch Erdbeben veranlaßt (Lasch S. 371). Und auf Celebes wird erzählt: wenn eine große Fliege den Weltbüffel in das Ohr steche, so schüttle er seinen Kopf und lasse die Erde erbeben.
Aus diesen Parallelen dürfen wir schließen, daß di^ ältere, einfachere Form der Eddasage war: eine Schlange ließ ihr Gift auf Loke fallen, wenn es auf ihn tropfte, zuckte er im Schmerz auf und die Erde erbebte. Diesen Schluß erhebt zur Gewißheit eine Skulp- tur auf dem Gosforth-Kreuz. Sie bildet Loke ab, und über ihm hängt eine Schlange. (Axel Olrik S. 244.)
Was Snorre und die Prosa der Lokasenna weiter von Sigyn erzählen, ist nicht ganz leicht zu erklären. Ich glaube den Schlüssel im Märchen zu entdecken, in dem Motiv, daß die Liebende um den Geliebten un- aufhörlich weint, bis sich ein Krug oder eine Schale mit ihren Tränen füUt^). Dies Motiv von der voUge- weinten Schale hätte dann ein Erzähler mit dem Motiv von den Gifttropfen, die auf Loke fallen, verbunden und aus der \'erbindung entstand unsere, etwas künst-
tnng der Erdbeben in Volksglau- Religio n£ Wissenschaft, 5,
^kicn-Bro^man, Litau- 52, ist es für die ver- ineti Kessel voU Trä-
keit christlicher Ein-
wit; man sie in der
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cifer auf^efafit. Die»e
32
V. d. LEYEN
Die Zusammensetzung der Lokesage ist nun auch in allen Einzelheiten für uns deutlich: ein Erdbeben- mythus, durch ein Märchenmotiv, das von der weinenden Frau erweitert, mit Mythen zusammengestellt, die ver- wandten nordischen nachgebildet wurden, von Verfol- gung und Fesselung des Gottes berichten und deren letzter Ursprung vielleicht Sagen von der Verfolgung des Feuers sind. Die Zusammensetzung geschah auch hier nicht willkürlich, sie ergab sich zum Teil aus der Vorstellung des zu fesselnden, seine Fesselung fliehen- den Gottes, zum Teil greift sie nach Mythen, die mit dem Wesen Lokes als Feuergott zusammenhingen.
In der ganzen Sage ist nichts Christliches. Axel Olrik (S. 242) glaubte, die Vorstellung eines gefes- selten Unholds in Menschengestalt selbst sei christlich und sei fremd den ältesten christlichen und allen heid- nischen Berichten, der gebundene Loke sei der gebun- dene Lucifer. Diese Meinung widerlegen unsere kau- kasischen Sagen, die der Aufmerksamkeit des ausge- zeichneten Gelehrten entgingen, der gefesselte Unhold hat darin überall Menschengestalt. Axel Olrik wird denn auch, wie , er mir mitteilt, seine frühere Vermu- tung zurückziehen.
Es ergibt sich bei Betrachtung der Lokesage das Gleiche wie bei der Baldrs: in den Göttersagen der Edda sind nicht die Motive, die die Handlung tragen und bewegen, es ist nur die Auffassung einiger Götter in späteren Mythen von christlichen Auffassungen umgestaltet und vertieft. Dazu sind christ- lich einige Vorstellungen über den Weltuntergang und das künftige Leben, die nur die Völuspa kennt. (Axel Olrik S. 290. ')
Vermutung sieht einer Verlegenheitsauskunft ein bischen ähn- lich, außerdem erklärt sie nicht das Wesentlichste im Sigyn- Motiv: die unter die Schlange gehaltene Schale.
1) Axel Olrik meint (S. 276), die Vorstellung, daß Heim- dallr bei der Götterdämmerung laut in das Gjallarhorn blase
DER GEFESSELTE UNHOLD.
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Ich bin nun am Ende meines Weges. Wir sahen mancherlei Geheimnisvolles und Unaufgeklärtes. Dahin
und dadurcli den Beginn des Weltunterganges feierlich an- künde, habe sich gebildet unter dem Einflüsse christlicher Vorstellungen, daß die Engel, wenn das jüngste Gericht nahe, in die Posaunen blasen, um die Toten zu wecken.
So verführerisch das klingt, so muß ich doch betonen, daß der erste Zweck der Posaunenstöße der christlichen Engel der bleibt, die Toten zu wecken, die Ankündigung des jüng- sten Gerichtes tritt in unseren Berichten dahinter zurück. Aus- serdem glaube ich, daß die Rolle Heimdalls sich aus germa- nischen Anschauungen und Motiven leicht erklären läßt. Im Märchen in Edda S. 7 hatte ich schon auf ein dem Hommotiv ähnliches, im Orient weit verbreitetes Motiv hin- gewiesen, das wohl aus looi Nacht stammt (Burton 5, i, Chauvin Bibliographie des ouvrages . . Arabes 5, 224, 227). Ein indischer König schenkt einem anderen König einen golde- nen juwelenbesetzten Mann, der in der Hand eine goldene Trompete hält und der, wenn man ihn vor ein Stadttor setzt, dies bewacht. Denn sowie ein Feind naht, bläst er in die Trom- pete, und der Feind sinkt dann, von Entsetzen befallen,' tot hin. — Noch näher aber liegt der Hinweis auf das Hörn, das Oberon besitzt und yerschenkt, und in das der Held, aber nur, wenn er in höchster Gefahr ist, blasen darf, um den Eiben - könig herbeizurufen. Oberon ist aber germanischer Herkunft (Voretzsch, Epische Studien, [Halle 1899] S. 252!, besondere S. 262), ein Lichtelbe, klein, zierlich, schön wie die Sonne, wachsam und hilfsbereit und sehr weise. Er hört die Engel im Himmel singen. — Fällt von hier nicht ein plötzlich un- erwartetes Licht auf Heimdallr? Erklären sich seine Schönheit, sein strahlendes Aussehen (enn hviti ass), seine goldenen Zähne, seine Klugheit, seine wachsame Hilfbereitschaft, sein Hörn, in das er stößt, sowie Gefahr droht, nicht ganz von selbst als Eigenschaften eines germanischen Lichtelben? Und würde diese Entdeckung nicht eine andere Axel Olriks wunder- schön ergänzen, dass nämlich Loke, der noch in der Edda oft an Seite Heimdalls auftritt, und Thjälfe (Danske Studier 1905, S. 129, 1906, S. 65), ureprünglich waren, was sie noch bei Lap- pen und Esthen blieben, kleine, hurtige, hilfsbereite, verechla- gene, dienstbare und wachsame Eiben? — Heimdallr, als Gott des frühen Tages oder des hellen Tages (R. M. Meyer Arkiv f. nordisk Filologi 23 [1906] S. 252.) wäre dann erst eine
Festschrift für Kelle. ^
34
V. d. LEYEX
gehört n. a. der Brauch vom kalten Schlag der Schmiede und die überraschenden Ähnlichkeiten kaukasischer Sogen mit germanischen, denn was ich zu ihrer Er- klärung beibringen konnte, blieben schüchterne Ver- mutungen. Vielleicht schafft uns die an ungehobenen Schätzen noch so reiche slavische Märchenwelt die entscheidenden Aufschlüsse. Ungleich wertvoller aber scheinen mir eine Reihe unerwarteter Ergebnisse: die Überzeugung, daß die Sagen der Edda sehr oft aus dem Boden stammen, aus dem Sagen und Märchen überall wachsen, daß man, um sie zu erklären, niemals das Christentum zu Hilfe zu rufen braucht, daß dagegen aus den Sagen der ostlichen Volker (der Esthen, Finnen, Tataren, Litauer, Russen, Kaukasier usw.) viele Er- leuchtungen kommen, auch erklären öfter die Edda- Sagen eine die andere. Obwohl es ihren Erzählern nicht immer bewußt bleibt, so hängen die Edda-Sagen doch vielfach tief mit uralten volkstümlichen Anschau- ungen zusammen. — Der Reichtum der Edda-Sagen wurde vor unseren Augen zum Erstaunen groß, und wenn er auch oft nur scheinbar war, insofern sich ver- ^hiedene Sagen als Varianten einer und derselben Vor- stellung^ enthüllten (vgl. z. B. Skoll und Hate, Garmr, Fenrer), so hat doch der Sagenforscher, wenn er das Gemeinsame sah und betonte, vor allem, wie uns Axel Olrik erschloß, die Aufgabe, die Vielheit der üeberlie- ferungen zu betonen, die Verschiedenheiten, auch die leisesten, aufzudecken, jede aus sich behutsam zu er- klaren und die Zusammensetzung aus dem Einzelnen zum Ganzen zu verstehen, denn hier verbergen sich die reizvollsten Geheimnisse der Mythenentwicklung
Schöpfung^ der Skalden. Was die Völuspa von HeimdaHr er- zählt, daß er beim Weltunterg^ang der wachsame (Sott bleibt und sein Gjallarhom die höchste Gefahr, den .\nfang des letzten großen Kampfes, feierlich verkündet, dürfen wir dann deuten als Steigerung" einer alten germanischen Vorstellung.
DER GEFESSELTE UNHOLD.
35
und hier zeigt sich oft das dichterische Werden der Sagen.
Außerdem haben wir einige Naturmythen als An- fänge nordischer Göttersagen gefunden, d. h. Mythen, deren Entstehung aus den Vorgängen der Natur un- zweifelhaft war, Mythen, die Sonnenfinsternis, Sonnen- untergang, Nebensonnen, die Nacht, das Erdbeben so erklären, wie es die primitiven Völker auch erklären; zugleich haben wir den Unterschied dieser primitiven, kindlich unbeholfenen Mythen mit dem Eindruck ver- gleichen können, den ein Sonnenuntergang auf die Phantasie eines Dichters macht und die Darstellung des Mythus der der Dichtung entgegengehalten. Stu- dien, wie die unsere, wenn anders sie richtig begonnen und geleitet wurden, sollten die Forscher nachdenklich machen, die die ganze germanische, womöglich die indo- germanische Mythologie noch immer aus Naturmythen ableiten und die Mythen nach ihrer vorgefaßten Mei- nung deuten möchten : in unseren Fällen sieht man, wie Naturmythen wirklich entstehen, .sich verändern, sich ausdehnen, sich trennen und anziehen, sich zusammen- fügen und wie und wo sie ihre Herkunft vergessen. Es ist eine reiche Fülle von Entdeckungen, die die Mythen über uns ausschütten; wenn man sie ganz un- voreingenommen und vorsichtig untersucht, enthüllen sie uns wirklich die Anfänge des Denkens und Dichtens und sie zeigen uns zugleich eine gute Strecke seiner Entwicklung.
ZWEI BEITRÄGE ZUR LATEINISCHEN METRIK.
I. ZUR DISTINCTIO DER RÖMISCHEN DICHTER.
II. ZUR GESCHICHTE DES LATEINISCHEN HEXAMETERS:
DIE BILDUNG DES VIERTEN FUSSES
IM
HEPTATEUCHOS.
VON
JULIUS CORNU.
40 CORXU
hervoTgegzngen sein: Ponr un poxnt Martin perdit scn äne.
Die Schrift und der Dmck zeigen durch die be- kannten 2^chen die Sprechpausen nur unvollkommen an. Durch Änderung derselben kann das Wort des Dichters ins Gegenteil verwandelt werden. Die Parodie bedient sich oft dieses sehr einfachen Mittels. Zum Beispiel wurde schon zu Vergils Zeiten die Zeile
Lac mihi non aestate novum, non frigore defit B. II 22 folgendermaßen parodiert:
Lac mihi non aestate novum, non frigore: defit.
Die Ausgaben lateinischer Schriftsteller fehlen oft gegen die Interpunktion, die im Altertum mit Recht üblich war. Wie wichtig das richtige Lesen,*d. h. die distinctio, wo sie hingehört, für das Verständnis der Alten ist, wird durch etliche der folgenden Stellen klar- gelegt. Es wäre mir ein Leichtes, aus anderen Dichtern weitere Belege zu erbringen.
Beim Niederschreiben der vorliegenden Bemerkun- gen hatte ich sechs oder sieben der gangbarsten Aus- gaben des Horaz vor Augen.
CATULLUS. LXIV. 136
NuUane res potuit crudelis 1 flectere mentis
consilium ? crudelis halte ich für den Vokativ, nicht für den Genitiv, wie die Herausgeber tun. Nach dem aus einem Worte bestehenden Anruf (Vokativ) findet eine Sprech- pause (Caesur) statt, indem dieses Wort sich an das V^orhergehende enklitisch anreiht. Zwischen potuit und cruddis ist keine Pause vorhanden und daher der Bei- strich der heutigen Orthographie irreführend.
I. ZUR DISTINCTIO DER RÖMISCHEN DICHTER. 41
HORATIUS. SERMONUM LIBER PRIMUS.
I 14—18
Ne te raorer. audi quo rem deducam. Siquis deus En ego dicat | iam faciam quod vultis. eris tu qui modo railes | mercator. tu consultus i| modo rusticus. hinc vos. vos hinc mutatis discedite partibus.
Obgleich der allgemeine Sinn gleich bleibt, "halte ich dafür, daß die gewöhnliche Stellung von modo zu wahren ist und verbinde beim Lesen modo mit rtisticus, nicht mit consultus.
n 53—57
Verum hoc se amplectitur uno. hoc amat et laudat. Matronam nullam ego tango. ut quondam Marsaeus || amator Originis. ille qui patrium mimae donat fundumque laremque. Nil fuerit mi inquit || cum uxoribus unquam alienis. Die Herausgeber setzen einen Beistrich nach ille, ich setze ihn vor ille.
II lOI Altera nil obstat. || Cois tibi paene videre est ut nudam. ne crure malo. || ne sit pede turpi.
Ausgaben habe ich in den Händen gehabt, welche die Interpunktion nach tibi haben.
in 56-58
Probus quis nobiscum vivit. multum demissus homo. illi tardo cognomen pingui damus.
IV 96—98 Me Capitolinus. convictore usus, amicoque a puero est. causaque mea || permulta rogatus fecit. et incolumis || laetor quod vivit in urbe.
42
CORNU
Incolumis gehört zu viviL Nach incolumis ist die Sprechpause (Caesur), nicht nach laetor,
VIII 28—29
cruor in fossam confusus. ut inde manes elicerent animas 1 responsa daturas.
Die Herausgeber, welche manes mit animas ver- binden, haben gewiß Recht. Sie erhalten dadurch eine viel bessere Caesur.
IX 16—18
Nil opus est te circumagi. quendam volo visere [ non tibi notum trans Tiberim. Longe cubat is 1 prope Caesaris hortos. Irans Tiberim verbinde ich mit dem Vorhergehen- den. Longe als erstes Wort des folgenden Satzes klingt dann viel kräftiger.
SERMONUM LIBER SECUNDUS.
11 38 Jejunus I raro stomachus || vulgaria temnit hat denselben Rhythmus, wie die Zeile:
Parebit | pravi docilis i Romana Juventus, in dem gleichen Gedichte.
III 57—60
clamet amica mater. honesta soror cum cognatis. pater. uxor. Hie fossa est ingens. hie rupes maxima. serva. non magis audierit quam Fufius ebrius olim etc. Porfyrio sagt Melius est sie accipi: amica mater, eine Angabe, bei der man sich beruhigen kann. Trennt man amica von mater, so kann honesta sowohl mit mater als mit soror verbunden werden. Femer ist zu bemer- ken, daß die Herausgeber mit dem folgenden nicht
I. ZUR DISTINCTIO DER RÖMISCHEN DICHTER.
43
gleich verfahren: die einen lesen honesta soror cum cognatisy die andern cum cognatis, pater, uxor,
III 179—181 Praeterea ne vos titillet gloria. jure jurando obstringam ambo. uter aedilis fueritve vestrum praetor, is ;| intestabilis et sacer esto.
Da intestabilis et sacer esto ein Sprechglied bildet, kann die Caesur nur nach is sein.
Nach Lachmann, Lucr., Comm. S. 414, hätte der Vers 181 keine richtige Caesur, er wäre non legitime incisus, wie er sich ausdrückt. Diese Annahme des großen Kritikers kommt daher, daß er nicht erkannt hat, daß hier nach dem hochtonigen is ( = deutsch d^r) notwendiger Weise eine Sprechpause stattfinden muß, da es Subjekt des Satzes ist imd ein Sprech- glied für sich bildet. Denn intestabilis et sacer esto ist eine zusammen gehörige Wortreihe. Unter den S. 413 und 414 angeführten Zeilen findet man übrigens mehrere, in denen er die jeweilige Caesur nicht er- kannt hat.
IV 32 Murice Baiano melior 1 Lucrina peloris.
VII 58 Quid refert uri virgis 1 ferroque necari auctoratus eas? . . .
In einer Ausgabe fand ich einen Beistrich nach uri. Vgl. Ep. I XVI. 47:
_w Habes pretium. loris non ureris aio.
VII 85—86 Responsare cupidinibus. contemnere honores fortis. et in se ipso || totus teres atque rotundus. Ich übersetze totus teres atque rotundus, durch *ganz glatt und rund', setze daher zwischen totu^ und teres keinen Beistrich.
44
CORNU
VIII 61—62 — ^^ Heu Fortuna, quis est crudelior in nos te deus? Ut semper. J gaudes illudere rebus humanis.
Die Herausgeber setzen ein Ausrufungszeichen nach hu7nanis. Weit besser ist die Caesur, wenn ut semper vom Folgenden getrennt wird, und nicht we- niger angemessen der Sinn.
VIII 73-74 Sed convivatoris ] uti ducis ingenium. res adversae nudare solent. celare secundae.
Ingenium verbinde ich mit ducis und erhalte da- durch eine sehr gute Caesur nach convivatoris,
EPISTULARUM LIBER PRIMUS.
I 7 Est mihi purgatam J crebro qui personet aurem. crebro gehört zu personet, nicht zu purgatam\ die Zeile hat daher die Penthemimeres.
II 24 — 26 quae si cum sociis. \ stultns cupidusque bibisset. sub domina meretrice fuisset. || turpis et excors vixisset. canis immun dus. 1 vel amica luto sus.
Die Herausgeber verbinden turpis et excors mit fuisset. Dadurch gehen die Reime (bibisset, fuisset und vixisset) verloren, die Horaz mit hervorragendem Ge- schick nicht nur hier zu verwenden versteht Man ver- gleiche, um nur die auffälligsten zu erwähnen, Senn.
1 1 71 72, 78 79; VI 10 II, 45 46; IX 57-59; 11 I
8 9; III 156—160; VIII 74; Ep. I III 26-29; IV 15-16; VI 45 46, 65 66; XIV 14 15; XVm 89 90; XX 24 25; AP 43 44, 99 IOC. 175—178, 332, 336, 475 476.
I. ZUR DISTINCTIO DER RÖMISCHEN DICHTER. 45
II 69 quo semel est imbuta recens. l| servabit odorem
testa diu.
X 18
Est ubi divellat somnos minus J invida cura?
X 32
Fuge magna, licet sub paupere tecto.
reges et regum jl vita praecurrere amicos.
XII 12 Miramur si Democriti 1 pecus edit agellos cultaque. dum peregre est animus. sine corpore velox.
XIII IG
Viribus uteris J per clivos. flumina. lamas.
Bei Aufzählungen sind die Glieder, woraus sie be- stehen, zusammen zu verbinden.
XV 35
patinas coenabat omasi vilis. et agninae J tribus ursis quod satis esset.
Die Verbindung von omasi mit vilis ist so sehr angemessen, daß ich mich verwundere, daß es Heraus- geber gibt, die einen Beistrich nach omasi setzen.
XVI 69
Vendere cum possis. { captivum occidere noli.
Schwer ist es zu entscheiden, ob die Caesur nach ^ possis oder nach captivum ist. Natürlicher scheint mir die, welche ich vorschlage.
XVII 61
Credite. non ludo crudeles. J toUite claudum.
Der Vokativ crudeles ist meiner Ansicht nach mit ludo zvL verbinden, nicht mit lollile claudum. Der Vers hat in Folge dessen die bukolische Caesur.
46 CORNU
XIX 23
qui sibi fidit dux. regit examen.
EPISTULARUM LIBER SECUNDUS. I 114— 116
Navera agere | ignarus navis timet. habrotonum aegro | non audet | nisi qui didicit dare. Quod medicorum est. proraittunt medici. tractant fabrilia fabri.
Es gibt Herausgeber, die quod medicorum est zum Vorhergehenden zu ziehen scheinen; wenn sie es tun, sind die angeführten Worte eine überaus prosaische Bemerkung.
II 199
Pauperies immunda domus procul absit. ^
Wenn die Zeile mit den richtigen Sprechpausen gelesen wird, verschwindet jede Schwierigkeit. Ich lese
Pauperies | immunda domus | procul absit.
III (AP.) 21
Amphora coepit institui currente rota. || cur urceus exit?
Indem der Töpfer das Rad in Bewegung setzt, beginnt er den Topf zu formen. Wenn der Topf fertig ist, hält er das Rad an. Ist diese Auffassung richtig, so hat die Zeile eine viel wirksamere Caesur, als wenn currente rota den Fragesatz beginnt.
III (AP.) 263 Non quivis videt || immodulata poemata judex.
In den Kommentaren zu Horaz findet man über diesen Vers Ansichten vertreten, die offenbar leicht-, gläubige Leser voraussetzen. Er soll überaus schlecht sein, geradezu das Muster eines schlechten Verses.
I. ZUR DISTINCTIO DER ROMISCHEN DICHTER.
47
Wenn er schlecht ist, so hat Horaz gar viele schlechte Verse gemacht, denn solche, wie die folgenden, die dieselbe Caesur, wie der erwähnte haben, sind nicht die einzigen, welche ich anführen konnte:
ambitione mala. || aut ärgenti pallet amore.
Serm. II III 78. luctandum in turba. || et facienda iniuria tardis.
Serm. II VI 28. Cunctane prae campo. || et Tiberino flumine sordent?
Ep. I XI 4.
denique saevam militiam puer. H et Cäntabrica bella tulisti.
Ep. I XVIII 54. poscit opem chorus. |1 et präesentia numina sentit.
Ep. II I 134. impetrat et pacem. | et locupletem fnigibus annum.
Ep. II I 137. summe munito. 'J et mültarum divite rerum.
Ep. II II 31.
vestig^a Graeca ausi deserere. || et celebrare domestica facta.
AP. 286.
Auch Lachmann, Lucr., Comm. S. 414, ist der Meinung, der besprochene Vers (AP. 263) wäre non legitime incisus,
III (AP.) 453-456.
Ut mala quem Scabies, aut morbus regius urget.
aut fanaticus error, et iracunda Diana.
vesanum tetigisse || timent fugiuntque. | poetam
qui sapiunt agitant. 1 pueri incautique sequuntur. Obgleich Porfyrio diese vier Zeilen so wie die modernen Kommentatoren versteht, vermag ich nicht, mich ihnen anzuschließen und bin der Meinung, daß der Hauptsatz mit poetam beginnt.
48 CORNÜ
Im Jahre 1895, als ich auf theoretischem Wege dazu gelangt war, die Prinzipien, welche Griechen und Römer bei der distinctio befolgten, klar zu erfassen und in meine Handausgabe der Satiren und Episteln des Horaz die eben vorgeführten Verbesserungen mit Aus- nahme der letzten (AP. 455 456) eingetragen hatte, wurde mir dank dem freundschaftlichen Entgegenkom- men meines Prager Kollegen Prof. Otto Keller die Ge- legenheit zu teil, meine Ergebnisse mit der hand- schriftlichen Überlieferung zu vergleichen. Seine über- aus sorgfältigen Kollationen und die nicht weniger genauen von Alfred Holder stellte er mir zur Verfügung. Unter den Handschriften, deren Kollationen ich damals einsah, fanden sich nur wenige, deren distinctio Beach- tung verdient hätte. Der Codex Leidensis Nr. 28, welcher aus dem X. Jahrhundert stammt, schien mir in Bezug auf die distinctio am zuverlässigsten zu sein. Leider fehlt sie oft und wie zu erwarten, wo sie am nötigsten wäre. Erlauben manche Stellen der erwähnten Handschrift zwar keine Entscheidung, weil entweder jede distinctio fehlt oder die, worauf es gerade ankommt, nicht be- zeichnet ist und bisweilen auch nicht bezeichnet zu werden pflegte, wie zum Beispiel Sat. I I 17, VIH 29, n HI 181, VII 58 86, VIII 62 73, Ep. I II 25 26, XV 35, XVI 69, II II 199, AP. 263, so stimmen mit meiner distinctio folgende Stellen: Serm. I II 55 loi, IX 16—18 (abgesehen von einer bedeutungslosen Klei- nigkeit), II II 38, III 57 58, Ep. I XIX 23, AP. 22 überein.
Nachdem das Latein aufgehört hatte, eine lebende Sprache zu sein, waren auch die sich auf die Sprech- gesetze gründenden Regeln der distinctio in Verfall ge- raten. Daher sind in Bezug auf die distinctio von jenen mittelalterlichen Handschriften alter Schriftsteller nur die einigermaßen zuverlässig, welche mittelbar oder un- mittelbar auf noch im Altertume distinguierte Vorlagen
I. ZUR DISTINCTIO DER ROMISCHEN DICHTER.
49
zurückgehen. In einer der Berner Handschriften Vergils lassen sich deutlich zwei distindionen erkennen, eine gute, welche offenbar auf die Vorlage zurückgeht, und eine schlechte, welche von einem mittelalterlichen Besserwisser gesetzt worden ist. Die ältere, richtige distindio ist vielfach von ihm ausradiert worden.
Festschrift für Kelle.
50
CORNU
IL ZUR GESCHICHTE DES LATEINISCHEN HEXAMETERS :
DIE BILDUNG DES VIERTEN FUSSES
IM
HEPTATEUCHOS.
Wer spätrömische Dichter liest, wird in ihrem Versbau die Mannigfaltigkeit ihrer älteren Vorgänger oft vermissen. Nicht nur die Füße zeigen eine geringere Abwechslung, sondern auch die Caesuren, von denen fast ausschließlich nur noch zwei vorkommen. Wenn unter ihnen Einige einen weniger eintönigen Versbau aufweisen, erhält man beim Lesen leicht den Eindruck des Gezwungenen, Unnatürlichen. Das hier Gesagte braucht nicht erst^bewiesen zu werden. Nichts desto we- niger darf ich hoffen, daß die folgende Darlegung an dem Versbau des Heptateuchos ') durch ihre in den Zahlen enthaltenen Ergebnisse manche Leser überraschen wird.
In der Beobachtung oder vielmehr Mißachtung der schulmäßigen Quantität ist der Dichter oft Commodian überaus ähnlich, wie der reichhaltige, wenn auch nicht erschöpfende Index metricus R. Peipers zeigt, aber, wie aus den nachgewiesenen Nachahmungen S. 275 — 295 hervorgeht, war der Autor des Heptateuchos in den römischen Dichtern weit belesener als der Fanatiker Commodian.
») Cypriani Galli poetae Heptateuchos . . . recensuit et commentario critico instruxit Rudolfus Peiper. Corpus scripto- rum ecclesiasticorum latinorum vol. XXIII.
II. ZUR GESCHICHTE DES LAT. HEXAMETERS.
51
Abgesehen von seltenen Ausnahmen, für deren Darlegung hier kein Raum ist, hat der Teil des Hexa- meters, welcher auf die Penthemimeres folgt, folgende Formen :
l a -^\ -^— I -^wvi/ I -^^
d JL. I _^^^ I ^^^ I ^^
C C/w I -t-— I -t. ^^ I ^^
d ^^ l^w^ 1--^^ 1^^
II a. -^1- -^l-^ww 1^^
b -2- I — >^w I -i-ww I -£-^ c ^^ |_-^|^>^^ \^^
I a consürgunt germina campis^
mordaces volvere curas. I b felicia germina mali.
post tempora Candida vitae. I c sübetintes limina sedis. prohibetur voce tonantis. et opimo pascitur arvo. I d sitientibus arida venis.
super aequora vasta meabat. II a totos diffündit in agros. frigus cäptabat in umbra. darum dät fülmine signum. II b venis sitientibus aret.
duxit sine pignore vitam. II c varios decerpite fructus.
tumidis mergatur in undis. resonant plängöribus urbes. II d domino mäledicta loquente. • pariles m^ruistis honores. Diese acht Formen lassen sich leicht auf zwei reduzieren.
Hat der Hexameter die Hephthemimeres, so endet er, wenn man von den überaus seltenen Abweichungen
absieht, folgendermaßen :
4*
52
CORNU
a ^ I -^ww I -^^
a flämmasque volutat.
et tempora captat.
äc volvere fumum.
pro : rimine tanto.
dät fülmine signum. h proceresque creantur.
fügientihus haeret.
fera bella movebunt.
Da die vorliegende Untersuchung nur die Bildung des vierten Fußes mit der Betonung — -'- und mit der gleichwertigen Betonung — ^^ berücksichtigt, so kom- men vor allen andern die Zeilen des Heptateuchos in Betracht, welche die Hephthemimeres haben, und von denen mit der Penthemimeres allein die, welche ich unter W a h c d näher bezeichnet habe.
Wie in Vergils Gedichten und bei den Dichtern, welche seine Technik nachahmen, hat der vierte Fuß des Hexameters gar oft die folgende Betonung: — -^. In einem Viertel der Zeilen wird die bezeichnete He- bung durch einsilbige oder infolge der Elision ein- silbig werdende Wörter gebildet, von denen folgende im Heptateuchos vorkommen:
die Interjektionen heu, pro;
die Konjunktionen et, atqne, ac, nee, aut, vel, seti, sed, nam, namque, st, sin, m, cum, cumque, dum, quam, ut, ceu, quod, quodque, ne, neu, neve, cur, num, an;
die Praepositionen ad, per, ante, post, trans, cir- cum^), a, cum, de, ex, e, pro, in, suh, wozu ich auch inter, intra, propter zähle, obgleich sie zweisilbig sind, weil sie den Akzent auf der letzten Silbe hatten;
die Adverbien haud, non, si non, hie, hinc, huc.
I
1) circum oppida Ex. 78, vates circum omnia promptus |
Num. 144. I
II. ZUR GESCHICHTE DES LAT. HEXAMETERS.
53
illic (Num. 359), jam, mox, post, nunc, tum, tunc, clam, vix, bis, ter, plus, tarn, sie, ecce;
die Relativa qui, quae, quod (alle einsilbigen For- men), quorum, quique, qu^eque d. ist qui + que und quue + que vor vokalischem Anlaut, und die Adverbien qu^ und qu^ einbegriffen;
die Interrogativa qu^e, qu^eve, quid, wozu ich auch quo Vohin' zähle;
die persönlichen Fürworter tu, nie, te, se, sese, meque, seque, nos, vos;
die Demonstrativa hie, haee, hoe, id, tot;
das Zahlwort tris (tres) ;
die Substantiva dux, fas, gens, jus, lex. Lad, lux, mens, mors, nil, nex^ nox, nubs, pars, pax, plebs, res, rex, sors, spes, vir, vox, von denen zwei Drittel ent- weder von einem Adjektiv oder von einem Substan- tiv im Genitiv begleitet sind ;
die Zeitwörter sum (i), est (2), sunt (8), sis (i), sit (11), sint (i), dat (24), dant (3), da (i), des (i), det (i), dans (i), ßrt (2\ fit (7), stat (i), vult (2).
Aus der ungewöhnlichen Stellung, welche die ein- silbigen Wörter oft einnehmen, darf meines Erachtens geschlossen werden, daß das auf die Penthemimeres folgende Versglied
^|_^|^^^ 1^-
bedeutend beliebter war als die nachstehenden beiden eintönigen Versglieder
Über die Betonung dieser einsilbigen Wörter ist Folgendes zu bemerken: die Konjunktionen mit Aus- nahme von ne vor dem Imperativ, die Praepositionen, einige wenige Adverbien, die Relativa und wahrschein- lich auch in den meisten Fällen die persönlichen Für- wörter haben den Gravis, den man im Deutschen mit Nebenton wohl richtig bezeichnen kann.
54
CORNU
Den Akut (bisweilen den Circumflex) d. h. den Hauptton haben die meisten Adverbien, die Interroga- tiva, die Demonstrativa, die Zahlwörter, die Adjektiva'), die Substantiva und die Zeitwörter. Diese letzteren jedoch nicht in jeder Stellung und Verwendung. Ste- hen nun diese Wörter im Sprechgliede unmittelbar vor einem Worte mit dem Hauptton, so wird ihr Akzent abgeschwächt und sinkt zum Nebenton herab. Von dieser Schwächung werden die Interrogativa und die Partikel fie vor dem Imperativ, wie schon gesagt, nicht getroffen. Abgesehen davon dürften sehr wenige Bei- spiele nachweisbar sein, wo die Schwächung des Ak- zentes unmöglich ist: in den folgenden Zeilen
cum secura deo || gaudet mens | credere summo Lev. 302, necprocula templo f teneat hunc | cura viandi Num. 174,
erfahren hunc und mens keine Schwächung, weil sie nicht zum dritten Sprechgliede gehören.
Den durch einsilbige Wörter gebildeten Hebungen entsprechen die, welche durch pyrrichische Wörter ge- bildet werden. Solche Wörter sind im Heptateuchos die folgenden;
die Konjunktionen nisi (4), quasi (i), quia (25), tarnen (i);
die Praepositionen sine (3), super (4);
das Adverbium male in male saucia, male condita, male sana (3);
die Relativa quibus (4), ubi (2);
das Interrogativum quibus (i);
die persönlichen Fürwörter mihi, tibi, sibi (14) ;
die Possessiva mea, tua, sua (22), die dem Sub- stantiv stets vorausgehen;
Adjektive und Partizipien in geringer Anzahl, die in den überlieferten Verbindungen cava tempora (i),
1) Einsilbige und durch Elision einsilbig werdende Ad- jektiva kommen unmittelbar vor dem fünften Fuße im Hepta- teuchos nicht vor.
II. ZUR GESCHICHTE DES LAT. HEXAMETERS. 55
fera bella (i), nova semina, nova gramina, nova bella, nova munia, nova idola lud. 401, nova regna (6), pia Vota, pia guttura, pia munera, pia dicta 2 mal, pia dona, pia cura, pia jtissa, pia mente lud. 287 (9), data mUnera (i), rata commoda (i) vorkommen; das Zahlwort tria (i);
sieben Substantiva, von denen fünf von einem Ad- jektiv begleitet werden?
ilicet horrisonas voces dolor excitat ingens Ex. 357.
latera ardua fumant Ex, 749, cf. Ae. III 665, IV 246.
ipse ubi sanctifici tenuit iuga plurima coUis Ex. 1061.
manus inclita regis Ex. 1133.
deus omnia mitis | respicit IN. 226;
endlich einige Verba, auffallend wenige, wenn man an die große Anzahl Verbalformen pyrrichischer Mes- sung denkt, die das Lateinische besitzt:')
aedibus in mediis puro fluit agmine flumen Gen. 54, cf. Verg. Ae. II 782.
quamvis foret abditus antro Gen. 286.
praedam lato trahit agmine secum Gen. 492.
vates videt ardua castra Gen. loii.
dare farra ^ — ^ Gen. 1305.
continuo tellus foret arida lustro Gen. 1422.
licet alta gigantes | coUa levent Num. 393.
denso ruit agmine turba IN. 241, cf. Ae. XI 880.
et licet inmensas fido trahat agmine turmas lud. 204.
quadrupedante putrem sonitu quatit ungula campum lud. 206, = Ae. VIII 596.
exemplumque suis sese iubet esse laborum lud. 340.
patulo venit obvius ore lud. 549.
molam rotat inpete dextra lud. 701.
Wenn man von den Zeilen absieht, die entweder zur Gänze oder zum Teil fremdes Gut sind, wären der Beispiele noch weniger.
>) Sieh die Tabelle auf der folgenden Seite.
56
CORNÜ
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II. ZUR GESCHICHTE DES LAT. HEXAMETERS. 57
>) Bemerkt sei, daß ich si, dum, inier, intra, propter, illic, qui, se an den folgenden Stellen von der Zählung nicht ausgeschlos- sen habe:
teniptet si attoUere portas IN. 169.
adolet dum altaria flammis Gen. 326, lud. 267.
parva inter sidera caeli Gen. 11 17.
valida inter corpora fratrum Gen. 1125.
timida inter corda Ex. 36.
densa inter funera Ex. 352.
inter vota Lev. 15.
timida inter verba Num. 411.
blanda inter vota Num. 453.
media intra tecta Num. 466.
quae propter facta IN. 584.
nos illic sectile porrum | pavit Num. 359.
cunctos qui explevit ovantes Gen. 1306, vorausgesetzt, daß die Conjektur Mayors qui anstatt que AG das Richtige trifft.
celsis qui altaribus addit
maiorem cunctis Eleazaron Num. 520.
atque deum gaudens contra se adtollere sanctum Gen. 379.
numquam se adiungere mendum Gen. 667.
vellet se adiungere vati Gen. 862.
faciam se extendere finis Ex. 1028.
sed cum pacifica domini se ad verba ferebat Ex. 132 1.
tempora ni iubeas noctis se adiungere luci IN. 346.
Schließt man aber diese 20 Stellen aus, so erhält man statt 1384 nur 1364, d. h. 2^\,
ZUM LAUTWERT DES GOTISCHEN h.
Von Dr. JOSEF JANKO.
Längst ist die Erkenntnis durchgedrungen, daß man in der Sprache der gotischen Bibel nichts Erstarr- tes, durch den Buchstaben Ertötetes sehen darf, sondern vielmehr auch hier ein sprachliches Werden und Ver- gehen vorauszusetzen hat, wobei zwei mehr oder we- niger feste Punkte der Entwicklung besonders ins Auge zu fassen sind: der eigentliche Sprachgebrauch Wulfilas (4. Jh.) und der eine jüngere Phase des ersteren dar- stellende Gebrauch der spätgotischen Kopisten (5. u. 6. Jh.). Daß man bei zweckmäßiger Ausnützung unserer heutigen phonetischen und sprachhistorischen Kenntnisse eben diese beiden Punkte genauer fixieren, zwischen ihnen eine Brücke schlagen und hiedurch zur Lösung einer Streitfrage beitragen kann, soll an einem Detail, den Schicksalen des urgermanischen % im Gotischen (z= got. Ä), gezeigt werden.
Das ursprünglich echt spirantische urgerm. % hat sich in den einzelnen altgermanischen Dialekten je nach seiner Stellung (im An-, In- oder Auslaut, vor und zwischen Vokalen oder vor Konsonanten) verschieden, im ganzen aber ziemlich parallel entwickelt. Im allge- meinen läßt sich sagen, daß es eine Schwächung zu einfachem Hauchlaut h (durch allmähliche Vermin- derung des Reibungsgeräusches hauptsächlich infolge Erweiterung der Striktur) durchmacht, u. z. ist im An- laut vor Vokalen jenes Endresultat bereits im Urnord.
6o JANKO
und wohl auch im jüngsten Urwestgerm. erreicht')- Später und weniger gleichmäßig vollzog sich in den beiden Sprachzweig^n der Vorgang vor Konsonanten und im Auslaut. Das Umord. weist mit seinen Belegen für die Stellung vor Konsonant {worahto, dohtriR Tune 5. Jh.: wrtaa Etelhem 6. Jh., wurte Tjurkö und viel- leicht orte By 7. Jh., endlich iirti Sölvesborg 8. Jh.) deutlich auf vorschreitende starke Reduzierung und eventuell Hauchlaut hin (vgl. aisl. Sg. dötter, PL d(etr\ 3. Sg. orte), welch letzterer auch im Auslaut {ja[h] Kragehul 5. Jh., iah Järsberg 6. Jh., aluh Kinne- ved wohl 7. Jh.) mit der Zeit sicher eingetreten ist; doch ist er hier bezeichnenderweise später, erst um 900 (vgl. aisl. iä\ geschwunden, während der Schwund des inneren h bedeutend früher, bereits vor 800 (ob schon in wlju = ahd. wlhiuy Kragehul 5. Jh. ?) zu datie- ren ist. Die westgermanischen Dialekte dagegen stim- men darin überein, daß der Charakter des urgerm. x im Auslaut und vor Konsonant (namentlich /, s) noch spirantisch geblieben, ja im ahd. Auslaut sogar wieder verschärft worden ist {jtoh, höh ; Brugmann Grund- riss d. vergl. Gramm. I-, S. 712), obgleich auch da vereinzelte oder selbst regelmäßige Schwächungen vor- kommen: z. B. vereinzelt ahd.^ und regelrecht ndd. wassan usw. aus wahsan, ja gemeinwgm. *wasmo m ae. wcBsma, ahd. uuasmo aus *wahsmö.
Den nord.-wgm. Verhältnissen entsprechend setzen wir a priori eine analoge Entwicklung fürs Gotische voraus, und so ist denn das anlautende und intervoka- lische h hier fast von allen Forschern als bloßer Hauch-
1) Die im Lateinischen üblichen Schreibungen Chetmd, Chatti, Chamavi u. a. entsprechen meiner Ansicht nach dem älteren Urwestgermanischen, wo sie aufgekommen sind ; t r a- ditionell wurden sie in Gallien freilich bis ins 8. und 9. Jh. festgehalten, ohne aber einen tatsächlichen Sprachzustand widerzuspiegeln. Anders urteilt z. B. Wilmanns, D. Gramm. I*, iio A. (wo Liter.; vgl. auch I», 72).
ZUM LAUTWERT DES GOTISCHEN h. 6l
laut anerkannt'). Nicht einmütig wird hingegen got. // vor Kons, und im Auslaut beurteilt, da ja in dieser Hinsicht die übrigen Dialekte auseinandergehen und das Gotische selbst kein genügendes Kriterium zu bieten scheint. Deshalb halten es einige (Holtzmann Altd. Gramm. I, i, 49; Paul Beitr. i, 152; Sievers in Pauls Grundriss der germ. Phil. \\ 411; Streitberg in der I. Aufl. des Got. Elementarb. S. 25) für einen bloßen Hauchlaut, andere (Jellinek Beitr. 15, 278 u.a.; Holthausen Altisl. Elementarb. S. 23, Bethge in Dieters Laut- u. Formenl. S. 195) für vollen Spiranten, wieder andere (Wrede in Stamm-Heynes Ulf.^ S. 360; v. Grien- berger Beitr. 21, 200; Wilmanns D. Gramm. I*, 37; v. Helten IF. 14, 75) für einen mehr oder weniger stark reduzierten Reibelaut. Einen unentschiedenen Stand- punkt haben schließlich eingenommen: Kluge in Pauls Grundriss d. germ. Phil. I*, 508 (Spir. asper oder ton- lose gutt. Spirans), sodann Brugmann, Grundr. d. vergl. Gramm. I^, 696 u. 709 und Streitberg in der 2. Aufl. seines Got. Elementarbuchs S. 55 f. (Hauchlaut oder Spirans mit stark reduziertem Reibungsgeräusch).
Gehen wir nun bei erneuter Betrachtung von einer Erscheinung aus, die zwar bisher beachtet, allein grundverschieden eingeschätzt ist — den Assimila- tionen, welche got. -h vor nachfolgenden Konsonan- ten erleidet. Vgl. z. B. nippan aus nih-pan, jab-brusts aus jah brusts und die Verzeichnisse in den Grammati- ken. Braune, der Got. Gramm.* S. 28 für In- und Aus- laut am ehesten Frikativlaut anzunehmen geneigt ist, stützt seine Ansicht neben der Brechung des th, uh
1) Braune, Got. Gramm.« 28, Wrede in Stamm-Heynes Ulfilas», S. 360 und Bethge in Dieters Laut- u. Formenl. der altgerm. Dial. S. 195 (vgl. auch Brugmann, Kurze vergl. Gramm. S. 191) nehmen Hauchlaut nur im Anlaut vor Vokalen an. Die Anlautsverbindungen hl, hn, hr sind im Got. — ebenso wie im Nord.-Wgm. — natürlich als Spezialfall zu behandeln, auf den ich nicht näher eingehe.
62 JANKO
ZU aih, aüh eben auch durch jene Assimilationen, während Wrede a. a. O. S. 361 und von Grienberger a. a. O. S. 197 gerade im Gegenteil in den Angleichungen des got. h ein Kennzeichen seiner großen Schwäche, seiner hauchartigen Natur erblicken. Wie ist dieser Wider- spruch zu schlichten?
Ohne Zweifel kann die sogenannte gotische Brechung des i und u, mag sie das got. ^' (= germ. i, e) aktiv oder eventuell, obzwar weniger wahrscheinlich, nach E. A. Kock, Zs. f. d. Ph. 34, 45 f. das germ. e nur prohibitiv beeinflußt haben, bloß von kräftig artikulierten Lauten h und r verursacht worden sein. Für das // jener vorwulfilanischen Periode folgt aber daraus not- wendig das, daß es ein voller Spirant war, welcher mit dem gleichzeitig brechenden r eins gemein haben mußte: den bedeutenden Abstand zwischen dem nach Bell hohen Vorderzungenvokal /', bezw. dem hohen Hinterzungenvokal u^ und der eigenen Artikulation. Diese aber geschah m. E. recht weit hinten, d. h. das gotische h war damals kein ich-, sondern nur a^A-Laut, oder genauer ausgedrückt: auch nach (e), i ein stark V e 1 a r e r Spirant, also ein hinteres velares x'^ oder eine Mittelform zwischen x^ und x^ (vergl. dazu Sievers, Grundzüge d. Phon.* S. 134), während das damalige r zwar alveolar, aber mit gleichzeitiger velarer Hebung des hinteren Zungenrückens (vgl. Victor, Elemente d. Phon.^ S. 208) gebildet sein mochte. Man kann so- nach, von der vermutlich labialen Nebenartikulation des Urenglischen natürlich abgesehen, am besten urengl. % und r (vgl. Bülbring, Ae. Elementarb. S. 58) mit unseren Lauten vergleichen. Das Resultat der Brechung, d. i. des Ausgleichs des Kontrastes zwischen Vokal und Konsonant, war im Got. e-^ resp. ^*.
Wenn wir jetzt zu den Assimilationen des got. // zurückkehren, so können wir als älteste Belege der- selben zwei oder drei Partikeln anführen, welche
ZUM LAUTWERT DES GOTISCHEN h.
63
auf Wulfila bereits als einheitliche, durch Zusammen- rückung entstandene Wörter mit -//- (wofür man nir- gend mehr -ä/- findet) überkommen sind. Es sind dies ja^pe 'und wenn*, bei Doppelsetzung 'entweder — oder*, dann wohl aißpau 'oder' und eventuell auch aj>pan 'aber, doch* (nach Kluge in Pauls Grundr. d. germ. Philol. I^, 507 aus ^ak-ßan < *ak'pan mit got. ak 'aber, sondern'; doch vgl. bei Uhlenbeck, Kurzgef. etym. Wb. d. got. Spr.' S. 18 die ebenso plausible Herleitung aus * ä/ = lat. at und pan). Der wertvollste dieser Belege ist für uns aippau, wenn nämlich Meringers jedenfalls glaubwürdige und einleuchtende Deutung aus ^aih- = lat. ec- nnd Pau zu Recht besteht (vgl. Streitberg, Got. Elementarb. SS. 39', 63^). Denn dadurch haben wir einen wichti- gen Fingerzeig für die praehistorische Chronologie des Gotischen gewonnen: in *ai/i-pau muß zuerst die Bre- chung und dann erst die Assimilation erfolgt sein. Die Brechung war durch einen echten Spi- ranten bewirkt worden; die in jappe wohl in unbeton- ter, in aippau (appan) dagegen in betonter Silbe durchgeführte Angleichung wird bei einem zwar nicht mehr vollspirantischen, aber von diesem Typus noch nicht gar zu weit entfernten Konsonanten, d. h. bei einem mäßig reduzierten Spiranten stattgefunden haben. Die Verminderung des Reibungsgeräusches wurde da teils durch Unbetontheit, teils durch Erweiterung der Mundenge verursacht, die totale Assimilation selbst durch den Abstand zwischen x und / einerseits und durch die Homogenität dieser beiden tonlosen Spi- ranten andererseits gefördert*).
Soviel gilt für das vorliterarische Gotisch; wenn wir den Verlauf der Entwicklung weiter verfolgen, so hemmt uns scheinbar die Schwierigkeit, daß wir keine einzige Handschrift direkt aus Wulfilas Zeit besitzen,
1) Vgl. das nhd. Hoffart aus mhd. hdchvart, femer Sievers, Gnindz. der Phon.» SS. 191 u. 277 ff.
64 JANKO
sondern nur um ein bis zwei Jahrhunderte spätere Abschriften mit mehr konservativen oder mehr neolo- gisierenden Tendenzen. Aber durch Vergleichung der beweiskräftigen Hss. unter einander ergibt sich, daß der Cod, Arg, mit Ausnahme des Ev. Lucae und ebenso der Ambrosianische Cod, B in sprachlicher Hinsicht und speziell auch im Punkte der Assimilationen einen älteren Zustand vorstellen, wo nämlich auslautendes // verhältnismäßig selten und nur anlautendem / an- geglichen wurde: z. B. sifaip-pan Math. 5, 37; bidjan- dansup'pan das. 6, 7; nifh-pan das. 9, 13 u. 17; duppe das. 6, 25 u. ö. (gegenüber duhpe ^oh. 9, 23; 16, 15 u. ö.) — nur du^e in Cod. B, z. B. Eph. i, 15; 6, 13; dortselbst anup-pan Eph. 4, 23; palup-pan i. Tim. 2, 3 und wiederum nip-pan i. Tim. i, 4 usw. Daß dieser Zustand tatsächlich älter ist, bezeugt deutlich der den Schluß des Math.-Evangeliums fragmentarisch wieder- gebende Ambrosianer Cod. C, wo wir neben jah pu (26, 73), jah pai (27, i), jah swaran (26, 74; dies alles auch im Cod. Arg., der die Form^i^A überhaupt wahrt) im Gegensatz zu jah sa des Cod. Arg. ein jas-sa (26, 71) finden und wo weiter einseitig belegt sind : neben sumaip- pan (26, 67) auch jan-ni (25, 42 ; 43 ; 44) und nochmals jas'sa (26, 2). Dieselben weitergreifenden Angleichungen an S' und n- stoßen uns in dem bekanntlich auch sonst durch Neologismen abweichenden Ev. Lucae auf: nis- sijai (20, 16) und jan-ni (7, 32), in demselben Verse neben jah ni, das augenscheinlich die ursprüngliche Fassung darstellt, welche Gabelentz und Lobe resti- tuieren.
Zu vereinzelten Assimilationen vor p- (duppe Dietr. II, 17), vor S' und n- (jas-saup I, 4 u. jan-nil^ 9) treten in der Skeireins, welche im Angleichen überhaupt ent- haltsam ist (z. B. pahih pan III, 2, nih pan V, 8), noch drei weitergehende Angleichungen an g- hinzu: jag- gabairaidau II, 9 (neben jah gabairaidau II, 12), jag--
ZUM LAUTWERT DES GOTISCHEN h, 65
garaihtein und jag-gahaustda IV, 15. 17. 18 (letzteres 2 mal). Doch alle diese Hss. übertrifft sowohl durch die Menge, als auch durch Mannigfaltigkeit der Fälle der Ambros. Cod, A, welcher oft dem konservativen Cod. B parallel geht und daher folgende lehrreiche Zusammenstellung ermöglicht: duppe und die obigen Beispiele auch hier, außerdem jaß-pan i. Kor. 12, 14, hwauß'pan das. 4, 7 usw.; dagegen i. Kor. 16, 8 wi- suh pan (B): wisup-pan (A); 2. Kor. 8, 15 jah saei (B): jas'saei (A); das. i, 18 u. i() jah ne (B): jan-ne (A); das. 2, 7 jah gaplaihan (B): jag-gaplaihan (A); Phil. 3, i^j jah mundöp {ß): jam-mundöp (A); Eph. 3, 18 Jah lagget (B) : jal-laggei (A) ; 2. Kor. 8, 10 jah ragin (B) : jar-ragtn (A); das. 2, 16 jah du (B): jad-du (A); das. 7, J.^ jah brusts {ß)\ jab-brusts (A); i. Kor. 7, 16 z^^^^- kannt (nur A) usw. Es weist demnach Cod. A eine äußerst ausgedehnte und überdies fast ausnahmslose Angleichung des h auf.
Versuchen wir, diese handschriftlichen Verhältnisse kritisch auszudeuten. Ich glaube, wir gehen nicht fehl, wenn wir ohne weiteres den konservativen Teil des Cod. Arg. und den Cod. B als Abbild des echten wul- filanischen Gotisch, alle übrigen Fälle als Anlehnung an den Sprachgebrauch der spätgotischen Kopisten an- sehen. Somit kannte das Gotische des Wulfila ledig- lich ^Assimilation des -h an /-, also im Prinzip dieselbe Erscheinung wie das Vorwulfilanische ; daraus folgt, daß damals h noch immer spirantischen Cha- rakter besaß und durchaus kein bloßerHauch- laut (^ h) war, wie vielfach angenommen wird — obgleich zugestanden werden soll, daß derselbe Spirant schon seit vorliterarischer Zeit immer mehr an Rei- bungsgeräusch verlor und im'klassischen' Gotisch wohl ziemlich stark reduziert war, also etwa die Mitte zwischen x und h hielt, ^ein «^A-Laut mit loser Annäherung der Organe' (vgl. J. Storm, Engl.
Festschrift für Kelle. c
66 JANKO
Philologie !•, 73). Eine solche Geräuschrediiktioii ist ja gerade bei den hinteren Velarspiranten — wie z. B. beim russ. at, das einem energischen h nahekommen kann — sehr wohl möglich (vgl. Sievers, Grundz d. Phon.* SS. 134 n. 191 f.); sodann spricht dafür der analoge Vorgang im enger verwandten Umordisch und der Umstand, daß nicht nur in einheitlich werdenden adverbialen Zusammenrückungen, z. B. bei unbetonter Silbe in duppe und bei betonter in nif>'pan\ sondern auch im sonstigen Satzzusammenhang die Angleich ung unseres -h an /- leicht durchführbar ist; endlich ge- bietet jene Annahme einer beträchtlicheren Geräusch- reduktion die in derselben Richtung immer weiter fort- schreitende spätgotische Lautentwicklung selbst.
Letztere zeigt uns nämlich eine artikulatorische Schwäche und Unselbständigkeit, eine Beweglichkeit, mit der das -// seine Stelle fast jedem beliebigen folgenden Konsonanten einräumen kann, daß man dies auf keinen Fall mit der Natur eines nur halbwegs noch charakteristisch gebildeten Mundlautes vereinbaren kann, sondern nur mit dem Wesen eines richtigen Hauchlautes, von welchem Jespersen, Lehrb. der Phonetik S. 136 sagt: 'H geht in dieser Fügsamkeit nach der Umgebung einen Schritt weiter als die andern Konsonanten, und kann es tun, weil das für diesen Laut Charakteristische nicht oben im Munde, sondern im Kehlkopf liegt' (nämlich die sog. Hauchstellung der Stimmbänder ohne irgend welches merklichere Rei- bungsgeräusch im Mundraum).
, An diesem Punkte der Entwicklung, welcher voll- ständige Reduktion und Aufhebung desSpi- ranten bedeutet, waren zweifelsohne die spätgoti- schen Schreiber, darunter der des Ev. Lucae, sodann die Schreiber der Codices C, E (Skeireins) und vor
1) Vgl. oben das vorliterarische /ö//? und aiffau.
ZUM LAUTWERT DES GOTISCHEN h, 67
allen der Kopist des Cod. A, angelangt. Die quantita- tiven Unterschiede in der Verwendung der Assimilation, welche wir zwischen den einzelnen, die Sprache ihres Zeitalters nicht verleugnenden Hss. oben konstatierten und die wie Stilisierungen des herrschenden Sprach- gebrauchs aussehen, dürften ihren Ursprung vielleicht in chronologischen, jedenfalls aber in individuellen Ver- hältnissen (Usus der Umgebung und persönliche Nei- gung) gehabt haben. Dabei könnte auf den ersten Blick auffallen, daß überall, selbst noch im Cod, A, gemi- nierte'r Konsonant geschrieben wird, wenn wirklich nur einfacher Hauchlaut hier den Platz geräumt. Allein man bedenke, daß die Bibelsprache doch einen style soutenu (vgl. Jespersen a. a. O. S. 95 f.) vorstellt, wo feierlich-langsame, sorgfältige Aussprache und somit tatsächliche, d. h. lautliche Gemination vorauszusetzen ist; ferner daß selbst das äußerst anpassungsfähige h immerhin ein deutlich vernehmbarer Hauchlaut war und zu seiner Hervorbringung ebenfalls einen Zeitteil be- anspruchte, der nun dem siegreichen Konsonanten zugute kam (Sievers a. a. O. S. 283); schließlich daß in der Wort- und namentlich Satzzusammenrückung die ursprüngliche Bedeutung noch bewußt war oder den Schreibern durch die Vorlagen mit unassimiliertem h nahe gelegt wurde. In der ungezwungenen, an An- gleichungen sicher reichen Volkssprache dagegen wird man m. E. keine wirkliche Gemination, sondern bei nicht vergegenwärtigter Bedeutung durch Verlegung der Silbengrenze zuerst langen und dann sogar einfachen Konsonanten gesprochen haben.
So ergibt sich denn nach meiner Auffassung eine ganze Reihe von Stadien oder Stufen in der Entwicklung des gotischen ä = ^ im Auslaut und vor Kons, zum A = A: die vor literarische stark und mäßig spirantische Stufe, die wulfilanische schwach spirantische, die spätgotische hauchartige
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(zu der sich — wie v. Grienberger, Beitr. 21, 197 mit Recht annimmt — auch die Salzburg-Wiener Hs. aus dem 9. — 10. Jh. mit ihrem Ausdruck * asptratwnem\ d. i. 'Hauchlaut' [Fol. 20] bekennt) und als äußerster, etwas unsicherer Ausgangspunkt mit völligem Schwund des h die krimgotische Stufe : neben ano 'gallina' u. ä. auch athf '8', sets '6' und wurt lat. *s%t\ Für das Gotische des Wulfila aber hat sich uns die Richtigkeit jener Ansicht herausgestellt, zu welcher von einer an- deren Erwägung aus auch v. Helten (IF. 14, 75) ge- kommen ist.
v. Helten behandelt a. a. O. außerdem die nicht sehr zahlreichen Fälle, in denen got. AvorKons. oder im Auslaut gelegentlich geschwunden, und wieder andere, in denen es unorganisch hinzugefügt ist: z. B. liuteip st. liuhteip (Mt. 5, 15); drausnös (Skeir. VH, t8) gegenüber drauhsnös (Joh. 6, 12); hwarjö st. -öh (Mc. 15, 6); hwamme (Gal. 5, 3); imc st. intch öfters in Cod, A. — dagegen mit überschüssigem // Rom. 11, 17 'watir(h)tai und Eph. 3, 18 gawaurhiai (so Cod. A und B); Skeir. VH, ii samaleiköh pan gegenüber Joh. 6, 11 satnaleikö usw. Ich stimme v. Helten bei, daß sich aus derartigen Belegen kein zuversichtlicher Schluß auf Wulfilas Sprache ziehen läßt; können es doch bloße Schreibfehler aus Versehen sein (Jellinek Beitr. 15, 277), oder es kann ihnen ein gelegentlicher lautlicher Schwund zugrunde liegen, der eine tiefere Ursache hat : entweder die starke Reduzierung des Spiranten in wulfilanischer oder den hauchartigen Charakter in spätgotischer Zeit (vgl. Streitberg, Got. Elementarb.* S. 55). Für eine genaue Sichtung der einschlägigen Belege mangelt uns aber diesmal jegliches Kriterion; am ehesten könnte man noch die unorganische Hinzugabe des h als Zeichen der schwachen Lautung des Hauchlautes deuten, ob- zwar auch hier bloße mechanische Verwechslung des Schreibers mit anderen ähnlichen Formen vorliegen
ZUM LAUTWERT DES GOTISCHEN A.
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kann. Ein sicheres Beispiel organischen Schwundes infolge Konsonantenhäufung haben wir dagegen aus vorliterarischer Zeit: got. waurstw 'Werk'.
Zum Schluß sei noch die Frage gestreift, in welchem Verhältnis unser h zu dem gewöhnlich und m. E. mit Recht vorausgesetzten spirantischen Laut in baug (zu biugan mit -j-) steht. ') Vor allem will ich be- kennen, daß für mich bei der postulierten spirantischen Geltung des g nicht der Parallelismus mit b—f^ ^— /, son- dern derjenige mit der außergotischen gemeingerm. Ent- wicklung des j—x maßgebend ist. Dazu kommt der von V. Helten a. a. O. ins Treffen geführte wahrschein- liche Umstand, daß nach Kossinna anlaut. g gleicher- weise j war. Auch lost sich die Frage, warum Wulfi- la zur Bezeichnung des auslaut. Spiranten in baug nicht h verwendete, bei unseren Anschauungen höchst einfach: h war eben zu Wulfilas Zeiten ein schon bedeutend reduzierter und zudem velarer Spirant (nach Sievers' Bezeichnung ^), während das sekundär erwachsene tonlose -^, d. i. -x (z. B. auch in wigs, wig) damals energisch spirantisch klang und sich in seiner Qualität völlig nach dem entsprechenden inlaut. 'g' ZI -^- (z. B. in wigis) richtete, dieses aber meinem Dafürhalten nach teils palataler, teils vorderer velarer Spirant, also ich- oder ach-luOMt je nach der Umgebung (dem vorhergehenden Vokal) war. Ein indirekter Be- weis für die Richtigkeit unserer Anschauung erfließt auch daraus, daß wir ja sonst bei völliger Gleichheit beider spirantischen Laute (-h u. -g) ^waihs, *wafh er- warten müßten (Wrede St.-Heynes Ulf.« S. 360). Wulfila wählte daher nicht h, sondern ganz zutreffend das Zeichen für die korrespondierende, inlaut. palatale oder Velare stimmhafte Spirans (g), und er konnte es um
») Sollte g in dtugan, baug trotzdem Verschlußlaut gewesen sein, so böte das Verhältnis zu h natürlich gar keinen Anlaß zur Besprechung.
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SO eher tun, als die gleichartige stimmlose Spirans nie- mals im Inlaut vorkam, sondern nur im Auslaut (vgl. Jellinek Zs. 36, 271 u. Streitberg, Got. Elementarb.* s. 58).
Vielleicht hatte er aber noch einen ganz besonderen und für ihn entscheidenden Grund dazu. Ich erinnere an das Altenglische, wo wir bei ^— / und j — h{j^ dieselbe Erscheinung antreffen, die wir im Got. vor- aussetzen, wo aber gerade bei dem zweiten Paare durch Einwirkung flektierter Formen stimmhafter Aus- laut oft erhalten bleibt, so daß in jüngeren Texten die Schreibungen mit -g überwiegen und in manchen die Formen mit -h sogar gänzlich fehlen (Bülbring, Ae. Elementarb. S. 191 f.; vgl. auch Holthausen, As. Ele- mentarb. S. 81). Ich frage: kann die enge Wechsel- beziehung zwischen in- und auslautendem Spirant, die ich schon oben hervorgehoben habe, nicht auch im Got. sich in der Erhaltung des Stimmtons im Auslaut geäußert haben, so daß Wulfila hier oftmals gar keinen anderen Laut als im Inlaut vernahm und demzufolge nach keinem neuen Zeichen überhaupt mehr zu suchen brauchte? Es genügte ihm für beide oft kongruente Fälle das g.
GERMANISCH-ROMANISCHE WORT- BEZIEHUNGEN.
Von W. MEYER-LÜBKE.
Neben einem namentlich Frankreich und Italien bis einschließlich Toskana angehangen unbestrittenen germanischen Bestandteil des romanischen Wortschatzes gibt es gar manche Wörter, über die das Urteil schwankt und für die die Wage je nach den jedesmaligen An- schauungen und Kenntnissen, nach dem sprachlichen Empfinden und, in national erregten Zeiten, auch nach dem nationalen Gefühl des einzelnen Forschers bald nach der Seite des Germanischen, bald nach der des Lateinischen sinkt. Daß das d in prov. degun 'keiner' neben negun durch Ferndissimilation aus n entstanden sei, ist für die Franzosen Chabaneau (Grammaire li- mousine loi), J. Cornu (Rom. 7, 365), Jeanroy und Teulie ebenso selbstverständlich wie für die Deutschen Grimm, Diez (Etym. Wörterb. 560) und Stimming dessen germa- nischer Ursprung, s. Zs. f. rom. Phil. 18, 548. Ich schlage mich, wie übrigens auch Schuchardt Zs. 5, 305, zu den Welschen, unter anderem auch darum, weil ich im Provenzalischen althochdeutsche Formen anzuerkennen nicht vermag, die Entsprechung von ahd. dihhein im Gotischen oder Burgundischen, wenn eine solche Ent- sprechung überhaupt bestanden hat, mit th, also pro- venzalisch mit / angelautet hätte.
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Anders in einem anderen Falle. Ital. attaccare, frz. attacher mit tangere zn verbinden, haben sich manche versucht gefühlt, so z.B. Bianchi Storia della preposizione a S. 236 ff , der von Hactare zu *tatcare ge- langen wollte, Ulrich (Zs. f. rom. Phil. 9, 419), der ^tacticare ansetzte, 'ardimenti fonetici che non hanno persuaso' sagt Ascoli und schlägt selber, Nigras Spu- ren folgend, ^tagicare vor (Arch. Glott It. 14, 338). Ist es Zufall, daß es wieder nach Geburt oder nach Erziehung undeutsch fühlende Gelehrte sind ? Ich meine damit natürlich nicht, daß diese Etymologien bewußte oder gar beabsichtigte 'Rettungen* wären, aber auch die Abneigung gegen eine bisher übliche, der Weg nach einer neuen Etymologie hängt oft mit den tiefsten Re- gungen unseres Geistes- und Gemütslebens zusammen, ohne daß wir uns darüber klare Rechenschaft ablegen. Sehen wir uns nun attaccare, attacher näher an.
An die Spitze stelle ich afr. estache, prov., kat., span., portg. estaca 'Pfahl'. Die Bewahrung des a und k veranlassten E. Mackel, in estache ein jüngeres Wort, eines aus der spätesten Schicht zu sehen (Franz. Stud. 6, 41), er muß danach prov., kat., span., portg. estaca für aus dem Französischen entlehnt halten, irrt übrigens auch darin, daß er das pik. estaque für gemeinfranzo- sisch hält, während tatsächlich estache überall da er- scheint, wo vacca zu vache wird. S. 145 will er doppelte Aufnahme, einmal in etwas älterer Zeit als estache, dann in jüngerer als estaque annehmen, wofür ein Grund nicht vorhanden ist. Vor allem aber widerspricht das Geschlecht des romanischen Wortes, da das germanische in den überlieferten Formen ein schwaches Maskulinum, nicht ein starkes Femininum ist, schwache Maskulina aber auch im Romanischen Maskulina bleiben und ge- wöhnlich zu -^//-Stämmen werden. Nur die gotischen Maskulina auf -a folgen meist dem Geschlecht, das ihr Ausgang für den Romanen andeutet, d. h. sie werden
GERM.-ROMANISCHE WORTBEZIEHUNGEN.
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zu Femininen. Da nun aber in alten Entlehnungen germ. k wie lat. c behandelt wird, vgl. frz. broyer aus brikan wie ploier aus plicare, so würde ein got. *staka zu ^estaie geworden sein. Zugrunde muß vielmehr got. *stakka liegen, das sich zu nd. stake, ags. staca, aisl. staki genau so verhält wie urgerm. *bukko, got. Hukka zu avest. büza, d. h. die Geminata, die ursprünglich nur in den schwachen ^-Kasus berechtigt war, wo kn zu kk wurde, ist auch in den Nominativ verschleppt worden, vgl. Osthoff Beitr. 8, 300, Kluge 9, 168, Kauff- mann 12, 507. Ganz besonders wertvoll für unseren Fall ist ahd. steccho neben stehho. Kluge a. a. O. 166. Deutliche Ableitung von span. estaca ist span. estacar 'mit Pfählen bezeichnen, Vieh an einen Pflock anbinden', estacar se Vor Kälte steif werden'; von portg. estaca : estacar 'festhalten, anhalten, plötzlich stille stehen, verlegen werden'. An die erste Bedeutung des spani- schen Verbums ließe sich prov. estacar batalha 'einen Zweikampf festsetzen', d. h. zunächst 'das Kampffeld abstecken' anknüpfen und afr. estachter un tref 'ein Zelt aufschlagen', oder eine Verwendung wie sie z. B. im AlUscIs von Karthago begegnet, wo es 7134 heißt: Desci au tref Marsüe est resortie La ü estoü Vaigle d'or estacte. Ja man muß sogar die Frage aufwerfen, ob in diesen Fällen wirklich romanische Ableitungen vorliegen, ob nicht germ. *stakfan (nhd. stecken) zu Grunde liegt. Der Konjugationswechsel wäre nicht ganz ohne Beispiel, vgl. südostfrz. naiztr 'Hanf rösten' aus *natjan 'nässen' (Zs. f. rom. Phil. 15, 244), afr. eskancier aus ^skankjan 'schenken'; aber gerade dies letztere zeigt, daß kj in solcher Stellung zu c wird, nicht zu k. Und wollte man auf der anderen Seite afr. guen- chier aus vorahd. *wenkjan zum Vergleich heranziehen, so belehrt ufis der Tonvokal, daß diese jüngere Ent- wicklung von kj zu ch schon den Umlaut voraussetzt. Es würde also bei einer Verknüpfung von estachier
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mit *stakjan, so verlockend sie von seiten der Bedeutung ist, Vokal und Konsonant in unlösbarem historischen Widerspruch zueinander stehen. Kehren wir zurück zu prov. estacar. In estacar dreh 'einen Bürgen dafür stel- len, daß man vor Gericht erscheint' zeigt sich das 'auf- stellen, festsetzen' in etwas weiterer Übertragung, die zum klaren Verständnis zu bringen ich nicht vermag. Dann aber haben wir auch hier 'an einen Stock an- binden' und nun die wichtige Entwicklung zum ein- fachen 'anbinden, fesseln', so bei Appel Prov. Chrest. 138, 61 : V emperaire . . . pres Pilat ni fetz estacar los fusieus und nun gar cor da als Objekt: ül estacava una corda desobre son lieg e de V antra part de la corda ül si senhia eb. 119, 25. Mit dem Provenzalischen geht wie in so vielen andern Fällen das Piemontesische, stak6 heißt 'anbinden, anheften, befestigen'.
Das Französische dagegen hat für das, was die Hauptbedeutung von prov. estacar ist, von Anfang an atachier. Schon im Roland 3737 heißt es: a une estachc Vunt atachiet eil serf, Les mains li lient a curreies de cerf, dann in der Folge in immer weiterer Ausdehnung des Begriffes 'befestigen an etwas'. Kann dieses atachier nun *attagicare sein? Attingere zeigt auch in der Re- komposition *attangere nur die Bedeutung 'berühren': amail. oy mi dolente, quen grand dolore me atanze Bon- vesin tre scritture I 778; aprov. atanher heißt 'zukom- men, gebühren, verwandt sein'. Ich meine überhaupt, daß die zwei Begriffe des Berührens und des Befestigens sich nicht so nahe stehen, sobald wir uns nur die beiden Handlungen als das, was sie wirklich sind,, vergegenwärtigen. Wenn lat. apiscor 'fassen, erreichen' sich längere stark nähert und span. atar 'binden, ver- binden' wenig weit entfernt ist, so liegt doch in dem beiden zugrunde liegenden apere als Grundbedeutung 'verbinden' vor, apiscor aber hat erst in der medialen Verwendung und durch das Suffix seine spezielle Fär-
GERM.-ROMANISCHE WORTBEZIEHUNGEN. 75
bimg bekommen: ^ich beginne mich zu verbinden mit etwas, ich erreiche etwas, ich fasse an\ Dagegen ver- leiht -^ir- dem Verbalstamm, an den es tritt, keine irgend- wie geartete neue Färbung, es gibt ihm wie vide dieser ispäteren Ableitungen mehr Körper, weiter nichts. Nimmt man an der begrifflichen Schwierigkeit den Anstoß, der ihr gebührt, so wird man zur Erklärung von atachier einen anderen Weg einzuschlagen haben.
Zu estachter gesellt sich als Gegenstück destachier, nfrz. ddtacher Als ältestes Beispiel wird im Dict. Gen. angeführt: li viaus Fromons fait destachier son trä, ein Beispiel, das die Herkunft des Verbums wohl über jeden Zweifel erhebt, das auf *distagicare zurückzuführen wohl niemandem einfallen wird. Hatte man aber einmal destachier ^losbinden', so lag es nahe als Gegenstück atachier 'anbinden' an Stelle von estachier treten zu lassen, oder geradezu atachier neu zu bilden. Der Fall ist genau derselbe wie wenn zu d^pouiller 'ausziehen' empouiller 'anziehen' tritt (Rom. Gr. II § 596), die Umkehrung findet sich in deshabillier 'auskleiden' bei Greban Mistere de la Passion 19765, 24629 und heute in vielen Mundarten, s. Atlas linguistique 394 zu abillier 'ankleiden'. Man beachte auch, daß atache bei Greban 1975 1 der Pfahl ist, an dem Christus zur Geißelung angebunden ist, also offenbar das alte estache, aber sei es lautlich durch Angleichung an den Tonvokal, sei es durch Einfluß von attacher umgewandelt.
In demselben Verhältnis wie frz. däacher und atta- cher stehen ital. staccare und attacare und ihre Bedeu- tung ist dieselbe. Die semasiologischen Bedenken gegen ^attagicare bleiben also bestehen, die Umgestaltung von ^staccare 'anbinden' zu attaccare drängte sich hier viel mehr auf, weil ^, im Italienischen auch lat. dis ent- sprechend, in ausgesprochenem Grade das 'auseinander' ausdrückt. Die Lösung des Widerspruches zwischen Form und Inhalt konnte auch in der Weise erfolgen.
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daß zu staccare, das dem s folgend 'losbinden* bedeute, taccare 'anbinden' trat: so konnte man lomb. tacca, venez. taccare erklären und als eine Art Parallele frz. pouüler 'anziehen', das in Mundarten des Zentrums und Westens zu d^pouiller getreten ist (s. Thomas Nouveaux essais 320) anführen. Nicht unmöglich wäre auch Abfall des a in attaccare. Auffällig ist der Mangel des Substanti- vums *stacca 'Stock' im Italienischen. Zwar kennt die heutige Sprache ein stacca, aber in anderem Sinne, Rigu- tini-Bulle übersetzen: 'Öse, Ring zum Einstecken der Fahnen, Banner, noch jetzt an manchen alten Palästen in Florenz sichtbar'. Das paßt nun zum heutigen j/ar^ar^ ganz und gar nicht, aber es paßt zu * staccare 'anheften' und zu prov. estaca 'Band, Riemen, Seil, Spange'. E. Lewy trennt im Prov. Supplementwb. die beiden estaca und mit Recht, denn das zweite läßt sich begrifflich mit dem ersten nicht verbinden, ist vielmehr ein Post- verbale von estacar, Piem. staka zeigt entsprechend dem Verbum estak^ ähnliche Bedeutungen wie das prov. estaca. Dazu kommt als Diminutiv lomb., ligur. stake ta Nagel', eng. staketa 'Schustemagel, hölzerner Nagel', bergün. steketa 'kleiner Pflock', die schon Salvioni mit attaccare zusammengebracht hat, ohne sich über die Form zu äußern und, wenn ich ihn recht verstehe, Zusammenhang mit stacca ablehnend (Rom. 31, 293). Die Bedeutung des bergünischen Wortes nähert sich wieder dem alten *stakka, aber doch wohl nur zufällig: steketa ist ein Gegenstand, mit dem man etwas befestigt von *stakar 'befestigen'.
Soll man nicht auch gen. stakka 'Tasche' hierher rechnen? Es wäre dann zunächst ein angeheftetes Täsch- chen. Oder ist es aus taska umgestellt, wie Salvioni Rom. 31, 289 meint, mancherlei ähnliche, wenn auch vielleicht nicht ganz gleiche Fälle heranziehend? Ich möchte das letzte vorziehen, habe aber keine Gründe für oder wider. Die Form ist alt. In den genuesischen Gedichten
GERM.-ROMANISCHE WORTBEZIEHUNGEN.
n
aus dem 14. Jh., Arch. glott. II, findet sich CXXXI 29 der Reim tasca : pasca, aber der Schreiber s^tzt stacca ein. Noch will ich erwähnen, daß Süditalien die Wort- gruppe nicht zu besitzen scheint.
Eine weitere Gruppe. Brugmann verbindet lat. crimen, dessen Urbedeutung gewesen wäre 'Geschrei, mit dem man seinen Schädiger beschuldigt, daß es möglichst alle hören, und die Hilfe des Richters anruft' mit aisl. hflna 'schreien', hreimr 'Geschrei', ahd. scrZan 'schreien' (IF. 9, 354) und schreibt dazu die Anmerkung : 'Wie sich frz. crter einerseits zu escrier, s^escriety s* Werter verhält, das aus ahd. scrZan entlehnt sein soll, anderer- seits zu ital. gridare = lat. quirltare, mögen die Roma- nisten entscheiden. Mhd, krie, kriiren, mnd. krejeren, kregeren stammen aus dem Französischen. Daß crier ein mit crimen verwandtes lateinisches Erbwort sei, ist wohl ausgeschlossen'. Umgekehrt will Breal skflan aus afz. escrier herleiten. Zunächst ist wohl klar, daß man frz. crier nicht von prov. cridar, escrier nicht von prov. escridar trennen kann, und da prov. d nur auf t be- ruhen kann, so ist sowohl scrmn wie ein urlateinisches *criare, an das ich auch sonst nicht glauben könnte, ausgeschlossen. Ob scrZan aus dem Französischen stammt, ist schwer zu sagen. Der Schwund des intervokalischen / ist in östlichen Mundarten ja wohl alt genug, aber es fällt auf, daß kein zweites gleichartiges Lehnwort ihn zeigt. Es kann also ein zufälliger Gleichklang vor- liegen. Frz. crier, prov. cridar, ital. gridare, span. gritar hatte man bisher aus lat. quirltare hergeleitet, und laut- lich läßt sich dagegen nichts einwenden, da auch der Schwund des i sich in eine durch andere Beispiele ge- stützte Regel fügt, vgl. Grundr. f. rom. Phil. I* 470 § 23. Dem gegenüber stellt Holthausen ^^ot, ^kreiiati auf, das in der Bedeutung 'schreien' im Mittelhoch- deutschen und Niederländischen, aber weder im Angel-
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MEYER-LÜBKE
sächsischen noch Friesischen noch Nordischen vor- kommt, im nhd. kreisen weiterlebt und nach Kluge auch die Basis von kreischen ist, einem Worte, das wie- derum nur mhd. und nl. ist. Außergermanische An- knüpfungen sind bisher nicht nachgewiesen.
Weder die Laute noch die Bedeutung geben auch nur den kleinsten Anhalt um die Frage nach dem Verhältnis der zwei Wortgruppen zu entscheiden. Da greift aber die Wortgeographie ein. Auf der einen Seite ein Wort, das auf weitem romanischen Gebiete über- liefert ist und eine nach jeder Seite befriedigende la- teinische Vorlage hat, auf der anderen Seite eines, das nur im Hochdeutschen und Niederländischen vorkommt, d. h. in den deutschen Mundarten, die den größten Prozentsatz lateinisch-französischer Lehnwörter besitzen, das, auch wenn man den Blick über das Germanische hinausschweifen läßt, vereinzelt bleibt. Führt das nicht zum umgekehrten Ergebnis, daß krijten, kreisen ebenso auf *cr%fare aus ^e^mifö:r<? zurückgehen wie crier usw. Man wende nicht ahd. *krZskan ein. Wenn das Wort wirklich zu krZzen gehört, also aus krll-skan entstanden ist, so beweist das nur, daß krltan schon vorahd. war, was ohnehin selbstverständlich ist. Denn das mhd. z wie das holl. t zeigen, daß die Entlehnung noch auf der Stufe *krZtare, nicht *kridare stattgefunden hat. Daß ein lat. Lehnwort stark flektiert, ist nicht ohne Beispiel, vgl. skrlban. Wer weiß, ob krZtan sich im Sprachbewußtsein nicht bald mit skrZan verband.
Man wird also für das Romanische bei quiritare bleiben und entweder ein zufälliges Zusammentreffen der beiden Wörter oder Entlehnung von seite des Deutschen annehmen müssen.
Und solches Zusammentreffen gibt es ja. Frz. etuve und was drum und dran hängt und d. Stubemxt seiner Sippe verbindet man gerne — und dem Laien scheint der Zusammenhang selbstverständlich, — ja
GERM.-ROMANISCHE WORTBEZIEHUNGEN. 7g
nach Meringers trefflicher Darstellung der Geschichte des Ofens scheint auch sachlich die Abhängigkeit des einen vom andern und zwar diesmal wieder des Deutschen vom Römischen sicher zu sein. Aber ich kann die Worte drehen und wenden, wie ich will, ich finde weder die Periode noch den Dialekt, die es ermöglich- ten, daß lat. u als lid. e^, daß hd. ü als frz. ü und gleichzeitig b q\s v oder nun gar als / im Italieni- schen (stufa) erschiene. Und da nun ^tuve in extufare, ahd. stuba in stiuban eine lautlich tadellose Grundform haben, da stiuban eine Manipulation beim Baden war, stuba zunächst die Badestube bedeutet, so möchte ich in etuve und Stube einen jener trügerischen Gleich- klänge sehen wie wir ihn beispielsweise in ^b6^ und deus haben.
ZUR BEHANDLUNG VON LAT. u IN ALT- ENGLISCHEN LEHNWÖRTERN.
Von ALOIS POGATSCHER.
Der Meinung älterer Sprachforscher wie Weigand und Heyne, daß die Sippe von nhd. laben aus lat, Ä?27Är^ entsprungen sei oder sein könnte, ist in den neueren Auflagen seines Wörterbuches und in ^English Ety- mology' auch Kluge beigetreten ; dieser Ansatz fehlt im Grundriß der germ. Philologie I* 339, wird aber 348, 352 gegeben. Later ') hält Entlehnung für unwahrschein- lich, weil weder das and. gilauon und mnd. luven noch das mnl. laven eine andere Bedeutung kennt als die des nl. laven 'laben, erquicken', Bradley im Oxforder Wörterbuch s. v. lave wendet als Schwierigkeit ein, daß, da die zahlreichen ahd. Belege auf Erquickung durch Speise, Trank oder Wärme weisen, die angenommene Grundbedeutung Vaschen' ganz in Vergessenheit ge- raten sein müßte, falls sie überhaupt vorhanden war. Diesen Einwänden von Later und Bradley stimme ich bei. Dagegen kann ich Bradley nicht folgen, wenn er weiterhin sagt, daß die Bedeutungen des ae, lafian sich recht wohl aus lat. lavare erklären und ae. lafian viel- leicht einen anderen Ursprung habe als die ahd. Gruppe, Dem möchte ich, mit Kluge an der etymologischen
i) De Latijnsche Woorden in het Oud- en Middelneder- duitsch 1903 S. 59!
Festschrift für Kelle. 6
82 POGATSCHER
Identität der ae. und ahd. Wörter festhaltend, entgegen- stellen, daß ae. (ge)laßan an den Stellen bei Bosworth- Toller keineswegs die allgemeine Bedeutung Vaschen' d. h. ^mit Wasser reinigen, benetzen' im allgemeinen Sinne hat, sondern stets die engere Vi nen Kranken zum Zwecke der Pflege mit einer Flüssigkeit be- netzen', und soweit ich das Belegmaterial überschaue, glaube ich annehmen zu dürfen, daß überhaupt in allen altgerm. Dialekten, wo unser Wort erscheint, die Vor- stellung eines kranken, hilfsbedürftigen, geschwächten Menschen oder Zustandes durchgehende Voraussetzung ist. Das ist der feste Bedeutungskern, an den sich alle Einzelanwendungen anschließen, und der in den fest- ländischen Sprachen in nhd. laben nl. laven bis heute fortdauert, während allerdings in England später frz. laver auf die Bedeutung eingewirkt haben dürfte, in welcher Annahme ich Bradley gerne folge. Die ge- nannte Grundvorstellung ist aber für das lat. lavare keine wesentliche, weshalb dieses von der westgerm. Sippe, die eine deutliche Einheit bildet, wohl zu trennen ist. Neben diesem aus der Bedeutung entspringenden Einwände gegen die Annahme der Entlehnung erhebt sich noch die lautliche Schwierigkeit, daß in einem gemeinwestgerm. Lehnworte intervoc. lat. u durch d vertreten sein sollte, was durch die von Kluge als Stütze angeführten Fälle Verona > ahd. Berna, Ravenna > ahd. Rabana kaum bewiesen wird. Zunächst möchte ich das anlautende b von Berna vorsichtshalber, bis eine besondere Untersuchung vorliegt, von dem inlau- tenden b in Rabana trennen, da jener Name zusammen mit Fällen wie frz. Besanfon aus lat. Vesontio(nem) vielleicht eine ganz andere, und zwar lateinisch-roma- nische Entwicklung darstellen könnte') als Rabana,
1) Vgl. Parodi, Del passaggio di z' in ^ nel latino volgare, Rom. 2^, 177—240, auf welchen Aufsatz ich H. Schuchardt einen freundlichen Hinweis verdanke. Parodi führt S. 234 Anm. von
ZUR BEHANDL. V. LAT. u IN ALTENGL. LEHNW. 83
dessen b sich wohl unmittelbar aus dem späteren Laut- werte von interv. lat. u entweder als ahd. Lautsub- stitution für got. d oder als Ergebnis der ahd, Laut- verschiebung begreifen lässt *). Und dann verlegt Kluge die Aufnahme von Rabana selbst-) in das Ende des 5. Jahr- hunderts und vergleicht S. 352 got. Naübatmbair aus lat. November^ weist also Vertretung von lat-rom. v durch germ. d erst für eine Zeit nach, der eine gemein- westgerm. Entlehnung nicht mehr angehören kann. Gleichfalls b für lat. u zeigt Mons Jovis ahd. Monti Job, Munti Job, Munt Job Ahd. Gl. III 116, 4; 207, 21; über nionte Job (: zöch) Kaiserchronik ed. Schröder 14565 ; Moni Job Rudolfs Weltchron. 1199, Zs. f. d. Phil. ^3> ^94 (Belege von C. v. Kraus); aber die Formen Monti, Munt entbehren der ahd. Lautverschiebung und stammen wie ae. MuntgioJ ohne Zweifel aus Sonder- entlehnung. Das ae. Muntgiop Metr. i, 8. 14 könnte vielleicht auf einer ahd. Form beruhen.
Ortsnamen nur nhd. Bern und frz. Besanfon an, setzt jedoch hinzu, daß solche Namen eine eigene Untersuchung erfordern. Als Beitrag zu einer solchen gebe ich hier eine kleine Liste deutscher Namen, welche mein Kollege C. v. Kraus freundlichst beigesteuert hat. Verona :Perna 11, Jh., Steinmeyer und Sievers, Ahd. Gl. III 611, 30; %e Berno Notkers Boethius ed. Piper I 33, 10; Berna Ahd. Gl. III 127, 37 in 5 Hss. des Summarium Hen- rici 12., 13. Jh.; III 209, 46, 12. und 13. — 14. Jh.; Vesontium : BUmta III 611, 43, II. Jh.; vgl. in Lamprechts Alexander ed. Kinzel V. 13 Bisinzo Vorauer Hs., Bisenzun Strassburger Bearbeitung; ital. Viterbo : in der Kaiserchronik Biteme 4348. 4356, Piternare 'Be- wohner von V.' 4374 usw.; s. Schröders Namenregister; ebenso Biteme in Ottokars Reimchron. 3575; s. Seemüllers Register. Vgl. femer Venetia a Eneco (1. Eneto) rege^ prius Benetia dicta, deinde Venetia Imago mundi cap. 28 nach Doberentz, Zs. f. d. Phil. 13, 215; mhd. baidrian mnd. boldrian — Valeriana, Nyrop, Grammaire historique I* S. 399 führt noch an Verzemonum irz. Bargemont,
i) Vgl. ahd. Phdi, Pfät aus lat. Padus und ahd. Roten, Roiin, Rotan u. ähnl. aus lat. Rhodanus Ahd. Gl. III 114, 27; 206, 10; 115» 4} welche gleichfalls ahd. Verschiebung des intervoc. Kon- sonanten aufweisen.
*) Grundriß d. germ. Philologie I* 348.
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Als regelrechte Vertretung von lat. u in dieser Stellung haben wir westgerm. 7v anzusehn wie in latpavo ae. />a7va ahd. pfäwo; lat. cavea mnd. kau nl. kouw, kooi mhd. kouwe, köwe nhd. katif über ahd. *kouwa ; ') lat. vivarium ahd. wlwäri, Hiezu kommt vielleicht ae. cawel *Korb' aus dem im Kasseler Glossar belegten lat. catmella, das auch im Keltischen, so im kymr. cawell 'Korb' u. a , entlehnt vorliegt*) ; es wäre jedoch auch
') Kluge» 198, Grundriß I* 336, Later 131.
») Loth, Les mots latins dans les langues brittoniques, S. 146. Das lat. cavella, das in der anuorischen Entlehnung kavell die Bedeutung 'Wiege' angenommen hat, stellt H. Schuchardt. Romanische Etymologien II 193 (Sitzungsberichte d. phil.- hist. Klasse d. Wiener Akad. d. Wiss. 1899, 141. Band) und ebenso, wie mir Schuchardt mitteilt, V. Henry im Lex. bret. 1900 zu lat. cavus mit der Grundbedeutung 'Höhlung'. W^alde leitet in seinem Lat. etym. Wörterbuch S. 107 lat. caulae 'Schafhürde, Umfriedung, Gehege, Gitter* aus lat. caveo als 'Mittel zum Schutze'. Es ist für beide Gruppen jedoch noch eine andere und zwar gemeinsame Erklärung möglich, indem man von der Grundbedeutung 'Geflecht' ausgeht. Zur Bedeutung vgl. ae. cradol ne. rradU 'Wiege' neben ahd. chtattomSi^. kratte 'Korb' und ahd. chtezzo mhd. kretze nhd. kratze^ welches letztere neben 'Korb' auch 'WMege' bezeichnet; dieselbe Doppelbedeutung hat auch nhd. lCötze\ s. DWb. V 1904, 2074. Über ne. ctadU vgl. das NED. und Falk-Torp I 355, 410. Das lat. caulae nun hat wahr- scheinlich nahe Verwandte im Keltischen und im Germanischen. Die kelt. Formen akymr. PI. caiou 'munimenta', kymr. cae 'Ein- fassung, Gehege' usw. (vgl. Whitley Stokes bei Fick 11 66) führen Kluge« s. v. Hag und Falk-Torp I 276 auf ein idg. ^kagh- zu- rück; da aber nach Osthoff bei Brugmann, Grundr. I* 604 idg. ^h und g^h im Urkelt. unterschiedslos zusammenfallen, darf man für diese kelt. Wörter ohne weiteres auch ^kag^^h- ansetzen. Diese Grundform deckt auch ahd, hag aus germ. ^hag^o-^ ae. haga aus ^hag^on-, ae. hagosteald ahd, hagustalt aus ^hag^^u-^ und ae. hecg ahd. hecka, die wie an. ylgr^ ae. Hg entwickelt sein können; ähnlich beruhen ae. hege und an. hage auf Ausgleich. Und was das Keltische und das Germanische zulassen, fordert bei dieser Auffassung lat. caulae : *kag^h-lä, Hieher stelle ich auch lat, cavea 'Umfriedung, Gehege, Behältnis, Käfig, Bienenstock' usw., eigentlich 'aus Geflecht bestehend, gemacht', das mit nhd. Becke
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Entlehnung des ae. cawel aus dem Keltischen denkbar, wenn anders die Voraussetzungen für solche Entlehnun- gen günstiger lägen* Unregelmäßig entwickelt ist ae.
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Für die Sippe von lafian besteht nun aber, wie mir scheint, keinerlei Nötigung, sie aus einem lateini- schen Etymon zu deuten, sondern wir können an hei- misches Sprachgut anknüpfen. Das Germanische besitzt nämlich eine reiche, zu ahd. lab ^Brühe' gehörige Wort- familie (vgl. Kluge s. V. Laby Bosworth-Toller s. v. lybb, Falk-Torp I 485), welche von einer Grundbedeutung 'Saft, starke, scharfe Essenz' oder ähnlich ausgehend Bezeichnungen mit dem Sinne von 'Kräutersaft, Brühe, Salzwasser, Heiltrank, Gift, Zaubermittel' (vgl. auch nschwed. lößa 'zaubern' Noreen, Altschwed. Grammatik § 172) usw. in Übergängen entwickelt hat, für die sich auch außerhalb des Germanischen Parallelen finden. Es scheint mir nun weder sachlich noch lautlich ein Hindernis vorzuliegen, zu einem germ. Subst. ^labon 'Brühe' ein westgerm. Verbum ^ladö(]a)n anzunehmen mit der Bedeutung 'mit einem Saft, einer Abkochung usw. behandeln'. Und auf dieser ältesten Stufe der Be-
wohl auf eine gemeinsame Form ^kag^heiä zurückgehen könnte ; das Grundwort hiezu mag man etwa in dem caua *dolea, putin' des Kasseler Glossars finden. Und leicht lassen sich hier an- reihen das obige cavella, südfranz. cavagno 'Korb, Wiege', ital. cavagno 'Korb, Maulkorb'.
1) Bei diesem Worte, welches zunächst für lat. papavtr dieselbe Endung -avurn im Substrat voraussetzt wie afrz. pavo, kann man zweifeln, ob das.-^^auf Angleichung des Ausganges an' Wörter wie ae. bodig mit -ig aus -ag beruht oder ob eine sehr frühe, noch in die ersten Jahrhunderte n. Chr. fallende dialek- tische Umwandlung von lat. « zu einem ^-artigen Laute vor- liegt, wie er später gelegentlich im Italienischen erscheint: *popagum? Das 0 der ersten Silbe für a wird wohl dem Vulgär- lateinischen zuzuschreiben sein; es erscheint auch im lat. Lemma popaver in Epin. 824 und im Corpusglossar ed. Hesseis P 542; vgl. auch Schwan-Behrens, Grammatik des Altfranz.» S. 61.
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36 POGATSCHER
deutungsentwicklung dürfte im wesentlichen das ae. lafiatt^ jedoch mit der Beschränkung auf äußeren Gebrauch des Mittels, stehen geblieben sein: 'einen Kranken mit einem heilenden, stärkenden Saft, Abguß oder einer sonstigen wirksamen Flüssigkeit, (auch Was- ser, insofeme es belebend wirkt) begießen, benetzen, waschen* usw. Die deutsche Gruppe dagegen würde eine Änderung der Bedeutung nach anderer Richtung darstellen, indem die spezifische Vorstellung der Flüs- sigkeit mehr und mehr zurück und durch Zwischen- stufen, die sich leicht vermuten lassen, die allgemeinere des Pflegens eines Kranken durch dargereichte Mittel überhaupt in den Vordergrund getreten wäre; daher 'pflegen, erfrischen, laben'').
Als ältestes Zeugnis für die Vertretung von lat.- rom. interv. v durch d im englischen Wortschatz sehe ich ae. cafortün an, das ich jetzt befriedigend deuten zu können glaube. Daß dieses Wort den Glossen und der Übersetzungsliteratur eigen ist, sich stets auf fremde, nicht germanische, sondern römische Verhältnisse bezieht und darum wohl als Lehnwort zu gelten hat, glaube ich schon früher dargelegt zu haben'); jedoch
>) Eine bemerkenswerte Erinnerung alter Zustände be- wahrt vielleicht das Wort Labe in seinem heutigen Gebrauche in Kärnten, wo es ein bestimmtes abgekochtes Erfrischungs- getränk bezeichnet. M. Knittl, Kultur- und Landschaftsbilder aus Steiermark und Kärnten, Klagenfurt 1899 [3. Abschnitt) S. 32 erzählt; Zu Mittag brachte der Bauer eine große Blech- kanne mit einer dunklen Flüssigkeit und lud mich ein zutrinken. 'Was ist denn das?' — *Das ist ^iie Labe'. Ich koste; etwas säuerlich, etwas süß, angenehm prickelnd. *Ja, was ist das ?* — 'Die Labe'. — *Was ist denn die Labe ?' — *Da werden gedörrte Holzbirnen genommen und gedörrte Kirschen und Späne von Kranawettholz (Wachholder) mit der Rinde daran, und das alles zusammen gekocht. Die Suppe wird dann abgekühlt und einige Tage stehen gelassen: das ist die Labe oder der »Trunk«. Nur für die Ostertage wird sie bereitet'.
*) Festschrift zum VII L allgemeinen deutschen Neuphi- lologentage, Wien 1898 S. 98.
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sehe ich mich durch Bülbrings richtige Beobachtung') eines palatalen c in der einen der beiden Formengruppen genötigt, meine frühere Herleitung aus lat. camera auf- zugeben. Ich knüpfe jetzt an lat. cavum aedium, cavae- dium an, das entweder mit atrium gleichbedeutend war oder bei der späteren reicheren Ausgestaltung des römischen Hauses auch für den inneren Mittelraum, das peristyl(i)um, gebraucht werden konnte. Bemerkens- wert ist, daß das häufigere Wort atrium weder in den kelt. noch in den ae. Wortschatz übergegangen ist, und so kommt es, daß cafortun mit Verwischung eines etwaigen technischen Unterschiedes in der Überset'^ungs- literatur für atrium eintritt Der Zusatz von ttCfi für den von allen Seiten eingeschlossenen Raum beruht auf guter Anschauung und entspricht ganz der Gewohn- heit verdeutlichender Zusammensetzungen; vgl. meine Lehnworte S. 130; Kluge, Engl. Studien 20, 333.
Die lautliche Form von cafortun macht keine Schwierigkeiten, wenn wir annehmen, daß cavaedium^ das nicht mehr als Kompositum gefühlt wurde, in *^ä- veriufn verwandelt wurde, indem der ungewöhnliche Ausgang -edium durch das geläufige Suffix ^erium er- setzt wurde, ein Vorgang, der genug Parallelen hat. Aus *caverium entstand urae. ^ccBder, dessen ^ eine Stütze im gleichzeitigen ceaster findet, woraus ccßfertun; daneben tritt, wie schon Bülbring darlegt, eine ^r-Form, woraus urae. *cador, cafortUn; vgl. auch meine Lehn- worte § 259. Unzulässig erscheint es mir, mit B. Hein-) aus dem einmaligen Beleg cofertorirC 115, 19 ein langes a zu folgern ; die von Bülbring sorgfältig gesammelten Belege weisen auf kurzes <b oder a. Wenn nicht bloßer Schreibfehler, kann das o durch Einwirkung von ae. cofa hervorgerufen sein.
>) Anglia, Beiblatt 9, tj, 293 f.
*) Die Sprache der ae. Glosse in Eadwines Canterbury Psalter, 'Würzburg 1903 S. 49.
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Das lat. cavaediuni hat nach Hildebrand im DWb. V 21, 372 auch in Deutschland Eingang gefunden, ist aber erst aus dem späteren Mittelalter bezeugt als kaffcUe, cavdte, kavete mit mannigfach verästelter Bedeu- tungsentwicklung: 'auf Gewölben ruhender hoher Gang, besonders um eine Kirche', wie noch heute um den Dom zu Erfurt; 'Ausbau auf dem Dach, Altan, schrankartiger Verschlag, Kammer*), Vorbau', Be- zeichnungen, die an den verschiedenartig verwendeten Hofraum und seine Bogengänge anknüpfen, aber in scharfem Gegensatz zur Gestaltung der Bedeutung in England; 'Hofraum, Hof, Halle, Palast' stehn. Diese wesentlich andere Bedeutung, das späte Auftreten von kaffate, namentlich aber die fortdauernde lateinische Betonung im deutschen Worte und die abweichende Form des Wortausganges berechtigen, ja zwingen zur Annahme, daß das englische und das deutsche Wort auf getrennter Entlehnung beruhn. Außerdem ist in beiden Wörtern lat.-rom. v durch d, bez. f vertreten, ein Zeichen jüngerer Übernahme, die zunächst für das englische Wort wohl eher nach als vor 400 anzusetzen ist. Dies führt uns aber in die Zeit der Einwanderung der 'Saxones' nach England, deren Beginn R. Thumeysen, Engl. Studien 22, 177 auf etwa 410 ansetzt. Und die Ein- wanderung mit ihrer Besitzergreifung von neuem Boden mit neuer Umgebung darf man füglich als einen na- türlichen Anlaß zur Aufnahme neuer Entlehnungen an- sehen. Als Ergebnis dieser Erwägungen glaube ich aufstellen zu dürfen, daß cafortUn aus einem *cavertum für cavaedium auf englischem Boden aufgenommen worden ist.
Wenn diese Deutung etymologisch und historisch richtig ist, so nötigt sie zu gewissen Folgerungen. Es
') Vielleicht gehört hieher einzelnes von den Zusammen- stellungen bei H. Schroeder, Beitr. 29, 353, so etwa kafitte^ kafitke 'schlechte Hütte, elendes Zimmer'.
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kann dann cafortUn auf keinen Fall aus einem britta- nischen Substrat gewonnen werden, denn in allen alten, aus der Römerzeit stammenden volkstümlichen Entlehnungen zeigen die britt. Dialekte regelmäßig w für lat. ü in dieser Stellung. So die kymr. Wörter Dewi aus David, dewin aus divtnus, dewts aus dtviso, düuw aus düuvtum, cawell aus cavella, ciwdawd, ciwdod aus civitatem, ciwed aus civitas, gwiwer aus viverra usw. mit voller Regelmäßigkeit. Wo f oder v mit dem Laut- werte von franz. v erscheint, liegt Einwirkung der jüngeren, romanischen Entwicklung vor'), zu der es nach Loth in Brittanien selbst nie gekommen sein soll ; nach seiner Auffassung also Einwirkung des Fran- zösischen oder der mittelalterlichen Schulaussprache des Lateinischen: kymr. Dafydd neben älterem Dewi aus David; aviel aus evangelium.
Mit anlautendem / durch Lautsubstitution für lat.- rom. v, wie sie später in gelehrten Wörtern wie fers^ Firgilius Regel wird, besitzt das Altenglische als volks- tümliches Lehnwort fann aus lat. vannus. Die Ver- tretung von V durch / sowie die Sonderstellung von fann gegenüber den westgerm. Formen ahd. wanna mnd. wanne, mögen diese nun entlehnt oder mit vannus urverwandt sein, weisen wohl auf Aufnahme von fann nach der Einwanderung in England. Aber auch dieses Wort ist aus einem britt. Substrat nicht zu gewinnen, weil, ganz abgesehen davon, daß die britt. Dialekte es nicht besitzen, eine britt. Form mit w, später gw an- lauten müßte. So ergibt lat. vagina kymr. gwain, vene- num : gwenwyn, Veneris : gwener, vicus -' gwig, vinum : gwin usw. mit voller Regelmäßigkeit; s. Loth SS. 120. 174 ff. 243. Das britt. (gjw- wird im Altehglischen aber regelmäßig durch w wiedergegeben von den ersten
1) Vgl. hierüber Loth S. 123 und in seinem Vokabular S. 129 ff. unter den einzelnen Wörtern.
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Zeiten der Einwanderung an durch die folgenden Jahrr hunderte, was sich leicht aus Eigennamen ersehen läßt, welche gewisse historische Daten verkörpern: Wyrtgeorn, Wiht, Wintanceaster, Wiogoraceaster, Went- säte, Wreocensäte usw. Ebenso im Inlaut: GleawfanJ- ceaster. Daher könnte, nebenbei bemerkt, rein lautlich betrachtet cawel eine Entlehnung aus dem Kelti- schen sein.
Von diesen beiden, einheitlich -w- oder (gjw- bie- tenden britt. Reihen heben sich nun cafortün und fann scharf ab. Das letztere Wort könnte man zur Not viel- leicht aus Frankreich holen'). Dies ist aber für das am Boden haftende cafortün wohl unmöglich. Wenn nun Entlehnung dieses Wortes in England wahrschein- lich ist, die britt. Dialekte aber das erforderliche laut- gerechte Substrat nicht liefern, so bleibt meines Er- achtens nur die Annahme übrig, daß in den ersten Zeiten der Besiedlung Englands durch die Angelsachsen neben den britt. Dialekten das von Loth totgesagte Volkslatein in England an gewissen Punkten fortbestand und dort den Wandel von lat. ü in das jüngere rom. V noch erlebte. Diese Möglichkeit der Fortdauer des Lateins in England, die ich in den Engl. Studien 19, 329 ff. zu verteidigen suchte, hat seitdem eine wesent- liche Stütze durch die Darlegungen Thurneysens, Engl. Studien 22, 163 ff. erhalten, nach welchen den ab- ziehenden Legionen die germanischen Einwanderer fast unmittelbar auf dem Fuße folgten, diese Einwanderung also eine Folge jener Auswanderung war. Und wenn es richtig ist, daß es nach Abzug der Römer in Eng- land 'noch lange Zeit zwei sich befehdende Parteien,
1) In den romanischen Sprachen ist vannus wegen seiner Endung unter die Masculina übergetreten: ital. vanni frz. van oder Plur. van5\ s. Meyer-Lübke, Rom. Grammatik II 419; das ae. fann dagegen ist Femininum wie das lat. Grundwort.
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eine brittisch-nationale und eine römische gab' (das. SS. 176. 178), so muß das wohl als ein Beweis nach der- selben Richtung gelten.
Die Untersuchung der Frage nach der Fortdauer des Lateins in Brittanien mit sprachgeschichtlichen Mitteln stößt natürlich auf besondere Schwierigkeiten. Erstlich ist das vom Altenglischen in England auf- genommene Lehngut an sich ziemlich spärlich, weil die Sprache schon auf dem Festland fast alles auf- genommen hatte, dessen sie damals bedurfte. Ein ähn- licher Gesichtspunkt kann wohl auch, was nebenbei bemerkt sein möge, die Tatsache rechtfertigen, daß die britt. Dialekte nach etwa 400 kein Lehnmaterial mehr aufgenommen haben, ohne daß man mit Loth S. 31 daraus ein völliges Absterben des Lateins in Brittanien folgern müßte. Sodann ist von diesem ziemlich spär- lichen Lehngut wieder nur jener Bruchteil beweisend, bei dem das Englische lautliche Formen voraussetzt, die nicht zur älteren Vorstufe der britt., sondern zur jün- geren rom. Entwicklung stimmen. Der Stoff bedarf einmal einer zusammenhängenden Musterung nach die- sem Gesichtspunkte. Ich will nur noch einen Fall er- wähnen. Loth weist S. 31 nach, daß von den 600 bis 700 an Zahl betragenden, ins Britt. entlehnten Wörtern kein einziges die Assibilation von H oder ci vor Vokal zeigt, und gewinnt auch hieraus eine Stütze für seinen Schluß, daß das Latein in Brittanien nicht bis ins 5. Jahrhundert gelebt haben könne ; und in ae. Cent, dem Namen der Landschaft, auf welche die Angelsachsen zuerst den Fuß setzten, welcher Name keine Assibilie- rung aufweist, sieht er S. 32 Anm. einen weiteren Be- weis hiefür. Aber dieser Name kann als der eines für die Seefahrer wichtigen Küstengebietes den seeanwohnen- den Germanen schon Jahrhunderte früher bekannt ge- wesen sein; vgl. meine Bemerkungen über solche ^Namengebung aus der Ferne' in Engl. Studien 19,
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336 ff. Man nehme dagegen ae. plcßce, plcetse. Dieses Wort ist selbst in England nur im Nordhumbrischen üblich; alte westgerm. Entsprechungen fehlen; auch die Britten haben es nicht; und auch zu got. platj'a stimmt es nicht, falls man so für plapja lesen will. Es ist also wohl eine nördliche Sonderentlehnung, für die mir in York alle Bedingungen vorhanden gewesen zu sein scheinen. Hier liegt wieder ein doch wohl am Boden haftendes Wort vor, für welches die britt. Sprach- mittel versagen. Und faßt man das (B von plcBtse als Ergebnis des /-Umlauts von a '), so kann die Entlehnung vielleicht nicht einmal in jene Frühzeit des 5. Jahr- hunderts fallen, welcher ceaster und ccefertun mit ihrem aus ursprünglichem a erhöhten (b zuzuweisen sind. Nicht unwichtig in diesem Zusammenhange, doch viel- leicht weniger beweiskräftig, weil nicht gerade not- wendig am Boden haftend, ist ferner ae. yfitse aus rom. *ontsfa lat. uncta.
Zum Schlüsse möchte ich, nach dieser Abschwei- fung auf meinen eigentlichen Gegenstand wieder zurück- kommend, jene Fälle besprechen, die nach der Zeit des Überganges von germ. au in ae. ea mit einem azi- ähnlichen, aus altem au entstandenen Laute des Sub- strats ins Englische eindrangen. Es sind die Wörter Pawel — Paulus, cäwel — caulis und law er — laurus, Beda berichtet in seiner Kirchengeschichte I 33, König Aedil- berct habe in dem von Augustinus bei Canterbury gegründeten Kloster eine den Aposteln Petrus und Paulus geweihte Kirche erbaut. Der Name Paulus muß also spätestens um 600 in England Eingang ge- funden haben. Nach Ausweis der späteren Entwicklung (s. meine Lehnworte § 200) und auf Grundlage von Orms Päwell müssen wir für diesen Namen ae. ä an-
') Vgl. Lindelöf, Die südnorthumbrische Mundart des 10. Jahrhunderts, Bonn 1901 S. 43.
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setzen. Woher stammt dieses? Ich mochte vermuten, daß wir von der den italienischen Bekehrem geläufigen Form Päo/o oder einer ähnlichen, das au in zwei Silben zerdehnenden Aussprache, wie sie dem Süden Italiens geläufig ist '), auszugehen haben, und nehme an Stelle der von mir § 254 versuchten Erklärung, welche na- mentlich das ä nicht rechtfertigen kann, im Anschluß an P. Lambertz*) an, daß in ae. ^Pa-ul oder ^Pa-ol, wo das a im Hiatus gedehnt werden mußte, wenn es nicht etwa schon in der ital. Grundform lang gesprochen wurde, aus und vor dem u oder o der Gleitlaut w sich entwickelte. An die ital. Nebenform Pdvolo wird man kaum denken dürfen, weil, wenn sie um 600 etwa schon vorhanden war, ital. v wohl durch ae. d vertreten wäre; aber ae. Pawel und ital. Pdvolo zeigen wohl eine phonetisch verwandte Entwicklung. Eine Form "^Pä'til setzt auch an. Pöll voraus ; Noreen, Aisl. Gram- matik^ § 74, 2.
Über das Alter der Aufnahme von cäwel Masc. 'Kohl' läßt sich kaum mehr Bestimmtes sagen, als daß es nicht der kontinentalen Zeit angehört, weil es dann wohl ea enthielte. Es. ist also von ahd, köl zu trennen und erst in England aufgenommen. Da mit der Anlage von Klöstern auch der Gartenbau einen kräftigen Auf- schwung nahm, könnte cäwel mit Pawel gleichzeitig oder wenig jünger sein und würde dann wohl denselben ital. Ursprung und dieselbe Entwicklung voraussetzen, weshalb ich ä schreibe. Auch hier weist das ital. cdvolo auf ursprünglich zweisilbig gesprochenes au.
Die ae. Form cäwel setzt sich vielleicht fort in me. coul(e) ; ae. caul mag so zu deuten sein wie die ae. Schreibung saul für säwol\ in der häufigen me. Form caul vermutet das NED. s. v. cole neuerliche Über-
>) Meyer-Lübke, Italienische Grammatik S. 57.
*) Die Sptache des Ormulums, Marburg 1904 S. 144.
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nähme von lat. caulis; aber sie läßt sich wohl mit dem häufigen me, saule zusammenstellen und durch Ver- kürzung des ä im Langdiphthong äu rechtfertigen. Für caflwyrt WW. 136, 17 und daraus vermutetes ^^ä^- wyrt ist richtig cäwlwyrm d. i. 'Kohlraupe, eruca' zu lesen; s. Napier, Contributions to Old English Lexico- graphy S. 76, und vgl. cäwelwurm WW. 121, 29.
Über die lautliche Entwicklung von ae. cäl me. cöl ne. cole nördl. kale und ihr Verhältnis zum an. käl schwanken die Ansichten. In meinen Lehnworten § 200 vertrete ich die Meinung, ae. cäl sei aus dem an. käl entlehnt. Das NED. s. v. cole setzt als Quelle für dieses entweder ae. cäl, kontrahiert aus cäwel cäwl^ oder das an. käl, spricht sich aber über das Verhältnis von ae, cäl zum altnordischen Wort nicht aus. Ebensowenig Björkman, der Scandinavian Loanwords S. 106 meine Annahme der Entlehnung bezweifelt. Falk-Torp I 342 halten Entlehnung des an. Wortes aus dem ae. für das Wahrscheinlichste. Kluge-Lutz S. 46 leiten cole me. cöl aus dem altnordfranz. col = frz. chou. Ich mochte jetzt cäl als eine zweite lautgerechte ae. Form und zwar ähnlich wie das NED. als Ergebnis einer Kontrak- tion, aber von einer anderen Vorstufe aus deuten. Oben vermuteten wir als früheste ae. Form ^Pä-ul^ die durch Einschub eines Gleitlautes zu Pawel wurde ; kam der Gleitlaut nicht zu Stande, so konnte wohl ein ae. *cä-ul ebenso zu cäl kontrahiert werden wie räfhja zu rä. Und ae. cäl wäre dann ins Skandinavische entlehnt worden; vielleicht auch ins Irische und Gae- lische.
Über läwer, läwerbeam bleibt nichts weiter zu sagen; es dürfte mit den obigen Wörtern etwa gleich- zeitig sein.
Die eben genannten Entlehnungen, als deren Hei- mat Italien gelten darf, stehn wahrscheinlich nicht ver-
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einzelt; nach dem Gange der Bekehrung Englands überhaupt und nach bestimmten einzelnen Mitteilungen Bedas in seiner Kirchen geschieh te, namentlich in I 29, werden wir im Altenglischen eine ganze Gruppe von Lehnwörtern italienischer Herkunft anzunehmen haben, über die ich bei anderer Gelegenheit handeln will.
* ÜBER DIE AKZENTE IN DEN ANGEL- SÄCHSISCHEN HANDSCHRIFTEN.
Von WOLFGANG KELLFR.
Die Frage nach der Bedeutung der Akzente in den von Iren und Angelsachsen verfaßten Hand- schriften ist bis heute noch nicht gelöst. Nachdem Sweet sie 1881 angeregt hatte, war ihr Schröer in seiner Ausgabe der altenglischen Benediktiner-Regel 2. Hälfte 1888 näher getreten, ja er gibt dort selbst an, daß er schon 1882 eine längere Abhandlung darüber geschrieben habe, die ihn aber nicht mehr befriedige, weshalb er sie zurückhalte. Gleichzeitig mit ihm hat dann Sweet in seiner History of English Sounds (1888) das Beste gegeben, was bisher über das Problem existiert. Doch erklärt er die Akzente zu einem Teil einfach als 'Orna- mente', ohne die die Seite leer ausgesehen hätte, und die man zum bloßen Schmuck da und dort aufs Gerate- wohl hinpflanzte. Andererseits muß er die auffallendsten Längungen aufstellen. Da die Vorsilbe un- oft akzen- tuiert ist, nimmt er hier Dehnung nach Analogie von Wortern wie dun, tiln usw. an ; und ähnlich gezwungen klingen manche seiner anderen Erklärungen. Acht Jahre später hat W. H. Hulme in einem Aufsatz in den Modern Language Notes 11, 17 (Quantity Marks in Old-English Mss.) die Frage untersucht. Er kam
Festschrift für Kelle. 7
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KELLER
nicht viel über Sweet hinaus und nahm ebenfalls fiir einzelne Fälle die Einfügung der Akzente ztun Schmuck der Handschrift an. Doch scheint er nicht an Deh- nungen in dem Umfange wie Sweet zu glauben. In einem Anhang zu seiner Arbeit über die Vokale der Tonsilben des Codex Wintoniensis, Angl. 25, 507, hat R. A. Williams (1902) die Akzente dieser Handschrift untersucht, aber mit negativem Resultat: er steht der Willkür ratlos gegenüber. Schließlich ist in allerjüngster Zeit (1907) eine Bonner Dissertation erschienen, die mir eben noch zu Gesicht kommt, über ^Die Akzente in altenglischen Handschriften mit Berücksichtigung der Akzente im Lateinischen und Althochdeutschen' von L. Schmitt. Der Verfasser geht aus von den sonder- baren Akzenten des Laeceboc, über das er eine sprach- liche Untersuchung vorbereitet. Da dort sehr häufig die Endsilben mit dem Akzent versehen werden, nimmt er an, daß dies ein Mittel sei auf die sorgfältige Aus- sprache der ja schon in der Veränderung begriffenen Endsilbenvokale hinzuweisen, und er schließt dann, daß dies überhaupt der Zweck der Akzente in den angelsächsischen Handschriften sei, nämlich vom Stand- punkt des Schulmeisters aus auf die richtige Aus- sprache des akzentuierten Vokals aufmerksam zu ma- chen. Diese rätselhaften Akzente erklären sich sehr ein- fach aus einer einzigen Verlesung, wie weiter unten ausgeführt ist. Ich glaube der Hauptgrund, daß man bisher zu so unbefriedigenden Resultaten gekommen ist, liegt in dem falschen Weg, den man einschlug. Auch Schröer meinte mit Hilfe 'der Prinzipien der Konsonantengemination mit Herbeiziehung des Ormu- lums' zum Ziele zu gelangen. Man mußte dann erst Dehnung und später wieder Kürzung aller einsilbigen Wörter annehmen, um nur einen Schritt vorwärts zu kommen. Ich möchte von einer anderen Seite an das Problem herantreten: nach meiner Meinung ist die
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ganze Frage keine lautgeschichtliche, sondern eine palaeographische. Wir müssen zunächst den Ursprung und die traditionelle Bedeutung des Zeichens überhaupt kennen, ehe wir Einzelschlüsse ziehen. Material ist genug vorhanden. Namentlich Wülkers Brauch in seinen Bibliotheken der angelsächsischen Poesie und Prosa, die Akzente der Handschriften am Schluß zusammen- zustellen, wird man als Erleichterung empfinden. Noch bequemer, aber ungeheuer kostspielig und deshalb nicht nachgeahmt, ist der Paralleldruck sämtlicher akzentuierter Wörter in Schröers Benediktiner-Regel. Dagegen vernachlässigen die Herausgeber lateinischer Denkmäler die Akzente ganz regelmäßig, weil sie nichts damit anzufangen wissen. Hier ist man daher lediglich auf die Facsimiles angewiesen. Sehr nützlich sind auch für diese Untersuchung die Facsimiles of Ancient Charters in the British Museum, weil sie chronologisch geordnetes Material enthalten.
Wenn es gilt den Ursprung der Akzente auf- zudecken, müssen wir vor allem unterscheiden zwischen dem griechischen und dem römischen System der Akzentuierung, die, obwohl zunächst ganz verschieden, später vielfach ineinander eingreifen. Bei den Griechen kommen seit verhältnismäßig früher Zeit Tonzeichen vor, die dem Vorleser andeuten, ob der Vokal der stärksten Silbe steigend (Akut) oder fallend (Gravis) oder schleifend (steigend-fallend, Zirkumflex) gesprochen werden sollte. Das war namentlich in der alexandri- nischen Zeit nötig, als viele Ausländer das Griechische sprechen und lesen lernten. So finden wir — soweit ich sehen kann zum ersten MaP) — in dem Papyrus, der die Dithyramben des Bacchilides enthält und der im ersten Jahrhundert v. Chr. äußerst sorgfältig ge- schriebtsn worden ist, diese Lesezeichen in großer Zahl
1) Der neugefundene Tim otheus- Papyrus aus dem 4. Jh. hat keine Akzente.
verwendet. Besonders bei langen Wörtern fand man dies nützlich. (Fred. G. Kenyon, Palaeography of Greek Papyri, Oxford 1899 p. 28 f.).
Es wird also im Griechischen sowohl die expira- torisch stärkste Silbe, die Tonsilbe, bezeichnet als auch die Qualität des Tonvokals. Diese letztere aber hing sehr häufig mit seiner Quantität zusammen. Für die römischen Grammatiker war der Zusammenhang ein so enger, daß sie, die die feinen musikalischen Unterschiede der griechi- schen Akzente weder hörten noch nachahmen konnten, in dem Akzent kaum mehr als ein Schreiberzeichen sahen, um kurze von langen Vokalen zu scheiden. Dagegen spricht nicht, daß sie trotzdem das Wesen des griechischen Akzents im allgemeinen richtig be- schreiben; denn einer kopiert immer die Regel ohne weitere Kritik vom andern und glaubt sie sogar auf seine Muttersprache axizuwenden, obwohl diese ein ganz verschiedenes Betonungssystem hat (Vgl. Seelmann, die Aussprache des Latein, S. 27 ff.).
Diese Grammatiker aber sind die Lehrer des Mittel- alters. In jeder Klosterschule ist Priscian, Serg^us, Do- natus oder eine ähnliche Grammatik ein Hauptgegen- stand des Unterrichts. Da lehrt Priscian im IL Kapitel seines Buches De Accentibus, daß lange Silben sowohl mit dem Akut als mit dem Zirkumflex gesprochen werden können.
'Syllaba quoque, quae correptam vocalem habet, acuto accentu pronunciatur, ut pdx^ fax, pix, nix, nüx, düx*: denn die Vokale sind durch 'Position', d. h. durch die grammatische Regel, lang, wenngleich sie von Natur kurz sind. 'Quae vero naturaliter est longa, circumflexo accentu exprimenda est, ut res, dos, spes, TOS*,
Das heißt also nichts anderes als: det Akut be- zeichnet die 'natürliche' Kürze, der Zirkumflex die 'na- türliche' Länge des betonten Vokals.
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Niemand hat diese Regel konsequenter angewendet als der pedantisch korrekte Notker, der eine Ortho- graphie der deutschen Sprache festlegen wollte. * Oportet autem scire, quia verba theutonica sine accentu scri- benda non sunt praeter articulos, ipsi soli sine accentu pronunciantur acuto aut circumflexo*, heißt es in seinem berühmten Brief an den Bischof Hugo von Sitten. Danach schreibt also Notker im allgemeinen jedes deutsche Wort mit einem Akzent : auf die langen Ton- Vokale setzt er den Zirkumflex, auf die kurzen den Akut. In seinem Aufsatz über das Akzentuations- system Notkers in dessen Boethius (Zs. f. d. Phil. 14, 129 ff.) führt Fleischer als Vorgänger Notkers in dieser Beziehung den Hrabanus Maunis an : Mieser gebraucht den Zirkumflex zur Bezeichnung der Länge auf be- tonten wie unbetonten Vokalen, den Akut wendet er auf kurzen Vokalen an, um eine kurze Silbe [soll wohl heißen 'einen kurzen Vokal'] als betont zu bezeichnen.* Leider gibt Fleischer nicht an, worauf er diese An- sicht gründet. Auf die Fuldaer Denkmäler scheint sich die Angabe nicht zu beziehen: im Tatian z. B. er- scheint wohl Akut und Zirkumflex zur Bezeichnung der Länge, aber es sind im allgemeinen nicht diesel- ben Schreiber, die die Zeichen anwenden: die schot- tisch-angelsächsisch gebildeten schreiben eben den Akut, die der deutschen Schule folgen, den Zirkumflex. Vgl. jetzt darüber Paul Sievers, Die Akzente in althoch- deutschen und altsächsischen Handschriften, i. Teil, Ber- liner Dissert., 1906, S. 14 ff. Aber mit Notkers System hat dies nichts zu tun. Eher möchte ich glauben, daß Fleischer die Schulgrammatik des Hraban im Auge hat. Hier aber bietet dieser natürlich nichts weiter als einen Auszug aus Priscians Regeln. Er unterscheidet im Ka- pitel über den Akzent (Migne, Patrologia Latina, 11 1, 625 f.) zweierlei Silbenlängen und vermengt Akzent und Quantität: ^Qui vocis accentus duo sunt . . .: cor-
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reptus et prodiictus . . . Correptus accentus est in his syllabis, quas sine ulia mora vocis enunciamus, ut ma-- cula, tabula; productus est in his, quas cum aliqua mora vocis exprimimus, ut maiestas, libertas^ Dann heißt es — mit Verwendung von 'accentus' als Wortton — weiter, 'eine kurze Paenultima gibt den Akzent ab. Si vero penultima sive natura sive positione longa est, ipsa accentum tenebit, vel circumflexum, vel acutum, ut natura, pot^stas.''
Somit konnte Notker von Hraban nur dieselbe Theorie lernen, die sein Priscian auch enthielt. Das Verdienst, diese Regel weitergebildet und in die Praxis umgesetzt zu haben, gebührt ihm ganz allein. Er hat damit für die deutsche Sprache ein orthographisches Akzentuierungsgesetz geschaffen, das die Wortbetonung und die Quantität des Vokals jederzeit sofort erkennen läßt. Leider war es zu pedantisch genau, um sich halten zu können. Es genügte, wenn man die eine der beiden Quantitäten durch ein diakritisches Zeichen von der anderen unterschied: den Wortakzent besonders hervorzuheben, fand man bald überflüssig. Nur die eine Hälfte von Priscians Regel blieb in Kraft, die Be- zeichnung langer Vokale durch den Zirkumflex, den man zu diesem Zweck ja auch vor Notker schon an- gewandt hatte.
Die Römer hatten von selbst, ohne griechischen Einfluß, zwei Arten der Längenbezeichnung für die Vo- kale ausgebildet. Zunächst hatte Accius die ja sehr naheliegende Doppelschreibung angeordnet. Ein langes a ist nichts anderes als ein kurzes a^ vermehrt durch ein unbetontes (halbvokalisches) a. Man sollte also doch PAASTOR, MAARCVS schreiben. Und diese Regel fand sehr vielen Anklang. In den Handschriften des 7. und 8. Jahrhunderts findet sie sich besonders häufig angewendet; für das Deutsche, wie, für das Englische ist dies die älteste Quantitätsbezeichnung, die nie wieder ganz verloren gegangen ist.
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Seit Caesar aber findet sich noch ein zweites Mittel in den romischen Inschriften verwendet, der Apex. Es ist dies ein kleiner Vertikal-Strich über dem Buch- staben, der anzeigt, daß der Vokal lang zu sprechen sei. Schon vorher hatte man angefangen das lange i dadurch zu bezeichrifen, daß man den Buchstaben zu einer 'I longa' erhöhte. Vgl. Seelmann a. a. O. S. 70 ff. und besonders J. Christiansen, De apicibus et I longis inscriptionum latinarum. Diss. Kiel, 1889. Das folgende Distichon, eine Grabschrift aus der Stadt Rom, ist ein gutes Beispiel für I longa und Apex.
ViVA . VIRO • PLACVl • PRf MA • ET • CÄRISSVM CONIVNX QVOIVS . IN . ÖRE . ANIMAM . FRfciDA . DEPOSVl •
(Corpus Inscr. Lat. VI, 6593.)
Es sind also fast alle langen Vokale als solche gekennzeichnet durch den Apex ; beim / hat man die Wahl zwischen diesem Zeichen und dem erhöhten Buchstaben. Dieselbe Anwendung wie auf den In- schriften finden wir in den kapital geschriebenen Ma- nuskripten. So heißt es in dem Herkulanenser Papyrus, der das Gedicht auf die Schlacht bei Actium enthält, ARMIS, ACI6S, CERVfCIBVS, VENENI usw. Vgl. Steffens, Lateinische Palaeographie I, 4.
Die Grammatiker geben die Vorschriften darüber an das Mittelalter weiter. So lehrt Isidor, Origines I, 27, 29: '(Veteres) longae syllabae apicem appone- bant ; ut puta populus an arborem significaret an ho- minum multitudinem, apice distinguebatur.' Aber der Apex soll nur ein Hilfsmittel sein, man soll ihn nicht etwa konsequent anwenden, sondern nur dort wo er zur Vermeidung • eines Mißverständnisses notwendig ist. Daher warnt Quintilian, Institutiones i, 7, 2: ^Longis syllabis omnibus adponere apicem ineptissimum est, quia plurimae natura ipsa verbi, quod scribitur, patent ; sed interim necessarium, cum eadem littera alium atque
alium intellectum, prout correpta vel producta est, facit/ Und Terentius Scaurus gibt die Anweisung: *Apices ibi poni debent, ubi isdem litteris alia atque alia res designatur, ut v^nü et venu, drei et aret, ligit et legü^ Dann fügt er hinzu : 'Super / tarnen litteram apex non ponitur, melius enim in longam producetur.'
Also hauptsächlich zum Auseinanderhalten gleich- geschriebener Wörter wird der Apex angewandt. Nun kommt dies aber bei weitem am meisten in Betracht bei den einsilbigen Wörtern. Mehrsilbige wie pöpultis 'die Pappel', kamen ja in der Schriftsprache viel seltener vor. Aber leicht mußten sich Verlesungen ergeben bei a, si, ne, res, re, rem, me, te, se, lex, rex und ähnlichen, wenn wir bedenken, daß man in der Schrift zunächst die Worttrennung meist vernachlässigte. So kommt es, daß man, als nach der Anweisung der Grammatiker nicht mehr jeder lange Vokal mit dem Apex ausgestattet wurde, sondern nur die, bei denen es zur Unterscheidung nützlich schien, die Regel fast auf die einsilbigen Wörter beschränken konnte. Es scheint sich nur eine einzige Schulvorschrift außerdem noch in die späteren Zeiten gerettet zu haben, das war die Apizierung der Endung -Zs des Dativ-Ablativs Plu- ralis, die in der Aussprache unterschieden werden sollte von dem -is des Singulars.
Doch der Apex verschwand um 300 gänzlich aus der Schreibkunst Italiens und seiner Nachbarländer: nir- gends findet sich hier auch nur mehr eine Spur des alten Zeichens in den Pergamenthandschriften. Nur das ferne Irland, das ja so manches Stück römischer Kultur aus dem Zusammenbruch rettete und treu be- wahrte, hat auch hier die alte Tradition fortgesetzt'). Bei den Iren und ihren Schülern, den Angelsachsen, taucht der Apex wieder auf in seiner ursprünglichen
1) Dabei ist auffallend, daß nach Christiansen, S. 10, die brittannischen Inschriften keine Apices kennen.
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Verwendung. Irische Handschriften des 7. Jahrhunderts weisen, ebenso wie die ältesten angelsächsischen, die Bezeichnung der langen Vokale nach römischer Art auf. Und zwar werden besonders einsilbige Wörter und die Endung -^ so markiert. Das sog. 'Antiphonar von Bangor", 680—691, aus St Columbans Kloster in Bobbio, einer irischen Kolonie (Ambros. C. 5, Facs. bei Steffens L. P. 24 a) hat fua uis, düicis, utris\ der 'Kodex von Keils', die berühmte Evangelienhandschrift des Trinity College in Dublin aus dem 7. Jh., discipulis suis zwei- mal hintereinander (Facs. Palaeographical Society II, 88). Das Fragment der St. Galler Stiftsbibliothek Cod. 1395, p. 427 (8. Jh.; Facs. bei Steffens L. P. 24 b) hat oft Akzente über langen Vokalen : da heißt es filii — es ist undeutlich welches i der Strich treffen soll — nostris, oder bei den fremden Namen simön, mathdi. Der um 800 datierte irische Evangelien-Codex St. Gall. Stiftsb. 51 zeigt nach Steffens, der ein Facsimile auf Tafel 42 seiner L. P. bringt, 'oft Striche wie Akzente auf den Vokalen'. Sehen wir zu, so sind es die langen Vokale eis, his, nobis, d, pUni. Und dasselbe gilt von dem nächsten Facsimile bei Steffens, St. Gall. Stiftsb. Cod. 60; auch da sind die 'Striche wie Akzente' auf hie, d nichts anderes als die alten Apices. Ebenso in dem Beispiel irischer Schrift auf französischem Boden, den griechisch-lateinischen Evangelien des St. Galler Cod. 48 aus der Mitte des 9. Jhs., bei Steffens 47 a, oder in dem von Iren in Bobbio in der 2. Hälfte des 9. Jahrhunderts geschriebenen Codex Bemensis 363, der neben Augustin und Beda auch Ovid und Horaz enthält (faksimiliert von de Vries mit Einleitung von Hagen, Lugd. Bat. 1899.)
Von ihren irischen Nachbarn haben die Angel- sachsen mit der Schrift auch die romische Quantitäts- bezeichnung übernommen. Sie findet sich demgemäß nicht in den uncial geschriebenen Denkmälern, den Ur-
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künden aus dem 7. und Anfang des 8. Jhs. Denn diese ahmten ja festländische Schriftstücke nach, nicht irische. Nur der um 7CX) uncial geschriebene Canterburyer Psalter, Cotton. Vespas. A i, zeigt auf dem Worte ös den Apex, aber vielleicht von der Hand eines späteren Korrektors, der von den Iren gelernt hatte, daß man öS und OS in dieser Weise unterscheiden müsse. VgL das Facsimile der Palaeogr. Soc. II 18. Dasselbe Wort ist nämlich am häufigsten mit dem Apex versehen in den Evangelien von St. Chad, die um dieselbe Zeit, aber in der von den Iren übernommenen Halbuncial- schrift, geschrieben sind. (Facsimile dieses Lichfielder Codex Pal. Soc. II 22.) Da sind aber auch andere Wörter ebenso gekennzeichnet wie hoc, n^, nös, si^ tu, vös, öra, ei — so ist wohl zu lesen, nicht ^i — und, wie in den irischen Denkmälern besonders oft die plu- rale Endung -is. Aber neben diesen kommt der Apex auch auf dem kurzen a von dpud vor. Die Lindisfamer Evangelien, Cotton. Nero D 4, auch um 700, haben den Apex ebenfalls auf ein paar einsilbigen Wörtern. Das Facsimile der Palaeographical Society II 3 zeigt ihn wieder auf dem Wort 6s. Sehen wir die alten Ur- kunden an, wie sie die Facsimiles of Ancient Charters in the British Museum bieten. Die älteste insular, d. h. in der irisch-angelsächsischen Spitzschrift abge- faßte, von 705 (in den Facs. als 693 — 731 bezeichnet) hat me zweimal, se, re zweimal, wobei diese Einsilbler stets mit dem Nachbarwort zusammengeschrieben sind. Eine Urkunde von 740 hat dreimal d, eine von 767 A/, während fünf andere aus dem 8. Jahrhundert keinen Apex zeigen.
Wir finden also den Apex verwendet zur Kenn- zeichnung: I. des pluralen -^, 2. der kleinen, meist ein- silbigen Wörter. Dieses Letztere tritt so sehr in den Vordergrund, daß man sogar die eigentliche Bedeutung des Zeichens vergißt und es auch auf solche Wörtchen
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setzt, die einen kurzen Vokal haben. In der ganzen Folgezeit, bis hinein in die von England beeinflußten französischen Handschriften, hat nun der Apex die doppelte Bestimmung, zunächst die Länge des Vokals, dann aber auch die kleinen Wörter und Vorsilben kennt- lich zu machen. Es wird nun neben d auch de ge- schrieben, dessen a die lateinischen Grammatiker als kurz bezeichnen, in den Urkunden des Brit. Mus. von 808, 811, 825, 838, 933 usw., oder äöV 933, 944, ^j/944. Aber auch die griechische Verwendung des Akzents zur Bezeichnung des Worttons ist in England nicht ganz unbekannt geblieben, — ich meine die Hervor- hebung der Tonsilbe durch einen Akutstrich, wie sie sich zunächst zu musikalisch-metrischen Zwecken in verschiedenen Zeiten wohl selbständig entwickelt haben könnte und jedenfalls da und dort immer geübt wurde. Otfrid hat auf diese Weise den Versakzent in seiner Evangelienharmonie sorgfältig gekennzeichnet. In Eng- land finde ich die Methode zuerst in einem Manuskript, das auf Baedas eigene Hand zurückgeführt wird, in dem Codex der Kathedralbibliothek von Durham B II 30, der Cassiodors Psalmenkommentar enthält (Facs. Pal. Soc. II 164). Da hat ein Korrektor, der noch dem 8. Jh. zugewiesen werden kann, die schwierigeren Be- tonungen überall angezeigt: indtges, pinitus, egdrc, cognösceresi perue^tirent, pScodum, inpösita^ ^ligant, per- tinet, exhilarat, aurttus, perierat, dccipi, fun^ribus treten auf der faksimilierten Seite auf. Und ebenso finden sich in der derselben Zeit angehörigen Handschrift Cotton. Tib. C 2 von Baedas Historia Ecclesiastica Akzente wie petita, inuSnimus (Facs. Pal. Soc. II 141). Dieser Gebrauch ging während der angelsächsischen Periode nicht wieder verloren, wobei hauptsächlich die griechischen Fremdwörter mitwirkten. Am Anfang des 9. Jahrhunderts hat die Urkunde B. M. 805 öhitum und. zweimaliges donatiönem. Noch mehr wird es klar
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durch drei Urkunden aus der Mitte des ii. Jahrhunderts B. M. 1038 c, 1042 a (beide vom Bischof Lyfing von Worcester) und 1042 c (von König Eduard). Besonders die erste davon ist lehrreich, weil sie einen englischen Text unter dem lateinischen enthält. Da stehen die Akzente humandque, düpinsat, sophismata, alimönia, uUnti, ulSnsilibus (der Schreiber erkannte, daß der erste Akzent falsch war und setzte einfach den richtigen da- neben, ohne jenen zu eliminieren), incolis, pübltcant, uu^ogerna ceastrae, rtis, higreawe und h^ghreawe, 6aldan die, hölan grdfe, dÜlameres die, sdndihte wd^llan, biseeopet seirlett, lin deeran (2), Mge, bröee höles w^g, Uofesunes cröß, sdlewearpan (2), öterburnan, diee, tw^gen, hU, dtdc(onus). Das sind also zum kleinsten Teil Apices, Längezeichen, zumeist sind es Zeichen für den Wortton. Entsprechend den Gesetzen der altenglischen Akzen- tuation erhalten dabei die Komposita gewöhnlich ein Zeichen für jeden Teil. Es ist also hier der Akzent als Energiezeichen gebraucht, zur Bezeichnung des stärksten Tons. Es kommt dann vereinzelt soweit, daß man den Akzent dort setzt, wo der Sinn ein stärkeres Hervortreten der Stimme verlangt. Dabei wird nur noch das Wort, nicht die Silbe akzentuiert. So möchte ich die Zeichen auffassen, die bei einer Markbeschrei- bung (Urk. B. M. 823) das Wort treffen, das die Rich- tung angibt : in-öriente, ab-dquilone, ab-öriente, und viel- leicht auch ebendort ^mendauerit iniquitatis oder pro- remediö dnime.
Endlich muß hier noch eine Art der Verwendung des Apex erwähnt werden, die allerdings bei den Angel- sachsen von untergeordneter Bedeutung war, die als diakritisches Zeichen. Als solches scheint er da und dort schon auf römischen Inschriften vorzukommen, um den Halbvokal oder Spiranten von dem gleichge- schriebenen Vokal zu unterscheiden. (Vgl. Birt, Bei- träge zur lateinischen Grammatik, Rhein. Museum 52,
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Erg. Heft. 108 f.) So hat ihn Otfrid gebraucht, wo er die Versakzente einsetzte, und etwas unklar anlau- tende Vokalverbindungen als iö, üi, ütih, idmer, idgilih usw. bezeichnet. Vgl. Otfrid hsg. von Piper S. 76 der Einleitung; ebenso im Tatian: P. Sievers, S. 18. Das- selbe Prinzip findet sich wieder in den ältesten franzö- sischen Handschriften, wie Varnhagen, Zs. f. roman. Phil. 3, 161 f. und Kurt Lincke, Die Accente im Ox- forder und Cambridger Psalter sowie in anderen alt- französischen Handschriften, Diss. Erlangen 1886, nach- gewiesen haben. Ich glaube daher, daß wir auch die zwei Akzente in den Corpus-Glossen, 5 neoperüard, 137 edüaelle (Strudel) so auffassen dürfen. Hierher wer- den dann auch Wörter wie -üe (^oder') in den B. M. Urkunden von 805 und 814 b, und das in denselben Schriftstücken begegnende ni (805 ttii) gehören; üel ('oder') findet sich auch B. M. 947.
Dies hat nichts Auffallendes an sich, wenn wir an die ganz analoge Verwendung der Doppelschreibung denken, die ja auch ursprünglich die Länge des Vo- kals, beim u aber daneben die konsonantische Qualität bezeichnete.
Haben wir so schon eine Reihe sich durchkreuzender Prinzipien, die dazu angetan sind die Klarheit in der Verwendung des Akzentzeichens zu verwirren, so ge- schieht dies noch in viel höherem Maße durch die Nachlässigkeit der Abschreiber. Verhängnisvoll muß namentlich ihre Methode wirken, die Akzente fast immer erst einzusetzen, wenn die Seite zu Ende ge- schrieben war, wenn sie nicht überhaupt erst der Kor- rektor hinzufügte. Wir können dies schließen: i. aus der anderen Tintenfarbe der Akzente, 2. daraus daß die verschiedenen Seiten dabei sehr verschieden bedacht werden, 3. daraus daß sich die Zeichen, wie in den Handschriften vonBeowulf und Byrhtferth, am meisten zu Anfang und zu Ende der Zeilen, also an den für den
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oberflächlichen Überprüfer hervorstechendsten Stellen finden. Vgl. Schipper in der Einleitung zu seiner Aus- gabe des altenglischen Beda, Bibl. d. ags. Prosa IV^ S. 14, Schroer, Benediktinerregel, Bibl. d. ags. Prosa I, S. 196; Hulme, Mod. Lang. Notes 11, 24.
Dann werden natürlich eilfertig und oberflächlich die Apices dort eingefügt, wo sie die Vorlage bietet, ohne daß man sich ihre Berechtigung lange überlegt. Außerdem setzt der Schreiber selbst gewohnlich noch da und dort einen Apex ein, wo es ihm gut und nütz- lich dünkt. So kommt es, daß eine sonst kaum be- gegnende Schreibung, die des Dativs Pluralis auf -um, in den 4 Handschriften der altenglischen Benediktiner- Regel nicht weniger als 64mal auftritt. Die Erklä- rung ist, daß der Schreiber der Vorlage den Abkür- zungsstrich 'U nicht ganz horizontal gemacht hatte, so daß man bei flüchtigem Hinsehen ihn als Apex lesen konnte. Ein gutes Beispiel dafür bietet die Ur- kunde B. M. 909, wo man die /«-Striche sehr leicht als Akzente nehmen wird. Nun haben die Abschreiber die Kürzung oft aufgelöst, machten aber später bei der Einsetzung der Apices mechanisch auf das -tim noch- mals einen Strich.
Die lateinische Endung -nm behandelten sie na- türlich ebenso. Wir haben hier auch die Erklärung für die auffallenden Akzente des Lseceboc, die jüngst L. Schmitt zu seiner neuen Theorie verleitet haben. Auch hier hat ein Korrektor die Striche auf den Endsilben, die im Original für einen nasalen Konsonanten standen, in die Abschrift übertragen, obwohl diese die Abkür- zungen aufgelöst hatte. Dann aber sah er, oder ein zweiter Schreiber, den Sinn der Zeichen, wie leicht verständlich, nicht mehr ein und glaubte auch einige Endsilben ohne Nasal so kennzeichnen zu müssen. Immerhin stehen den 182 akzentuierten Endungen mit Nasal nur 23 ohne solchen gegenüber.
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Dieselbe Fluchtigkeit ist Schuld, daß so oft der Apex die Nachbarsilbe trifft. Es ist dies eine überaus häufige Erscheinung. So schreiben die Manuskripte der Benediktinerregel awörpen, aßllyde, mynichades statt dworpen, d/yllyde, mynichddes, wie wohl in der Vor- lage stand. Vgl. Benediktinerregel hsg. v. Schröer, S. 203. Ebenso kann man dieses Abspringen des Apex sehen bei einem Vergleich der Handschriften der alt- englischen Annalen, z. B. Ann. 885, ofslog an efor A : ofslog an eofor B : ofslog dn eofor C : ofslog an 6ofor DE. (The Anglo-Saxon Chronicle ed. by Benj. Thorpe, 1861.)
Oder es werden Worter wegen ihres ähnlichen Aussehens mit einander verwechselt, und der Korrektor versieht die kurzen Vokale von man, for, ansyn^ afest mit dem Apex, weil er an man, för, an, äf<Bst denkt. Wir dürfen also aus einer vereinzelten Schreibung mit dem Apex zunächst gar keine Schlüsse ziehen : denn wir können uns auf diese Zeichen weniger verlassen als auf alle anderen, namentlich weniger als auf die Buch- staben. Im folgenden finden sich weitere Beispiele für das Gesagte.
Andererseits aber bietet diese mechanische Art des Abschreibens wieder eine gewisse Gewähr für die Treue. Es ist nämlich auffallend wie unselbständig die Schreiber oft im Setzen der Apices waren. Ein in- teressantes Beispiel dafür bieten die verschiedenen Handschriften der altenglischen Annalen, die sich in Thorpes Paralleldruck ja leicht übersehen lassen. Von den 6 Handschriften A, B, C, D, E, F, schreibt der Ab- bingdoner Mönch von C die meisten Apices. Er hat fast alle von B — d. h. von ihrer gemeinschaftlichen Quelle, die Plummer (Two of the Saxon Chronicles Parallel, vol. II, Introduction, 1899) F genannt hat — übernommen und einige neue hinzugefügt. D, der Schreiber von Wor- cester, ist viel zurückhaltender. E ist noch sparsamer.
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A und F haben die wenigsten Apices. Aber es ge- schieht doch nicht allzu selten, daß ein bestimmter Apex immer wieder abgeschrieben und weitergeführt wird. Im Annal von 877 schreiben B und C com: das heißt, wenn wir nicht zufällige Übereinstimmung an- nehmen, daß nach Plummers Stammbaum drei Schreiber den Apex eines vierten abgeschrieben haben. Darauf folgt on scß B, C, D, E — der Abbingdoner hat noch einen eigenen Akzent auf ön gesetzt — : das sind nach Plummer nicht weniger als neun verschiedene Manu- skripte. Dieselben Schreiber haben Swanawtc und rdd akzentuiert. Es müssen also acht Schreiber, die sich auf einen Zeitraum von fast anderthalb Jahrhunderten verteilen, die Apices aus ihrer Vorlage abgeschrieben haben. Im nächsten Satze ist der Apex auf rdd in A, B, C, D, E, also in elf Manuskripten mit einer Ver- teilung der Abschriften auf mehr als 200 Jahre zu kon- statieren. Und dasselbe gilt von dem rdd im Annal 878. Dabei sind die Apices wohl auch hier erst bei der Korrektur nach der Vorlage eingesetzt worden. So er- klärt sich ihre Beibehaltung auch da, wo die Wort- form selbst verändert ist: 875 gebraucht B die ältere Form für den Ort Cambridge to Grdntanbrycge^ C die modernere to Grdntebricge, aber beide haben den Akzent auf dem Wort aus ihrer gemeinsamen Vor- lage — C noch durch eine Zwischenstufe — über- nommen. Dahin gehört im Annal 894 (Thorpe S. 170) das zweimalige ä (Fluß) in A, dem an denselben Stellen äa in B, C, D, entspricht. Daß hier eine tatsächliche Abhängigkeit vorhanden ist, und nicht ein rein zu- fälliges Zusammengehen, zeigt eine genauere Verglei- chung der Apices von A mit denen der übrigen Hand- schriften ganz deutlich. Nur zwei Beispiele möchte ich anführen. 874 und 878 haben A, B, C, D ßr, ^ for; 881 dagegen haben A, B, C, E for, D för, 882 wieder A, B, C/(?>, D, ^ for: also A, oder das hinter
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ihm stehende Original gibt den Apex lari, und die anderen 6 oder 8 Manuskripte (je 3 erhaltene und 3 oder 5 von Plummer erschlossene) folgen einfach nach. Dasselbe zeigt das Annal 896, wo das Wort ea zwei- mal hinter einander vorkommt : K ecB . . ^ ^a, B, C ea , . . ^a, T> — mit einem selbständigen Akzent — ^a , , . ea.
Nehmen wir einmal die Akzente einer Handschrift systematisch durch. Ich wähle zunächst das Parker- MS. der altenglischen Annalen, einmal weil es ver- hältnismäßig wenig Akzente enthält, und dann, weil sich meist kontrollieren lässt, was aus seiner Vorlage stammt und was der Schreiber aus eigenem hinzuge- fügt hat. So kommen die auffallenden Akzente in dem Gedicht auf die Schlacht bei Brunnanburg nach Aus- weis der anderen Handschriften auf das Konto dieses Schreibers. Da zeigt sich denn, daß in dem ersten Teil, bis 850, nur neun Wörter Apices tragen : d 2malj dn 3, dorn, geför, dgdn und dgan^ rice 2, swdn und tun 4, dazu noch die Eigennamen Dün, U 2, MüL Also genau so wie in den lateinischen Handschriften kurze, meist einsilbige Wörter mit langem Vokal. Es macht dabei nichts aus, daß tun dreimal im Kompositum vorkommt wie Benesing'tüny denn ein solches wird von angel- sächsischen Schreibern der Regel nach getrennt ge- schrieben. (Vgl. meine Angelsächsische Palaeographie I S. 51 f.) Dazu kommt dann noch die Vorsilbe ^. Im zweiten Teil, 851 — 924, stehen för 25 mit geför 4 ('fuhr' zur Unterscheidung von der Präposition pr; da die Votsilbe ge- oft abgekürzt oder aber getrennt ge- schrieben wurde, setzt man den Apex auch auf geför\ sck 10, üt 8, tö 7, «- (Vorsilbe) 7, dn 5, mit ndn und ^dnum, rdd 4, S {ia, Sas) 4, dr 2, com 2^ tu 2^ ddl 2, kam 2, md, -dorne, d'p, gewicode, dgdne, üp, *dspön, ^on-wSg.' Das sind also zumeist einsilbige Wörter mit langem Vokal, dann die Vorsilbe ^, und endlich unter
Festechrift ffir Kelle. 8
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den 94 Fällen 3 Wörter mit kurzem Vokal. Da die mit einem Stern gezeichneten dem Schreiber von A angehören, verschiebt sich das Verhältnis für das ur- sprüngliche Manuskript noch zu Gunsten der Einsilbler mit langem Vokal. — Im letzten Teil des Manuskripts, von 925 an, werden die Apices etwas häufiger auf kurze Vokale gesetzt. Wir finden da ön 16 und ön- (Vorsilbe) 2, ^ac 5, */ö 2 und tö- 2, dr 2, gewdt 2, *^cgum 2, d-, ^a, hUo, tid, tir, hdr, bic, wis, rim, lif, life, wiges, hdmas, cont^ta, ünweaxen, *üp, ddg, *löfy *förd, ^s^cgas, aürnen, (jedenfalls verschrieben für durnen, aber in den drei Handschriften A, B, C) und gudhaföc (verschrieben für güdhafoc^ auch D hat cu^heaföc). Wieder fallen die gestirnten Beispiele den Schreibern von A zur Last. Dann haben wir im Originalmanu- skript außer den langen Einsilblern ein paar Flexions- formen von solchen, ein mehrsilbiges Fremdwort mit langem Vokal, bei dem auch der lateinische Wortton bezeichnet sein kann, die Präposition on gewöhnlich, und vereinzelt die Vorsilben on- und un- mit dem Apex versehen. Unsere Handschrift ist etwas freige- biger damit und setzt ihn auch auf vier andere kurze Einsilbler und 3 Flexionsformen von solchen.
Ähnlich liegen die Dinge bei König Alfred. In Kapitel V bis X (11 Seiten bei Sweet) des Hatton- Manuskripts der Cura Pastoralis tragen den Apex 41 lange Einsilbler — darunter ist iimal das einsilbige Wort der zweite Bestandteil eines Kompositums — 9mal die Vorsilbe ^, 9 Flexionsformen langer Ein- silbler und 7 Mehrsilbige mit langem Vokal. Dazu kommen dann die Wörter ön 5, Vorsilbe ön- 3, is f ist') 3, löf, wil, wäg und die Präposition öfer-. d. h. einige kleine Wörter. Auch das Wort drodnesse wird so geschrieben und infolgedessen von Sweet in seinem Student's Dictionary of Anglo-Saxon samt der ganzen Sippe arod, ^flink', arodlic^ arodscipe lang angesetzt. Schon
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bei Bosworth-ToUer ist es indes richtig mit aisl. ördigr zusammengestellt. Daß es an dieser einen Stelle den Apex trägt erklärt sich daraus, daß der Korrektor das seltene Wort bei der flüchtigen Durchsicht mit (U, oder mit drod, ^geehrt', zusammenbrachte. Es ist jedenfalls verfehlt aus einem einzigen solchen Apex Schlüsse auf die Quantität des Wortes zu ziehen.
Im ersten Kapitel des Orosius hat das Lauderdale- Manuskript — bei Sweet wieder auf 11 Seiten — 93 Apices auf langen Einsilblem, 3 auf Flexionsformen von solchen, femer mit kurzem Vokal üp, scip (als erster Teil eines Kompositums) 2, die Vorsilbe ün-^ die auch sonst •öfters apiziert wird, und endlich s^glode, mido, gedmed. Das erste dieser drei Wörter hat in der Form sdode, die vielleicht in der Vorlage stand, langen Vokal; bei medo dachte der Schreiber oder Korrektor vielleicht an m4d, bei ge-drned vielleicht an dr oder (iren.
Auch im altenglischen Beda (hsg. v. J. Schipper in der Bibl. d. ags. Prosa, IV, 1899) sind dieselben Prinzipien angewendet. Doch scheinen hier öfter kurze Vokale den Apex zu tragen. Ich habe vom MS. B (nach Schipper circa 1050) 100, von den MSS. O (circa 1000) und Ca (circa 1070) je 50 Spalten durch- gesehen. Auf S. 50 — IOC hat O 41 Apices auf langen Vokalen mit der bekannten Bevorzugung der Einsilbler ; II mal trifft der Apex einen Einsilbler mit kurzem Vokal : is ^^ 0/ 4, för (Adverb, vielleicht Versehen des Korrektors, der an ßr 'luhx* dachte), cwdä, das ; 3mal die Vorsilbe on-, und endlich die 3 Wörter br^de ^Brett' — der Apex stand wohl schon in der Vorlage, denn auch Ca hat ihn, vielleicht war er vom Nachbarwort abgesprungen — , s^ndon — hier weist Ca mit mwe syndon deutlich auf das Abspringen — und mönegum. Bei diesem letzten Wort könnte man an eine Assozia-
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tion uiit möna 'Mond' denken, aber näher liegt bei diesem dreisilbigen Wort eine andere Deutung, auf die, wie; ich sehe, auch Schipper in der Einleitung zu seiner Ausgabe S. XIV hingewiesen hat. Der Akzent wird hier den Wortton. bezeichnen, wie in den oben, an- geführten Fällen. Schipper gibt als Beispiele dafür aus unserem MS. ein paar Fremdwörter und dndfengra^ inlicum an. Die Hs. Ca zeigt auf S. i — 50 ungefähr dasselbe Verhältnis: 41 langen Vokalen stehen 6 ur- sprünglich kurze mit dem Apexzeichen gegenüber. Von diesen kann wohl sSldon als gedehnt ausscheiden. Dann bleiben w^r, mdn — 'Mann', vom Korrektor als man 'Frevel* aufgefaßt, oder aus ?nS mit Abkürzungsstrich Verlesen — , fornöm — von Sweet als lang angesetzt wie com — , Jörwyrd — wie Ca zeigt stand der Apex in der Vorlage auf dem jy, das vor rd gedehnt war. Es bleibt cömpedon übrig, das vielleicht ebenso aufzu- fassen ist wie das oben besprochene mönegum\ Ca hat auch cdmpkades und C cömpade. Das Wort ist kein ge- wöhnliches, so mag sich die Akzentuierung erklären. Auf S. I — 100 von B stehen den 384 Apizes auf langen Vokalen 69 auf ursprünglich kurzen gegenüber. Von diesen bieten die in Einsilblern nichts Neues: is 3, his 3, him 2, ön 2, wid, mid 2, 6f 2, üpp 3, dd'g, pds, verwundern uns nicht mehr; kdnd und wörd sind wohl gedehnt, ebenso bürnan undi forw^^rd \ ^rman scheint mit yrnan mit gedehnten y verwechselt zu sein; daß die Vorsilben ün- 24, ön- und üpp- den Apex nach Ana- logie der Vorsilben mit langem Vokal tragen, haben wir auch schon gefunden; mdna für manna ist sicher aus mäna mit Abkürzungsstrich enstanden. Mit den Ein- silblern gehen zusammen onwSg, ongdnn, hehöd und die kurzen Formen geöce und wrdcu. Abgesprungen oder aus dem Kürzungszeichen verlesen ist der Apex in comön, butdn, forlmtön, üntrüme, dnüm — in diesen beiden Fällen vom Korrektor gebessert — und vielleicht
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in dwegy doch liegt biet eher Verwechslung mit der Vorsilbe d- vor. Auch^ bei sidfät dürfte, da das Wort zweimal hintereinander sö vorkommt, eher eine fal- sche Auffassung des Korrektors Schuld sein:
Schließlich möchte ich noch an einem Beispiel zeigen, daß auch der Satzton von Einfluß auf die Aus- stattung der Wörter mit dem Apex war. Das MS. C von Werfriths Übersetzung der Dialoge Gregors (hsg. von Hecht, Bibl. der angelsächs- Prosa V, 1900), Corpus Christi College, Cambridge 322, stammt aus der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts. Um herauszufinden, nach welchem Prinzip der Schreiber die Apices verteilt, habe ich die langen Vocale in je etwas über 600 Halbzeilen zusammengestellt: es kommen im wesentlichen nur ä^ 0y Uy£B^ ea in Betracht. Damit habe ich dann die Apices der ganzen Handschrift, die von Hecht im An- hang gesammelt sind, verglichen. So ergibt sich nicht nur welche Wörter der Schreiber gerne, sondern auch welche er nicht gerne mit dem Apex versieht. In 604 Halbzeilen stehen pa 117, pam 59, swa 38, ä- 30, la- reow, II, halig 9, na 8, para 8, acsian y^ ar- als erster Kompösitionsteil 7, flektierte Formen von agen 6. Ganz anders ist das Bild der mit dem Apex versehenen Wörter: dn 61, dazu dn- im Compositum 9, gdn in einsilbigen Formen 59, md 25, ndn 23, d (dd) 23, nd 18, Idc 12, ards 11; aber /^, das gewöhnlichste Wort, nur 5> ^" 3» ^^^'^ flektierte Formen 2, dr- i, swd i. Das heißt also: es werden gerne apiziert dn, gdn, md, ndn, d, ards, Idc; nicht gerne dagegen pd, swd, pdm, pdra, d-, Idreow, hdlig, dcsian, dgen flekt. Oder : gerne tragen den Apex die einsilbigen betonten, nicht gerne die unbetonten und die mehr- silbigen Wörter. — In 622 Halbzeilen stehen /^ 51, stowe 8, sona 7, sodlice 7, oder 6, gedon 5, don i ; in der ganzen Handschrift sind apiziert : don und gedon 45, möd 24, göd 14, dorn und -dorn \2^ för und geför 6,
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-^fön lo, tö 3. Die dreimal, wo tö den Apex trägt, ist es betont, zweimal als Adverb und einmal vor dem Personalpronomen (tö htm) ; söna, sodlice, oder haben nie den Apex. Also wieder dasselbe Bild wie bei d, — Und eine Vergleichung der U von 644 Halbzeilen er- gibt, daß gerne apiziert werden üt, tis. Aus und üpp mit kurzem Vokal, also die Einsilbler; dagegen nicht gerne ^ü, nü, ütan (bütan), also die Unbetonten und die Zweisilbler. Die Vorsilbe ün- ist öfters mit dem Apex versehen, aber nicht der Regel nach. Auch ^ und ea geben kein anderes Resultat: gerne werden apiziert sd, dr, d, ia, nicht gerne pdre, pdr, wdre und wdron, iac und die flektierten Formen von d^ad, Sage, sciawian, d. h. wieder die Unbetonten und die Mehr- silbigen. Das zeigt sich auch wieder, wenn wir Hechts freilich etwas mangelhafte Zusammenstellung der Ak- zente auf kurzen Vokalen, S. 354 f. seiner Ausgabe, überblicken. Da sehen wir die Einsilbler de, wil, üpp, die betonten Formen pdne (Demonstrativ, nicht Artikel), git (Personalpronomen, nachgestellt), his (im Gegensatz). — Freilich auch einmal unbetontes is und ic — die betonten Silben dnsund, dnsyne, dndgite, dndgyt, dnd- lifne, dndlyßta — hier ist das and stets durch die tiro- nische Note vertreten — dndfengu, fdrcßrninge, S/estinge, Sfnette, gegSrelan, rSgoles, wripiende, agrimette, bemtpene, stncoptn, ön/engre, atögen, c^nlice, r^nelan, gSonode, Hier steht somit das Zeichen in der Funktion des Wortakzents.
Es kann nicht meine Aufgabe sein alle dafür zu- gänglichen altenglischen Denkmäler hier durchzu- nehmen. Das vorgeführte Material genügt wohl um zu zeigen, worauf es ankommt. Die Akzente in den angelsächsischen Handschriften sind zunächst nichts anderes als eine Fortführung der romischen Apices. Deshalb ist der Streit, ob man sie in modernen Aus- gaben durch den Akut oder durch den Zirkumflex
ÜBER D. AKZENTE IN D. ANGELS. HANDSCHR.
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wiederzugeben habe, hinfällig: der Zirkumflex kommt gar nicht mehr in Frage. Und es ist auch eine un- nötige Mühe, die Formunterschiede der Handschriften durch x\kut und Zirkumflex nachzubilden, wie dies z. B. Schipper in seiner Beda-Ausgabe getan hat. Das Häkchen, das dem Akut manchmal das Aussehen eines Zirkumflexes gibt, ist nichts anderes als der Federab- strich. Aber der Apex hat seine ursprüngliche Bedeu- tung erweitert: er dient nicht mehr nur zur Markie- rung der langen Vokale, sondern auch der kleinen Wörter überhaupt. Bei solchen kleinen Wörtern beweist er also nichts für die Quantität: die §§ 122, 123 von Sievers' Angelsächsischer Grammatik, die die Neigung zur Dehnung einsilbiger Wörter auf einfachen Konso- nanten, und dann auch auf ursprüngliche Gemminata, behandeln, sind daher ebenso wie die entsprechenden in Bülbrings Altenglischem Elementarbuch, §§ 284, 286, soweit sie sich nur auf den Apex stützen, wohl nicht genügend fundiert. Auf die paar Doppelschreibungen in den Corpusglossen — darunter paat für poed, waar für wearr — wird man aber nicht so großes Gewicht legen dürfen.
Dazu kommt weiter, daß man in England seit dem 8. Jahrhundert in griechischen und lateinischen Wörtern, und dann auch in englischen, den Wortton durch den Akut anzeigen konnte. Akzent und Apex werden nun durch dasselbe Zeichen ausgedrückt, was auch bei mehrsilbigen Wörtern grammatische Folge- rungen aus der Schreibung nur bei Anwendung aller Kritik gestattet. Es will mir scheinen als ob damit in neuerer Zeit manchmal allzurasch verfahren würde. So hat z. B. Krawutschke in seiner Untersuchung der Sprache der Boethius-Übersetzung (Berliner Disserta- tion 1902) die mittelenglische Dehnung in offener Silbe auf Grund eines Akzents vor die Zeit König Alfreds, also fast vier Jahrhunderte, zurückdatiert.
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Ich hoffe, daß es mir gelungen ist die Prinzipien, nach den^n die Akzente in den angelsachsischen Hand- schriften aufzufassen sind, klarzulegen: Aufgabe der Kritik ist es aber in jedem Falle zu entscheiden, welches Prinrip zur Erklärung herangezogen werden muß.
ZUR SYNTAX DES KONJUNKTIVS IM BEÖWULF.
Von V. E. MOUREK. '
; Wohl die merkwürdigste Regel, die in der ger- manischen Syntax herumspukt, ist die, daß ein nega- tiver oder imperativischer oder konjunktivischer Haupt- satz notwendig, oder doch ordnungsmäßig einen Kon- junktiv (Optativ) im Nebensatze erfordert. Sie ist das gemeinsame Produkt der um die deutsche Syntax hoch- verdienten Forscher Bernhardt und Erdmann, beruht aber gleichwohl auf einem Irrtume.
Für das Gotische habe ich handgreiflich nachge- wiesen,') daß nichts dergleichen der Fall ist, daß der Nebensatz ebenso wie der Hauptsatz denjenigen Mo- dus hat, den seine eigenen Verhältnisse erheischen, und daß man höchstens eine assimilierende Kraft des Kon- junktivs des Hauptsatzes zugeben kann, aber auch das nicht muß.
Auch für den Beöwulf macht Nader den Haupt- satz für einzelne Konjunktive des Nebensatzes verant- wortlieh. 2)
») In der Abhandlung: Über den Einfluß des Haupt- satzes auf den Modus des Nebensatzes im Gotischen. Sitz.-Ber. d. kgl. Böhm. Ges. d. Wiss. 1892. Nr. XII. — Dortselbst führe ich auch die Stellen der Schriften Bernhardts und Erdmanns an, auf denen die Regel beruht. Vgl. femer S. B. d. kgl. Böhm. Ges. d. Wiss. 1895, Nr. XVII.
2) E. Nader, Tempus und Modus im Beöwulf. Anglia "11,444.
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Ich will hier abermals handgreiflich nachweisen, daß auch dies ohne jeden Schein eines Grundes be- hauptet ist.
Es ergibt sich dies klar aus drei Umständen : erstens daraus, daß in jeder Kategorie von Nebensätzen Judikative stehen, wenn im Hauptsatze die oben ge- nannten Bedingungen vorhanden sind;
zweitens daraus, daß Konjunktive in Nebensätzen vorkommen, wenn im Hauptsatze keine von den ge- nannten Bedingungen vorliegt;
drittens daraus, daß alle die scheinbar durch Ne- gation, Imperativ, Konjunktiv des Hauptsatzes hervor- gerufenen Fälle des Konjunktivs im Nebensatze — die übrigens in verschwindend kleiner Anzahl auftreten — ungezwungen eine ebenso plausible Erklärung zulassen, wenn man nur von der Tatsache ausgeht, daß in Haupt- und Nebensätzen vollkommen gleich der Indikativ der Modus der kühl, ohne besonderes Interesse des redenden Subjektes referierten Tatsäch- lichkeit, der Konjunktiv jedoch der Modus des vom Subjekte betonten besonderen Interesses an der Aussage ist, sei es daß dieselbe als erwünscht (Euktivus, Adhor- tativus, Finalis, auch Konzessivus) oder unsicher (Dubi- tativus im weiteren Sinne des Wortes) oder als möglich (oder auch unmöglich: Potentialis, Irrealis) ausgespro- chen werden soll.
A. Indikative in Nebensätzen trotz voran- gehenden vermeintlichen Anlässen zum Kon- junktiv.
I. Indikativische Nebensätze nach ne- gativen Hauptsätzen.
Die Negation im Hauptsatze soll nach der ver- meintlichen Regel im Nebensatze den Konjunktiv ver-
ZUR SYNTAX DES KONJUNKTIVS IM BEÖWULF. 123
anlassen. Merkwürdig ist hier schon, daß es niemandem aufgefallen ist, daß allgemein eine der obigen Annahme diametral entgegenstehende Regel anerkannt wird, näm- lich, in Sätzen nach einem Komparativ, wo gerade einem negativen Hauptsatze regelmäßig der Indi- kativ folgt,') (so auch in Temporalsätzen nach aer^ die eigentlich auch Komparativsätze sind) und ebenso regelmäßig einem positiven Hauptsatze der Konjunktiv ! Wie lassen sich diese zwei Regeln vereinbaren? Offen- bar muß eine davon unrichtig sein, oder — wie ich be- haupte — beide. Die Qualität des Hauptsatzes hat mit dem Modus des Nebensatzes nichts zu schaffen!
Ausnahmen von der vermeintlichen Regel sind so zahlreich, daß man sie nicht einfach übersehen kann. Aber man behilft sich mit der Ausrede, daß in solchen Fällen sich der Einfluß der Negation des Hauptsatzes nicht auf den Nebensatz erstreckt. Sicher mit Unrecht, denn wäre er überhaupt vorhanden, so müßte sich seine Wirkung immer zeigen. Übrigens ist die Behauptung, daß die Negation nur dann im Nebensatze den Kon- junktiv veranlaßt, wenn sie sich auch auf den Inhalt des Nebensatzes erstreckt, eigentlich nichts anderes, als was ich behaupte, daß der Nebensatz nur den Mo- dus hat, den seine eigenen Verhältniße erfordern. Denn erstreckt sich die Negation auf den Inhalt des Neben- satzes, so gehört sie eben auch dem Nebensatze an, und hilft vermöge dieser Zugehörigkeit die Moduswahl für denselben zu treffen.*)
Im Beöwulf finde ich nach negativen Hauptsätzen folgende unzweifelhaften^) Indikative in Nebensätzen:
1) Vgl. für d. As. Behaghel, Modi § 28; f. d. Ahd. und Mhd. Brdmanns Grundzüge, § 190 u. Paul Mhd. Gr. § 350; für Beöw. Nader, Temp. u. Mod. Anglia 11, 458.
*) Vgl. S. B. 1892. S. 280.
•) Das Belegemateriale schrumpft leider dadurch sehr zusammen, daß sehr viele Zeitformen im Ags. Indik. u. Konj.
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(Subjektsatz) : 2898. lyt swtgode ntwra spella se pc näs geräd,')
(Objektsätze): 2601. sibb aefre ne mag wtht onwe?i' dan päfn Pe wel Penced. — 1466. ne gemunde . . . pät hS der gespräc, — 50. men necunnon secgan . . . hwd paem hläste o n/fing. — 1332. icne wät hwäder -atol aese wlanc eßstdas tedh, — 1356. nö hte fäder cunnon, hwäder htm aenig was dcenned dyrnra gästa, -^ 162. men ne cunnon, hwyder helrunan hwyrftum scridad.
(Attributivsätze): 2CX>9. swd nS gylpan pearf . , • aentg ... s^ pe lengest leofad, — 2224. "^calles mid gc- wealdum wyrmhorda cräft sdhte sylfes willum si pe htm sdre gesceöd. — 1363. nis pät feor heonon . . Pät se 7nere standed, ofer paem hongiaS hrinde bearwas. — ^ 1456. näs pät ponne maetost mägenfultuma, Pät htm ou Pei rfe läh pyle Hrödgäres. — 146 1. naefre hit ät hildc nc swäc manna aengum pdra pe hit mid mundum be- wand, — 1077/1080. nalles hölinga Höces dohtor meotod- sccaft bemearn syddan morgen com, pd heö . . . geseön mcahte mordorbealo mdga, paer heö aer maeste heöld worolde wynne.
(Lokalsätze): 692. naenig heora pöhte, Pät he Po- non scolde eft eardlufan aefre gesecean . . , Paer hi äfe- ded was. — 2355. nö pät laesest was hondgemöta, pa^r nion Hygeldc slöh.
(Modalsätze) : 1234. . wyrd , ne cüdon . . . S7vd hit ägangen weard eorla manegum, — 247. naefre ic mä- ran geseah eorla . . . ponne is eöwer sum, — 1362. nis pät feor heonon . . .pät se mere standet, — 562. näs hie paere fylle gefedn häfdon . . , pät hte mö pigon, symbel ymbsaeton, — 1521. hond sivenge ne oftedh, pät hire on häfelan hringmael dgöL
nicht mehr sicher unterscheiden. Die Belege sind nach Heyne- Socins Ausgabe des Beowulf (1903) zitiert.
») Die Umschreibung Ipt vungode niwta spelia nehme ich direkt als negativen Ausdruck, was sie logisch sicher ist.
ZUR SYNTAX DES KONJUNKTIVS IM BEÖWULF. 125
(Temporalsätze): 510. ni ine aenig mon ... beledn mihte sorhßillne std, pd git on sund reön. — 799.. A/^ ^ät ne wiston, pd hte gewin drugon. — 1466. ne ge- munde mago Eegldfes eaßdes eräftig , . . pd hS päs waepnes qnldh silran sweordfrecan, — 2373. bearne ne truwode, pät kS , , . edelstdlas healdan eüde, pd was Hygeläe dead. — 2873. pd hine wtg heget, nealles folc- cyning gylpan porfte. — 933. ie aenigra mS wedna ne wende tö wtdan feöre böte gebtdan, ponne blöde fdh hüsa seiest heorodreörig st öd, — 1043. naefre on öre lag wtd- cüdes wtg, ponne walu feöllon, — 2452. ödres ne gymed tö gebtdanne . . . yrfeweardas, ponne se dn ha/ad . . . daeda gefondad, — 2743. me wttan ne pearf waldend . . . mordorbealo mdga, ponne mtn sceaced Itf of lice, — 1078. nalles hölinga Höces dohtor meotodsceaß bemearn, syddan morgen com, — i^99« naenigne ic . , . sSlran hyrde hordmädmum häleda, syddan Hdma dt wäg . . . Brösinga mene, 1 740. kS pät wyrse ne con, od pät him on innan oferhygda dael weaxed ond wrtdad, ponne se weard swefed, — 2125. nöder hy hine ne möston, sy^dan mer- gen cwöm , . . bronde forbärnan, nö on bael kladan leöfne mannan. — 2355. nö Pät laesest was hondgemöta, . . . syddan Gedta cyning ... sw e a It, — 2996. ne porfte him pd ledn odwUan mon . . . syddan hte Pd maerda geslögon, — 3128. näs Pd on hlytme hwd pät hord strude, syddan orwearde . . . seegas gesSgon on sele wtinian,
(Kausalsätze) : 426. ic pS nü pd . , , biddan wille . . . dnre bine : Pät pu mS ne forwyrne , , . nü ic pus feorran com, — 1104. Fin Hengeste ddum benemde . . . Pät Paer aenig mon wordum nS worcum waere ne braece . . . pd him swd gepearfod was, (In diesen beiden Belegen stehen die Indikative nicht nur trotz der vorangehenden Negation, sondern auch trotz der übergeordneten Kon- junktive, und obendrein in indirekter Rede.)
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(Hypothetischer Satz): 66i. ne bid pS wilna gäd, gif pü ßät ellenweorc aldre gedtgest,
(Konzessivsätze) haben den Konjunktiv als Regel, und doch folgt nach einer Negation der Indikativ an zwei Stellen : 1614. ne nöm hS in Paetn wtcum . . . määm- aehta mä, ßSh hS paer monige geseah, — 2468. nö Py aer hi ßone headorinc hatian ne meahte Iddum dae- dum, Pedh him leöf ne was.
Überall entscheidet in diesen Belegen nur die Tat- sächlichkeit des im Nebensatze Ausgesprochenen, ohne jegliche Rücksicht auf die Negation des Haupt- satzes.
Nach der Tatsächlichkeit des Inhalts sind (für mich wenigstens) unzweifelhaft auch folgende Belege indikativisch zu fassen, wenn auch die Verbalformen auch als Konjunktive angesehen werden könnten:
(Subjektsätze): 43. — 717. — 1464. — 755. — 933.
(Objektsätze) : 3055. — 3060. — 1934. — 692. — 3068.
(Attributivsätze) : 950. — 2364. — 2846. — 1049. — 842.
(Modalsätze): 757. — 2459. — 2592. — 2846. —
43- — S3. — 1305-
(Temporalsätze): 1077. — 655. — 1472.
II. Indikativische Nebensätze nach Im- perativen im Hauptsatze.
Auch nach vorangehendem Imperativ finden sich unzweifelhafte Indikative in Nebensätzen, obzwar sie natürlich weniger zahlreich sind, da der Imperativ über- haupt spärlicher auftritt:
(Objektsätze) : 388. gesaga him edc wordum, pät hte sint wilcuman, — 1475« gepenc nü , . . hwät wit geö spraecon,
(Attributivsätze): 452. onsend Higeldce, gif mec hild nime, beaduscruda betst, pät mtne breast wered, — 1483. swylce pü pä mädmas, pe pü mi sealdest, Higeldce onsend.
ZUR SYNTAX DES KONJUNKTIVS IM BEÖWULF. 127
(Modalsätze): 1232. dod swä ic bidde, — 2664. laest eall tela, swä ßu on geogudfeöre gecwaede. —
(Temporalsätze) ; 2744. Nu fm lungre geong hord scedwian . . . nü se ivyrm liged, — 2800. nü ic on mddma hord mfne bebohte fröde feofhlege, fremmad gS nü leödd Pearfe, — 2248. heald Pü nü hrüse, nü käled ne möston, eorla aehte, — 1475. g^P^^c nü . , . nü ic eom stdes ßis . . . hwät wit geö spraecon, (In allen diesen Belegen hat das temporale nü eine kausale Nebenbedeutung.)
In zwei Belegen ist der Imperativ nur umschrie- ben : 293. swylce ic maguPegnas mtne häte . . . nacan on sande drum healdan, od pät eß byrcd ofer lagustredmas leöfne mannan wudu wundenhah to Wedermearce, — 3019. sceal . . . elland tredan, nü sc herewisa hleahtor älegdc.
III. Indikativische Nebensätze nach Kon- junktiven im^übergeordneten Satze.
Wohl die meiste beweisende Kraft haben die ziemlich zahlreichen Fälle, in denen selbst in der Ab- hängigkeit von einem Konjunktiv der Nebensatz doch seinen Indikativ behauptet, um die Tatsächlichkeit seines Inhaltes aufs bestimmteste hervorzuheben (wo also der übergeordnete Konjunktiv selbst auch seine assimilierende Kraft nicht betätigen kann!).
(Objektsätze): 1779. päs sig metode panc, päs pc ic on aldre gebäd, Pät ic on pone hafelan . . . edguni starige. — 2070. ic sceal ford sprecan . . . pät pü geare cunne . . . t() hwan syffdan weard hondraes häleda.
(Attributivsätze) : 2865. pät lä mag secgan, sS pe wyle sdd specan, Pät sc mondryhten, sS eöw p& mädmas geaf eöredgeatwe, pä gS paer on standad , , . pät he genunga güdgewaedii wräde forwurpe. — 2635. we gehiton üssum hläforde . . . pS üs päs bedgas geaf, pät wS kirn pä güdgetäwa gyldan woldon, gif him pyslicti pearf gelumpe , , , pS heüsic on herge geccds . . . ond
Ißo MOUREK
Pät mS is micle leöfre, pät mtnne Itchaman glSd fäd^ mie. — (Dagegen liegt der Konjunktiv der fremden unverbürgten Aussage vor in) 1695. swä was on paetn scennum . .