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Neckarſeite

| der | | | Schwaͤbiſchen Alb, mit Andeutungen uͤber die Donauſeite, eingeſtreuten Romanzen und andern Zugaben.

Wegweiſer und Reiſebeſchreibung as von Gufav Schwab | nebſt einem natur⸗hiſtoriſchen Anhang von f Profeſſor D. Schuͤb ler und einer Spezialcharte der Alb.

| Stuttgart, in der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 4 8 2 38.

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Vorrede.

Ueber den Zweck und die Anlage dieſer Schrift habe ich in der Einleitung geſprochen. Hier bleibt mir nur noch uͤbrig zu ſagen, daß alles, was ich von ihr mein nennen kann, ſich auf Naturanſchauung und Poe ſie beſchraͤnkt; das uͤbrige beſteht aus Moſaikarbeit, und ich bin vollkommen zufrieden, wenn der Kenner mein Verfahren hierbei fleißig und umſichtig, und der Wandrer fi dadurch der Mühe uͤberhoben fin— det, eine gute Anzahl Schriftſteller, deren Anga⸗ ben ich ihm zuſammengeſtellt, vor ſeiner Reiſe zu leſen oder nachzuſchlagen. Dieſe find nach alphabes tiſcher Ordnung: Ammermuͤller, Cleß, Conz, Cruſius, Gottſchalk, Hoͤslin, Jaͤger, Memminger, Pfaff, Pfiſter, Rebſtock, Rink, Roͤsler, Sattler, Schnurrer, Schwelin, Stein hofer, Weckherlin, Werfer und manche andere.

Oeffentlichen, innigen Dank fuͤr guͤtige Un⸗ terſtuͤtzung und zum Theil ſehr reichliche Beitraͤge ſage ich noch beſonders den Herren S. Boiſſe— rée, G. v. Cotta, Memminger, Seyffer, L. Uhland, in Stuttgart, Schuͤbler, G.

\

Märklin und Chr. Wurm, in Tuͤbingen, Mo⸗ ſer und Veeſenmeyer, in Ulm, Dillenins . in Oberbebingen, Buſch in Steingebronn, Pfah⸗ ler in Wieſenſtaig und fuͤr einzelne Notizen manchem wackern und unterrichteten Wirth am Fuße der Alb.

Hiermit verbinde ich die dringende Bitte um freundliche Mittheilung von Berichtigungen aller Art, welche ich beſonders an Freunde der Alb richte, die auf derſelben oder in ihrer Naͤhe anſaͤſſig ſind, und welcher mein Werk (wie faſt jedes dieſer Art) ohne Zweifel ſehr beduͤrftig ſeyn wird. Uebrigens uͤbergebe ich, troß der Ueberzeu⸗ gung von der vielfachen Mangelhaftigkeit dieſes Verſuchs, denſelben getroſt allen Freunden des geliebten Vaterlandes, allen, die noch Sinn fuͤr den edelſten und reinſten aller irdiſchen Genuͤſſe haben, fuͤr den Genuß, den uns die Anſchauung der Natur, die Bewundrung des Schoͤpfers, den wir in ihr ahnen, die Erinnerung an die merk wuͤrdigen Menſchen, die einſt in ihr gelebt und auf ſie eingewirkt haben, gewaͤhrt. |

Stuttgart, den loten April 1825. Guſtav Schwab.

Sn,

Allgemeine Bemerkunges 0. 1 Erſter Reiſetag: auf die Lochen eee Zweiter: Durchs Lautlinger Thal uͤber Ebingen zum Fuße

des Hohenzollern 3227 Dritter: Auf Zollern uͤber Belſen, den Farrenberg und die

Salmandinger Capelle nach Moͤſſi ngen 141 Vierter: Ueber den Roßberg, Lichtenſtein, Nebelhoͤhle,

Achalm nach Reutlingen 3 Fünfter: Ueber Rauh-Sankt-Johann nach Urach. . 85 Sechster: Ueber Hohenneufen durchs Lenninger Thal uͤber

die Teck nach Kirchheim r Siebenter: Reiſe ins Neidlinger Thall . 155 Siebenter Abend und achter Reiſetag. Erſte Tour:

Ueber Wieſenſtaig und Geißlingen nach Göppingen 170 Zweite Paralleltour des ſiebenten Abends. 190 Achter Tag, zweite Tour: Uber Boll und Göppingen nach

Hohenſtienf enn „191

Neunter: Ueber den Rechberg nach Heubach auf den Roſen⸗ ſtein nach ſchwaͤb. Gmuͤennd 221

Zehnter: Gmünd und Lorch. Schluß der Albreiſe . 248

VI

I.

II.

III. *

V.

70 8 3. 1. BD. 6. 7. 8.

9.

An hänge.

Seite.

Andeutungen uͤber die Donauſeite der Alb. (enthalten das Lau⸗, Lauhert-, Aach⸗, Blau-, Schmichen⸗, Brenz⸗ „„ /

Gmuͤnd im Bauernkrieg und den Religionshaͤndeln aus ungedructen und bisher unbekannten Original-Ur⸗ Anden.: we

Ueber die Alterthuͤmer der Belſener-Capelle

Geognoſtiſches, Mineralogiſches, Botaniſches uͤber die Alb

von Prof. D. Schuͤbler in Tuͤbingen Berichtigungen und Zuſaͤg ee rJuꝛIE : ß

Romanzen und Lieder, die in dieſen Wegweiſer eingeſtreut ſind.

SScn genoß, 20 0 Hans Koch von Ellingen 2% Meher (Belſ en) 92 RP: Die Steinlacherin und der Ruſſe ii ichtenſte ens Die Feien des Urſulenberg ess car Lm œh¶ Der Schwur (beim Uracher Waſſerfall) eng Nikod. Friſchlin, v. Juſtinus Kerner,

10, Meizog Uleich vor N-eufen

11.

Minnelied von Gottfried v. Neufen

12. Die drei Brüder vom Wielandſtein

18;

14. 15. 16.

Sage vom Lenninger Thal aus Hermann v. Sachenheims

Mieses eee eee ee Der Bau des Reiſſenſte inne Der Geiſelſtein von Guſt. Hohb ach. Das Wunderbruͤnnlein von demſelben

1). Wilhelm von Rechberg und der paͤbſtliche

Legat. * * . 0 * 9 * + + +

18. Der Klopfer auf Hohbenrehberg . 2 2 0...

269

283

292

302

311

224 227

19. Die Beißwanger Capelle 257 20. Gain Saunterburg zn wre En 265

Herausgekommene oder es erſcheinende Alb⸗

anſichten ſind:

I. Lithographiſches Werk der Herrn E. Fries und Chr. Riſt. 16 Blaͤtter queer Folio. Subſcript. Preis für das Ganze 8 fl.: 1) Straßberg bei Ebingen. 2) Hohenzollern. 3) Belſener Capelle. 4) Schloß Lichtenſtein. 5) Reutlingen mit der Achalm. 6) Die Veſte Hohenneufen. 7) Stadt und Veſte Urach. 8) Hohenwittlingen im Seeburger Thal. 9) Blau⸗ beuren mit dem Blautopf. 10) Der Wielandſtein im Lenninger⸗ Thal. 11) Der Rauber und die Teck. 12) Der Reiſſenſtein bei Wieſenſtaig. 13) Geislingen mit dem Helfenſtein. 14) Stauf⸗ feneck bei Goͤppingen. 15) Schloß Hohenrechberg nebſt dem Hohenſtaufen. 16) Der Roſenſtein.

II. Kupferſtiche von Herrn Hoftupferſtecher Seyffer: 1) Ho⸗ henſtaufen, gr. Imp. Fol. 5 fl. 30 kr. 2) Ruinen des Schloß ſes Roſenſtein (in einer Folge von 6 Anſichten aus Wuͤrtem⸗ berg. Queer 4. zuſammen 1 fl. 36 kr.).

Erwartet werden von ebendemſelben: 1) Reiſſenſtein. 2) Lichtenſtein. 3) Reichenſtein. 4) Wart⸗ ſtein. 5) Schilzburg. 6) Wielandſtein. 7) Der Rauber. 8) Der Maͤdchenfelſen. 9) Gutenberg. 10) Urſprung der Lauter. 11) Sulzburg. 12) Teck. 153) Hohengerhauſen. 14) Klingenſtein.

III. Kupferſtiche von Herrn Hoftupferſtecher Duttenhofer: Schloß Urach. 1 fl. 36 kr. Der Waſſerfall bei Urach. 1 fl. 56 fr,

VIII

IV. 18 lithographirte Blätter, die maleriſchen und romantiſchen

V.

Anſichten und Ruinen des Lauterthals darſtellend, von Herrn

Maler J. P. Grieſinger in Buttenhauſen: Offenhauſen, als

Urſprungsort der Lauter; Marbach; das koͤnigliche Jagdſchloß Graveneck; die Ruine von Blankenſtein; Buttenhauſen; die Ruine Hunderſingen; die Ruine Bichishauſen; die Ruine Hohengundelfingen; die Ruine Niedergundelfingen: die Witt⸗ ſtaige; das alte Schloß Derneck; das Schloß Eee die Ruine Maiſenburg; die Ruine Altmannshauſen; die Ruine Reichenſtein; der Waſſerfall bei Laufenmuͤhle; Neuburg; das

Kloſter Obermarchthal, der Ort der Muͤndung der Lauter in

die Donau. Der Subſcriptions-Preis fuͤr das ganze Werk

in groß Queer⸗Folid iſt, auf fein Papier, 5 fl; colorirt g fl. Jedes Heft von 6 Anſichten, 2 fl. 30 kr; colorirt 3 fl 30 kr.;

einzeln 36 kr.; colorirt 1 fl.

Kleine Vignetten von faſt allen Hauptpunkten der Alb, beſon⸗ ders zu Stammblaͤttern brauchbar, ſind, ſchwarz und colorirt, bei Herrn Kunſthaͤndler Ebner in Stuttgart (Koͤnigsſtraße bei der Planie) zu haben; wo auch die obigen Artikel zu er⸗ fragen ſind.

Allgemeine Bemerkungen.

Die nordweſtliche Abdachung der Alb“) gegen den Neckar, ungleich ſchroffer und höher als die ſuͤdoͤſtliche gegen die Do⸗ nau, iſt faſt auf allen hoͤhern Punkten des diſſeitigen Wuͤrtem— bergs ſichtbar, und bildet eine Länge von 30 56 Stunden. Sie beginnt für das Auge ſuͤdweſtlich mit den Bergen bei Spaichingen, und zieht ſich nordoͤſtlich herab bis in die Ge— gend von Aalen, und weiter einwaͤrts bis Bopfingen. Aus der Ferne geſehen, hat dieſe Gebirgskette etwas Trauriges und Einfoͤrmiges, vielleicht ſchon darum, weil ſie uns hier die Schattenſeite zukehrt: die ganze ſchroffaufſteigende Berges— wand, ſchwarzblau von der Entfernung gefaͤrbt, bildet am Ho— rizont eine gerade Linie, die nur wenige, kaum über die Bergflaͤche ſich emporhebende Gipfel unterbrechen: dem ver— weilenden Blicke theilt fie ſich bald in eine Menge aneinan⸗ der gereihter Saͤrge, mit welchen hie und da eine Kegelform, noch ſeltner eine Halbkugel wechſelt; kein Fluß am Fuße be= lebt und mildert den Anblick, waldige Huͤgel bilden faſt allent— halben den Vorgrund des Gebirges, bis zum Neckar, der

*) Alb, nicht Alp, iſt die Schreibart aller alten Urkunden und Buͤcher, wo dieſes Gebirge genannt iſt. Die erſte Spur des Namens findet ſich bei dem roͤm. Geſchichtſchreiber Vopiſcus, der im Leben des Kaiſers Probus (regierte vom J. 276 282 nach Chriſtus) erzaͤhlt, daß dieſer die Deutſchen, die ſich Galliens bemaͤchtigt hatten, und ins roͤmiſche Gebiet einge⸗ drungen waren, geſchlagen und ihre Ueberbleibſel ultra Ni- crum fluvium et Albam (er ſagt nicht Alpes suevicas), uͤber den Neckar und die Alb, zuruͤckgebraͤngt.

G. Schwab, ſchwäb. Alb. 1

2

wiederum von Hügeln bedeckt iſt, die hinanſteigend ſich her— waͤrts bald in eine Flaͤche von Feld oder Wald verlieren, je nachdem der Beſchauer einen Standpunkt gewaͤhlt hat.

Aber wenn die Luft nicht duͤnſtig, der Horizont an den Bergen blau iſt, und die Abendſonne einen Strahl auf dieſe Ferne wirft, ſo erheitert und belebt ſich bald das Gemaͤlde. Die dunkle Farbe des Gebirgs wird in ein durchſichtiges Blau verklaͤrt, uͤber das der Sonnenſchein eine leichte Roͤthe gießt, in der bald mehr Wechſel der Formen hervortritt, als das Auge früher geahnet. Sie halt uns die reichen Buchenwaͤlder, von welchen dieſe Berge bis zu ihren oberſten Hoͤhen umklei— det ſind, ſchimmernd entgegen, zeigt dem Blicke den Anfang mannigfaltiger Thaͤler, die ſich zwiſchen den mehr und mehr vom ganzen Bergeszug abgelösten Maſſen eroͤffnen, beſcheint, wo die Vorhuͤgel einen Durchblick gewähren, die ſchmucken Staͤdte und Doͤrfer, die uͤppigen Obſtwaͤlder, die ſich am Fuß der Alb hin, und in die Thaͤler bergein ziehn, beglaͤnzt die Kalkfelſen, mit welchen die Höhen uͤberſaͤet find, und vergol- det die wenigen Gipfel des Gebirges, auf welchen ſte uns vorher unbemerkte Schloͤſſer und Burgen zeigt. Bei dieſem letztern Anblicke geſellt ſich nun zu dem lautern Naturintereſſe auch noch das alterthuͤmliche und gefhichtlihe; und wenn dem Betrachtenden hier und dort ein Bauer auf die goldnen Berg— ſpitzen deutend, die Namen Hohenzollern, Achalm, Urach, Neufen, Teck, Hohenſtaufen, Rechberg, Roſenſtein zu nen= nen weiß, fo mag ſeine Phantaſte wohl noch ein zweites Le— ben aus der Vergangenheit uͤber dieſe Bergkette heraufbe— ſchwoͤren, die ſchon von der Gegenwart der Abendfonne fo ſchoͤn belebt vor ſeinem Blicke ſich hebt. 6

Die Schwabenalb.

Ich lieg' auf weichem Bette, Auf moofgen Eichengrund, \ Und vor mir Kett' auf Kette * Du feſtes Alpenrund!

Ich ſing', ich darf es wagen, Es muß ein Lied entſtehn, Ich brauche nur zu ſagen, Was ich ringsum geſehn.

Ganz ferne dort zur Linken, In roſ'gem Abendſchein, Seh' ich ihn duftig winken, Den hohen Roſenſtein.

Geſang! voruͤberſchwelle An ſeiner Felſenkluft,

Mit leuchtender Kapelle Der fromme Rechberg ruft.

Ich ſpend' ihm ein Gebete; Bereitet und erbaut,

So ſchau' ich nach der Staͤtte Wo Hohenſtaufen graut.

Von Klaͤngen und von Bildern Wird mir da maͤchtig bang, Man fange ſie zu ſchildern Wohl ein Jahrhundert lang.

Wer forſcht nach Staufens Preiſe, Mag zu den Truͤmmern gehn,

Dort wird mit Geiſterweiſe

Ihn ew'ges Lied umwehn.

Voruͤber nun an Bergen, Durch manche Namen groß, Die, ein Gefolg von Saͤrgen Umlagern dieſes Schloß.

Durch Höhn und Thaͤler flüchtig, Bis zu dem ſcharfen Eck:

Dort aber ſteht gewichtig

Die herzogliche Teck.

Mit Felſen und mit Höhlen Treibt Abendlicht ſein Spiel, Zu ſchaun und zu erzaͤhlen Giebt's hier des Ernſten viel.

Man hat dich laſſen ſchleifen, Vergeſſner Waffenſaal!

Wie neuerbaut, o Teufen, Glaͤnzſt du im Sonnenſtrahl.

*

*

Und ſuͤß toͤnt's, wie die Cither, Aus deiner Hallen Grund! Dort ſang dein edler Ritter Von Liebchens rothem Mund “).

Aus der Gebirge Kerkern Schaut Urach ernſt herab, Mit den zerſtoͤrten Werkern Mit ſeines Dichters Grab“).

Wie ſchmiegt der Baͤume Wipfel, Wie Rebe ſich und Halm

Um deinen ſchlanken Gipfel

Du herrliches Achalm!

Dort, wo die Eichen ſproſſen, Wo Heidenmaͤhler ſtehn,

Von Farren und von Roſſen Noch ſprechen jene Hoͤhn.

Doch Blick und Lied in vollern,

In ſchnellern Bahnen zieht! f Das iſt ja Hohenzollern

Was noch ſo ſonnig gluͤht!

Der Staufen iſt geſunken

In abendliche Nacht, gr“ Du aber ſtehſt noch trunken

Von koͤniglicher Pracht!

Und höher, höher ziehet

Der Sonne letzter Strahl, Bis er auch dir entfliehet, Und deine Stirn iſt fahl.

Und Duft und Nebel fuͤllet, Was rings von Bergen fteht, Und Herz und Lied ſich huͤllet In ſchweigendes Gebet.

) Gottfried von Neufen, der Minneſaͤnger. „Der Neufener ſingt von ſeiner Frauen rothem Munde.“ So characteriſirt ihn ein andrer alter Dichter.

) Nikodemus Friſchlin.

5

So mag ſchon der Anblick dieſes Gebirges, das uns faſt auf allen Höhen des Vaterlandes, auf den Hügeln des Un— terlands, auf den erhoͤhten Flaͤchen des Mittellandes, auf den Gipfeln des Schwarzwaldes entgegen winkt, zu einem

Beſteigen feiner Höhen und einem Durchflug durch feine Thaͤ⸗

ler einladen. Und gewiß wird der Wandrer, der nicht zu hohe Anſpruͤche macht, oder deſſen Einbildungskraft nicht kuͤrzlich durch eine Gebirgs- oder Stromreiſe im hoͤheren Styl ver— ö woͤhnt worden iſt, noch mehr finden, als ihn die ferne Aus— ſicht vermuthen laͤßt. Freilich, vom Rhein darf er nicht zu dieſen Burgen, von der Schweiz nicht zu dieſen Alpen kom— men: dagegen eine Albreiſe als die anmuthigſte Einleitung zu einer Schweizerreiſe fuͤr den dienen koͤnnte, der mit Muße wandern kann. Bedenken wir aber nur, wie viele im Vater— lande ganz nahe dieſen Bergen ſttzen, umſonſt nach Zeit und Mitteln ſeufzen, um jene großen Naturgenuͤſſe in der Ferne ſich zu verſchaffen, und daruͤber die Naͤhe vergeſſen, die ihnen zwar nichts ſo Großes zu bieten hat, aber doch gegen kleinen Zeit- und Geldaufwand Schönheiten und Scenen der Natur anbietet, die unmittelbare Umgebungen ihnen nicht gewaͤhren, und die ihre Phantaſie zuverlaͤßig nicht erwartet! In ihnen beſonders moͤchten dieſe Blatter die Sehnſucht nach einer der ſchoͤnſten Gegenden des Vaterlandes, die lange nicht genug beſucht wird, erwecken, ihnen zugleich eine Anleitung an die Hand geben, alles Sehenswerthe in der kuͤrzeſten Zeit, und auf die genußreichſte Weiſe zu muſtern, endlich ihnen in die— ſem Büchlein einen Erzaͤhler und Saͤnger beigeſellen, der, was dieſe Berge und Thaͤler volksthuͤmlich Schoͤnes oder ge— ſchichtlich Merkwürdiges hegen, ſo gut er kann, an Ort und Stelle vorbringt, die muͤßigen Stunden der Neife ausfüllt, und das Intereſſe am Einzelnen dadurch zu erhoͤhen ſucht. Was der entferntere Ueberblick der Alb bei günftiger Bes leuchtung Schoͤnes und Intereſſantes ahnen laͤßt, das, und noch mehr, gewährt ihre wirkliche Durchwanderung in reichli— chem Maaße. Eine ziemliche Anzahl von tiefen Thaͤlern zie⸗ hen ſich fuͤr den, der von dem Neckar her kommt, faſt alle von Norden oder Nordweſten gegen Süden und Suͤdoſt in das Gebirge hinein, mehr oder minder mit Obſtbaumen gefüllt, und von friſchen Waldbaͤchen durchfloſſen. Alles ſind Queer⸗

thaͤler, die den e wie in Rippen zertheilen. An den

6

Seitenwaͤnden ſpringen maͤchtige Winkel ein und aus. Jene gleichfoͤrmige Geſtalt der einzelnen Gebirgswaͤnde, die in die⸗ ſen Thalgruͤnden Couliſſen und Hintergrund bilden, bringt freilich auch in den Thaͤlern ſelbſt eine Einfoͤrmigkeit hervor, und ſie ſehen, wie Glieder Einer Familie, alle ſich einander gleich. Dennoch hat jedes wieder feine eigenthuͤmlichen Zuͤge. Die verſchiedene Weite und Enge, dle fruͤhere oder ſpaͤtere Krümmung des Thales, hier im Vorder- dort im Hinter: grund ein vereinzelter Bergkegel, faſt in jedem Thal an einer andern Stelle andre Felſen, andre Burgruinen, aus jedem der Ausblick auf einen andern Abſchnitt der Ebene: alles das ſind Einzelheiten, die dem einfachen Charakter derſelben den gehoͤrigen Wechſel geben, und das Auge des Wandrers vor Ermuͤdung bewahren. Vor dieſer ſchuͤtzen aber beſonders auch die Berge und Burgen, die ſich zwiſchen den einzelnen Thaͤ⸗ lern hinlagern, ſo daß der Reiſende, ehe er von einem Thal ins andre gelangt, jedesmal wieder den Genuß neuer Waͤlder, Bergruͤcken und Schloͤſſer vor ſich hat, ehe er von einem Thal ins andre kommt. Und gerade dieſes Auf- und Abſteigen und Wandern uͤber die Gipfel oder Senkungen des Gebirgs gewaͤhrt ein neues Vergnuͤgen. Hier erſt entfalten ſich neue Formen; die Seiten und Ruͤcken der Berge, deren Angeſicht man nur in den Thaͤlern kennen lernt, zeigen hier die mannigfachſten Geſtalten, ſchieben ſich mit jedem Schritt anders in einander, und bald hier bald dort bildet ihre naͤchſte Umgebung einen Riß, durch welchen man in ein ſchon durchwandertes Thal einen Abſchiedsblick werfen, ein verſprochenes begruͤßen kann, und über welchem, zu einem gefonderten Gemälde abgeſchloſ— ſen, ein paar fernere Gipfel des Gebirgs, und gerade die geſchichtlich ausgezeichnetſten in blauen Farben, uͤberraſchend gruppiert, ſich erheben. Gleiche Mannigfaltigkeit bieten die Burgen und Schloͤſſer dar. Von der vollkommenſten Zerſtoͤ⸗ rung, die kaum ein Mauerſtuͤck uͤbrig gelaſſen hat, bis zur wohleingerichteten und im Stand gehaltenen Behauſung eines Ritters mit der Bequemlichkeit, zu der ſie am Schluſſe der Feudalzeit gediehen waren, bieten die verſchiedenen Schloͤſſer alle Stufen von Ueberbleibſeln dar, gewaͤhren zum Theil einen hoͤchſt mahleriſchen Anblick, und erwecken eine Menge großer, vaterlaͤndiſcher Erinnerungen. Die groͤßte Eintoͤnigkeit wird man von den großen Ausſichten erwarten, die man von den

)

/

+

7

Burgen oder den hoͤchſten Vorſpruͤngen des Gebirgs herab, auf die Huͤgel und Flaͤchen der Tiefe genießt, weil allenthalben derſelbe Horizont erſcheint, gegen Oſten und Süden das Ger birg, auf dem die Blicke faſt aufliegen, gegen Weſten und

Norden die Landkarten-Ausſicht der Flaͤche, überall mit den-

ſelben Gebirgsumkraͤnzungen des Schwarzwalds, und anderer

niedrigerer Ketten. Man hoͤrt daher auch ſehr gewoͤhnlich das

Urtheil, daß wer auf Einem dieſer Gipfel geſtanden ſey, die Ausſicht aller kenne. Und doch iſt nichts unwahrer. Schon was die zu Fuͤßen liegende huͤglichte Flaͤche (denn eine Ebene iſt es nicht) betrifft, ſo bilden verſchiedne Staͤdte und Doͤrfer, beſonders aber die zunaͤchſt in großer Tiefe ſich an die Berge

ſchmiegenden Wälder, Höfe und Weiler, einen jedesmal wech⸗

ſelnden Vordergrund. Ueberdieß ſind hier wenigſtens drei Hauptausſichten zu unterſcheiden, von welchen jede den Augen einen andern Theil des tiefer liegenden Landes, vor dem die

ubrigen in größere Ferne zuruͤcktreten, gewährt. Die erſte,

von den noͤrdlichen Albgipfeln des Oberlandes, wie wir fie nennen wollen, alſo von der Lochen, vom Hohenzollern, vom

Farrenberg, von der Salmandinger Capelle, vom Roßberg er—

ſtreckt ſich hauptſaͤchlich auf die Fruchtgefilde und waldigen Huͤ— gelketten, die ſich von Tübingen hinaufziehen bis gegen Rot- weil; hinter dieſen find die ſuͤdlichen Auslaͤufer des Schwarz-

waldes noch nahe genug, um dem Auge mit ihren breiten

Schatten einen Ruhepunkt zu gewaͤhren, und doch ſchon ſo ferne, daß fie die hellen Felder und ſanften Laubholzhuͤgel des Vor— grundes mit ihren Tannenwaͤldern nicht druͤcken und verfin⸗ ſtern; die Hauptſtadt dieſes Bezirkes fuͤr das Auge iſt Tuͤ⸗

bingen.

Eine zweite Hauptausſicht bietet ſich von den Gipfeln des Mittellandes: der Achalm, dem gruͤnen Felſen, Neufen, Teck, dem Breitenſtein dar. Hier tritt jener obere Theil der Flaͤche, nebſt feiner Begränzung, dem Schwarzwald, ſchon links ab, in die Ferne; der Vorgrund wird noch lachender, obſt- und dorf-⸗ reicher, weniger waldig, denn eine zuſammenhaͤngende Strecke von Wäldern bildet jetzt erſt im Hintergrunde der Schoͤnbuch; vorn aber dehnen ſtch rechts hauptſaͤchlich die Filder zu einer breiten Ebne mit ihren Korn» und Gemüfepflanzungen heiter

und bevölkert aus; zu hinterſt mit dem weitſchimmernden

ſchneeweißen Schloß Hohenheim geziert. In der noͤrdlichen

8

Ferne verliert ſich der Blick jetzt ſchon ins Unterland bis nach den Heilbronner Bergen, und bei ganz heitrem Himmel be— graͤnzt der Odenwald dort den Horizont. Nordoͤſtlich und naͤ— her ſchließen die Bergſcheiden des Neckarthals bei Eßlingen, des Remsthals, und der Welzheimer Wald den Geſichtskreis. Die naͤchſte Hauptſtadt fuͤr dieſe Ausſicht iſt nach den verſchie— denen Punkten bald Reutlingen, bald Nürtingen, bald Kirch— heim an der Teck.

Endlich gewaͤhren die letzten Gipfel der noͤrdlichen Alb, die ſich mehr dem Unterland zuſtrecken, der Hohenſtaufen, der Rechberg, der Roſenſtein, eine dritte, von den beiden erſtern weſentlich verſchiedene, Ausſicht. Die lachenden Filder lie— gen jetzt ſchon links im Nebel, wo kaum die Ruͤckſeite von Hohenheim noch durchſchimmert. Den eigentlichen Vorgrund aber bilden rings die Tannenwaͤlder von Lorch, Welzheim, Aalen und Ellwangen, deſſen weißes Schloß von feinem ſchö⸗ nen Berge auf zehen Stunden weit fuͤr das Auge auf der rechten Seite ein Ziel bildet; die Waͤlder und Berge von Krailsheim und ſchwaͤblſch Hall ſchließen den Hintergrund. Die ganze Natur hat ſchon den finſterern, einfoͤrmigern Cha— rakter des benachbarten Frankens. Aber die Ausſicht iſt rund— um offner, weil die Gipfel des Gebirgs, der Standpunkt des Beſchauers gwentgftens gilt dieß vom Hohenſtaufen, Rechberg und Stuifen) iſolierter ſtehn, und in der Tiefe die minder huͤglichte Flaͤche an vielen Orten faſt zur Ebne wird, die eine Menge Dörfer zeigt, und der die bedeutende Hauptſtadt die— ſes Bezirkes, ſchwaͤbiſch Gmünd (vom Staufen auch noch Goͤp— pingen), einen ſchoͤnen Halt giebt. So macht das Ganze mehr den Eindruck einer Unendlichkeit, und iſt bei blauem Himmel wirklich großartig ſchoͤn.

Wir zeichnen dieſe Grundzuͤge der Ausſichten ein für alle⸗ mal, um den Leſer nicht mit Wiederholungen belaͤſtigen zu muͤſſen. Ein Anblick aber iſt auf jedem andern Gipfel wie- der neu und eigen ſchoͤn, wir meinen rechts oder links die Verſchiebung des Gebirges ſelbſt ineinander; die Andeutung ſolcher Gruppen behalten wir daher ſchicklicher für die Schil— derung jedes einzelnen Standpunktes auf. Einen eigenthuͤm— lichen Anblick gewaͤhrt endlich die Flaͤche von ſolchen Hoͤhen herab, wo nur ein Abſchnitt derſelben als der Hintergrund einer Thalausſicht zwiſchen den Bergwaͤnden durchſchimmert.

9 Diefe befondern Anfichten bewundert der Wandrer, von Lich: tenftein, Hohenurach, den Höhen des Neidlinger Thales, und dem Schloſſe Lauterburg herab.

So haben den 5 die allgemeinen Bemerkungen von ſelbſt ſchon aufs Beſondre gefuͤhrt, und er ſchickt ſich mit dem, der ſich ſeiner Leitung vertrauen will, zur wirklichen Reiſe nun an. Nur uͤber die Zeit derſelben muß noch ein Wort geſprochen werden:

Die bisherigen Albreiſen beſchraͤnkten ſich bei der Mehr— zahl der Reiſeluſtigen unſers Vaterlandes darauf, daß ſte in der erſten Kirſchbluͤthe, das heißt, zu Anfang oder in der Mitte des April, einer Zeit, wo der ſchoͤnſte Theil der Alb— natur, die Waͤlder, gegen den bluͤhenden Fruͤhling noch den traurigen Contraſt des duͤrren Winters bilden, das Lenninger oder das Uracher Thal im Fluge, meiſt zu Wagen, hin und her durcheilten, ohne ſich rechts oder links umzuſehen. Hoͤch— ſtens wurde einer der benachbarten Berge dort Teck, hier Hohenurach mitgenommen. Aber ſelbſt wenn man nur ei— nen ſo kleinen Theil des Gebirges bereiſen will, ſo iſt doch dieſe Jahreszeit, aus dem eben angefuͤhrten Grunde, keines— weges dem Wandrer anzurathen: vielmehr iſt die guͤnſtigſte Zeit unſtreitig die Spaͤtbluͤthe, in den letzten Tagen des April, noch beſſer in dem Aufange des Maimonds. Hier ha— ben die Buchenwaͤlder allenthalben ausgeſchlagen, und jede warme Nacht thut Wunder an ihnen, ſo daß ſie meiſt ſchon dem Reiſenden um dieſe Zeit im vollen jungen Gruͤn entge— genprangen, während er im Thale noch durch lauter Bluͤthen faͤhrt. Denn von den ſpaͤtern Kirſchbaͤumen bluͤhen da noch viele; auch ſind dieſe keineswegs die einzigen, noch die den ſchoͤnſten Anblick gewaͤhrenden in jenen Thaͤlern; namentlich bietet das Lenninger Thal, nebſt einem Gemiſch von andern ſpaͤteren Obſtſorten, eine Fülle der herrlichſten Birnbaͤume dar, deren einzig ſchoͤne Bluͤthe jene fruͤhen Wanderer ganz verſaͤumen. Diejenigen endlich, die nicht bloß die Bluͤthen— thaͤler, ſondern auch die Berge, die Burgen und die Waͤlder der Alb durchwandern wollen, werden ohnedem, entweder ganz auf die Bluͤthe verzichtend, die volle Pracht des Sommers er= warten, oder ſich auch den Spaͤtlenz zur Reiſe auswählen muͤſſen. Doch iſt auch fuͤr fie dieſe letztere Jahreszeit vorzu— ziehen. Die Tage find ſchon lang genug, um eine gute Strecke

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an jedem durchwandern zu koͤnnen, und ein großer Vortheil, gegen den Sommer noch nicht ſo heiß, daß man nicht jede ihrer Stunden, die ohnedem der Mittagsruhe gewidmeten ausgenommen, ohne Beſchwerde der Wanderung widmen koͤnnte. Um aber auch für den Genuß der Naͤchte zu ſorgen, fo wähle man ſich die Tage um den Vollmond, der dem abendlichen oder naͤchtlichen Ausblick auf Berge und Burgen nicht fehlen darf, und uͤberdieß gewoͤhnlich die unentbehrliche Bedingung einer froͤhlichen Reiſe, Heiterkeit des Himmels, verbürgt.

Erſter Reiſetag.

Auf die Lochen. Höhe 3578 Wuͤrtembergiſche Fuß.

Wie jeder Reiſende, muͤſſen auch wir unſern Hauptplan, unſre Richtung und unſern Weg beſtimmen. Mehr, weil dieſe uͤberhaupt auf eine oder die andre Weiſe geſchehen muß, als weil ſonſt ein beſondrer Grund dazu vorlaͤge, waͤhlen wir die Richtung von Suͤdweſten nach Nordoſten, fangen mit dem er= ſten ausgezeichneten Standpunkte des obern Gebirges, dem Lochenberge bey Balingen, an, und ziehen abwaͤrts bis zum letzten Hauptſtandpunkte des untern, dem Roſenſtein. Wenn wir nicht weiter oben beginnen (denn auch der Lochen geht ſchon eine anſehnliche Kette von Albgebirgen, die den Namen des Heubergs fuͤhren, voran), und nicht weiter unten endigen (denn auch vom Roſenſtein ſetzt ſich die Bergwand durch den Aalbuch in das Herdtfeld noch ziemlich lange fort), ſo liegt die Urſache einzig darin, weil wir den eigenthuͤmlichen Charakter der Alb gerade in dieſer Strecke am vollſtaͤndigſten ausgeſprochen, und alle ihre Reize in ihr verſammelt finden. Weiter oben vermindert das Rauhe, weiter unten das Flache den Genuß. 0 .

Wer nur einen Theil des angezeigten Weges machen, wer eine andre Richtung nehmen will, wer von andern Punkten ausgehen muß, wird in unſre Beſchreibung ſich leicht finden, und auch für ſich der gehörigen Leitung und Weiſung nicht

entbehren. er

Wir laſſen alſo unſre Reiſenden von Tuͤbingen ausgehen, um ſo eher, als wir hier unter der ſtudierenden Jugend die meiſten Albreiſeluſtigen erwarten. Auch die von Stuttgart

ſich aufmachenden Wandrer muͤſſen wir dorthin beſcheiden, denn die Landſtraße nach Hechingen und Bahlingen führt fie über Tuͤbingen. Die ſchoͤnen Umgebungen der letztern Stadt ge— waͤhren mehrere Punkte, von welchen man ſich an einem muͤ— ßigen Vorabende der Reiſe jene Ueberſicht auf das Gebirge und die ganze Wanderung, von der in den allgemeinen Vor— bemerkungen geſprochen iſt, verſchaffen kann. Die angenehm— ſten Spaziergänge nach Waldhauſen, auf den Oeſter— berg, den Steineberg, den Spitzberg fuͤhren zu ſol⸗ chen Ausſichten.

Die Reiſe ſelbſt treten unſre Wandrer mit der erſten Morgenfriſche an, doch nicht ſo fruͤhe, RAR: fie nicht beim Eintritt in das ſchoͤne Steinlachthal, das ſich “. Stunden von Tübingen öffnet und ſuͤdlich hineinzieht, ſchon die Beleuch— tung der Morgenſonne haben. Die Steinlach, durch Fruͤh— lings⸗Ueberſchwemmungen furchtbar, übrigens ein kleiner Bach, mit breitem, ſteinigtem Bette, fließt durch ein enges Wieſen⸗ thal, und hat rechts und links niedre, wohlgeformte Laub— Waldhuͤgel, die im Hintergrunde geſchloſſen ſcheinen; aber bei dem Blaͤſtberge, einem (für unſre Waudrer links) in die zuruͤcktretende Huͤgelkette eingeſchobnen kleinen Erdkegel zer— reißt der Hintergrund, und zeigt zwiſchen ſchoͤnen Baumgrup— pen einige Umriſſe der Alb. Von hier aus ſieht man auch deutlich, daß die Vorhuͤgelkette der Alb, zwiſchen der man hier wandelt, vom Waſſer durchbrochen worden, das ſich hier im Steinlachthal eine Luͤcke gewuͤhlt, und das une baͤndige Fluͤßchen ſelbſt verraͤth ſich in ſeiner ausgelaſſenen Wildheit als ein Ueberlaͤufer aus der Alb. Eine Beſteigung des Blaͤſiberges, auf dem die Wohnung und der Garten eines adlichen Gutsbeſitzers des Freiherrn Schott von Schot— tenſtein, gen. Hopfer, liegt, nimmt nur wenige Minuten weg, und belohnt die Muͤhe durch einen huͤbſchen Blick hinab ins Steinlachthal, gegenuͤber auf das lachende Waldſchloͤßchen des Herrn v. Saint-André, Greſpach, und im Hintergrund auf den hier ſich ſehr ausgezeich— net darſtellenden Hohenzollern. Am Fuße des Huͤgels führt die Laͤndſtraße an dem ehemals geprieſenen Blaͤſibad (von der modernen Welt auch in Plaiſirbad umgetauft) vor— bei, von deſſen Tugenden und Kraͤften der alte Doktor und Profeſſor Medicinaͤ, Samuel Haffenreffer, ein eignes Traktaät⸗

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chen geſchrieben (1652). each ihm ſoll der heilſame Quell zum erſtenmal einem armen Hirten geoffenbart worden ſeyn, welcher am Schenkel einen Schaden hatte, und Luft. befom- men, in dieſem Waͤſſerlein, das damals ſchlecht anzuſehen war, denſelben zußbaden, worauf er gute Ruhe, und als ers fortgetrieben, gaͤnzliche Geſundheit erlangt hat. Als, dieß ruchbar geworden, ward auf dem beiliegenden Berge aus Andacht eine Capelle erbaut, und dem St. Blaſius geweiht, dem Heiligen, der in eine Hoͤhle in Cappadocien gefluͤchtet, die wilden Thiere heilte, die ſich bei ihm einfanden. Nach dieſer Capelle ward auch das im J. 14/0 hier erbaute Neu:

bad benannt. Jetzt iſt es ein Bauernwirthshaus, und nur von den Tuͤbingern und der naͤchſten Umgegend als Bad ge⸗ braucht. ö

Bald verlaͤßt die Landſtraße den Wald, und ſteigt hinauf zum Dorfe Dußlingen (1% St. von Tuͤbingen), wo die Gegend frei und bis zum Gebirge hinuͤber offen iſt; von da geht es auf einfoͤrmigem Wege nach Ofterdingen (1 St.). Der Phantaſte des Wandrers mag wohl vergoͤnnt ſeyn was Geſchichtſchreiber zu vorlaut gethan haben die Wiege des beruͤhmten Minneſaͤngers Heinrichs von Ofterdingen in dieſem anſpruchsloſen Dorfe aufzuſtellen. Von da verlaͤßt der Reiſende die Steinlach, und kommt in einer halben Stunde uͤber die Graͤnze des Fuͤrſtenthums Hohenzollern-Hechingen; der ziemlich einfoͤrmige Weg fuͤhrt durch kein Dorf mehr. Nur an einem Hofe Waſſerweiler (% St. von Ofterdingen), kurz vor der Hechinger Graͤnze kommt man vorbei. Links ver— weilt das Auge mit Wohlgefallen auf den ſchon ganz nahen Waͤl⸗ dern der Alb; rechts iſt oͤde Flaͤche mit Kartoffelfeld, hier und da von einem Laub- oder Tannenwaͤldchen durchſchnitten. Von Ofterdingen braucht der Fußgaͤnger 2 Stunden nach der Stadt | Hechingen,

der Hauptſtadt des Fuͤrſtenthums, wo er in der Poſt einen huͤbſchen Gaſthof und ein gutes Mahl findet.

Außer einer ſchoͤnen aber modernen katholiſchen Kirche, erbaut im J. 1782 von Fuͤrſt Wilhelm Joſeph, bietet die hoͤck— richte Stadt keine Merkwürdigkeiten dar. Das alte Reſidenz— ſchloß iſt vor Baufaͤlligkeit eingeſtuͤrzt. Es war gegen den Schluß des 16ten Jahrhunderts von dem Grafen von Zollern, Eitel⸗Friedrich V., dem Stifter der Hohenzollern-Hechingi⸗

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14 ſchen Linie, deſſen Gohn Johann Georg im J. 1623 gefuͤr⸗ ſtet ward, erbaut worden. Das neue ſteht beſcheiden und unausgebaut da. Vor der Stadt iſt der Schloßgarten mit artigen Anlagen, den der Wandrer, da er ihm auf dem Wege liegt, mitnehmen kann. Venn unſre Reiſenden nach he Spaͤtfruͤhſtuͤck von He⸗ chingen aufbrechen, ſo ſind ſie in einer kleinen halben Stunde auf der hier von Pappeln beſchatteten Straße am Fuße des Zollern, wo der Brühl, ein Herrſchaftshof mit einem freund⸗ lichen Wirthshaus, dem, der etwa nicht in Hechingen einge⸗ kehrt, Erfriſchungen und Wein anbietet. Von da ſchaut das Schloß ſtolz und einladend herab, groß, gethuͤrmt, bewohnbar; ſchon aus weiterer Ferne hat es ſich ſo ausgenommen. Aber die nähere Einſicht giebt weit weniger, als man vom Stamm⸗ ſchloſſe der Könige von Preußen“) erwartet hatte. Wer nicht, nach Bahlingen, der Lochen und dem Lautlingerthale will, beſteigt ſchon jetzt und von hier aus am beſten den Berg. Der Weg hinauf iſt huͤbſch, ſteil, aber nicht allzumuͤhſe⸗ lig, und dauert vom Fuße nicht über eine Stunde; erſt kann man abſchneidend geradezu die naͤchſten unbewachſenen Haide-⸗ huͤgel hinanklimmen. Am Walde kommt man in den beque⸗ meren aber ſteinigten Fahrweg, den man bis zum Schloſſe nicht mehr verlaͤßt.

Diejenigen aber, die dem Wegweiſer folgen, und die ganze Albreiſe machen wollen, thun beſſer, die Feſte Hohen⸗ zollern erſt bei ihrer Ruͤckkehr von der Lochen mitzunehmen; daher wir denn auch die Beſchreibung ihrer Merkwuͤrdigkeiten bis dahin aufſparen. 5 a N

Weg nach Bahlingen |

geht auf der Landſtraße fort. Wenn man etwa eine halbe Stunde weit gegangen, uͤberraſcht rechts der bis zu den Hoͤ— hen des Schwarzwalds offne Blick, links die eigenthuͤmliche Ausſicht auf den Hohenzollern, der ſich hier kahl und ſchmal wie eine Saͤule, und deſſen Bergſchloß ſich wie ein Kopf auf lau— gem Halſe darſtellt. Die Landſtraße fuͤhrt von Hechingen nach Weſſingen % St.), dem letzten Hechingiſchen Dorf, dann

4) Graf Friedrich v. Zollern, Burggraf von Nuͤrnberg, ward im J. 14 von Kaiſer Sigmund mit der Markgrafſchaft Brandenburg und der Churwuͤrde belehnt.

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nach Steinhofen (% St.); zwiſchen beiden Dörfern führt links die Straße nach Ebingen in die Berge hinein. Hinter Steinhofen gewahrt der Zollern mit der Umgegend eine herr— liche Anſicht. Weiter nach Engſtlatt (% St.), endlich nach Bahlingen % St.), zuſammen 5 Stunden. Je wehr man ſich der letztern Stadt naͤhert, je ſchoͤner wird das Ge— birg; der Dobel, die Lochen, der Schafberg und der Plettenberg ſtellen ſich als abgeſonderte Bergmaſſen, durch ſchroffe Einriſſe von einander geſpalten, im Hintergrunde der Stadt auf, die von hier aus geſehen dicht am Fuße des Ge— birges zu liegen ſcheint. Die naͤchſten Umgebungen der Stadt ſind freilich rauh, doch nicht ganz reizlos; noch ziemlich viel Obſtbaͤume (Birn und Zwetſchgen, wenig Aepfel) und fetter Wieswachs.

In alten Zeiten muß ſogar etwas weniges Wein in die⸗ ſer Gegend gebaut worden ſeyn. Denn im Jahr 1562, wo am sten Aug. ein fuͤrchterliches Hagelwetter von Tuͤbingen bis Stuttgart alles verwuͤſtete, ſchrieb Herzog Chriſtoph an die Wand eines Zimmers im Stuttgarter Schloß eigenhändig fol- gendes Memorabile: „Bahlingen hat mehr Zehendwein als Stuttgart in dieſem Jahr gegeben.“

Was die

Stadt Bahlingen 5 Höhe 1773 W. F.) ſelbſt betrifft, ſo iſt ſie ein kleines, ſelt dem lezten Brande (1809) wohlgebautes Staͤdtchen mit 3049 Einwohnern, Sitz ei⸗ nes Oberamts und einer Poſt. Sie beſteht, einige kleine Sei— tenanhaͤnge abgerechnet, aus einer einzigen langen Straße. Wirthshaus: die alte (ehemalige) Poſt, gut; mit Fahrgele— genheit fuͤr die weitre Reiſe. Die neuere Pfarrkirche ward im J. 1440 erbaut, und hat einen anſehnlichen Thurm von Quadern. Unter der Emporkirche ſieht man das Epitaphium des Grafen Friedrich von Zollern, der hier begraben liegt. Das kleine Albfluͤßchen Eiach, das bei dem Bergort Pfäffin: gen entſpringt, und aus dem Lautlinger Thal hervorkommt, fließt an der Stadt vorbei.

Geſchichtliches uͤber Bahlingen.

Von dem Urſprung der Stadt erzaͤhlen luͤgenhafte Ge⸗ ſchichtſchreiber ein Maͤhrchen, das jedoch auf einer alten Volks⸗

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ſage zu beruhen ſcheint. Es habe naͤmlich hier ums Jahr 104g. ein Muͤller an dem Waſſer Eyach gewohnt. Die Muͤhle habe eiuem Edelmann auf dem benachbarten Hirſchberge gehoͤrt. Als dieſer den Muͤller durch ungebuͤhrliche Forderungen unge— duldig gemacht, ſey er von ihm uͤberfallen und ſeine Burg ge— ſchleift worden. Von ihren Steinen habe der Muͤller eine Stadt erbaut, und das Werk ſey ihm ſo bald gelungen, daß die Stadt davon den Namen (Baldg'lingen, Bahlingen) erhalten. Nun habe ſich der Muͤller mit ſamt ſeiner Stadt unter die Schutzherrſchaft der Grafen von Zollern begeben. Sattler leitet den Namen von dem altdeutſchen Bal (ſchalk⸗ haft, böfe) ab, und fest ihn mit der benachbarten Schalk s- burg in Verbindung.

Soviel melden die Chroniken, daß Bahlingen urſpruͤng⸗ lich ein Zollernſches Dorf, im J. 1265 am Pfingſtfeſte Stadt⸗ gerechtigkeit erhielt. Bald bildete ſie den Mittelpunkt der barftefien Herrſchaft Schalksburg, welche Graf Friedrich v. Zollern und ſeine Gemahlin Verena v. Kyburg im J. 1405 an Graf Eberhard den Dritten von Wuͤrtemberg verkaufte. Seitdem blieb die Stadt, mit wenigen Unterbrechungen, wuͤr— tembergiſch, und kam ſchnell empor, wie ſie denn auch noch bedeutenden Getraidehandel und gute Meflı asche Werkſtaͤt⸗ ten hat.

Bei dem fluͤchtigen Verſuch des vertriebenen Herzogs Ul⸗ rich, ſein Land wieder zu erobern, oͤffnete ihm Bahlingen freu— dig die Thore (26. Febr. 1525). Aber noch in demſelben Jahre brach der Bauernaufruhr auch in dieſer Gegend aus. Die Doͤrfer unter und uͤber der Lochen vereinigten ſich mit den Roſenfelder Bauern; an der Spitze ſtand der Pfarrer von Tigisheim und der Fruͤhmeſſer von Duͤrrwangen. Jener gieng Aufruhr predigend von Dorf zu Dorf, und wo er die Maͤnner nicht zu Hauſe traf, da ſtieg er des Nachts zu den Weibern. So belagerten ſie die Stadt Bahlingen, unter dem Vorwand, ſie dem Herzog Ulrich wieder zu erobern (Mai 1525). Doch bald wurde die Ruhe wieder hergeſtellt, und die Unruhftifter mit Weib und Kindern des Landes ver— wieſen.

Die Reformation, welcher die Stadt ſchon vorher geneigt war, wurde von Herzog Ulrich nach Wledereroberung ſeines Herzogthums eingefuͤhrt; aus dem Nonnenkloſter, der obern

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Clauſe, nahm eine Elaufnerin nach der andern den Abſchled. Unter den erſten evangeliſchen Diakonen war Jakob Friſch⸗ lin, der Vater des Dichters Nikodemus Friſchlin, deſſen Geburtsort Bahlingen iſt.

Viel hatte die Stadt im zojaͤhrigen Kriege zu leiden. Nach der Noͤrdlinger Schlacht dotierte Ferdinand II. den Gra- fen Schlick mit Bahlingen, Tuttlingen, Roſenfeld und Ebin⸗ gen, und dieſe Staͤdte mußten dem Grafen huldigen (30. Okt. 1655). Im Jahr 1641 (19. Jan.) ward Bahlingen von der Hohentwieler Garniſon mit Liſt eingenommen, und gute Beute dort gemacht. Im Jahr 1645 wurde es von den Weimeranern geplündert, 1647 (25. Jan.) nach langer Belagerung von den Franzoſen beſetzt, und erſt nach dem weſtphaͤliſchen Frieden

an Wuͤrtemberg zuruͤckgegeben. En Ä Bahlingen gehört zu den Staͤdten die, wie mehrere une ſeres Landes, zu immer wiederkehrenden Feuergefahren vom Schickſal vorherbeſtimmt ſcheinen. Die Stadt iſt nicht weni⸗ ger als fünfmal bald ganz, beld groͤßtentheils abgebrannt.

Das erſtemal foll es im J. 1286 in einem Kriege zwi⸗ ſchen den Grafen Hohenberg und Zollern geſchehen ſeyn, wo ſie erobert und in Aſche gelegt ward. Vor dieſem Brande ſoll die Stadt an einer andern Stelle, vor dem untern Thor am Mühlbach, geftanden ſeyn. Das zweitemal geſchah es im J. 1546, wo die obre Clauſe und ein großer Theil der Stadt abbrannte. Der dritte Brand, im J. 1607, der durch die Nachlaͤßigkeit einer Frau beim Butterausſteden entſtanden, legte die Stadt binnen fuͤnf Stunden in Aſche. Die unvorſichtige Brandſtifterin ward als Hexe verbrannt. Zum vierten Male wurde die Stadt im Febr. 1724 von den Flammen verzehrt (eine uralte Bahlingerin erzaͤhlte noch vor wenig Jahren als Augenzeugin von dieſem Brande). Zum fünf: ten, und wir wollen hoffen zum letzten Male, ward die Stadt im Sommer 1809 eingeäfchert.

Auch andres Ungluͤck traf zu Zeiten die Stadt. Im Jahr 1601 ward ein ſolches Erdbeben verſpuͤrt, daß ſich der große ſteinerne Kirchthurm geneiget. In den Jahren 1610 und 1611 raffte eine Seuche unzaͤhliges Vieh und 600 Menſchen weg.

Fuͤr den Brand von 1724 wurden die Einwohner durch einen anderwaͤrtigen Seegen erfreut, ſpricht Sattler, „in— dem ſie bald hernach wahrgenommen, daß an einem ihrer

G. Schwab, ſchwaͤb. Alb. 2

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Stadt nahgelegnen Ort ein ſchwefeligter Geſtank ſeye.“ Sattler meint damit die mineraliſche Heil⸗ guelle, die im J. 1756 von D. Alex. Camerarius unterſucht ward. Sie entſpringt ungefaͤhr 400 Schritte vor dem obern Thor, aus Kalkſchiefer, hat Aehnlichkeit mit dem Bollerwaſſer, und wird zum Bade und als vorzuͤglich gutes Waſchwaſſer ge— braucht. e J

Wenn unſre Reiſenden in Bahlingen das etwas verſpaͤ— tete Mittagsmahl genoſſen, und ſich mit einigen Erfriſchungen für den Abend verſehen, den fie auf der einſamen Bergeshoͤhe feiern wollen, fo treten fie den

Weg nach der Lochen

an, die vom Süden her, in Form eines ſteilen viereckigten Hausdaches, hoch gegen Bahlingen hereinwinkt. Wer den ho⸗ hen, ſenkrechten Thurmfels zum erſtenmal hier ſteht, begreift das uralte Sprichwort bei Cruſtus: „Ich wollte, daß du auf der Lochen waͤreſt!“ Eine Viertelſtunde geht der Wandrer auf der Tuttlinger Landſtraße fort, und hat das Eyachthal, mit ſeinen bizarren Bergformen im Hintergrunde, vor ſich; bald aber laͤßt er den Weg in dieſes Thal links, die Tutt⸗ linger Straße rechts, und geht auf dem mittlern Pfade fort zur „Ziegelhuͤtte“ und zum Wirthshaus, hier läßt er einen Weg links liegen, und geht auf dem Pfade rechts fort, bis er nach einem Buͤchſenſchuß Weite an eine neue Wegſcheide kommt, wo er links und ja nicht rechts geht ( St. von Bahlingen). Jetzt ſteigt er den Fuß des Gebirges durch Fruchtfeld hinan. Im weitern Hinaufgehn ſieht man links, doch noch diſſeits der Eyach, ein kuͤhn abgeriſſnes Bergeck, es iſt die Spitze des „Dobels“ ). Jenſeits der Eyach aber ſchaut die herrliche Waldkuppel der Schalksburg wild heruͤber. In der Tiefe liegen die Doͤrfer Frommern, Stockhauſen, Duͤrrwangen, Weilheim. Was der ganzen Gegend ein wildes Ausſehen giebt, iſt das Vorherrſchen der Tannenwaͤlder, die, der mittlern und untern Alb ganz fremde (nur in der

*) Dobel oder Tobel iſt ein altdeutſches Wort, und bedeutet eigentlich ein Thal auf dem Berge, verwandt mit dem ſchwaͤb. Wort Duhle. Daher der Tobel auf dem Schwarz- wald, und mehrere Berggegenden dieſes Namens in der Schweiz. (

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Naͤhe des Staufen haben fih ſeit neuern Zeiten einige an⸗ geſtedelt) hier die Berge kroͤnen, welche übrigens die entfchied- nen Albformen beibehalten und dadurch ſich von den Gebirgsgeſtal⸗ ten des Schwarzwaldes noch immer charakteriſtiſch unterſchieden. In einen ſolchen herrlichen Tannenwald treten denn auch unfre Wandrer, nachdem ſte von einer Gruppe Kirſchbaͤumen Ab⸗ ſchied genommen, die an viel mildre Gegenden erinnern, und die der Wegweiſer in dieſem rauhen Clima, auf ſo bedeu— tender Bergeshoͤhe, mitten unter Schneeflocken am 29. März des Jahres 1822 in voller Bluͤthe ſtehen ſah. Der koͤſtliche Wald führt den Wandrer durch feine koloſſalen, immer friſch— grünen Tannenſaͤulen wohl 7 Stunde ſteil aufwärts, entwe- der auf einer leidlichen Fahrſtraße, oder auf einem naͤheren Fußweg, der aber einen Fuͤhrer erfordert. Wo der Wald ausgeht, fieht man rechts einen tiefen Erdſpalt, links iſt der Hackenfels auch mit einem Loch. Vielleicht iſt dieß Loch der hohle Fels, wie ihn Roͤßler nennt, in dem man 4o Fuß fortgehn kann, dann aber zu unergruͤndlicher Tiefe kommt. Hier ſteht man nun (1 St. v. Bahlingen) zwiſchen den Hoͤr— nern des Gebirgs, zwiſchen welchen die Fahrſtraße einer Sen— kung der Bergebne folgend, nach Thieringen ins Baͤrenthal, und nach den Doͤrfern des Heubergs fuͤhrt. Der Wandrer aber wendet ſich zu ſchwindligen Felsſteigen rechts, wo ein 95 95700 Haideruͤcken in den

Lochenſtein

auslaͤuft. Ein kahler, ſenkrechter Felſen, der Lochenfels ge— nannt, und mit dem Lochenſtein wie der Erker eines Hauſes verbunden, bleibt ziemlich oben links liegen. Der eigentliche Lochenſtein aber iſt ein uͤber das angekettete Nebengebirg hervorragender iſolirter Berg, in Form eines abgekuͤrzten Ke= gels, im Geſicht gegen Bahlingen kahl und grau. Er mißt oben im Durchmeſſer 300 Schritte, fit waidbar und gewaͤhrt 8 eine ungeheure und wahrhaftig entzuͤckende Ausſicht.

Die weite Flache gegen Norden und Nordweſten oͤff⸗

net ſich ganz ſo, wie es unſre Einleitung bei der erſten Claſſe der Albausſichten beſchreibt. Bei hellem Wetter kann der Stuttgarter hier fein Degerloch, der Tübinger feine Wurmlinger Kapelle mit der Fernrohre entdecken. Der

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20 Shönbuh und die Filder ziehen ſich rechts hinab, das Gaͤu und der Schwarzwald bis nach Freudenſtadt links hinauf. Gegen Oſten verdeckt der Hohenzollern und das naͤchſte Gebirge die übrige Alb ganz. Das im Süden em⸗ porſteigende Gebirge heißt der Heuberg. Die Volksſage macht ihn zum Blocksberge Schwabens. Die Hexen halten dort Car- neval mit dem Boͤſen. „Das iſt gewiß, erzaͤhlt Cruſius, daß im J. 1589 im Herbſt etliche dergleichen Weiber und der fuͤr— nehmſte Rathsherr zu Schemberg (einem Staͤdtchen zwiſchen Bahlingen und Tuttlingen) verbrannt worden, die alle be⸗ kannt haben, daß ſie gewohnt geweſen, des Nachts auf die— ſem Berge zuſammen zu kommen, mit den Teufeln zu tanz zen, der Luſt zu pflegen, Menſchen und Vieh es anzuthun. Daher kommt es auch, daß die gemeinen Leute die Geſpen⸗ ſte und Luftgeſichte, die auf dieſem Berge hau: fig geſehen werden, fuͤr Zauberei von den Hexen und Teufeln halten.“ Jene Geſichte moͤgen wohl ihren Grund in natuͤrlichen Diſpoſttionen des Berges haben. Wenigſtens ſcheint er verborgene Löcher und Hoͤhlen zu haben, die viel— leicht Ausduͤnſtungen veranlaſſen. Wenn man auf dem Berge reitet, fo droͤhnt es, als ob er hohl wäre. In der Nähe find die Truͤmmer von 2 Burgſtaͤllen: Honburg und Straß— berg. Uebrigens kann dieſer Heuberg als der aͤußerſte Saum jener großen Fortſetzung der Alb angeſehen werden, die hier auf einmal ein Eck bildet, und ſtatt ſich gegen Suͤd⸗ weſt fortzuſetzen, nach Suͤdoſten Tuttlingen zu laͤuft. Die⸗ ſer oberſte Theil des Albgebirges fuͤhrt nicht mehr den Na⸗ men Alb, ſondern heißt auch der Heuberg, erſtreckt ſich vier Stunden in die Laͤnge und ſechs in die Breite, und macht einen großen Theil der ehemaligen Grafſchaft Hoch— berg aus. Je weiter er fich hinzieht, je waldloſer, ſteinig⸗ ter, kahler wird er, mit troſtloſen Doͤrfern ſpaͤrlich beſetzt. Sie naͤhrten ſich bisher von ihrem Induſtriehandel in die Schweiz: feit dieſer darnieder liegt, find fie brodlos und tanz gen im J. 1817 mit dem Hungertode.

Neben jenem erſten Heuberg ſteht man von der Lochen aus fuͤdweſtlich den Schafberg und dahinter den Plet⸗ tenberg.

Kehrt ſich das Auge auf der Lochen gegen Suͤdoſt, ſo W es uͤber eine Senkung, in der der Cotta'ſche Hof,

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Oberhauſen llegt, auf der Gebirgsflaͤche gegen dem Dorfe

Thieringen hin, das ſich durch das hohe Lebensalter ſeiner

Einwohner auszeichnet. Dort entfpringt auch das durch feine

gewaltſamen Daͤmmungen und Austritte (beſonders im Jahr

1787) furchtbare Fluͤßchen Schlichem, das ſich 6 Stunden von ſeinem Urſprung bei Epfendorf in den Neckar ergießt.

Mancher Wandrer ſteht nach dieſer Richtung hin nichts als den Dobel, und die übrigen waldigen Fortſetzungen des Lochengebirgs. Wohl dem, welchem es einmal glüdt, eine ſolche Veleuchtung zu erhaſchen, die unter beſondern Diſpo⸗ fitionen der Luft, meiſt vor oder nach einem Regen bei wol— kenloſem oͤſtlichem und ſuͤdlichem Horizont ihm die herr⸗ liche Kette der Tyroler= und Schweizeralpen ents ſchleiert! Doch dieſes Gluͤck iſt fo ſelten, daß es manche Bes wohner der Umgegend ſelbſt noch nie genoſſen haben, und viele ſogar die Moͤglichkeit laͤugnen; daher der Reiſende ſich weder hier, noch auf den andern Punkten der Alb, wo die Ausſicht auf jene Berge unbeſtritten iſt, je beſtimmte Rech⸗ nung darauf machen darf.

Dagegen hat er einen herrlichen Anblick bei nur halbe wegs guͤnſtiger Witterung um ſo gewiſſer, wenn er ſich gegen Weſten wendet. Dort erhebt ſich, die untergehende Sonne zu empfangen, eine ſchwarzblaue ferne Bergeskette, links von dem Kniebis und den letzten Enden des tieferen Schwarzwal— des. Die Formen dieſer fernen Berge verſetzen jeden, der auf den Ausſichtspunkten des tiefern Unterlandes und der Pfalz zu Haufe ift, dorthin; denn er findet die alten Ber kannten hier wieder, mit welchen er dort vertraut geworden. Es find die ernſten, wellenfoͤrmig aneinander gereihten Vo— geſen, und zwar, der Richtung nach, die obre Kette der⸗

ſelben, etwa in der Laͤnge von Baſel bis Straßburg, die, noch immer in einer Entfernung von 40 Stunden, hoch uͤber die uͤbrige Gegend emporſteigen.

Wer ſo gluͤcklich iſt, die Vogeſen und die Tyrolergebirge zu entdecken, kann alſo mit einem Augenwink zwei Punkte berühren, die bei hundert Stunden von einander entfernt find. Und dazwiſchen wie viele kleinere Berg- und Huͤgel⸗ ketten, wie reiche Felder, wie dichte Waldungen, welche Saat von Städten und Dörfern! Jeder ſpricht fein Gefühl auf feine Weiſe aus: wir wollen nicht langer beſchreiben, fon=

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dern' ſchließen mit dem charakterkſtiſchen Zug eines Tübinger Renommiſten, der vor einem Paar Jahrzehenden, den Hieber an der Seite, auf dieſem Felſengipfel angekommen, ſeinem Kameraden um den Hals fiel und in die Worte ausbrach: „Bruder, hau mich nieder, ich bin dieſer Ausſicht nicht werth!“

Der Ruͤckweg wird am beſten wieder nach Bahlingen genommen, da ſtch kein andres Nachtlager anbietet. Dann nimmt die ganze Tour etwa 4 5 Stunden weg. Nur wer ſich nicht ſcheut in einer Dorfſchenke zu uͤbernachten, mag, wenn er wieder am Fuße des Tannenwalds angekommen iſt ., St.), ſich nach dem Dörfhen Weilheim, das rechts zu ſeinen Füßen liegt, wenden (/ St.), und von da nach Duͤrr⸗ wangen (% St.) gehen, wo er im Löwen zwar kein ſtaͤdti⸗ ſches Bett, aber doch Wein und Fleiſch antrifft, und ei⸗ nen huͤbſchen Vorſprung hat, da er ſich fehon eine Stunde von Bahlingen, im Eingang des Lautlinger Thales, befindet.

Wer zu Wagen iſt, hat denſelben entweder mit ſich durch den Wald hinauf mitgenommen, und da ſtehen laſſen, wo dle Heuberger Straße und der Lochenſteiner Pfad ſich ſchei— den, was jedoch eine harte Zumuthung fuͤr die Thiere iſt; oder er iſt den Berg ganz zu Fuß hinaufgegangen und findet ſeinen Wagen wieder unten bei der Ziegelhuͤtte im einſamen „Wirthshaus.“

Außer⸗-dieſer Tour auf den Lochen, find noch ſehr beloh— nende Abſtecher von Bahlingen aus auf den Plettenberg und den Schafberg zu machen, ſo daß der Wandrer zwiſchen dies ſen dreien ſich eine waͤhlen, oder nach Befinden zwei oder alle drei miteinander verbinden kann.

Von Bahlingen auf den Plettenberg. (Hohe 3520 Wuͤrt. Fuß.)

Hier geht der Wandrer von Bahlingen aus auf der Schwek— zerſtraße fort über Endingen (% St.) nach Dotternhau— fen (1 St.). Dem Neckar und Schwarzwald am naͤchſten tritt hier der weſtlichſte Theil der Alb mit den drei Bergen Lo— chen, Schafberg und Plettenberg in kuͤhnen Umriſſen in das Land hinein. Der Wandrer hat ſie zur Linken. In ſcharfer Kante ſenkt ſich das weſtliche Ende des Pletten— bergs bei Dotternhauſen bis zur Straße hinab. Von Dote ternhauſen ſteigt man eine halbe Stunde durch dunkeln Tan⸗

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nenwald bis auf die Höhe, das Knie genannt. Dort übere ſieht man das zwiſchen dem Schafberg und Plettenberg gele⸗ gene Waldhofthal mit dem Waldhof und dem Waldweie her. Nach einer kleinen Viertelſtunde erreichen wir die Hoͤhe des Plettenbergs mit feiner eine Stunde im Umkreis hale tenden Weidflaͤche. Die Ausficht iſt noch freier und weiter als auf dem Lochenſtein, und was die Schneeberge betrifft, unbe— ſtrittener, als auf der Lochen. Die Reihe derſelben hebt hier fuͤr das Auge mit den Vorarlberger 8 an, und begreift den Sentis und die andern Appenzeller Gipfel in ſich. Dann ſchweift der Blick bis an den Feldberg bei Freiburg; weiter gegen Weſten werden auch hier durch eine Vertiefung des Schwarzwalds die Vogeſen ſichtbar. Das Panorama endlich uͤber das tiefere Land mit nahe an 200 Staͤdten, Hoͤ⸗ fen, Doͤrfern und Burgen iſt gegen Suͤden und Suͤdweſten noch offener, als vom Lochenſtein. Auf dem Berge weidet eine Elektoralheerde des Hrn. v. Cotta.

Eine Sennhuͤtte, in einer Vertiefung des Plateau's ver- ſteckt, gewaͤhrt dem duͤrſtenden Wandrer Milch. Zieger und andre Leckerei der hier oben weidenden Sennheerde wartet des Reiſenden im Waldhof, wo die eigentliche Kaͤſerei iſt, die den trefflichen „kalten Plettenberger Kaͤſe“ liefert.

Auf dem vordern Theil des Plettenbergs gegen Dot— ternhauſen erkennen wir die Trümmer einer ſchon im ı5ten Jahrhundert zerſtoͤrten Veſte; hinten gegen Hauſen am Than lauft der Berg in eine uͤber dem Thal ſchwebende Felſenecke aus, der Edelmannswinkel genannt, und von dem uͤbrigen Berg durch Wall und Graben getrennt. Auch hier ſtand eine Burg. Noch ſteht man die Stufen, die, in den ſteilen Felſenſteig gehauen, von dieſem Herrenhaus in die Kirche nach Haufen hinunter führten.

An dieſer Seite verlaſſen unſre Wandrer die Höhe des Berges, und ſteigen nieder zu einer Felſenquelle, wo noch vor 50 Jahren ein greiſer Einſtedler wohnte, deſſen Obſt— pflanzungen ihn und feine Hütte überlebt haben. Von dort, am Abhange des Berges hin, wandern unſre Reiſenden zur Sauerbronnquelle von Riedhalden (St.) und wieder zuruͤck durch einen ſchoͤnen Buchenforſt an den ſtillen Waldhof— weiher, in dem ſich die Felſen des Schafbergs ſpiegeln. Ein paar hundert Schritte aufwaͤrts in dieſem abgeſchiednen

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Thale gelangt man an den Waldhof (f. oben). Von hier aus ſteigt man nun weiter abwärts, zwiſchen dem Pletten— berg und Schafberg hinunter, nach Hauſen, von ſeinem engen Waldthale- am Thann genannt (/ St.). Die armen Bewohner des Dorfes wandern zum Theil als Handwerker, zum Theil auch nur als Schnitter. Neuerdings ſenden St. Galler Haͤndler den Maͤdchen Muſter zum Tullſticken. Jetzt fuͤhrt der Weg durch ein ſtilles, gruͤnes, von einem Bach bewaͤſſertes Wieſenthal nach dem Sennerwaldhof, der im ſtillen Grunde zwiſchen den dunkeln Waͤldern des Gaisbuͤhls und des Thanns dem Wandrer heimlich ent— gegen winkt. Ganz nahe ſtuͤrzt der Bach ſchaͤumend in ein tiefes Becken. Die Umgebung wird wild, und nur der Edel- mannswinkel mit ſeinen Spitztannen haͤngt uͤber dem ein⸗ geengten Horizont wie in den Wolken. Von hier aus ſucht nun entweder der Wandrer uͤber berhauſen (St.) mit einem Führer den Lochenſtein; oder er kehrt auf dem alten Wege nach Dotternhauſen zuruͤck (2 St.); oder endlich er geht über Kernhauſen (/ St.), Rathhauſen St.), nach Schemberg (/ St.), wo er auf die Schweizerſtkaße kommt, und von da über Dottern— haufen (1 St.) nach Bahlingen (1½ St.) zuruͤck kehrt.

Von Bahlingen auf den Schafberg.

Höhe 3538 Wuͤrt. F., alſo 160 F. höher als die Lochen.

Dieſe Tour wird über Endingen (/ St.) und Roß⸗ wangen (% St.) gemacht. Das letztere Dorf liegt recht un— terlaͤndiſch in einem Obſtwald, und iſt darum wohlhabend. Von ihm aus führt der Fußweg ſteil auf die Gaiskanzel; an einem Brunnen voruͤber, der aus den Wurzeln einer ſchoͤnen Buche hervorquillt; noch wenig aufwaͤrts, ſo ſteht man in dem Lochengrund (dem Bergſattel zwiſchen dem Schafberg und der Lochen). Hohe Felswandungen rechts und links, von wel— chen die hoͤchſte ſcharf und kantig wie ein Thurm in den Him⸗ mel aufſteigt: es iſt der Lochenſtein. In dieſem Sattel, an den Wenzelſtein gelehnt, liegt das freundliche Gehoͤfte des Lochenhofs (Wenzlau) 1 St. von Roßwangen; den Hof, obwohl 2702 Par. F. über dem Meere, zieren dennoch alte Obſtbaͤume und ein neu angelegter Hopfengarten. An den Felſenkegeln Wenzel und Lochen weiden Kuͤhe und Schafe

25 in ſchwindelnder Höhe. Vom Loch enhof beftelgt der Wan⸗

drer den Wenzelſtein

(% St.), und trifft hier noch Spuren einer alten von den Schweden zerſtoͤrten Veſte: den Burgbronnen, und unterirdi— ſche Gewoͤlbe. Vor 60 Jahren wurden die Truͤmmer zu ef= nem Hausbau im Thale verwandt. Der Sitz iſt rund von Bergen umgeben, und nur durch den Lochengrund, wie durch ein großes Fenſter, erblickt man Bahlingen und die umlie— genden Doͤrfer, den Zollern und das flachere Land, und eben zu den Fuͤßen, winzig klein, den Lochenhof; im Ruͤcken, Schloß Oberhauſen mit feinen Wieſen und Gärten.

| Schafberg.

Der Wenzelſtein haͤngt mit dem Schafberg durch eine natuͤrliche Bruͤcke zuſammen; hieher wenden ſich jetzt die Wandrer und ſteigen immer hoͤher, bis zu dem vordern Schei— tel des Berges (/ St.), den ein Kranz ſchmalen Buchenwal— des ſchmuͤckt, der bis auf den jaͤhen Abſturz kuͤhn heraustritt. Dort oben hat ſich vor Jahrhunderten der Fels, des Berges aufgethan, und klaft in einem tiefen Spalt auseinander. Baͤume und Pflanzen ſteigen aus der Tiefe auf, und wer

durch ein enges Felſenloch in den Gang hinunter ſteigt, fin—

det zum Wunder die reichſte Vegetation von Muſen, Lich— anen und Farrenkraut. Der Ort führt von dem, was er iſt, den Namen des geſpaltenen Felſen FCFelſenſpelt).

Der Schafberg iſt der zweithoͤchſte des Landes. Die Ausſicht im weſentlichen dieſelbe, wie auf den zwei vorbe— ſchriebnen Bergen, iſt beſonders uͤberraſchend auf der gegen Roßwangen auslaufenden vordern Kanzel des Berges, die, nach unten ſchief einlaufend, im eigentlichſten Sinne des Wortes in der Luft ſchwebt. Die Flaͤche des Berges, um zwet Drittheile kleiner als die des Plettenberges, wird, wie dieſer, zur Waide benuͤtzt, und iſt erſt ſeit kurzem ausge: hauen. d

Der Ruͤckweg wird über Oberhauſen (1 St.) angetre— ten; hier ſteht ein unbewohntes Schloß, der Schloßgarten aber wird noch unterhalten. Von Oberhauſen nimmt den Wandrer die Straße von Thieringen nach Bahlingen auf, und er kommt

an der Lochen vorbei (die ſich alſo auch mit dieſer Tour ver⸗

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binden laßt), die ſchon beſchrlebne Lochenſteig herab nach Bah⸗ lingen (2 St.).

Der ganze Complex dieſer Berge, Thaͤler und Weiden ſamt den Ortſchaften Dotternhauſen, Roßwangen, Oberhau— fen, Lochenhof, Haufen am Thann, und den Waldhöfen bil— det die Herrſchaft Plettenberg, die vormals auf Kreis— tagen Sitz und Stimme hatte, und deren Beſttz jetzt auf den Herrn v. Cotta uͤbergegangen iſt. Der jetzige Beſttzer hat die druͤckendſten Rechte der Leibeigenſchaft in den Orten Roß— wangen und Dotternhauſen aufgehoben; derſelbe hat ein Ca— pital von 1000 Gulden geſtiftet, deſſen Zins am 24ſten Aug. für die treueſten Dienſtboten und beſten Schulkinder der grund- herrlichen Ortſchaften in einem froͤhlichen Feſt auf dem Plet— tenberg vertheilt werden.

f

Route des erſten Tages.

Von Tübingen nach Dußlingen . ½ St. Ofterdingen Hechingen 21

Weſſingen . 3 Stein hofen Engſtlatt : L Bahlingen zum Fuß der Lochen %— zur Heuberger Wegſcheide auf den Gipfel der Lochen %— zuruͤck nach Bahlingen. 1,

Zuſammen 10% St.

Abſtecher von Bahlingen.

1) nach Endingen +. St.

Dotternhauſen 1

guf den Plettenberg nach Riedhalden

Hauſen am Thann. 7 Dotternhauſen »

Bahlingen 1,

Zuſammen 7 St.

2) nach Endingen f 5 St.

Roß wangen 7

auf den Wenzelſtein 1

Schafberg 55

nach Oberhauſen 1 Bahlingen 3

Zuſammen 5°, St.

Zweiter Tag.

Durchs Lautlinger Thal uͤber Ebingen zum Fuß des Hohenzollern.

Wer auf geradem Wege von Bahlingen auf den Hohen— zollern zuruck geht, iſt freilich in 5 Stunden oben, und fein Ziel muß fuͤr den heutigen Tag das ſeyn, was wir am drit— ten Abend erreichen, naͤmlich die Salmandinger Capelle.

Wir ſchlagen aber den Reiſenden vor, um des wildſchoͤ⸗ nen Eyachthales willen den Weg uͤber Ebingen und zu— ruͤck uͤber das Gebirge zu nehmen, womit fie eine volle Tages. reiſe zubringen. 8 a b

Weg durchs Lautlinger- oder Eyachthal nach Ebingen.

Eine breite Landſtraße fuͤhrt durch dieſes ausgezeichnete Thal. Ehe man in die Muͤndung der Gebirge eintritt (das genze Thal zieht ſich anfangs ſuͤdoͤſtlich, am Ende faſt ganz oͤſtlich), kommt man durch Frommern % St.) nach Duͤrr⸗ wangen (% St.). Auf dieſem Wege hat man oͤſtlich von der Stadt Bahlingen den Hirſchberg (mit einer ſchoͤnen Ausſicht auf den Schwarzwald, das Gaͤu und einzelne Spißen der Mittelalb, z. B. Achalm), ſuͤdweſtlich von Duͤrrwan— gen den Hornberg oder das Horn, und links, tiefer im Thal gegen Lautlingen hin, die unvergleichliche Waldkuppel des Schalksbergs. Mein Wirth in Duͤrrwangen er⸗

28 zaͤhlte mir ziemlich verworren elne Sage von den drei Bergen Hohenzollern, Schalksburg und Hirſchberg, die er noch dazu laͤcherlich genug in die neueſten Zeiten, in ſeine Jugend, vorwaͤrts datierte und den „Karl Herzog“ zum Haupt⸗ helden machte. Offenbar aber iſt es eine aͤltere Sage, die ich aus ſeinen verwirrten Reden endlich herauswickelte und

getreulich wiedergeben will.

Sage von drei Bruͤdern.

Vor langen Zeiten ſtanden auf dem Schalksberg und dem Hirſchberg ſchoͤne Burgen, wie auf dem Zollern. Die drei Berge und die Burgen gehörten drei Brüdern. Das Schloß auf dem Hirſchberg war das ſchoͤnſte, und der Bru— der, der dort hauste, war der reichſte; dem gehoͤrte auch Bahlingen. Der fiel in eine toͤdtliche Krankheit, und weil feinen Brüdern das ſchoͤne Erbe mehr am Herzen lag, als der kranke Bruder, ſo konnten ſie nicht warten, bis er ver— ſchieden war. Ja als es hieß, er ſey geſtorben, verbargen fie ihr Vergnuͤgen nicht, ſondern thaten Freudenſchuͤſſe von ihren Burgen herab. Die hörte der Todtkranke, vernahm ihre ur— ſache, und fiel vor Aerger in einen Schweiß, der ihn vom Tod errettete. Als er aber geneſen war, da beſchloß er, den ungetreuen Brüdern das fehone Erbe nicht zu gönnen, fondern er verkaufte ſeinen Berg ſamt Haus und Hof und der Stadt Bahlingen, auf den Fall ſeines Todes, an Wuͤrtemberg um einen elenden Hirſchgulden (9). So lebte er noch lange Zeit froͤhlich und getroſt auf ſeinem Berge, die Bruͤder aber ritten ihm zu Hofe und thaten ihm freundlich; denn er war der aͤlteſte, und hatte kein Weib und keine Kinder; ſo hofften ſie ihn dennoch zu beerben. Als er denn endlich ge— ſtorben war, und fie auf die Burg kamen, mit Worten weh— klagten und im Herzen froͤhlich waren, da kamen des Grafen von Wuͤrtemberg Abgefandte, brachten den Hirſchgulden zum Kaufſchilling, und zeigten die Urkunde vor, mit des Ritters Siegel und Unterſchrift. So erfuhren fie den Kauf, fluchten und tobten, aber vergebens. Der Berg gehörte Wuͤrtemberg, und ſie mußten abziehen. Am andern Tage kam der von Zol⸗ lern zu dem auf die Schalksburg und ſprach: ich hab ſchlecht geſchlafen, Bruder! ich auch, ſagte der andre, es iſt mir in den Magen gefahren. Laß uns den Hirſchgulden vertrinken,

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ſprach der Zoller. So wirds nns beffer werden, wenn das Erbe draußen iſt. So giengen ſte nach Bahlingen und zechten im Wirthshaus. Als nun die Zeit kam, da ſie zah⸗ len ſollten, und den Hirſchgulden hinwarfen, da ſchuͤttelte der Wirth den Kopf und ſprach: fie find abgeſchaͤtzt; heut früh hats ein Bote von Stuttgart gebracht, in des Grafen Namen, meinen neuen Herrn. So zogen ſie ab, und ſprachen nichts miteinander; und hatten anſtatt des Erbes einen Gulden Schulden.

Fortſetzung des Weges.

Zwiſchen Frommern und Duͤrrwangen iſt das Wolfs— loch, eine laͤnglichte Grube, ungefaͤhr 15 Klaftern in die Laͤnge, und 10 in die Tiefe; fie beſteht aus lauter Kiesboden, fängt dus auf dem obern flachen Ackerfeld ſich ſammelnde Waſ— ſer auf, laͤßt es durchfließen und uͤberſchwemmt die W be ge⸗ legenen Ackerfelder mit Kies.

Was beim Eintritt in das Eyachthal den Wandrer ſehr angenehm uͤberraſcht, ift der ſchoͤne und dabei feine Menſchen— ſchlag, beſonders weiblichen Geſchlechts, und die allerliebſte Tracht, die der berühmten Steinlacher nichts nachgiebt. In den Haupttheileu iſt fie der Stadt Bahlingen und dem gan— zen Oberamt eigen: nur wird fie in der Stadt allmaͤhlig ſelt— ner, und hat ſich im Gebirg am lauterſten erhalten, wiewohl jedes Dorf wieder ſeine eigne Variation hat. Sie kleidet ſehr nett, und iſt vortheühaft für einen guten Wuchs; der Kopfputz in der Amtsſtadt iſt an Sonntagen eine hohe Haube

von ſchwarzem Krepp mit Flor, der bis zu den Augen reicht,

an Werktagen eine niedre, ſeidne, bebaͤnderte Schlafhaube. Auf dem Lande tragen ſie ſogenannte Stirnen, die vermoͤg— lichern fhwarzfammtene, mit einem Schnepp in die Stirn, hinten ausgeſchnitten, um die Zoͤpfe durchzuſtecken, und mit Haften geſchloſſen. Die Weiber haben auch Schleier und dar— auf ſchwarze runde Huͤtchen ohne Stilp. Das Mieder iſt ſehr eng auf den Leib angepaßt, und halb daruͤber geht ein weißer Goller von Gaß oder Muſſelin. Das Wams iſt ſchwarz und nicht laͤnger als das Mieder, mit kurzen Aermeln, vorne gaͤnzlich geſchloſſen, und nur auf dem Lande offen. Außer der Kirche tragen ſie es nicht, ſondern gehen Sommers und Win— ters in Hemdaͤrmeln. Beſonders gut nimmt ſich der kurze,

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mit ſchwarzen Sammtborden verbraͤmte Rock aus ſchwarz und blauem Wifling aus, deſſen Falten alle nach Einer Seite ge— kehrt ſind; daruͤber die blanke Schuͤrze, die meiſt weiß, zu— weilen blau oder ſchwarz und immer gefaltet iſt. Ueber ihn zieht ſich der vielgeſchmuͤckte, ſchwarzſammtne Gürtel hin, hin— ten mit Baͤndern geknuͤpft. Die Struͤmpfe ſind weiß, ſelten noch roth. Die Schuhe ſpitz, geſchnaͤbelt, mit ſpitzem Abſatz, auf dem Land eine heruntergeſchlagne Laſche. Die Braͤute in der Stadt tragen zum Kopfputz handhohe Neſter, d. i. Raſterkraͤnze mit gold- oder ſilberdurchwirkten bunten Baͤn— dern, die die Haarzoͤpfe ganz, das Haar beinah bedecken. Auf dem Land heißt es eine Schappel, und iſt eine Sammt⸗ borte, die Laubwerk, Nosmarin u. dergl. traͤgt.

Bei Duͤrrwangen beginnt die eigenthuͤmliche Schoͤn⸗ heit des Thales. Links hat man hier dicht vor ſich die viel- beſprochene Schalksburg. Weiter hinten der huͤchſte Berg der Umgegend, der Boͤllath (Bellet, Boͤllert), wo bei dem Dorfe Pfeffingen die Eyach entſpringt. Rechts reihen ſich in keckere Formen, als ſonſt die Albgebirge, der Lochenſtein, der Hackenfels, der Dobel aneinander; der auffallendſte aber iſt ein breiter, vereinzelter Felsruͤcken von ungeheurer Hoͤhe, der Graͤblesberg. Wie uͤberhaupt das ganze Thal, wenn Vergleichungen erlaubt ſind, nur in verkleinertem Maasſtabe an die ſaͤchſiſche Schweiz erinnert, fo hat beſonders die— ſer Graͤblesberg, durch ſeinen hohen, auf beiden Seiten abſchuͤſſigen Felsaufſatz, die auffallendſte Aehnlichkeit mit dem Lilienſtein; eine kuͤhne Form, die ſonſt auf der ganzen Alb nicht wiederkehrt. Gegen Südoften iſt der ganze Berg mit ungeheuren Felsmaſſen verſetzt, auf der weſtlichern Seite ſtreckt der oberſte Abſatz dem Thal ein Hoͤhlenthor entge— gen, das aus weiter Ferne mit bloßen Augen entdeckt wird, und in die freie Luft herausgeht. Der Weg auf den Graͤb— les berg geht über Laufen, und beträgt von Duͤrrwangen immerhin 1) Stunden. Wenn man zu jenem Abſatz, zu dem man noch bequem emporkommen kann, gelangt iſt, ſo iſt das Thor der Hoͤhle in dem maſſiven Felſen immer noch uͤber 30 Fuß vom Boden entfernt, ſo daß man nur mittelſt langer Leitern daſſelbe erreichen kann. Etwa 40 Schritte nach dem gewoͤlbten Eingang erweitert ſich die Hoͤhle zu einem geraͤu— migen viereckigten Platze. |

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Eine bequemere und noch belohnendere Seitentour von Duͤrrwangen aus iſt der

Weg auf die Schalksburg. Höhe 5178 Wuͤrt. F.)

Hier geht der Wandrer links ab, nach Stockhauſen *) (% St.), dann durchs Wannenthal, an dem Hofe gleichen Namens vorbei, aufwaͤrts im dichten Tannenwald, bis man auf der Höhe anlangt (, St.). Unter die größten Naturmerk— wuͤrdigkeiten gehoͤrt der Eingang auf die verfallene Burg, der ſich in einem Bogen von 800 900 Schritten vom Burgfelder Feld her dem Schalksberg zu, ſo ſchmal herzieht, daß auf dem dünnen Ruͤcken nicht einmal ein Wagen fahren kann. Zu bei- den Seiten des ſchmalen Ruͤckens iſt eine ungeheure Tiefe von mehrern 100 Klaftern, fo daß die hoͤchſten in dem unter— halb liegenden Wald befindlichen Tannen dem Auge wie der Anwuchs eines jungen Haues erſcheinen, und ſelbſt die untre Baſis dieſes ſchmalen Ruͤckens zu feiner Höhe nicht verhält- nißmaͤßig ſcheint. Nicht leicht wird ein ſo hoher und zugleich fo ſchmaler Bergruͤcken angetroffen werden.

Von der alten Burg ſelbſt ſind nur noch wenige Truͤmmer vorhanden, einiges alte Gemaͤuer und zwei Thuͤrme, jeder et— wa 2 Klafter hoch, der eine rund, der andre viereckigt; der übrige Schloßraum find jest Wieſen und Aecker, die auf Fel⸗ fen ruhen. Von dem edeln Geſchlechte der Schaͤlksburg weiß man nichts. Nur zwei Edle v. Schalksburg, beide Wales ther mit Namen, kommen bei Cruſtus vor, der eine im J. 1517, der andre 1568. Das Schloß ſoll nach Cruſtius vom Blitz getroffen und abgebrannt ſeyn. Schon zu ſeiner Zeit ſah man nicht mehr als Ueberreſte. Doch ſollen vor 40 Jah- ren noch 4 5 Thuͤrme geſtanden haben. In dem Berge zei— gen ſich noch Spuren von unterirdiſchen Gewoͤlben. Auch hier hat eine Volksſage ihren Sitz, die mir vom Wirthe zu Laut⸗ lingen muͤndlich mitgetheilt worden.

) Geſtattet es die Zeit, fo iſt von hier aus ein Abſtecher nach Zillhauſen (4, St.) hinter der Schalksburg zu empfehlen, zu dem ſchoͤnen Waſſerfall des Zillhaͤuſerbachs, der 86 Fuß hoch über Kalk- und Schieferfelſen in das ſogenannte Wun⸗ derloch faͤllt. Dann zuruͤck nach Stockhauſen.

1

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Sage von der Schalksburg.

„Einſt giengen junge Leute auf die Schalksburg luſtwan— deln, die ſahen da zwei ſchoͤne Jungfrauen, die ſich auf den Truͤmmern der Burg ergiengen. Weil ſie nun meinten, daß es lebendige Menſchen waͤren, ſo ſcheuten ſie ſich nicht, mit Fragen an fie zu gehen und zu erkunden, wer fie denn wären, und wie ſo ſchoͤne Fräulein in die wilde Eindde kaͤmen. Da antworteten jene: wir ſind nicht mehr am Leben, wie ihr glaubet; wir find gebannte Geiſter und geſchworene Jung— frauen; zur Strafe fuͤr unſre Suͤnden muͤſſen wir die Schaͤtze huͤten, die in den Gewoͤlben der Burg verborgen liegen, bis einer kommt und uns erlöst. Wollt ihr uns erloͤſen, ſo thut alfo:. drunten am Fuße der Burg, mitten im Tannenwald, findet ihr einen Ahornbaum, er iſt der einzige im Walde, den hauet um und ſchneidet ihn zu Brettern und machet eine Kinderwiege daraus. Dann nehmet ein unſchuldiges Kindlein und leget es drein. So werden wir erloͤst werden. Als ſte dieſes geſprochen, verſchwanden ſie in dem Geſtruͤpp. Die jungen Leute aber kam ein Schauer an, und ſte giengen hinab in ihr Dorf. Doch ſuchten fie und fanden den Ahorn; thaten in Allem, wie ihnen die Jungfrauen geſagt. Und als es ge— ſchehen war des Abends, da ſah man aus der hohen Schalks— burg eine Helle ſich erheben, wie vom Schein eines Feuers, und alsbald flogen die erloͤsten Jungfrauen herrlich von Ge⸗ ſtalt und mit feurigen Leibern gen Himmel.“

Dieſe Sage hat noch neuerdings Leute vom Dorfe Laut— lingen verführt, Schaͤtze in den Gewoͤlben zu ſuchen. Meh— rere Männer ließen ſich an Seilen in dle unterirdiſchen Loͤcher hinab. Einer davon verirrte, und ſchrie, daß man ihn herauf laſſen ſollte; die droben aber zogen am falſchen Seil, und ſo ward er nur immer tiefer hinunter gelaſſen. Endlich gerettet, ſagte er aus, daß er eine große Kiſte drunten habe ſtehen ſehen, und dabei einen feurigen Hund, als Waͤchter der Schaͤtze.

Die ſchoͤnſte Aus ſicht auf der Schalksburg iſt auf der Seite gegen Duͤrrwangen auf der Brandhalden, gegen den Schwarz- wald. Gegen Suͤdweſten ſoll das Auge bis an den Saum der Tuttlinger Berge ſchweifen, was der Lage nach faſt unmoͤglich iſt. Auf der oͤſtlichen Seite der Burg entſpringt am ober— ſten Felſen der Schalksbach, der bei anhaltendem Regen und Schneeabhang von vielen Bergquellen verſtaͤrkt wird, „die alle ſeht zornig laufen.“

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Der Ruͤckweg von der Schalksburg

wird am beſten wieder über Stockhauſen genommen (/ St.), wenn man nicht ſo gluͤcklich iſt, Fußpfade nach Laufen oder gar nach Lautlingen zu treffen.

In der Nahe von Duͤrrwangen iſt noch der Hacken brun— nen zu bemerken, der am Fuß des oben erwaͤhnten Hacken— felſen armsdick heraus und bergabſtuͤrzt; er verſtegt nie des Sommers und gefriert nie des Winters, am Felſen kann man ſein Brauſen im Eingeweide des Berges belauſchen. Den Namen führt Fels und Brunnen von einem in dem Felſen be— feſtigten hoͤlzernen Hacken, vermittelſt deſſen die Leute uͤber einen hohen Felſen auf- und abſteigen, wenn fie den naͤchſten Weg nach Thieringen gehen.

Fortſetzung des Weges nach Ebingen.

Von Duͤrrwangen an der lieblichen Eyach und ihren Mühlen hin nach Laufen, einem kleinen Filialdoͤrfchen mit beſonders feinen Phyſtonomien, dann nach Lautlingen (mit einem Staufenbergiſchen Schloͤßchen). Hier war die berühmte Kaͤſerei des Gr. v. Staufenberg, die den ſchoͤnen rothen Och— ſenbergerkaͤſe (von der benachbarten Meierey fo geheißen) lieferte. Schon Cruſius erzählt: „da wohnt ein Edelmann, bei dem ſehr gute Kaͤſe gemacht werden.!“ Seit kurzer Zeit hat die Kaͤſerei aufgehört. In Lautlingen kann ſich der Wandrer mit gutem Bier erquicken. Hier verlaͤßt die Straße den Bach der Eypach, der links aus dem Gebirge hervorkommt, eine leichte Erhoͤhung uͤber Ackerfeld hin führt aus dem Eya— cher- in das Ebingerthal (1% St.). Auf der Höhe hinter Lautlingen, wo man noch einmal die jetzt im Ruͤcken liegen⸗ den maͤchtigen Berge der Eva uͤberſchauen mag, thut man, eben wo die Eyach, die man bisher oͤſtlich aufwärts verfolgt, Raus Norden hervorkommt, einen ſchoͤnen Blick in dieſe Krum- mung, in der das Kloſter Margarethenhauſen, ſehr ſchmuck fuͤr dieſe Einſamkeit, liegt. Hier, wie in Lautlingen, Frommern und Ebtugen hatte ſchon im Jahr 795 St. Gal⸗ len von der mit den Karolingern verſchwaͤgerten maͤchtigen Familie der Grafen Berthold Schenkungen. Nach ihr hieß dieſe ganze Gegend bis Tuttlingen damals Bertholdis⸗ bara, Bertholds Baar.

G. Schwab, ſchwaͤb. Alb. 3

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Nach der verwirrten Erzaͤhlung eines Fuͤhrers haͤtte zwi⸗ ſchen Margarethenhauſen, Laufen und Burgfelden noch ein Schloß, „das alte Schloß“ geſtanden, Stunden von der Schalksburg; noch ſey davon ein abgehobener Thurm von herr⸗ lichen Quaderſteinen, wie abgeſaͤgt, zu ſchauen. Auf dem als ten Schloß und dem Graͤblesberg ſeyen zwei feindſelige Brüder geſeſſen, die einander nichts Gutes goͤnnten, ſich ver— derbt, und einer den andern mit Pfeilen erſchoſſen haben (eine Sage, die unzaͤhligemahl wiederkehrt, wo zwei Burgen ein⸗ ander gegenüber ftehen). So ſorgfaͤltig indeſſen der Bauer das alte Schloß von der Schalksburg zu unterſcheiden ſchien, ſo iſt es doch wohl identiſch mit derſelben; denn 17 ganzen Thal wollte niemand ſonſt etwas davon wiſſen. ie kleinen Ruinen des Schloͤßchens Staufen berg-Lautlin⸗ gen am Fuße des Thierbergs koͤnnen es der Lage nach nicht ſeyn. Auf dieſem Thierberg hauſen uͤbrigens Ge— ſpenſter. Jetzt ſind ſie aber alle erlöst, feste mein munterer Wirth in Lautlingen hinzu: „Pfarrer Demeter hat alle erlöst durch ein Buͤchle über Hexen- und Geſpenſtergeſchichten.

E bing enn. (Hoͤhe 2561 W. F.)

So unanſehnlich das Staͤdtchen ausſteht, iſt es doch einer der gewerbſamſten Orte mit ſtarken Wollenſtrumpfweberei, Zeug⸗ und Hutfabriken, und ausgedehntem Viehhandel. Auch iſt die Einwohnerzahl 4000, mithin um ein Viertel ſtaͤrker, als die von Bahlingen. Es liegt an dem Fluͤßchen Schmicha, das bei Onſtmettingen entſpringend, hier von der Alb herabkommt, und nach Suͤden zu fließend, ein tiefes und wal⸗ diges Albthal bildet, das ſich allmaͤhlig verflachter fortſetzt, bis ſich die Schmicha, etwa 5 Stunden von Ebingen, unweit von Sigmaringen, in die Donau ergießt. 4 2

Das beſte Wirthshaus iſt die Poſt, wo den Wandrer gu— ter Wein und erkleckliche Mittagsmahlzeit erwartet.

Geſchichtliches bietet Ebingen nicht viel. Daß es ur⸗ alt iſt, haben wir oben geſehen. Schon im J. 817 kommt es

als villa vor. So hießen zu den Zeiten der Carolinger die Domänen, in welchen die Könige, öfters hausten. In der ſpaͤtern Zeit war die Stadt ein Eigenthum der Grafen von Hohenberg; im Jahr 1567 kam es durch Kauf an Wuͤrtemberg,

35 doch fo, daß Graf Sigmund von Hohenberg, an den die Stadt ſpaͤter wieder verpfändet worden war, nachdem die Pfandſchaft gelöst, bis zu ſeinem Abſterben 1486 da wohnen durfte, wor- auf aus ſeinem Haus ein Spital gemacht wurde.

Nach Herzog Ulrich's Vertreibung ward es von Graf Ele telfriz v. Zollern im Jahr 1519 vergebens belagert, und war eine der letzten Städte, die ſich dem ſchwaͤbiſchen Bund erga= ben. Die Stadt hatte ſich fruͤhzeitig einen ſchoͤnen Reichthum erworben, denn, als durch die Nachlaͤſſigkeit eines alten Wei⸗ bes im Jahr 1577 das Rathhaus mit der ganzen Straße bis zum Markte abbrannte, bedauerte man nicht nur den Verluſt von Briefſchaften und Privilegien, ſondern auch einen großen Schaden an Hausrath und Silbergef irrt, viele 1000 Gul⸗ den an Werth.

Der Reichthum muß um dieſe Zeit die Bürger ein wenig zuverſichtlich gemacht haben. Daher folgende Geſchichte, die ins J. 1584 fällt, als Ludwig, Chriſtophs Sohn, Herzog in Wuͤrtemberg war.

Hans Koch von Sina

Hans Koch, der feſte Buͤrger ſitzt Zu Stuttgart in der Landſchaft, Ein guter Sinn und Seckel ſchuͤtzt Die Ehre ſeiner Standſchaft.

Er weiß, er hat ein eignes Haus, Drum macht er ſich ſo viel nicht draus, Weg von der Bruſt zu ſprechen.

Ein milder Herr der Ludwig iſt, Liebt ſeine Unterthanen,

Doch auch den Wein, zu jeder Friſt, Und zecht, wie ſeine Ahnen.

Und weil er will des Volkes Heil, So nehmen anch die Staͤnde Theil An manchem guten Mahle.

Einſt ſitzen ſie bei ihm zu Tiſch, Hans Koch an ſeiner Seite; Es ruft der Fuͤrſt: „getrunken friſch! Kraft braucht's zu neuem Streite!“ 1 Da wehret ſich ein jeder Stand, 3 .

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Praͤlaten und das ganze Land Zur Eintracht ſtimmt der Becher.

Herrn Hans verſchwimmet Stand und Rang Im weiten Meer des Weines:

„O Herre! ſpricht er gar nicht bang, Verſprechet mir ein Kleines!

Wie mir's bei euch gefallen hat,

Fuͤhrt euch der Weg durch meine Stadt, Laßts euch bei mir gefallen!“

O weh, das kecke Wort verſtoͤrt, Und ſchlaͤgt die Zecher nieder, Und ein Gehorſamsfieber führt Den Herrn durch alle Glieder. Da troͤſtet ſie des Herzogs Blick, Er winkt mit gnaͤdigem Genick: „Wie ſollt' ichs Euch verſagen?“

Und friedlich, nach dem frohen Schmaus (Der Himmel gab den Seegen)

War bald der heiße Landtag aus,

Gieng jeder ſeiner Wegen;

Nach Ebingen der alte Hans,

Er maͤſtet Schwein’, er ſtoppt die Gans, Er eichet alle Faͤſſer.

Nach kaum zwei Monden fuͤhrt die Farth Auf Hohentwiel den Fuͤrſten;

Bei Ebingen im Tannenhart

Faͤngt es ihn an zu duͤrſten;

Da klopft er an des Hanſen Thuͤr: Lieb⸗ und Getreuer, komm herfuͤr,

Jetzt ſollſt du Wort mir halten.

Und wie ſich thun die Thuͤren auf, Iſt ſchon der Tiſch gedecket,

Dem Fuͤrſten und dem Dienerhauf

Das Feſtmahl weidlich ſchmecket. Der Herzog lehrt's den ganzen Hof, Der Ritter trank, der Knappe fof, Der Jagdhund kaut' am Troge.

„Ei Koch, ei Koch! ihr feyd ein Koch! Ihr backet gute Krapfen!

Und waͤchst ein feines Weinlein doch An euren Tannenzapfen.

Heil eurem Haus und ewig Ebr!

Nur Eines fehlt: was iſt er leer,

Der Platz zu meiner Rechten?“

„Das Beſte kommt, o Herr, zuletzt!“ Spricht Hans mit tiefem Neigen. „Mit beſſrem Wein den Tiſch beſetzt! Ihr Geiger, ſpielt den Reigen!

Da thut ſich auf ein Geitenthor,

Ein roſig Maͤgdlein tritt hervor,

Den Brautſchmuck in den Haaren.“

„Ei ſchauet, ruft Herr Ludwig, ſchaut!“ Er ruft's mit Wohlgefallen.

„So lang bargſt du die ſchoͤnſte Braut,

Die Tochter in den Hallen?“

Da nimmt Herr Hans das ſuͤße Kind,

Das goldgeſchmuͤckte, fuͤhrt geſchwind

Dem Herzog es zur Seite:

„Ein Wittwer ſeyd ihr, Gott's erbarm! Mein Haus iſt ohne Schulden!

Schmuck iſt mein Maͤgdlein, iſt nicht arm, Sie bringt euch tauſend Gulden!

Herr! euer iſt die ſchoͤne Braut,

Fuͤr dieſes Mahl euch angetraut

Zu euren rechten Handen!“

Der Herzog ſieht ſich an die Meid: Ja, ſie iſt ohne Tadel! —* Ihr reiner Leib im ſeidnen Kleid,

Er iſt von Gottes Adel.

Drum ſchaͤmet auch der Fuͤrſt ſich nicht,

Sich mit dem ſchoͤnen Kind verſpricht Auf dieſes Mahles Freuden.

4 Er ſteckt ihr an ein Fingerlein Von lauteren Demanten,

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Er ſetzt fie au die Seite fein

Beim Schall der Muſtkanten. . Und mit des reichen Mahls Beſchluß

Darf ſie dem Braͤutigam den Kuß

In Ehren nicht verwehren.

Drauf ſattelt man dem Herrn das Roß, Er dankt von ganzer Seele,

Er laͤdt den Vater auf ſein Schloß

Auf Gaumen und auf Kehle;

Nur auf dem Landtag, bittet er,

Da ſoll fortan der werthe Schwaͤhr Den Schwiegerſohn bedenken.

Von den ſpaͤtern Schickſalen der Stadt Ebingen iſt nur noch zu bemerken, daß ſie, wie Bahlingen, Tuttlingen und Roſenfeld im J. 1655 dem Grafen Heinrich Schlick geſchenkt ward, der fie nach dem weſtphaͤliſchen Frieden in ſchlechtem Stande wieder abtrat, weil ſie am 21. Nov. 1642 von den weimariſchen Voͤlkern rein ausgepluͤndert worden.

Von den Umgebungen Ebingens iſt der Sigmaringiſche Oberamtsflecken Straßberg im Schmichathal (1½ St.) der bemerkenswertheſte wegen des herrlichen Felsſchloſſes, das noch ganz erhalten auf ungeheuren thurmeshohen Steinmaſ— ſen ruht, und jetzt einen ſchlichten Bauer zum Bewohner hat.

Wenn unſre Reiſenden nach dem Mittagsmahle aufbrechen, ſo haben fie nun wiederum zwei

Wege von Ebingen zum Fuße des Zollern

offen.

1) Wenn dle oben bezeichnete Beſchaffenheit der Witte: rung eine Ausſicht in die weite Ferne hoffen ließe, ſo waͤre es rathſam, den Umweg uͤber den Bergort Bitz und dann durchs Killerthal nach Hechingen nicht zu ſcheuen.

Bitz (1½ St. von Ebingen), ein ſehr hoher Albpunkt (Höhe 3135 W. F.), das einzige Doͤrfchen des ehemaligen Oberamts Ebingen, das die Stadt im J. 1586 um 210 Pf. Heller von Schweikart v. Lichtenſtein kaufte, gewaͤhrt naͤmlich in dieſem Fall eine unvergleichliche Ausſicht auf die Schnee— gebirge der Schweiz und von Tyrol. Von dort ſteigt der Wandrer dann nach Burladingen etwas abwaͤrts ( St.),

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dann wieder über das wilde Gebirg nach Hauſen (1½ St.), wo er ins Killerthal eintritt, und über Storzel (/ St.), Killen % St.), Jungingen (% St.), Schlatt (% St.) nach Hechingen (ö1 St.) gelangt, wo er die Nacht bequem zubringt, um vor Sonnenaufgang am andern Morgen den Zollern zu erreichen.

2) Da aber jener Weg außer Bitz eben keine beſondre Reize darbietet, fo möchte, wenn nicht, wie geſagt, die Wit⸗ terung ſehr viel verſprechend iſt, der zweite geradere Weg, um einer Naturmerkwuͤrdigkeit willen, die man ſicherer hat, vor— zuziehen ſeyn.

Dieſer führt der Hechinger Chauſſee nach zuerſt an der Schmicha hinauf, uͤber Trochtelfingen (% St.), Thail⸗ fingen (, St.) nach Onſtmettingen (% St.). Von dem letztern Orte aus führt ein Fußweg links am Zellerhorn vorbei nach Mariazell (/ St.) über das Gebirg. Maria—

zell aber liegt dicht am ſuͤdlichen Fuße des Zollern. So wuͤrde

es den Reiſenden noch moͤglich, die Sonne auf dem Zollern untergehen zu ſehen, und uͤber dieſen Berg nach Hechingen ins Nachtquartier zu gehen @Y% St.).

Verfolgen ſte aber von Onſtmettingen aus die Fahrſtraße, ſo fuͤhrt ſte der Weg nach Tannheim (St.), dann durch das tiefe Tannheimerthal über Biſſingen (/ St.) und Weſſingen, vor welchem Dorfe ſte aus dem Gebirgsthale hervor wieder auf die Bahlinger Straße kommen (/ St.), nach Hechingen 6, St.). In dieſem Falle ſparen fie den Zollern für den Sonnenaufgang, was vielleicht überhaupt rathſamer iſt, zumal da Onſtmettingen in jedem Falle fo viel Zeit wegnimmt, daß der Sonnenuntergang ſchwerlich be— quemerweiſe noch auf dem Zollern genoſſen werden koͤnnte, ſelbſt wenn der weit naͤhere Fußweg von dieſem Dorf aus eingeſchlagen wird.

Denn der Wandrer laſſe ſich nicht durch den unſcheinbaren

damen Linkenboldsloͤchlein, den er bei Onſtmettingen hoͤrt, beſtimmen, voruͤberzugehen, da dieſes Loͤchlein eine der bedeutenderen Hoͤhlen des Landes und allerdings ſehens⸗ werth iſt.

Auch findet der Wandrer hier an dem Backofenfelſen bei Onſtmettingen einen der hoͤhern Punkte der Alb. Hoͤhe 3501 Wuͤrtemb. Fuß über dem mittellaͤndiſchen Meer.

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Route des zweiten Tages.

Von Bahlingen nach Frommern 6. Dürrwangen / auf die Schalksburg, zum Zillhaͤuſer⸗ bach und zuruͤck nach Duͤrr wangen 2, nach Lauffen Y— nach Lautlingen / nach Ebingen nach Bitz 1% nach Burladingen. nach Hauſen nach Storze!!l. % nach Killen ! nach Jungingen R nach Schlatter nach Hechingen

13%, St. oder aber:

von Bahlingen nach Ebingen . 64 St.

nach Trochetlfingen 55 nach Thailfingen / nach Onſtmettingen. %— nach Mariazell. 1 9 St. oder von Onſtmettiugen über Tannheim 1 St.,

Biſſingen /, Weſſingen / Hechingen J. Dann im Gan⸗ zen 10%, St.

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s

Auf Zollern uͤber Belſen den Farrenberg und die Salmandinger Capelle nach Möffingen.

Schloß Hohenzollern. Höhe 2972 W. F.)

Ehe man zum eigentlichen Schloſſe kommt, fuͤhrt der Weg durch ein kleines, enges Außenwerk, den einzigen Zugang zu der auf einem ſenkrechten Kalkfelſen erbauten Burg, welches abſatzweiſe durch neun ſtark mit Eiſen beſchlagene Thore ver— wahrt war, und das Schloß zur ſichern Feſte machte. Das Schloß ſelbſt bildet ein laͤnglichtes Viereck von Gebaͤuden, an dem nur die ſuͤdoͤſtliche Seite, von welcher der Wandrer herz eintritt, offen ſteht. Rechts hat er hier das Zeughaus mit Geſchuͤtz und einer ſehenswerthen Sammlung alter Ruͤſtungen, wovon ſich einige ſchoͤn von Stahl gearbeitete der Hohenzol— lerſchen Grafen beſonders auszeichnen. Aber das Ganze iſt in einem finſtern, haͤßlichen, fruͤhgealterten Saale aufbewahrt, und macht keinen guten Eindruck. Neben dem Zeughauſe ſind zwei Mühlen übereinander, von ſeltnem Mechanismus, wo— von die untere durch Pferde, die obere durch Menſchen getrie⸗ ben wurde. Links, und dem Zeughauſe gegenuͤber, ſteht die Burgkapelle, klein und unanſehnlich; aber das einzige aus der aͤlteſten Zeit uͤbergebliebne Gebaͤude des Schloſſes, deren Er— bauung ins ııte Jahrhundert zu ſetzen iſt. Den übrigen Theil des Schloſſes nehmen Zimmer und Saͤle ein, die nicht alt und nicht neu den traurigen Eindruck zerfallender Baulich- keiten machen, und das Bild einer Zerruͤttung geben, die nicht hohes Alter, ſondern Mangel an Erhaltung herbeigefuͤhrt hat. So iſt an der nordweſtlichen Fronte das Gebaͤude, wo es ſich der offnen Ausſicht nach der Flaͤche zukehrt und von ferne ſo majeſtaͤtiſch ausſteht, fo ſehr im Zerfallen begriffen, daß man mit einiger Gefahr hindurchwandelt; aber die Riſſe und ge⸗ ſpaltnen Waͤnde und entbloͤsten Giebel zeigen keine ergraute Quadern, fondern weißen Kitt und rothe Ziegelſteine.

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Im Innern des Hofes ſtehen ein paar alte, aber ſchon verwelkende Baͤume, dem Bilde des Ganzen entſprechend. Dann ein Schoͤpfbrunnen und eine in die Erde gemauerte, tiefe, kupferne Ciſterne, die mit dem Brunnen in Verbindung ſtand, mit der Inſchrift: „Maria Sidonia, Markgraͤfin von Baden.“ Dieſe Fuͤrſtin ſoll fie in ihrem Wittwenſtande ha— ben verfertigen laſſen.

Die geſammten Schloßgebaͤude ſind mit einer auch ſchon zerfallenden Mauer umgeben, die uͤbrigens noch genug Spu— ren des Feſtungsmaͤßigen zeigt; ſo wie auch die Oberflaͤche des Berges mit tiefen Kaſematten, die muͤhſelig in die Felſen ge— hauen und gewoͤlbt, auch noch zugaͤnglich ſind, unterminirt iſt. Die Aufſicht fuͤhrt ein Invalide, der Ah Bewohner des Schloſſes.

Geſchichtliches aber be

Der erſte Urſprung des Hauſes verliert ſich ins Fabel— hafte. Schon im gten Jahrhundert ſoll Meginhardus oder Meynhard, ein Graf von Zollern, gelebt haben, der aus geiſtlichem Drange ſich in eine wilde Einoͤde der Schweiz „im finſteren Wald genannt“ begeben und dort ein Einſtedlerleben gefuͤhrt haben ſoll, dienſtfertig und huͤlfreich den benachbarten Uferbewohnern des Zuͤrcher See's. Dieſer ward in feiner Zelle, die er ſich hier erbaut, von zwei Landpfarrern ermor— det (865) und ſpaͤter zu ſeinem Andenken an der Stelle ſeiner verfallnen Einſtedlerszelle das Kloſter Einſiedeln gebaut. Aber andre Nachrichten machen den h. Meynhard zu einem Grafen von Saulgau. Cruſius mit andern fabelt, ums J. 1040 habe Ferfried, ein italiſcher Graf aus der beruͤhm⸗ ten roͤmiſchen Familie Colonna, der immer zu den Kaiſern hielt, von ſeinem Widerpart gedruͤckt, Italien verlaſſen, und ſey von Kaiſer Heinrich III. mit dieſem Berge und einigen Reichs zoͤllen belehnt worden. Dieſer habe die Burg erbaut und ihr den Namen von jenem Zoll gegeben. Noch andre fagen, ein gewiſſer Houching ſey der Gründer von Hechin⸗ gen und der Stifter des Geſchlechts. Gewiß it, daß das Geſchlecht ſchon im aten Jahrhundert in voller Bluͤthe ſtand. Aber die ungluͤcklichen Fehden des ı5ten Jahrhunderts brach— ten es herunter und erklaͤren auch den traurigen Zuſtand der Burg einigermaßen. Schon im J. 1415 gerieth der tapfre

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Graf Friedrich von Zollern, der Oetinger genannt, in Streitigkeiten mit Wuͤrtemberg, und um einen maͤchtigen Helfer zu bekommen, verkaufte (oder verpfaͤndete) er ſeine Burg mit ſamt Hechingen an Bernhard von Baden. Bisher war er in wuͤrtemb. Dienſten und einer der Raͤthe Graf Eber— hard . geweſen. Nun kuͤndigte er nach deſſen Tode (1419) der Adminiſtratorin Wittwe, der Graͤfin Henriette von Wuͤr— temberg mit groben Schimpfworten den Dienſt auf. Als man ihm mit ihrer Feindſchaft drohte, ließ er das Wort fallen: „kann oder wird mich ein giftiges Weibsbild verſchlingen?“ Der Graͤfin wurde das Wort hinterbracht und ſte ſchrieb an ihn: „Ja, nicht nur dich, ſondern auch deine Burg Hohenzol— lern, ſamt allem, was deines Rechtes iſt, will ich verſchlin— gen, auf daß du mit Schaden inne werdeſt, wie du nicht ein feiges Weibsbild, ſondern deine Fuͤrſtin verachtet und gereizt haſt.“ Als bald darauf der Graf in eine Fehde mit den verbuͤndeten Reichsſtaͤdten gerketh, die vor feinen Raͤubereien nicht ſicher waren, und feine Burg zwet Jahre lang vergeblich von ihnen belagert ward, ergriff die Graͤfin Henriette den Au— genblick der Rache, ſandte den Belagerern unerwartet 2000 ° ihrer Kriegsknechte, und noͤthigte den Grafen, dem zuletzt nur noch 54 Mann uͤbrig geblieben waren, zur Uebergabe. Den Gefangenen ſteckte ſie in einen tiefen Thurm zu Moͤmpelgard, wo er lange ſchmachtete. Die Ulmer aber zerſtoͤrten das Schloß und zerbrachen ſelbſt die Steine. Erſt nachdem Graf Ludwig von Wuͤrtemberg die Regierung angetreten, wurde der Oe— tinger frei gelaffen und ſtarb auf einem Zuge nach dem ge— lobten Lande (1429). Sein Bruder Eitelfriz verglich ſich mit Wuͤrtemberg und erhielt gegen Abtretung einiger Doͤrfer und das Verſprechen, fuͤr ſich und ſeine Nachkommen auf ewige Zeit Wuͤrtembergs Diener zu ſeyn, die zerſtoͤrte Burg wieder. Als Soft Niklas, der Sohn des Oetingers, volljaͤh— rig geworden, ließ er Holz in den benachbarten Albwaͤldern zimmern, um die Burg ſeiner Vaͤter wieder zu erbauen, aber die Reichsſtaͤdter überfielen die Baumaterialien und nahmen alles weg. Erſt durch Einſchreiten feiner hohen fuͤrſtlichen Verwandten ward endlich der Wiederaufbau im J. 1454 bes gonnen, und dieſe halfen auch die Grundſteinlegung feiern. Wie die Burg damals aus einem von des Vaters Gefan— genſchaft und Kreuzzug und des Sohnes fehlgeſchlagnen Bau—

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verſuchen erſchoͤpften Schatze kuͤmmerlich aufgeführt ward, und am Ende dieſes Jahrhunderts vom Grafen Friedrich, Biſchof. von Augsburg, mit einigen Gebäuden erweitert; fo ſteht fie noch, und der aͤußere Firniß, von dem fie vielleicht uͤberglaͤnzt⸗ war, iſt abgeſprungen.

Im 3ojaͤhrigen Krieg wurde die Feſtung für Oeſterreich von Wichtigkeit, und es erkaufte ſich gegen einen Jahresgehalt von 5000 fl. das Recht, eine Beſatzung hineinlegen zu dürfen, die aber von den oberſten Befehlen des Grafen von Zollern abhieng. Eine ſolche Beſatzung lag auch noch in den 174008 Jahren, im bairiſchen Kriege darin, und ſtreckte vor einem franzoͤſiſchen Belagerungskorps die Waffen. Dieſes Oeffnungs— recht ward erft im Jahr 1798 von Oeſterreich aufgegeben, wo— durch den Fuͤrſten von Zollern jene ſchoͤne Rente entgieng.

Aber wenn auch nicht fuͤr den Einblick, doch immer fuͤr den Anblick vom Thale bleibt das Schloß mit ſeinem ehrwuͤr— digen Namen eine Zierde der Alb.

Ausfiht vom Hohenzollern.

Je unerfreulicher die naͤchſte Umgebung wirken mag, mit deſto größerer Sehnſucht kehrt ſich das Auge nach der ausge— breiteten Ausſicht, die ſich nach Weſten, Norden und Nord— often fait ins Unendliche verliert. Obgleich fie nicht viel mehr als jenen allgemeinen Charakter darſtellt, den wir fuͤr die Berge dieſes Umkreiſes in der Einleitung gezeichnet, ſo wird doch der Niederblick von der Alb auf die weite und mannig⸗ faltige Flaͤche den Wandrer gewiß uͤberraſchen und frei und fröhlich ſtimmen. Bedeutende Eigenthuͤmlichkeiten findet er freilich nicht; die naͤchſten Albberge, ſo guͤnſtig ſich der Ho— henzollern von ihnen abloͤst und als einzelner Bergkegel vor— waͤrts tritt, grouppieren ſich nicht ſonderlich pittoresk, obgleich fie einen ſchoͤnen Kranz von Waͤldern, amphitheatraliſch um ihn gelagert, ihm entgegen bieten, und von den bedeutendern und nahmhaften Spitzen der Alb links gegen Nordoſt iſt keine ſichtbar. Aber es ſoll der Blick auch, wenn er die erſten Male von einem Gebirge herabblickt, nur mit dem Großen und All- gemeinen ſich beſchaͤftigen, das ihn hinreichend erfreuen wird; ſpaͤter erſt, wenn er auf aͤhnliche und immer wieder aͤhnliche Punkte kommt, wird ihn jenes Allgemeine, das ſo ziemlich

wieder daſſelbe iſt, zu ermuͤden anfangen: wie wohlthaͤtig iſt

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es dann für das Auge, wenn es zunaͤchſt um ſich her immer neues, immer ſchoͤneres Nebenwerk gewahrt, und das alte Gemaͤlde in immer guͤnſtigere Rahmen gefaßt, ſich ſo ihm erneut. |

Der Aufenthalt auf dem Zollern wird nicht über 17 Stun- den wegnehmen, und in Stunde iſt der Wandrer wieder unten im Bruͤhel, wo er ſich zur neuen Reiſe mit Erfrifchun- gen ſtaͤrken, und den Gedanken nachhaͤngen mag, die der Berg, der alte Zeuge der Vorzeit, in ihm erweckt hat.

Der Graf von Zollern.

Romanze. Der junge Hohenzoller Graf Er dient dem Wuͤrtemberger brav, Er dient ihm redlich früh und ſpat In Jagd und Feld, im Feld und Rath.

Doch als verſchied Herr Eberhard, Die Wittw' im Lande Meiſter ward,

Da ſattelt er ſein Roß und ſpricht:

Fahrt wohl! dem Weibe dien' ich nicht!

Sein Knappe ſprach: Herr das iſt ſchlimm? Verwahret euch vor Frauengrimm.

Er aber lachte trotziglich:

„Es wird kein Weib verſchlingen mich!“

Er rief ſo laut es unterm Thor, Da drang es in der Herrin Ohr; Und als er auf dem Zollern ſaß, Traf ihn ein Bot' am vollen Glas.

Der reicht ein kleines Brieflein hin Ihm von der Wuͤrtembergerin; Er zieht die Augen ein ſo tief: Was gilts, es iſt kein Liebesbrief!

„Verſchlingen alleweg will ich

Dein Gut, dein Schloß, dein Leben, dich! Kein feiges Weib, wie du geglaubt,

Es traf dein Hohn ein Fuͤrſtenhaupt!“

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„„Es traf? Nun gut, wenns nur fie traf! Entgegnet ſpottend ihm der Graf: Doch anders hab' ich jetzt zu thun; Die Staͤdte laſſen mich nicht ruhn.

Von Reutlingen, von Ulm die Herrn Den Ritter fiengen gar zu gern,

Es iſt auf ihr beladnes Roß

Gefallen gar zu oft mein Troß.“

Und indem zog der helle Hauf

Der Staͤdter aus dem Thal herauf; Der Bote macht ſich ſchnell hinaus, Der junge Graf beſtellt ſein Hans.

Er zieht die Fluͤgelbruͤck' empor, Verriegelt wohl ſein neunfach Thor, Die Knechte fuͤhrt er auf den Wall,

Ihr Schuß bringt unten viel zu Fall.

Und frohen Muthes bleibt der Held, Es mangelt ihm nicht Speiſ' und Geld, Er ſchmaust und zecht ein ganzes Jahr: Zum Abzug blast der Feinde Schaar.

Da naht es ſchwarz, wie neues Heer, Zweitauſend ſind es, oder mehr. 8

Der Knappe ſpricht: „Gnad' uns, o Chriſt! Die wuͤrtemberg'ſche Fahn' es iſt!“

Der kuͤhne Graf kaͤmpft noch ein Jahr, Bis Scheune leer und Keller war.

Er beißt die Lippen ſich vor Wuth: „Verſchlungen hat ſie doch mein Gut!“

Die Thore ſchließt er traurig anf. Es zieht herein der Feinde Hanf, Die Ulmer brechen Stein um Stein, Die Wuͤrtemberger lachen drein.

Nach Stuttgart führt man ihn zu Roß: „Verſchlungen habt Ihr, Frau, mein Schloß; Ihr ließet mir kein Loͤſepfand,

Mein Leben ſteht in eurer Hand!“

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Die ſtolze Gräfin winter ſtumm,

Und laͤchelt arg und kehrt ſich um,

Ins ferne Land, in einen Thurm

Schickt ſie den Feind zu Molch und Wurm.

Zehn Jahre wohnt der Graf im Graus,

Sein Haar wird grau, ſein Blick loͤſcht aus,

Da ſinkt er traurig in das Knie: „Verſchlungen hat mein Leben fie!“

Und ſeines Kerkers Pforte ſpringt

Und Botſchaft ihm der Knappe bringt: „Im Grabe liegt das grimme Weib;

Frei ſeyd Ihr, Herr, an Seel' und Leib!“

Er tritt hervor ans Himmelslicht

Und hebt ſein bleiches Angeſicht,

Und reckt empor zum Schwur die Hand: „Fort, fort in das gelobte Land!“

„Mich hat ſie mir gelaſſen, mich!“

*

Er ſchwingt wie ſonſt zu Roſſe ſich, Er fliegt durch die beſonnte Flur, Und denkt an Gottes Fehde nur!

Er ſpringt vom Roß, er ſteigt ins Schiff, Er ſchwimmt vorbei am Felſenriff,. Er iſt der erſte auf dem Strand,

Er faſſet das gelobte Land.

Da ſpuͤrt ſein Odem erſt die Gruft, Und ſeine Bruſt die Kerkerluft; Die Kraft, im innerſten verſehrt, Ihr letztes hat ſie aufgezehrt.

Dem Knappen ſinkt er in den Arm, ö

Der Morgenwind umhaucht ihn warm,

Sein ſterbend Haupt, es neiget ſich, Er ſeufzt: „verſchlungen hat ſie mich!“

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Zur Belſener Capelle.

Ein angenehmer Weg an einem Fichtenhain und Eichwalde vorüber, führt die ſogenannte Buzerwieſen hinab, wo bet einer Schwefelquelle ein im Zojaͤhrigen Krieg zerſtoͤrtes Bad (das Buzerbad) ſtand, in etwa : Stunden von Hechingen nach dem Dorfe Belſen, das zur Mutterkirche Moͤſſingen gehoͤrig, auf offnem Felde von Obſtbaͤumen umgeben, einen Buͤchſenſchuß vom Farrenberge liegt, und an feinem ural⸗ ten Kirchlein eine große Merkwuͤrdigkeit beſttzt.

Dieſe kleine Capelle des Ortes ſteht erhoͤht auf einer Wieſe zwiſchen lauter Baͤumen, von einem grünen Haag ſau— ber eingezaͤunt, von großen weißen Quaderſteinen uͤberaus einfach, ohne alle architektoniſche Verzierung, und ſo reinlich aufgebaut, als Fame fie heut erſt aus den Haͤnden des Mei⸗ ſters. Das ganze, kleine, in ſich abgerundete Bild, uͤber dem ſich die ehrwuͤrdigen Haͤupter der hohen Berge erheben, ge— waͤhrt einen unendlich friedlichen Anblick.

Hieher. Hieher, Bluͤthen, auf den Baum, Kinderſpiel im hellen Raum, Schaͤflein, um den Waſen Ruhig abzugraſen!

Hieher, Glockenruf und Klang, Hieher, der Gemeinde Sang, Himmelsbote, treuer,

Hie dein Geiſt und Feuer *)!

Hieher, Abendſonnenlicht, Hieher, Bergesangeſicht, Junger Waͤlder Laͤcheln, Kuͤhler Winde Faͤcheln!

Hieher, muͤden Wandrers Stab, Hieher, ſattes Herz, ins Grab, Von der Welt geſchieden, Hier, in Gottes Frieden!

2) Die Dörfer Möffingen und Belſen beſitzen in ihrem Geiſtli⸗ chen Hrn. C. A. Dann einen der ausgezeichnetſten Canzel⸗ redner, einen Seelſorger, der durch Wort, Schrift und Leben in und außerhalb ſeiner Gemeinde aufs Seegensreichſte wirkt.

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N

Alterthuͤmer der Belſener Capelle.

Bekl näherer Betrachtung dieſer Capelle muß ſich bald auch das alterthuͤmliche Intereſſe regen. Schon der fluͤchtigſte Anz blick erklaͤrt ſte fuͤr ein vor⸗gothiſches Alterthum: das runde Gewölbe der niedrigen Pforte, der Bau der Fenſter, die gaͤnz⸗ liche Schmuckloſigkeit, ſelbſt die Beſchaffenheit der Bauſteine ſetzen dieſes außer Zweifel. Nur der kleine Chor hat ſpitz— bögige Fenſterwoͤlbungen, und tft, ſamt dem Thuͤrmchen, uns ſtreitig juͤngeren Urſprungs. Kommt man von Moͤſſingen, ſo erblickt man zuerſt die Oſtſeite, den Chor des Kirchleins. Mehrere Steine haben zwar ein alterthuͤmliches Ausſehen, aber nichts iſt da, was auf ein höheres Alter ſchließen ließe, als das gewoͤhnliche der Kirchen. Anders ſieht die Nordſeite aus: auch hier ſtoͤrt zwar ein durchgebrochnes Kirchenfenſter, und eine Treppe, die auf den Thurm fuͤhrt, aber die Steine find durchaus alt und maſſiv, auch, wie gewoͤhnlich bei aͤhn⸗ lichen Gebauden, zum Theil unten mit runden Löchern. Erſt die Abendſeite giebt Aufſchluß über den fruͤhern Zuſtand nnd die Bedeutung des Kirchleins. Gerade uͤber der Thuͤre, dem Haupt⸗Eingang, iſt ein Kreuz zu ſehen, uͤber dem, conzen— triſch mit dem untern laufenden Bogen ein Stein, auf dem eine kleine Figur, ein kurzer dicker Kerl, deſſen Arme und Beine einen Halbkreis bilden, und unten zuſammenlaufen, ſich befindet. „Ein ſich verkrattelnder Mann,“ ſagt Zeller in ſeiner Beſchreibung von Tuͤbingen und der Umgegend. Er ſcheint etwas in den Haͤnden zu halten, was durchaus nicht mehr deutlich zu erkennen iſt. Genau uͤber dieſem Stein, ziemlich hoͤher, zeichnen ſich vier andre aus. Auf dem in der Mitte ſtehenden iſt eine Figur, etwa doppelt ſo groß, als die auf dem untern Stein, mit dickem Kopf, an die Seiten ges legten Armen, die Beine an ſich zwar gerade, aber doch ſo, daß die Zehenſpitzen ſich beruͤhren. Der Stein zur Rechten zeigt einen großen Ochſenkopf: der zur Linken zwei Widder- koͤpfe, der uͤber dem mittlern zwei Koͤpfe, deren einer ein Widder⸗, der andre ein Ochſenkopf zu ſeyn ſcheint. Etwas hoͤher iſt wieder ein Kreuz, groͤßer als das untere. Auf den erſten Blick faͤllt es auf, wie ſehr bei der ganz und gar ſchie— fen Lage deſſelben, die bis jest fo genau beobachtete Symme⸗ trie verletzt iſt; es ſteht viel zu ſehr zur Rechten, und nicht, G. Schwab, ſchwaͤb. Alb. 4

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wie alle andern Steine, ganz perpendikular. Höher, und noch weiter rechts, iſt eine kleine Oeffnung.

Zur Rechten wie zur Linken der Thuͤre finden wir zwei gewoͤlbt hervorſpringende kleine Säulen, nicht frei ſtehend, unmittelbar an die Wand ſich anſchließend, jede nur etwas mehr als handbreit. Die rechte hat unten ganz deutlich zwei Kader, die Umriſſe mit Punkten bezeichnet, die bei der un⸗ tern ziemlich tief gehen. Das Aus ſehen mahnt auf den er⸗ ſten Anblick an Ammonshoͤrner; wir glauben aber, fie für Zierrathe erklaren zu dürfen: denn wenn wir den untern

Theil der linken Saͤule betrachten, ſo finden wir ihn mit dreifachen Streifen geziert. Ganz die naͤmliche Erſcheinung finden wir um das untere Kreuz, nur weniger tief, und hie und da die Umriſſe weniger beſtimmt. Daſſelbe finden wir endlich, wenn wir die Verzierung der „engen Pforte,“ wie fie, mit Anſpielung auf den Spruch, die Ueberſchrift nennt, damit vergleichen. Wenn wir von der Mittagſeite, die nichts Bedeutendes hat, uns zur Morgenſeite wenden, ſo faͤllt uns zuerſt die Einbeugung in die Augen, die den Anfang des Chors bezeichnet. Hier iſt nun eine runde Oeffnung, fo ge= legen, daß durch fie der erſte Strahl der Morgenſonne her- einfällt. Der Theil des Gemaͤuers iſt ganz unſtreitig fo alt als die Weſtſeite.

Die Volksſage von Belſen erklaͤrt dieſe Kirche, die ſeit undenklicher Zeit zum Gottesdienſt der Gemeinde eingerichtet iſt, fuͤr einen heidniſchen Bels⸗ oder Baals tempel, von dem fie auch den Namen Belſen ableitet, ſetzt den Farren⸗ berg, wohl auch den Roßberg damit in Verbindung, indem fie erzählt, daß auf dieſen Höhen das heilige Opfervieh ge— weidet wurde, und zeigt noch im Innern der Capelle den Stein, an welchen die Opfer gebunden worden.

Wir wollen die weitre Unterſuchung über diefe Altecthuͤ⸗ mer an einen eigenen Ort verweiſen, und machen uns auf zur fernern Reiſe nach dem Farrenberg und der Salmandinger

Capelle. (Höhe des erſtern 2877 W. F. Höhe der letztern 5098 W. F.

Bis hinauf zum Plateau der erſtgenannten Albhoͤhe fuͤhrt ein geebneter luſtig eingehegter Waldweg, auf den ſich der

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Reiſende jedoch weiſen laſſen muß (1 St.). Die Ausſicht auf den verſchiedenen Kanten der waldigen Oberflaͤche des Berges, die eine ſtarke Viertelſtunde in die Laͤnge betraͤgt, bietet nach vorne nichts Ausgezeichnetes dar. Zu beiden Seiten aber ſind die Niederblicke rechts auf Moͤſſingen, in das tiefe Thaͤlchen des Dorfes Thalheim, und links in die Schlucht, die der Farrenberg und der gegenuͤber liegende Heuberg bildet, neu und anziehend. Beſonders aber zeichnet ſich der Blick nach Suͤdoſten, wo ſonſt das Auge auf der Alb aufliegt, dadurch aus, daß das Gebirge hier auch noch auf ſeiner Hoͤhe geſpal— ten iſt, und Flaͤchen mit Erhoͤhungen wechſeln, aus deren Mitte ſich ein neuer, gruͤner, zugeſpitzter Huͤgel erhebt, mit der Salmandinger Capelle gekroͤnt, an deſſen Fuße das Fuͤr— ſtenberg⸗Sigmaringiſche katholiſche Dorf gleichen Namens, mit Strohdaͤchern und ſchmucker Kirche, ſelbſt ſchon auf der hoͤchſten Albhoͤhe liegt. Es war der Sitz eines edeln Geſchlech- tes, das 1528 ausſtarb. Nach jenem Hügel, von den Um- wohnern auch Korn buͤhel genannt, wendet ſich der Watts drer, ſeinem Auge folgend, und kann, ohne das Dorf beruͤh— ren zu muͤſſen, in einer Stunde auf dem Gipfel ſtehen. Dies fer Standpunkt iſt für einen Sonnenuntergang aͤußerſt guͤn⸗ ſtig. Ein großer Theil der Flaͤche, die man fuͤr dieſen Tag ſatt betrachtet haben wird, verbirgt ſich hinter mehreren Ber— gesbaͤumen, und beſonders hinter den Maſſen des Farrenbergs, der dem Blicke gegenuͤber, aus der Tiefe, wie ein ungeheurer Sarg aus der Gruft der Unterwelt, faſt ſchwebend hervor ſteigt, und dem Auge feine Schattenſeite entgegen hält. Ue⸗ ber ihn hinaus fieht man auf die hinter die Streifen des fer: nen Schwarzwaldes verſtnkende Sonne, und erſt rechts oͤffnet ſich für das gluͤhendſte Abendroth am Himmel, und für die Flaͤche von Tübingen bis an die Graͤnzen des Unterlandes ein weitgeſchweifter Raum. Auch die naͤchſten Umgebungen, die Haide des Huͤgels, der Wieſenabhang, und unter dieſem auf der Albflaͤche ein Ring von junger Sommerſaat, im verklaͤren⸗ den Abendlichte, der die Phantaſte in mildere Gegenden zau⸗ bert, ſind ausnehmend freundlich und ſchoͤn. Salmandingen, Melchingen, und gegen Südoften in einer mahleriſchen Senkung der Flaͤche Trochtelfingen, heitere Doͤrfer, bevoͤlkern die Alb. Gegen Suͤden liegt auf einer nahen Waldhoͤhe das Schloͤß— chen Ringingen; weiter hin ſteigt der Hohenzollern nah

4 *

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und vereinzelt auf. Eben ſo einzeln heben ſich gen Oſten hin⸗ ter dem Riſſe des Thalhelmerthales der Filzenberg und der Roßberg aus der Tiefe. Die Capelle ſelbſt iſt ein armſeliges der heil. Veronika gewidmetes Neſtchen, das nur von einem einſtedleriſchen Gloͤckner bewohnt iſt, der das ge— fahrvolle Amt hat, ſo lange ein Gewitter uͤber dem Gipfel des Gebirges ſteht, zu laͤuten.

Fuͤr das Nachtquartier bieten ſich nun zwei Staͤtten und ſonach zwei Wege von der Capelle aus dar. Dem, der noch weitern Naturgenuß ſucht, iſt zu rathen, daß er ſich in Sal— mandingen einen Führer nimmt, der ihn „durch die Wan— gen“ (andre Pfade, die der Fuͤhrer vorſchlaͤgt, ſind reizlos) nach Thalheim hinunter bringt (1 ſtarke St.). Dieſer Weg führt 1/ St. über die Albhoͤhe fort, ſuͤdoͤſtlich und oͤſtlich, waͤhrend welcher man im Ruͤcken und auf der Seite immer noch Bruchſtuͤcke der ſchoͤnſten Ausſicht und das weite herrliche Abendroth neben ſich hat; dann tritt man, links, zur Tiefe des Gebirges, abwaͤrts, durch die dichten Schatten eines ſaͤulen⸗ artigen Ahorn- und Buüchenwaldes, der fi in jüngere Wal— dung endigt, aus welcher man auf die freiern Heidehuͤgel der Alb hinunter kommt, die mit einzelnen ꝛ0ojaͤhrigen Buchen von herrlichem Wuchs geziert ſind, und abermal einen Blick in die Flaͤche geſtatten: zuletzt wieder durch Waldſchluchten in die Tiefe von Thalheim, einem ziemlich obſtreichen Thale, das von Bergen mit Matten und Wald, in welchen die Sarg— form mit der Wellenform kaͤmpft, mahlerifh umſchloſſen, dem Wandrer den erſten Vorſchmack von aͤchten Albthaͤlern giebt. Das Wirthshaus zur Roſe, vor dem Flecken, an der Moͤſ— ſingerſtraße, giebt nothduͤrftiges Abendeſſen und Nachtquartier. In der Naͤhe von Thalheim, auf der halben Höhe des Far: renbergs, ſtehen die wenigen Truͤmmer des Schloſſes Andeck, dem alten Sitze der Edeln Schenk von Andeck. 8

Das andere bequemere Nachtquartier bietet der Schwan zu Moͤſſingen au, dem Mutterdorfe von Belſen, das am Fuße des Farrenbergs liegend, auf ſteilem, auch nur mit ei— nem Führer zu findendem Wege in ı% Stunden erreicht wird, und wobei der groͤßere Naturgenuß aufgegeben werden muß.

Moͤſſingen iſt eins der ſchoͤnſten Doͤrfer des Steinlachthals, durch Branntweinbrennerei im Wohlſtand, mit einem kraͤfti- gen, ſchoͤnen Menſchenſchlag, und aͤußerſt vortheilhafter Wei—

53 bertracht. Ganz kurze blaue, zu beſonderem Staat auch gruͤne Zeugröde mit bunten Bändern, weiche Mieder von hellrothem

Crepp, dergleichen Bruſttuͤcher, die ſich nach der Bruſt woͤl⸗ ben (Vorſtecker), lange bloße Hemdaͤrmel, mit ſchmucken Baͤn⸗

dern durchflochtne Zoͤpfe, weiße ſchmale Goller mit Spitzen;

um den Leib einen Guͤrtel, Werktags von Meſſingdrath,

Sonntags von Sammt mit Buckeln und Seide; weiße Schuͤr⸗

zen von feiner Leinwand, Hemdaͤrmel, Hauben, der Form des Kopfes wohl angepaßt, mit einem Flor, der die Augen beſchattet; weiße Struͤmpfe, die bis ans Knie ſichtbar ſind. Weit ausgeſchnittne Schuhe mit weißer Roſe. Dieſe Kleidung erſtreckt ſich auf die neun wohlbevoͤlkerten Doͤrfer des Stein— lachthals, das von Wilmadingen bis Tübingen in ziemlicher

Breite und in einer Länge von etwa fuͤnf Stunden hinlaͤuft;

das Eigenthuͤmliche dieſer Menſchen in Geſtalt, Sitte, Spra⸗ che und Tracht laͤßt faſt auf auslaͤndiſchen Urſprung ſchließen, und die Volksſage erklaͤrt denſelben auch wirklich fuͤr eine

ſchwediſche Colonie, indem nach der Noͤrdlinger Schlacht

2 ſchwediſche Regimenter ſich hier aufgelöst und haͤuslich nie⸗ dergelaſſen haben ſollen. Endlich mag noch ein Lied dem Le⸗ ſer erzaͤhlen, was mir von glaubhaftem Munde, aus der Zeit

der letzten ruſſiſchen Durchzuͤge (1814), berichtet worden iſt.

Die Steinlacherin und der Ruſſe.

Dort ſteht der fremde Feldhauptmann Den Maͤgden zu Gefallen,

Er ſieht ſich keck die Weiber an,

Die aus der Kirche wallen.

Ein Maͤgdlein tritt zuletzt heraus, Die ſchoͤnſt! im ganzen Flecken,

Sie ſchickt die blauen Augen aus, Und ruft ſie heim vor Schrecken.

Es ſaͤumt geheimnißvoll der Flor Die langen Augenlieder,

Es draͤngt die keuſche Bruſt hervor Das weiche Scharlachmieder.

Auf blanken Spitzen lagern ſich Des Haares braune Flechten,

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U

Die linke Hand liegtrtugenblich Am Guͤrtel auf der rechten.

Sie ſchreitet fürder mit dem Buch Zu Hauſe fromm und munter,

Roch ferne glaͤnzt das blaue Tuch

Den ſchlanken Leib herunter.

Der Kriegsmann geht, im Blicke Glut, Wie tief durchgluͤhte Kohlen,

Dem Wirth befiehlt fein Uebermuth

Die junge Magd zu holen.

Die bart ge Lippe ruͤhret er Zu raſchem, kurzem Worte, Da traͤgt der Wirth ein Herze ſchwer

Zu ſeines Nachbars Pforte.

Der graue Vater hoͤrts mit Harm,

Hat ſeinen Gram verborgen: Komm, ſpricht er, Kind, an meinem Arm; Laß den im Himmel ſorgen!

So fuͤhrt er ſie dem Hauſe zu, Er wappnet ſich zum Streite: „Nach meinem Kind, Herr, fragteſt du, Hier ſteht es mir zur Seite.“

Die Jungfrau lehnt ſich an den Greis,

Mit zagendem Vertrauen, Es war an ſeiner Locken Eis Ihr Bluͤthenhaupt zu ſchauen.

Der Juͤngling aber ſtellt ſich fern, Er ſcheut, ſie zu verletzen,

Er winkt mit regem Augenſtern Bis ſie ſich beide ſetzen.

Dann ſetzt er ſich zu unterſt an, Wo er im Sonnenlichte

Sich recht ergehn und laben kann Auf ihrem Angeſichte.

Er blickt in ihrer Wangen Blut, In ihrer Augen Blaͤue,

Die Hand ihm auf der Stirne ruht Er ſchaut, und ſchaut aufs Neue.

Da weicht aus ſeiner Bruſt die Pein,

Da wird ſein Auge milde, N

Sein Sinn wird ſtill, ſein Herz wird rein Vor Gottes Ebenbilde.

Es laͤßt ſein Mund aus rauhem Bart Ein kindlich Laͤcheln (hauen, Bethraͤnte Blicke weben zart

Sich unter dunkeln Brauen.

Dann ſteht er auf und reißt ſich los, Langt nach des Vaters Händen,

Er warf ein Gold ihm in den Schooß, Und thaͤt ſich ſchweigeud wenden

Route des dritten Tages.

Auf den Zollern und herab ach Hechingen oDelſfſe n

ie erren berg

auf die Salmandinger Capelle dach Moͤſſ ingen

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56 | 0

Vierter Tag.

Ueber den Roßberg, Lichtenſtein, Nebelhoͤhle, Achalm nach Reutlingen.

Auf den Roßberg. (Hohe 3058 Wuͤrtemb. Fuß.)

Es iſt, beſonders bei den Tuͤbingern, alt hergebrachte Sitte, von allen umliegenden Albgipfeln gerade den Roßberg zu Betrachtung des Sonnenaufgangs zu benuͤtzen, und wirklich eignet ſich ſeine freiſtehende Spitze, die ſelbſt gegen Suͤdoſten und Oſten, dem Gebirge zu, eine ziemlich weite Ausſicht ge⸗ ſtattet, gegen Weſten und Norden aber den Ueberblick einer unermeßlichen Flaͤche giebt, vortrefflich zu dieſem Schauſpiel.

Der Wandrer mache ſich alſo von Moͤſſingen oder Thal- heim, nicht lange nach Mitternacht, etwa um ı% Uhr auf, denn von beiden Seiten beträgt der Weg nahe an 2 Stunden, verſaͤume jedoch nicht, einen Fuͤhrer mitzunehmen, der mit Feuerzeug (denn Kaͤlte und Wind auf der Höhe find fchnei- dend) und Fruͤhſtuͤck verſehen if. Wer von Moͤſſingen aus⸗ geht, braucht den Fuͤhrer erſt in Oeſchingen zu nehmen, einem Dorfe, das Stunde von Moͤſſingen in der Ebene, zwiſchen dem Fuͤrſtberg, einem niedrigern Vorberge der Alb, der auf dieſer (Suͤd-) Seite luſtig mit Gras und Obſt bepflanzt iſt (die Nordſeite bedeckt Waldung) und dem Roß⸗ berge in ſchoͤnen Obſtgaͤrten liegt. Von da beginnt Wald und Gebirg, und ſchwer zu entdeckende Fußpfade. Von Thalheim aus zieht ſich der Weg, am Abhang des Gebirgs, „über die Viehweiden, während links, zwiſchen den erſten Waldbaͤumen, die weite Ebne immer mehr durchſchimmert, dann tiefer ins Gebirg auf die Oeſchinger Roßſteige, wo der Weg ohne Zweifel mit dem von Oeſchingen aus herauf— fuͤhrenden zuſammentrifft, und von hier auf den ſogenannten großen oder untern Roßberg.

Der Roßberg hat naͤmlich drei Abſaͤtze, der unterſte, von dem Fuß und dem tiefſten Thale an, bis an den Weg, der von Oeſchingen nach Goͤnningen führt, iſt Thon hoch

57 genug, um eine weite Ausficht gegen Weſten und Norden zu gewaͤhren: der zweite Abſatz iſt der oben erwaͤhnte große Roßberg, der von dem Steinlachthal aus geſehen, die ganze Höhe des Berges zu erreichen ſchelnt, aber ſich nur, wie ein tieferer Altan, um die hoͤchſte Kuppe des Roßbergs herum⸗ zieht. Uebrigens iſt dieſer Abſatz, auf dem ſich die dichteſten, herrlichſten Buchen⸗ und Eichenwaͤlder zu einer großen, ebe⸗ nen Waideflaͤche oͤffnen, von der Roſſe und Rinder wegen des koͤſtlichen Futters kaum wegzutreiben find, zu einem Ruhe⸗

punkt ſehr gelegen. Nun hat man bis zum Gipfel noch eine halbe Stunde durch die dichte Waldung der letzten ſteileſten Bergſpitze, des kleinen Roßberges, an deſſen hackenfoͤr⸗ miger Geſtalt der Berg faſt allenthalben aus der weiteſten Ferne geſehen, kenntlich iſt. So ſpitz dieſer Gipfel von ferne erſcheint, ſo hat er doch eine ziemliche Flaͤche, die ganz mit Wald bewachſen iſt, und dadurch bisher eine, das umfaſſende, Ausſicht, was ſich dem Auge von allen Seiten darbietet, ganze lich verhinderte. Gluͤcklicherweiſe iſt ſeit den neueſten Landes⸗ vermeſſungen ein anſehnliches Geruͤſte mit Treppenwerk er— richtet, das weit über alle Baͤume ragt, und die große Nor:

malausſicht aller Albgipfel (fo verdient wirklich, in Beziehung auf die Flaͤche, der Ueberblick vom Roßberg herab genannt zu werden) dem Auge auf Einmal gewaͤhrt. Eigenthuͤmliches hat indeſſen dieſe Ausſicht nicht vieles; aber die Lage des Berges beguͤnſtigt eine bequeme Ausbreitung des Einzelnen vor den Blicken, die durch den Schwarzwald, das Gaͤu, den Schoͤn— buch, die Filder, und bis ins Unterland, uͤber manche Staͤdte

und unzaͤhlige Dörfer, ungehinderter als anderswo ſchweifen. Auch reicht die Ausfiht gegen Suͤdweſten weiter, als von allen folgenden Albhoͤhen (gegen Weſten ſollen noch immer die Vogeſen ſichtbar feyn). Gegen Nordoſt aber grouppiren ſich die Achalm, der Sattelbogen, Neufen, Teck; und dazwiſchen aus blauer Ferne der Stauffen ziemlich mahle— riſch. Gegen Suͤden endlich ſoll vor Sonnenaufgang, bei be— ſonders heller Luft, eine Kette der Schneegebirge ſchon bes ſonnt in die Nacht emporragen.

Auf dem Gipfel des Berges befand ſich, wenn die Fabel, wahr iſt, vor einigen Decennien noch, ein ſchoͤner, fließender Bronnen. Sagen haben ſich von dem Berge, fo ominos fein Name lautet, keine erhalten. Man wollte denn den Bauern⸗

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glauben dazu rechnen, daß die aufgehende Sonne, vom Roß⸗ berg aus geſehen, am Auferſtehungsfeſte des Herrn drei Freudenſprünge thue. Nach der Genkinger Seite zu fin⸗ den ſich zerſtreute Steinmaſſen, Spuren eines Erdwalls, der vom Hohenzollern heruͤberzieht, welcher roͤmiſchen Urſprungs ſeyn und mit der Belſener Niederlaſſung zuſammenhaͤngen konnte. Der Name Shwedenfhänzlein, den ihm die Bauern gewiß nicht im Traum gegeben, deutet jedoch auf feinen Urſprung aus dem zojaͤhrigen Krieg. Uebrigens iſt in dieſer Gegend vor nicht ſo langer Zeit von einem Genkinger Bauern ein Pfeil gefunden worden. Das Dorf Goͤnningen liegt im Obſtwalde dicht an der Wurzel des Berges, und it durch den Handel ſeiner Bewohner bekannt.

Der e Handel

beſteht hauptſaͤchlich in gedoͤrrtem Obſt, in Baͤumen, Geſtraͤu⸗ chen, Blumen, Blumenzwiebeln, Saamen und andern aͤhn⸗ lichen Artikeln. Er fieng zuerſt vor etwa 200 Jahren mit ge⸗ doͤrrtem Obſt an, von dieſem kam es zu Saͤmereien, und ſo immer weiter. Ein ſolider Saamenhaͤndler kauft j. ehrlich allein für 5 4000 fl. Saamen, den er in Portionen von 5 600 fl. an jeine Mitbürger verkauft; er ſelbſt behaͤlt eine ſolche Por⸗ tion; und nun ziehen fie für den Detailhandel theils im Va— terland herum, theils in die Gegend von Nürnberg und Würze burg. Andre ziehen den Rhein hinab und uͤber den Strom, andre nach Oeſtreich und Ungarn, bis in die Tuͤrkei hinab. Stockholm, Petersburg, Moſkau, Aſtrakan, das kaſpiſche Meer, ja ſogar Siberien und der afiatifhe Norden werden von ihnen beſucht. Dieſe Haͤndler ziehen gemeiniglich, wenn es in weite Ferne geht, mit Roß und Wagen aus, und nehmen einige 100 fl. auf den Weg; denn unterwegs verkauft keiner, ſon— dern er wartet, bis er an Ort und Stelle iſt. Als Ruͤckfracht bringen fie namentlich aus Rußland, Thee, Hauſenblaſen v. ſ. w. mit. Der Abzug geſchieht nach der Erndte im Septem— ber. Die ferner ziehenden kehren erſt im Mai zuruͤck, die Rheinlaͤnder und andere gehen uͤber die Weihnachtfeier und uͤber Oſtern heim. Zu dem bisherigen Handel geſellt ſich auch der mit Uhren und Uhrmaterialien, die fie aus den Thaͤlern des Jura beziehen. Bedeutend tft auch der Handel mit Baͤu⸗

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men, ſo daß vor etwa 1 Jahren ein elnziger Goͤnninger 12000 Staͤmme nach Frankreich zur Verzierung der Landſtraßen geliefert. Jeder Haͤndler hat feinen Saamenſtrich, d. i. einen Handelsbezirk, in dem er ausſchließlich affreditirt iſt. Auch der Branntwein und das Sammeln der Erd- und Himbeeren iſt ein bedeutender Erwerbszweig für die Goͤnnin⸗ ger. Der Pfarrer des Dorfs, Herr Wurſter, iſt durch feis nen ſeltenen Nelkenflor beruͤhmt. 1000 Töpfe, in welchen 500 der auserleſenſten Sorten prangen, umgeben ſein Haus, und er iſt es beſonders, der dem Gönninger Haͤndler in dies ſem Artikel eine koſtbare Quelle eröffnet hat. Dabei verſteht ſich derſelbe auf die Uhrmacherkunſt und die Bienenzucht, und ſteht ſeiner Gemeinde auf alle Art mit Rath und That bei. Von Goͤnningen fuͤhrt ein wohlgebahnter Fahrweg den Roßberg hinauf, der zu einem Beſuche des verewigten Koͤni⸗ ges angelegt worden, und daher der Koͤnigsweg heißt. Wer zu Wagen iſt, kann ſomit von Möffingen oder Thalheim aus über Oeſchingen und Goͤnningen bis auf den Gipfel fahren. Von hier aber muß er den Wagen nah Goͤnningen zuruͤck, und auf weitem Umweg uͤber Pfullingen nach Oberhau— ſen beſtellen, was immerhin eine Strecke von 4 Stunden ſeyn mag. Denn von nun an fuͤhrt der Fußpfad von der Kuppe des Roßbergs ſuͤdlich herab, und dann fort auf dem etwas geſenkten Plateau der Alb zur

Nebelhoͤhle.

Auch zu dieſer Wandrung bedarf es noch immer des Fuͤh— rers, wozu daher in Thalheim oder Moͤſſingen ein fichrer und auch des fernern Weges kundiger Mann gewaͤhlt werden muß, den jedoch die Wirthe immer zu ſchaffen wiſſen. Der Lohn von den genannten Orten bis zur Nebelhoͤhle moͤchte etwa ı fl. ſeyn. Dafür muß er aber auch den Weg in das Dorf Ober— hauſen, oder voraus auf Schloß Lichtenſtein machen, wo Schluͤſ— ſel, Maͤnner und Fackeln fuͤr das Nebelloch zu ſchaffen ſind.

Vom Robpberge führt der Weg bald auf unebner Albflaͤche uͤber Matten und durch Waldſtreifen, an einem erquicklichen Waldbrunnen, uͤber den ſich ein Ahornbaum woͤlbt, voruͤber, nach dem Albdorfe Genkingen (1 St.), „bei der großen Linde,“ ſetzen die Bauern mit Stolz hinzu, und zeigen den

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uralten Baum, der an unſrem Wege ſteht, und kaum von 4 Männern umfaßt werden kann. Vor dem Dorfe uͤberraſcht links ein Ausblick zwiſchen Waldgipfeln auf Schloß Achalm, und die Flaͤche bis zu den Eßlinger Bergen. Wenn das Dorf im Rüden iſt, fo geht man eine gute halbe Stunde auf dem Wege nach Lichtenſtein fort, bis man ſich im Walde links ſchlaͤgt und wieder etwa nach * Stunde auf die freie Wald⸗ wieſe kommt, auf der man uͤber die Woͤlbungen der Nebel: hoͤhle hinwandelt, und die am feſtlichen Tage der Hoͤhlen— beleuchtung mit Menſchen, Wagen und Buden luſtig uͤberfſaͤet tft. Hier ſteht man dicht an der waldbewachſnen, ſuͤdoͤſtlichen Kante dieſes Albaſtes, und es laſſen ſich die ſchönſten Durch blicke zwiſchen dem Geſtraͤuch ins tiefe Land aufſuchen. Auf derſelben Seite führt ein kurzer Fußweg, etwa 80 Fuß, bins» ab an den Theil der Bergwand, an welcher der Eingang zu der Nebelhoͤhle iſt. g | Die Nebelhoͤhle oder das Nebelloch, ohne Zweifel von feinen Ausduͤnſtungen fo genannt, 2% Stunden von Reut⸗ lingen, von Pfullingen 2 Stunden entlegen (und von dieſer Seite beſuchen es auf geradem Wege die Stuttgarter, Tuͤ— binger und andre Wandrer der Umgegend), findet ſich an der ſuͤdoͤſtlichen Seite eines hohen waldigen Bergfelſens, Stel— lenberg genannt. Es erhebt ſich am Schluß eines fruchtba⸗ ren, weſtlichen Seitenthals vom Dorfe Oberhauſen, von dem Gißſtein und Gaisſpitzberg (von dort gefundnen unbe: kannten Silbermuͤnzen auch Geldlochberg genannt) um⸗ ſchloſſen. Das Geldloch des letztern Berges iſt eine kleine Tropfſteinhoͤhle, uͤbrigens dem Nebelloch nicht unaͤhnlich. Von Pfullingen und Oberhauſen aus gelangt der Wandrer entweder gerade durch das Thal auf dem ſteilſten Wege vor den Eingang der Hoͤhle ſelbſt, zu Fuß, oder auf der Stuhl— ſteig zuerſt auf die oben genannte Wieſe, einen Weg, der ſich zur Noth fahren laͤßt, oder endlich am bequemſten, aber mit Aufopferung eines uͤberraſchenden Eintrittes nach Lichtenſtein, über die Bergſtraße, die, feit 1805 chauffiert, zu dieſem Schloſſe fuͤhrt, am Schloͤßchen ſelbſt vorbei, und nun auch auf jene Wieſe. Der große portalmaͤßige Eingang der Hoͤhle iſt mit einer gewoͤhnlich verſchloſſnen Thuͤre verſehen, zu welcher der Hirſch— wirth in Pfullingen und der Foͤrſter von Lichtenſtein den Schluͤſ⸗

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61 ſel hat. Von der Oeffnung fuͤhrt ein Weg, jetzt mit Bret⸗

tern gedeckt und uͤber Unebenheiten bruͤckenmaͤßig fortgefuͤhrt, auf 7o Fuß weit bergein zu einem gegenüber ſtehenden großen

und glatten Felſen; von der 50 Schuh meſſenden Hoͤhe herab

iſt dieſer Weg durch eine ſchornſteinartige Oeffnung etwas er— leuchtet. Nun befindet man ſich in der weiten und hohen Vorhoͤhle. Bei jener freiſtehenden Felswand aber, die, meiſt aus Tropfſteinen beſtehend, 150 Fuß im Umfange hat, ſchei⸗ det ſich die Hoͤhle in zwei große Gaͤnge, rechts und links ge— gen Weſten und Oſten, die jedoch beide, nach einer Lange von 180 Fuß, am Ende in Einen noͤrdlichen Gang zuſammen lau— fen. Auf der entgegengeſetzten Seite der Vorhoͤhle ſuͤdlich, bleibt eine minder ſehenswuͤrdige ungefaͤhr 100 Fuß lange Grotte liegen.

Gewoͤhnlich wird nun zuerſt der oͤſtliche Gang zur Rechten betreten, der groͤßte und ſehenswuͤrdigſte, durch die Menge der eiszapfenfoͤrmig herabhaͤngenden Tropfſteine, durch die ſtehenden Waſſer, die, aus den Duͤnſten gebildet, ſich hier geſammelt; endlich durch mehrere Felſen und kleine Seiten— hoͤhlen. Bei der Vereinigung beider Gaͤnge tritt man in eine ſich allmaͤhlig erhebende Grotte. Sie ſcheint das Ende der Hoͤhle zu bilden, und ſo weit iſt auch fuͤr die Bequemlichkeit der Beſuchenden durch Bretterwege geſorgt. Die Höhle ſetzt ſich aber noch weiter fort, und zwar nach zwei Seiten. Rechts gegen Norden findet ſich abermals eine hohe, große, dunkle, nur mit Gefahr zu beſteigende Grotte. Links gegen Suͤdweſt klettert man, mittelſt zweimaliger Anlegung einer Leiter, 80 Fuß in die Hoͤhe, und ſtoͤßt nun wieder auf zwei Gaͤnge. Der eine, nordweſtliche, it 35 Fuß hoch und endet ganz in der Hoͤhe. Dieß iſt die weiteſte Entfernung, die vom Eingang

der Hoͤhle 577 Fuß betraͤgt. Der andre nach Suͤden umkeh—

rende Gang hat etwa 100 Schuh Laͤnge, iſt eng, eben, be— quem, hat aber mehr Sand- als Tropfſteine. Die einzige Merkwuͤrdigkeit, die er enthält, find einige Jahrszahlen und Namenszuͤge; als 1559 M. H. y. Und wieder: 1561 E. H. W. Die letztern Buchſtaben erklaͤrt man durch Eberhard Herzog Zu Wuͤrtemberg, und ſchreibt ſie dem aͤltern Sohne Herzog Chriſtophs zu (geb. 1545, geſt. 1568), der ſomit als 16jaͤhri⸗

ger Prinz dieſe Hoͤhle beſucht haͤtte. An den Vereinigungspunkt der beiden bequemen Haupt:

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gaͤnge zuruͤckgekommen, nimmt der Wandrer den Ruͤckweg durch den vom Eingang aus links und weſtlich gelegnen, den er jetzt zur Rechten hat. Hier kommt er durch eine groͤßere, 100 Fuß lange, und eine kleinere Kammer, von 32 Fuß Laͤnge, und dann, nach einer guten Strecke, an den merkwuͤrdigſten Ort der Hoͤhle, vorzugsweiſe die Grotte genannt, voll ſchoͤner, glaͤnzendweißer Felſen, die das dunſtende Waſſer ſammeln, und dem Auge in ſilbernen Schalen entgegenhalten. Felſen und Tropfſteine bilden hier die groteskeſten Geſtalten, welche uralte Bolksphantaſte laͤngſt mit dem Gepraͤge bezeichnender Namen verſehen hat. Sie zeigt uns hier einen Sattel, dann eine Capelle, einen großen Altar mit Vorhaͤngen und Deden- verzierungen, eine Canzel, eine Orgel. Auch Heiligenbilder ſcheinen hie und da in den Niſchen aufgeſtellt. Alle dieſe Ge⸗ genſtaͤnde werden bei der jaͤhrlichen Beleuchtung der Hoͤhle mit einzelnen Lichtern verſehen, was aber ſteif und kleinlich laͤßt. Ueberhaupt iſt eine wandelnde Beleuchtung der Höhle mit etwa ſechs Fackeln, die genug Schatten und Helldunkel zuruͤck laſſen, unendlich vorzuziehen.

Beim Eingang dieſer Grotte iſt auch eine tiefe Kammer mit criſtallhellem ſuͤßlichem Waſſer. Unter der Kammer iſt ein kleines Loch, von welchem die Sage unter dem Volke geht, daß zwei hineingeſteckte Enten in einer Entfernung von 2 Stunden bei dem Dorfe Erpfingen aus einem Loche wieder lebendig hervorgekommen ſeyen. Der übrige Umgang auf die= fer weſtlichen Seite führt noch an mehreren Kammern vorbei, und endlich weiter in die Vorhoͤhle. In den offenſten Grot— ten bringt Mufif, beſonders Flötenfpiel, mehrſtimmiger Ge: ſang und kleines Feuerwerk die herrlichſte Wirkung hervor.

Die ganze Hoͤhle iſt unverkennbares Werk der Natur, und fol mit der Baumannshoͤhle im Harze die groͤßſte Aehnlich⸗ keit haben, ja an impoſanten Woͤlbungen und kuͤhnen Bizar⸗ rerien der Natur fie noch übertreffen.

Von Mineralien finden ſich in ihr Mondmilch, Fadenſtein, Kalkſpat, Tropfſtein, auch verſchiedene Petrefakte. Von Erz zen zeigt ſich keine Spur.

So bewundernswuͤrdig dieſe geheime Werkſtaͤtte der Na— tur iſt, fo ſehnt ſich doch Bruſt und Auge bald aus dem duns ſtigen und finſtern Aufenthalt in Luft und Licht des Lebens zuruͤck, und ein willkommnerer Wechſel kaun daher dem Wan⸗

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drer nicht geboten werden, als der, welcher ihn durch den Weiterzug nach dem

Lichtenſteiner Schlöͤßchen (Hoͤhe 7 W. F.) erwartet. | Der Weg, der auch zum Fahren bequem iſt, zieht ſich bald uͤber Heide, bald uͤber Blach- und Ackerfeld, von jener Wieſe, die das Nebelloch deckt, ausgehend, uͤber keine unangenehme, rechts und links mit halbgelichtetem Wald bedeckte Albflaͤchen, in oͤſtlicher Richtung hin; und führt endlich auf einen waldi⸗ gen Hügel zu, aus deſſen Luſthain das rothe Dach des Lich— tenſteiner Schloͤßchens winkt, das dem Wandrer ſehr willkom— men ſeyn und anmuthig duͤnken muß, auch waͤhrend er noch nichts andres dahinter erwartet, als fortlaufende Gebirgsflaͤche. Mehrere wohlausgehaune Wege und Fußpfade fuͤhren den Huͤ— gel hinauf, alle vor dem Schloͤßchen ſich vereinigend. | Nach % Stunden, von der Höhle aus gerechnet, ſtehn unſre Reiſenden vor dem Schloß. Wie groß aber iſt ihre Ueber— raſchung, kein bequem auf der Ebne gelagertes Haus zu finden, ſondern aus einem tief aufgeriſſnen Albthal, einen ſenkrechten Felſen aufſteigen zu ſehen, auf deſſen Spitze das luſtige Schloͤßchen wie ein Vogelneſt haͤngt, und mit den Grund— mauern eines zerſtoͤrten Schloſſes verwachſen iſt. Rechts und links ſtreben kleinere Felſen aus der Tiefe empor. Selbſt auf der ſuͤdweſtlichen Seite, wo ſich der Fels an die Gebirgs— kante lehnt, und von welcher der Wandrer herangekommen iſt, ſteht er vom feſten Land noch getrennt, und eine Bruͤcke bil— det den einzigen Zugang zum Schloß. Den vollen Genuß aber gewaͤhrt erſt das Fremdenzimmer des Schloͤßchens, welches den freien Blick in das wundervolle Thal eroͤffnet, das zu den groͤßten Schoͤnheiten der Alb gehoͤrt, und von dem man zu— verſichtlich behaupten kann, daß das verwoͤhnteſte Auge Wohl— gefallen an ihm finden wird. Von dem ſchroffen Fels herab mißt das Auge eine Tiefe von 300 Klaftern, die von dem Waldbach der Echaz gebildet, etwa eine halbe Viertelſtunde breit, rechts und links von waldigen Alpen umlagert, ſich Stunden in die Laͤnge zieht, und mit drei lachenden Doͤr— fern, immer waſſerfriſchen, hellgruͤnen Wieſen, und den bluͤ— hendſten, wohlvertheilten Obſtpflanzungen beſetzt iſt. In der

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Höhe das wildeſte Gebirge mit Wald und Fels, rechts und N

links die rauheſte lb. Im Hintergrund ein iſolierter Alb⸗ ruͤcken bei Pfullingen, hinter ihm, fuͤr das Auge in Eine Bergmaſſe mit ihm verwachſen, die vulkaniſche Geſtalt der einſamen Achalm hervorlugend; rechts und links hinter ihr die lachende Ebene bis ins tiefſte Unterland, in den bunteſten Farben bis zur bleichſten Blaͤue verſchmolzen. So vlel ver:

ſchledne Lichter und Töne, fo manchfaltige Charaktere der Na⸗

tur, Schoͤnheit, Erhabenheit und Anmuth gepaart, und doch

alles zuſammenſtimmend; keine langweilige Parthie, kein ge⸗

dehnter, gezogener, unmahleriſcher Fleck; wirklich, hier wagt es der ſchuͤchterne Wegweiſer aus vollem Munde zu preiſen.

Das naͤchſte Doͤrfchen zu den Fuͤßen des Schloſſes, in def ſen wenige reinliche Straßen man aus der ſchwindelnden Tie⸗ fe, wie der Vogel im Flug, hinabſchaut, iſt Ho nau, von dem auf der jenſeitigen Albſeite eine ſchoͤne, in die Felſen ganz neu geſprengte Kunſtſtraße nach Oberſchwaben fuͤhrt. Eine Viertelſtunde von Honau folgt Oberhauſen, nach dem ein

guter Fahrweg unſre Wandrer von Lichtenſtein hinabfuͤhren

wird ). In dieſem Dorfe erwartet die Fahrenden ihr Reiſe⸗ wagen; falls ſie ihn nicht die ermuͤdende Bergſtraße auf Lich⸗

tenſtein oder gar von da noch zur Hoͤhle haben fahren laſſen.

Einen Buͤchſenſchuß von Oberhauſen liegt das Dorf Unter- hauſen; hier hat man von dem obern Zimmer des Wirths⸗ hauſes zum Adler die beſte Anſicht des Lichtenſteins. Der

Wirth iſt geſonnen, einen ſchoͤnen Saal auf dieſer Seite an=

zubauen. Eine wilde Seitenſchlucht fuͤhrt gegen Suͤdoſten nach Holz elfingen hinauf, und oͤſtlicher hinan zu der Stelle, wo einſt das alte Schloß Stahleck geſtanden. Von Unter⸗ hauſen im Hauptthale fort folgen Matten und Obſt, bis nach einer halben Stunde das Thal links gegen Pfullingen ums beugt, und ſich hinter die Bergwand verbirgt. Kehrt ſich das Auge

—ñ—ͤ—

*) Wohl zu unterſcheiden von Ober hauſen hinter der Lochen. Von dieſem letztern ſtehe hier nachtraͤglich, daß ſich in ſeiner

Kirche Eberhard Ludwigs Kebsweib, die Graͤveniz, am

18ten Jan. 1711 zum Scheine mit dem Grafen von re durch den Pfarrer von Thieringen trauen laſſen.

N

nach der Höhe, ſo ſtoͤßt es links auf zwei felfige und waldige Albruͤcken, welche durch die Schlucht, die zur Nebelhoͤhle fuͤhrt, getrennt ſind, und aus denen einzelne maͤchtige Steinſaͤulen emporragen. Dieß find der Giſſenſtein und Gais ſpitz⸗ berg. Rechts iſt die Gebirgskette bunter und heller, und die Albflaͤche ſetzt ſich auf ihr nach Suͤdoſten in weite Ferne fort. Dicht an ſeiner Kante liegt das Albdorf Holzelfingen, weiter hinein in den Waͤldern Rauh Sankt-Johann; der Geſtuͤtshof Marbach, das Jagdſchloß Graveneck (von Her— zog Chriſtoph erbaut), ſchon in einer Entfernung von 4— 5 Stunden; weiter rechts die Muͤnſinger Gegend; und hier reicht der Blick auf der Albflaͤche bis zu dem 9 Stunden ent— fernten Reichenberg. Ja, Cruſtus will hier die Allgaier Alpen entdeckt haben. In das Thal herab ſenken ſich der Leimberg, der Obersberg, der Kornberg, der Greiffenſtein (vorzeiten mit einem Schloß gleichen Namens, mit herrli— cher Ausſicht); und noch oͤſtlicher der Hochberg. Hinter der Achalm unterſcheidet man rechts die Bergſcheiden des Eßlin— ger Thales, den Rothenberg und das tiefere Unterland, bis gegen Heilbronn; links die Filder mit Hohenheim, und den Stromberg in blauer Ferne. Eine halbe Stunde von dem Schloͤßchen Lichtenſtein, oͤſtlich an der Staige, die nach Groß— engſtingen führt, iſt der Urſprung der Echaz. Suͤbdoͤſtlich Kleinengſtingen, mit einem ſeit 1580 entdeckten ſchwefel⸗ baltigen Sauerbrunnen.

Wie das Schloß, das, in feiner jetzigen Geſtalt erſt we= nige Decennien alt, der Sitz eines Foͤrſters iſt, zu Ende des 16ten Jahrhunderts ausgeſehen *), mag uns Cruſtus beſchrei— ben:

„Das Schloß iſt von dem andern Berge abgeſondert, auf welchen eine lange Bruͤcke geht, unter der ein ſehr tiefer „Graben iſt; auf beiden Seiten find Felſen, die lange Leitern beduͤrfen, um beſtiegen zu werden. Auf dem aͤußerſten Theil des Felſen ſteht das Schloß; vor ſich uͤber der Bruͤcke hat es Waͤlder, auf der andern Seite luſtige Gaͤrten, Wieſen und Aecker. Dieſem muͤſſen die umliegenden Doͤrfer frohnen: das eine muß Holz hauen, das andre es dahin fuͤhren, das dritte

) In dieſer alten Geſtalt beſtand es bis gegen Ende des vorigen Jahrhunderts. N a G. Schwab, ſchwab. Alb. 5

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den Dünger fortſchaffen, das vierte das Gras abmaͤhen, ein fünftes daſſelbe duͤrr machen und einfuͤhren. Lichtenſte in hat auch einen tiefen Trog in Felſen eingehauen, darein das Waſ⸗ ſer von den Daͤchern geleitet wird, das auch einen Weiher bildet; außerhalb einen tiefen Bronnen, beider großen Scheuer,

darin das Vieh iſt. Am untern Theil des Schloſſes ſind Fe— ſtungswerker, auf alte Art gebaut; etwas hoͤher ein herrlicher Pferdeſtall, und kleine Kammern anſtatt des Kellers; alles in Felſen gehauen. Wenn man die Steige hinauf geht, fin—

det man eine weite und helle Stube mit gegoſſenem Boden;

vor derſelben ſind Doppelhaken in der Wand. Im obern Stockwerk iſt ein uͤberaus ſchoͤner Saal, rings herum mit Fenſtern, aus welchen man bis an den Aſperg ſehen kann:

darin hat der vertriebne Fuͤrſt, Ulrich von Wuͤrtemberg, oͤfters

gewohnt, der des Nachts vor das Schkoß kam, und nur ſagte: der Mann tft da! fo wurde er eingelaffen. Im Schloſſe geht man durch eine Schnecke hinab zu oberſt bis zu unterſt. Vor

noch nicht viel Jahren hat ein vornehmer Herr einen andern

heißen hinunter gehen, und ihn eine Zeitlang eingeſperrt;

der ward zornig daruͤber, doch wurde die Sache in einen

Scherz verwandelt. Das Schloß hat von der Vorderſeite, gegen Aufgang, ein ſchreckliches Ausſehen, wegen des jaͤhen Abgrundes, ſo daß wenig ſind, die hinab ſehen koͤnnen, und ſich nicht fuͤrchten.“

So weit Cruſtus. Die Gewoͤlbe, von welchen er ſpricht, ſollen noch vorhanden ſeyn. Die Ruinen des alten Schloſſes, mit ſamt dem neuen Aufbau, ſtellen ſich aus der Naͤhe am ſchoͤnſten dar, von einem links vom Schloͤßchen in der Tiefe hervorſpringenden maueraͤhnlichen Felſen betrachtet, und wenn man auf der Bergſtraße nach Oberhauſen wenige Schritte den Hohnauer Fußpfad hinab lenkt. Beide Standpunkte darf der Reiſende ja nicht verſaͤumen. Auf jener Bergſtraße endlich ſtoͤßt man links noch zwiſchen Lichtenſtein und dem Giſſenſteiner Felſen auf eine kleine Felſenhoͤhle, in der man feine Sandfteine antrifft, und aus deren Oeffnung ſich bei Regenwetter oder Schneeabgang ein betraͤchtlicher Bach ergießt; daher es das Brunnenloch heißt. Ueberhaupt giebt es in dieſer ganzen Bergkette ſehr viele Kluͤfte; auch im Thal auf den Wieſen ſind zwei lange, aus Tufſteinen be— ſtehende unterirdiſche Gaͤnge, wovon der Eine ſogar unter der Echaz durchgeht.

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Was die Tradition noch weiter von Lichtenftein erzählt; ſey zuſammengefaßt in folgender |

Romanze. Aus einem tiefen, gruͤnen Thal Steigt auf ein Fels, als wie ein Strahl, Drauf ſchaut das Schloͤßlein Lichtenſtein Vergnuͤglich in die Welt hinein.

In dieſer abgeſchiednen Au,

Da baut' es eine Ritterfrau;

Sie war der Welt und Menſchen ſatt, Auf den Bergen ſucht ſie eine Statt.

Den Fels umklammert des Schloſſes Grund, Zu jeder Seite gaͤhnt ein Schlund,

Die Treppen muͤſſen, die Waͤnde von Stein, Die Boͤden ausgegoſſen ſeyn.

So kann es trotzen Wetter und Sturm: Die Frau wohnt ſicher auf ihrem Thurm Sie ſchauet tief ins Thal hinab,

Auf die Doͤrfer und Felder, wie ins Grab.

„Die blaue Luft, der Sonnenſchein, Spricht fre, der Wälder Klang iſt mein. Eine Feindin bin ich aller Welt,

Zu Gottes Freundin doch beſtellt.“

Mit dieſem Spruch ſie lebt' und ſtarb, Davon das Schloß ſich Ruhm erwarb, Drauf wohnte manch ein Menfchenfeind, Und ward in der Hoͤhe Gottes Freund!

Und als vergangen hundert Jahr

Ein Menſchenfeind auch droben war; Lang hatt' er an keinen Menſchen gedacht: Da pocht' es einsmals an zu Nacht.

„Es iſt ein einzger, vertriebner Mann, Der Welt Feind wohl er ſich nennen kann. Herr Ulrich iſts von Wuͤrtemberg, Zu Gaſte will er auf dieſen Berg!“

5 *

Der Andre hat ähm aufgemacht, Er nimmt des Fuͤrſten wohl in Acht; Er zeiget ihm das finſtre Thal,

Das weit ſich dehnt im Mondenſtrahl.

Der Herzog ſchaut hinunter lang, N Und ſpricht mit einem Seufzer bang:

„Wie fern, ach, von mir abgewandt,

Wie tief, wie tief liegſt du, mein Land!“

„„Auf meiner Burg, Herr Herzog, ja! Iſt Erde fern, doch Himmel nah.

Wer ſchaut hinauf und wohnt nicht gern Im Himmelreich von Mond und Stern?“

Da hebt der Herzog ſeinen Blick,

Und ſieht nicht wieder aufs Land zuruͤck; Von Nacht zu Nacht wird er nicht ſatt, Bis er es recht verſtanden hat.

Und als nach manchem ſchweren Jahr Er wieder Herr vom Lande war, Da hat er Alles wohl beſtellt, Und hieß ein Freund von Gott und Welt.

Wie hat er erworben ſolche Gunſt?

Wo hat er erlernet ſolche Kunſt?

In des Himmels Buch, auf Lichtenſtein Da hat ers geleſen im Sternenſchein.

Das Schloß zerfiel, es ward daraus Ein leichtgezimmert Foͤrſterhaus; Doch ſchonet fein der Winde Stoß. Meint, es ſey noch das alte Schloß.

Und einſam iſt es jetzt nicht mehr, Es kommt der Gaͤſte froͤhlich Heer; Sie kommen aus einer Hoͤhl' ans Licht, Doch Menſchenfeinde ſind es nicht.

| 69. Manch holdes Maͤdchenangeſicht Laͤßt leuchten ſeiner Augen Licht, Da fuͤhrt mit Recht in ſolchem Schein Das Schloß den Namen Lichtenſtein.

Die Maͤnner ſtolz, die Maͤgdlein friſch, Sie ſitzen All' um Einen Tiſch, Die Erde laͤchelt herauf ſo hold, Es ſtrahlt am Himmel der Sonne Gold. Sie ſpenden von des Weines Thau Dem Herzog und der Edelfrau, Und bitten fie, dieß Schloͤßlein gut Zu nehmen in ihre fromme Hut.

Und ziehn ſie ab, mit einer Bruſt Voll Gotteslieb' und Menſchenluſt, Dann ſteht im ſpaͤten Sternenſchein Einſam uns ſeelig der Lichtenſtein.

Von Lichtenſtein, wo, außer zur Zeit der feſtlichen Be⸗ leuchtung der Nebelhoͤhle, zwar kein Mittagsmahl im Foͤrſter⸗ hauſe eingenommen werden kann, aber doch Caffs, Kaͤſe, Butter und guter Wein zu finden iſt, ſetzt ſich die Reiſe nach Pfullingen und Reutlingen fort. Wer zu Fuße iſt, Eile hat, und dieſe Stadt ſamt der Achalm opfern will, kann auch über das Gebirge, durch Holzelfingen (St.), Ohnaſtetten 4 St.), Wuͤrtingen (a St.) nach Urach (1% St.) kommen. Noch näher, aber nicht ohne Führer, durch die Albwaͤlder zwiſchen St. Johann und Wuͤrt ingen, ohne daß er ein Dorf beruͤhrt. 3 Nu

Die Reutlinger Straße aber fuͤhrt durch das hinlaͤnglich beſchriebne Hauſener Thal: Oberhauſen , St.), Unter⸗ haufen (4 St.), Pfullingen & St.), Reutlingen (% St.). Bei Pfullingen öffnet ſich die Gegend ein ziem- liches; die Hauptwand der Alb tritt zuruͤck; nur der ſpitze Kegel des St. Joͤrgenbergs hat ſich, wie aus der Reihe und weſtlich uͤber die Stadt hinaus verloren.

- Der St. Idͤrgenberg iſt ein ſchoͤner, zur Hälfte mit Wein und Obſt bepflanzter,

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oben mit grüner Heide bedeckter Berg. Da er weit niedriger als die andern Albberge, und in einer kleinen halben Stunde zu beſteigen iſt, fo bietet er ſich dem bequemeren Wandrer als gutes Surrogat fuͤr die ungleich hoͤhere Achalm dar. Die Ausſicht auf die Flaͤche iſt mit weniger Einſchraͤnkung dieſelbe. Eigene Reize gewaͤhrt gegen Oſten der Anblick der Achalm, gegen Süden der Anfang des Haufener Thales. Sein Gipfel traͤgt Spuren von Schanzen, die von den aufruͤhreriſchen Bauern des ı5ten Jahrhunderts herruͤhren ſollen. Wirklich hausten im Fruͤhjahr 1525 die Aufruͤhrer auch in dieſer Ge— gend, und es ward von Rudolph von Ehingen bei Pfullingen am 6. April eine Auswahl unter den Reutlingern, Tuͤbingern und Rothenburgern gehalten, um einen Heerhaufen gegen ſie zu bilden. Indeſſen finde ich es wahrſcheinlicher, daß die Vertiefungen und Linien von einer St. Georgs-Capelle herruͤhren, die eine Wallfahrtskirche war, und bis ins ı6te Jahrhundert aufrecht ſtand. Ein Spieler und Gotteslaͤſterer, der ſich am Glockenſeil aufgehenkt, verſcheuchte die Wallfahrer und brachte die Kirche in Zerfall. | Auf der ſuͤdlichen Seite von Pfullingen find andre ſchoͤne Bergruͤcken, der Guͤlſperg, die hangende Wieſe, die Stuhlſtaig, der Wackerſtein mit einem ſehr hohen und geſpaltenen Felſen; der Aalsberg und das Lippenthal, zuſammenhaͤngende Ruͤcken, welche die Graͤnze gegen das Hau— ſener Thal machen, und auf einer ringsumlaufenden Ebene (paſſend der Altan genannt), jener den Schemberg, dieſer den Lippenberger Hohlberg tragen). Oeſtlicher der Kugelberg und der Urſulenberg. Noch mehr gegen Oſten der Maͤgdleinsfels. Nordoͤſtlich mehr abgetrennt vom Gebirge, die Achalm.

Am Urſulenberg und am Maͤgdleinsfelſen haften Volksſagen.

Die Feien des Urſulenberges. Wenn die Nebel Schleier weben Um Gebirg und Flur, Regt in der Natur Sich ein andres Leben.

) Der Wegweiſer ſucht ſchriftliche Angaben hier mit muͤndli⸗ chen zu vereinigen.

Aus ben Blumen, die ſich neigen In der Erde Kluft N Vor des Winters Luft,

Ihre Seelen ſteigen.

Anzuſchaun wie zarte Weiber Schweben ſie heraus

Aus des Berges Haus, Jungfraͤuliche Leiber.

Mit dem Blau der Genziane, Mit der Lilie Glanz,

Mit des Roſenbrands Gluthen angethane.

Flattern, wenn ſie Lichter ſehen, In die Huͤtten, wo Spinnerinnen froh

Seidne Faͤden drehen.

Setzen an der Maͤgde Kunkel, Luft'ge Gaͤſte, ſich,

Spinnen emſiglich

Durch der Naͤchte Dunkel. Und von ihren Lippen wallen Worte leicht und leis, Goldner Sagen Preis,

Die behagen Allen.

Von des Berges tiefen Spalten,

Wo in ew'ger Nacht

In dem kuͤhlen Schacht. Blumen Hochzeit halten.

Von der Erdengeiſter Treiben, Fuͤrſtlichem Geſchlecht,

Und von Gnom und Knecht, Uud von Waſſerweiben.

Und die Spindel rollet Allen Luſtig durch die Hand, Bis daß an der Wand

Morgenlichter wallen.

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72 d. Da entſchluͤpfen ſchnell die Frauen: An des Bergs Geſtein Sind die ſeel'gen Fei'n Nebeln gleich zu ſchauen.

Doch der Flachs iſt abgeſponnen, Und die Spindel ruht, a Und ein zehnfach Gut

Jede hat gewonnen.

Andres Maͤhrchen. \

Wiederum erzahlt die Sage, der Urſulenberg fey nur des Tages ein Berg, des Nachts aber eine Hoͤhle, in der ein weiblicher Geiſt bei unendlichen Schaͤtzen auf Erloͤſung harre. Einſt habe ein Buͤrger von Pfullingen ſich zu dieſem Verſuche entſchloſſen, und ſey in der Nacht nach der Hoͤhle gegangen. Dort erſchien ihm der Geiſt in Geſtalt einer Nonne, und lud ihn ein, mit ihm drei Naͤchte hintereinander zu ſpeiſen, ohne ſich zu fuͤrchten, und ohne einen Laut von ſich zu geben. Dann werde der Geiſt erloͤst ſeyn, der Mann aber den ungeheuren Schatz erheben. Die erſte Nacht erſchien der Geiſt in ſeiner gewoͤhnlichen Geſtalt als Nonne; der Buͤrger ſchmauste ohne Furcht und Rede bei ihm. In der zweiten Nacht erſchien aber ſtatt der Nonne eine graͤßliche Schlange vor dem wohlbeſetzten Tiſch, baͤumte ſich ſchwellend, und leckte ziſchend von den Speiſen. Der Mann überwand fein Grauſen, und unter— druͤckte den Schrei des Entſetzens, der uͤber ſeine Lippen wollte; des Morgens kehrte er zur Stadt und in ſein Haus zuruͤck.) Als aber die dritte Nacht heran kam, die das Aben⸗ theuer enden ſollte, da fand man ihn todt auf ſeinem Lager; der Schrecken der zweiten hatte ihn umgebracht.

Sage vom Maͤgdleinsfelſen.

Die Sage vom Maͤgdleinsfels iſt dieſelbe, die ſich in allen Gebirgen Deutſchlands bei aͤhnlichen Felſenvorſpruͤn⸗ gen wiederholt; es iſt die der Rieſentrappe, des Jungfern— ſprungs und andrer Stellen: Ein Jaͤger, der ein ſchoͤnes Maͤgdlein verfolgt, und ſte auf die Spitze des Felſen treibt, wo ſie nicht weiter kann. Sie ſtuͤrzt ſich betend hinab; aber fie wird von unſichtbaren Händen getragen, und ihr wiederfaͤhrt

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kein Leid. Der Jaͤger ſpringt ihr nach, und findet in der Tiefe zerſchmettert ſeinen Tod. |

Die breite Platte des Felſen ſchaut weit in das Thal hinaus, und iſt von Tuͤbingen aus ganz kenntlich. Ihre helle oder trübe Farbe gilt den Umwohnern als Vorbote von Heiz terkeit oder Unwetter. Man kommt von Pfullingen in einer ſtarken Stunde durch eine Waldſchlucht hinauf. Weil der Bergkeſſel ziemlich weit zuruck tritt, iſt die Ausſicht nicht ganz ſo offen, wie auf den uͤbrigen Albſtandpunkten, immer aber ſehr reizend. Ein benachbarter einſamer Hof auf der Bergheide gewaͤhrt nichts als Obdach.

| Pfullingen,

(5592 Einw.) liegt im fruchtbarſten Obſtsarten, in der lieblich⸗ ſten, mildeſten Gegend. Als Dorf kommt es fhon im zıten

Jahrhundert vor. Die neueſten Nachweiſungen unſres Mem⸗

minger machen die Exiſtenz eines bisher bezweifelten graͤf⸗ lichen Geſchlechts von Pfullingen wahrſcheinlich; ein Graf Egino von Pfullingen, Sohn des Grafen Walther von Pfullingen, waͤre nach dieſer Annahme durch ſeine beiden Söhne Egino und Rudolph Stammvater der Grafen von ur ach und Achalm geworden. Der Pfullinger Zweig ver⸗ ſchwindet fpäter. An feiner Statt erſcheint ſeit dem ı5ten Jahrhundert ein edles Geſchlecht mit Namen Remp von Pfullingen. Caſpar Remp von Pfullingen verkaufte end- lich 1487 ſein Schloß mit ſeinem Antheile Pfullingens an Wuͤrtemberg. N

Mechtild und Irmel, Fraͤulein dieſes Stammes, ſtifteten hier im J. 1250 ein Frauenkloſter. Seine Spuren ſind ſehenswerth; unter andern Ueberbleibſeln iſt mitten in dem jetzt zum Garten gewordnen Raum das Sprachgitter ſte— hen geblieben. Die Urkunden des Kloſters, die vielleicht noch manches Geſchichtliche in ihren bis vorn ins nate Jahrhundert hinaufreichenden Pergämenten enthalten, liegen bis jetzt noch ungenuͤtzt in Pfullingen. Das erſte Allmoſen, das dieſem Kloſter gegeben worden, ſoll ein Laͤmmlein geweſen ſeyn; dieß vermehrte ſich ſo, daß das Kloſter bald eine ganze Schaͤferei bekommen. Erſt unter den Grafen von Wuͤrtemberg erhielt das Dorf Stadtrecht, nie aber Mauern. Herzog Chriſtoph

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baute daſelbſt ein ſchoͤnes Schloß und ein Jagdhaus, und hlelt ſich gern hier auf, um dem Schoͤnbuch nahe zu ſeynn.

Vor dem Rathhaus zu Pfullingen iſt noch im Jahre 15053, als Wolf und Ludwig von Neuhauſen und ihre Knechte einen i Mann aus Oberhauſen getoͤdtet, der Obervogt zu Urach, Jo— hann Sattler, mit zwoͤlf Richtern von Pfallingen an offner Koͤnigsſtraße, unter freiem Himmel, nach Ordnung des h. roͤm. Reichs, und des Dorfes Pfullingen Gewohnheit, in off— nem verſammeltem Schrannengerichte zu Recht geſeſſen. Und weil dieſe Edelleute nach vollbrachter That die Flucht ergrif⸗ fen, des entleibten Erben aber peinliche Klage gefuͤhrt, ſo ſind die Fluͤchtlinge durch den geſchwornen Dorfsknecht zu den drei Straßen dreimal gerufen und verkündet worden. Nach— dem ſolch Rufen drei Tage hintereinander geſchehen und Nies mand erſchienen, iſt endlich das Urtheil ergangen, daß, wo im h. roͤm. Reich die Thaͤter betreten wuͤrden, ſolche mit dem Schwert hingerichtet werden ſollten.

Im öojaͤhrigen Kriege war die Stadt von 1654 an, bis zum weſtphaͤliſchen Frieden, in oͤſtreichiſchen Händen. (Gaſt⸗ hof: Hirſch.)

Da unſre Reiſenden am fuͤglichſten Reutlingen zu ih⸗ rem Nechtquartier wählen, die Zeit aber ſehr wohl zur Be— ſteigung der

Achalm f

ü (Soͤhe 2472 Wuͤrt. Fuß.) f reicht, fo brauchen fie nicht alſobald in jene Stadt hinein zu gehen, ſondern ſte koͤnnen entweder ſchon am Kreuzwege der Landſtraße zwiſchen Pfullingen, Ehningen und Reutlingen ſich den geradeſten Weg nach den „Hoͤfen“ der Achalm durch die Weinberge ſuchen, oder doch vor den Thoren von Reutlingen ſich rechts wenden, und den gewoͤhnlichen Weg nach eben die— fen Höfen einſchlagen. Der Fahrweg aber führt durch Reut— lingen und auf einem Theil der Mezinger Straße in großem Bogen, ſchlecht gebahnt, hinauf.

Der ſchoͤne ſchlanke Gipfel der Achalm ſteht durch eine tiefe Senkung, in welcher das Dorf Ehningen liegt, von der uͤbrigen Alb getrennt, und dadurch iſoliert, von allen Seiten frei heraus. Das Kalkgeſtein, woraus der Berg gleich der, uͤbrigen Alb beſteht, und der grobe, auf ſchwaͤrzlichem Ton— ſchiefer aufſitzende Kies, machen es wahrſcheinlich, daß die

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Achalm durch eine Ueberſchwemmung von dem Albgebirge ge— trennt worden. Der untre Theil des vulkaniſch geſtalteten Berges iſt mit Weinbergen bedeckt; an deren Ende, auf einer Erdſtaffel der weſtlichen Seite, die ehemalige herrſchaftliche

Sennerey ſich lehnt, ehedem das Eigenthum eines Privat- manns, deſſen Paͤchter in feinem Haus und dem reitzend ge= legnen Garten Wirthſchaft trieb. Vor kurzem aber hat Koͤ⸗ nig Wilhelm, angezogen von dieſer herrlichen Hochwacht des vaterlaͤndiſchen Gebirges, den ganzen Berg nebſt dieſem Gute an ſich gekauft), und eine Schaͤferei hier errichtet. Schon weidet eine feine Merinosheerde an den Albwaͤnden. Die Ausſicht iſt ſchon hier gegen Reutlingen, Tuͤbingen und einen Theil der Ebne von den Zimmern aus ſehr ſchoͤn, und wer das weitre Steigen ſcheut, kann ſchon auf dieſer Staffel das koͤſtliche Schauſpiel des Sonnenuntergangs genießen. Der rüftigere ſteigt weiter über den mittlern Berg, den Heide be— deckt, den ſchneckenfoͤrmigen Weg hinan, der ſich rund um den Berg durch das Waldgeſtraͤuch, mit dem der Gipfel bewachſen iſt, bis zu der Spitze hinauf zieht. |

Ruinen und Ausſicht auf der Achalm.

Von dem alten Schloſſe find nur noch wenige Ruinen vor- handen. Die alte Fahrſtraße von Reutlingen aus führt zu einem eingefallnen Thore. Ringsum war der Gipfel mit ei⸗ ner auf Felſen geſtuͤtzten Mauer eingefaßt, deren Reſte noch vorhanden ſind. Auf der vordern, hoͤhern Feſte ſteht noch ein viereckiger Thurm, in dem das Burgverließ befindlich geweſen zu ſeyn ſcheint. Seit den neueſten Vermeſſungen des Landes iſt er mit einer Treppe, und der dachloſe Gipfel mit einem Bretterboden verſehen, zum großen Vortheil der Ausſichtluſti— gen Wandrer, die hier die Hauptausſicht der Mittelalb, wie wir fie in der Einleitung bezeichnet haben, bewundern wer— den. Beſonders ſchoͤn macht ſich die zuruͤcktretende Albkette, die dadurch vollſtaͤndig uͤberſchaut werden kann: Hohenſtau— fen, Neufen, und hinter demſelben, wie ſein Schatten, hervorblickend Teck; der mahleriſche Sattelbogen mit ſei—

*) Der Berg war mit den Ruinen im J. 1764 an zwei Ehnin⸗ ger Buͤrger um 15100 fl. verkauft worden, und ſeitdem an verſchiedne Beſitzer gekommen.

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nen Dörfern; dann das fruchtbare Uracher Thal; der Achalm gegenüber die Ehninger Berge: der Steigberg, Dracken— berg, Buͤrzelberg, Kuttenberg; weiter hinauf das Pfullin⸗ ger Thal; aus dem Gebirge Lichtenſtein hervorſchauend; dann der Roßberg und die obere Alb ineinander geſchoben, bis zur Lochen bei Bahlingen. Endlich zu des Beſchauers Süßen die anſehnliche Stadt Reutlingen mit ihrem ſchoͤnen, gothiſchen Muͤnſter. Eine Beſchreibung der Flaͤche und ihrer Begraͤnzungen gegen Weſten und Norden wiederholen wir nicht.

Der alte Cruſtus ſah noch den Gang zu dieſem Thurme, drei Thuͤren, und zur linken Seite einen andern Thurm, auf dem man herumgehen konnte. Noch findet man eine große Vertiefung, wahrſcheinlich ein eingeſtuͤrzter Brunnen, dann mehrere unterirdiſche Gewoͤlbe und Keller, die aber all maͤhlig einſtuͤrzen. Die ganze Burg beſtand aus 2 Abtheilungen,

wovon die ſpaͤtere und kleinere Graf Luithold gebaut.

Geſchichtliches uͤber die Grafen von Achalm. 6

Achalm war eine Grafſchaft; aber die Geſchichte dieſes Geſchlechtes liegt ſehr im Dunkeln. Wäre den Chronikenſchrei⸗ bern zu trauen, ſo ſtammten die Grafen von Achalm aus Frankreich, wo ihre Eltern Großhofmeiſter geweſen. Schon im Jahr 603 ſollen fie aber in Schwaben als gefuͤrchtete Halb— rieſen hauſen, und in einer Schlacht, die Pipin einem Schwa⸗ benherzoge Lanfried im J. 761 bei Ettenhaln an der Erms (wo jetzt Metzingen liegt) geliefert, ſollen 12000 Schwaben ſamt dem Grafen Luithold von Achalm geblieben ſeyn. Auch im neunten und zehnten Jahrhundert ſoll ihr Name vorkommen. Aber auf hiſtoriſchen Grund und Boden kommen wir erſt

mit dem ııten Jahrhundert. Hier erſcheinen zwei Bruͤder, Egino und Rudolph, jener als Stammvater der Grafen von Urach, dieſer als Stifter der Uhalmifchen Linie, der den von ſeinem Bruder angefangenen Bau des Schloſſes Achalm vollendete (1050) ). Zu ihrer gemeinſchaftlichen Grafſchaft gehörte der größte Theil des uracher und (ehem.) Pfullinger Oberamts, die Ortfchaften des Echaz- und Erms— thales, und am rechten Ufer des Neckars bis gegen rürtingen

) Ueber die Abſtammung dieſer Grafen von denen von Pfullin⸗ gen ſ. oben. f

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hin. Ihre Reſidenz 1 die Grafen in Reutlingen gehabt haben, über das fie alle hoheitlichen Rechte beſaßen. Wie aber die Achalmiſche Linie mit der Urachiſchen getheilt, iſt nicht zu errathen. Von Rudolphs 7 Söhnen find Luithold und Cu no die Stifter des reichen Benediktinerkloſters Zwie— falten (1039). Der Tradition zu Folge ſoll auch dieſes Klo— ſter vorher anf dem Berg Achalm geſtanden ſeyn, und als es hinweggenommen worden, und der einmal geweihte Berg durch weltlichen Gebrauch entheiligt ward, ſoll ihn der Zorn des Himmels oͤfters mit dem Blitzſtrahle getroffen haben. Diefe, Angabe iſt jedoch ehronologiſch unmoͤglich. Der bei- den letztgenannten Grafen Bruder, Wernher, durch Geld zum Bißthum Straßburg gelangt, zog im Dienſte Kaiſer Heinrichs des IV. mit bewaffneter Macht gegen den Abt Wils helm von Hirſchau, der auf der paͤpſtlichen Seite war. Wern— her legte ſelbſt den Panzer an, ritt ſeinen zagenden Kriegs— knechten vor, und ſpornte fie mit Fluͤchen gegen die Hirſchauer Moͤnche; da fiel er heulend vom Pferde, und ſtarb eines jaͤ— hen Todes. 5 Schon mit dieſen Grafen und ihren Bruͤdern ſcheint die maͤnnliche Linie der Grafen von Achalm ausgeſtorben zu ſeyn. Der Erbe der weiblichen, Wernher von Groͤningen, ein Sohn der Graͤfin Williburg von Achalm, Schweſter der obigen, ſtritt noch eine Weile um die Guͤter. Die Burg war von den Grafen von Achalm in mehrere Haͤnde gekommen. Die from— men Stifter von Zwiefalten traten fie (um 1090) an ihren Vetter, Grafen Wernher von Groͤningen ab. Spaͤter ſcheinen die Welfen in ihrem Beſitz geweſen zu ſeyn; denn 1164 flieht der Herzog Welf aus dem unglückicken Treffen bei Tuͤbingen auf ſeine Burg Achalm. Im J. 1262 ver⸗ fest fie der arme Conradin an Ulrich von Wuͤrtemberg; aber das Reich ſcheint ſie wieder auf eine Zeit an ſich gezogen zu haben. Dann ward fie von Kaiſer Ludwig im Jahr 1330 an Graf Ulrich von Wuͤrtemberg übergeben, unter Carl IV. an Oeſtreich verpfaͤndet, das ſte an Wilhelm von Rietheim verſetzt. Dieſer verkauft fie endlich 1578 wieder an Wuͤrtem— berg. Im zojaͤhrigen Kriege, nach der Schlacht bei Noͤrdlin— gen, nahm die Erzherzogin Claudia widerrechtllch auch von der Achalm Beſitz, und erſt nach dem Osnabruͤcker Frieden wurde das Schloß an Wuͤrtemberg zuruͤckgegeben. Und ſchon

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im J. 1658 ergieng an den Keller (Kameralverwalter) zu Tuͤ⸗ bingen der Befehl: „Du Keller haſt dich unterthaͤnigſt zu be—

richten, weſſen du wegen vollends Demolirung und Raſi⸗

rung des ganzen algegangenen Schloſſes Achalm hiebevor

bereits unterthaͤnig Beſcheid erhalten.“

Die muͤndliche Volksſage weiß auch noch von einer Ges ſchichte des Berges aus der vorachalmiſchen Zeit:

Romanze von der Achalm.

Da ſteht noch Thurm und Burgverließ Vom Schloß, das ich genannt, Doch wie es einſt vor Zeiten hieß. Iſt keinem mehr bekannt.

Die alte Sage ſpricht es kaum

Noch halbvernehmlich nach,

Wie einſt die Burg auf dieſem Raum Vor zorn'ger Fehde brach.

Der letzte war es vom Geſchlecht, Der hier beſtritten ward,

Von Arme ſtark, von Sinn gerecht, Nach frommer Stammesart.

Er ſchirmt' und ſchuͤtzte Hof und Haus Lang vor der ſtaͤrkern Macht,

Da trieben ihn die Flammen aus, Und mitten in die Schlacht.

Er ließ den Bau wohl ſtuͤrzen ein,

Er ſah nicht hinter ſich,

Den Boden wollt' er doch befrein, 4 Der keinem Feuer wich.

Den Pfeil, den todestraͤchtigen, Empfieng ſein tapfres Herz,

Sein Rufen zum Allmaͤchtigen Verſchlingt der letzte Schmerz.

Doch was er rief in letzter Noth, Das halbe Wort: Ach allm

Das hat gewiß getoͤnt vor Gott

Als wie ein ganzer Pſalm.

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Ja ſelbſt dem Feinde klang es ſchoͤn, Das ernſte Scheidewort,

Er baute friſch auf dieſen Hoͤhn, Und hieß Achalm den Ort.

Das Menſchenwerk zerfallen iſt, Der Berg ſteht feſt und hoch, Achalm, ſo heißt zu dieſer Friſt Sein Gottesnahme noch.

Ihr Wandrer, die ihr ſinnet viel, Vergeßt nicht jenes Ach!

Ihr Maͤgdlein hier, auf Tanz und Spiel, Denkt fromm der Allmacht nach!

Eine andre Verſton der Sage tft! als Rudolph, der Vols lender der Burg, deren Gruͤnder, ſeinen Bruder Egino, der dem Tode nahe war, fragte: wie er die Burg genannt wiſſen wollte, rief dieſer im Todeskampf: Ach allm —. Und Rudolph hieß die Burg ſo.

Endlich laͤßt die Volksſage um den ganzen Berg Achalm im Grunde des Bodens ſich eine goldne Kette ſchlingen. Wir wenden uns nun nach

Reutlingen, am weſtlichen Fuße der Achalm, von deren Gipfel der Wan— drer keine Stunde Weges bis in die Stadt braucht. Gaſt— hoͤfe: Krone (die Poſt) gut. Lamm, Loͤwe, Waldhorn, Ochs, Adler (gut).

Geſchichtliches uͤber Reutlingen. Reutlingen fuͤhrt ſeinen Namen ohne Zweifel, wie eine Menge andrer Derter*) durch ganz. Deutſchland, vom Ausreuten der alten Waͤlder. Die erſten Haͤuſer ſollen mit= ten im Walde gebaut worden ſeyn, auf Eichen, deren Wur— zeln in der Erde geblieben, und deren Spuren noch gefunden werden ſollen. Im Jahr 1050, erzaͤhlt eine gereimte Reut⸗

*) Ganz daſſelbe bezeichnet die Stadt Riedlingen in deren Nachbarſchaft ſich auch wirklich ein Reuttlingendorf be⸗ findet, durch den letztern Beiſatz offenbar von Riedlingen⸗ oder Reutlingen⸗ſtadt unterſchieden.

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linger Chronik, ſey Reutlingen zu einem großen Dorfe ge⸗ wachſen; die Grafen von Achalm hatten in dieſem Dorf ihre Wohnungen gehabt, die im J. 1625 noch vorhanden waren, und bei der Pfarrkirche ſtanden. Auch zu des (noch aͤlteren) Cruſtus Zeit wurden neben der Sankt-Marienkirche 2 Haͤuſer gezeigt, welche vor Anfang der Stadt gebaut und von Edel- leuten „an der Echaz“ bewohnt worden ſeyn ſollen. Von Kaiſer Otto IV. erhielt Reutlingen zugleich mit Eßlingen, angeblich im Jahr 1200, Stadtgerechtigkeit, und Kaiſer Frie⸗ drich II. ließ beide mit einer Stadtmauer umgeben. Im Jahr 1247 mußte Landgraf Heinrich VII., als er Reutlingen bela— gerte, ſich ſchon eines Sturmblockes bedienen, in der Lange von 126% Werkſchuhen, den er nach aufgehobener Belagerung zuruͤckließ, wofür die Reutlinger, wie fie in der Noth das Geluͤbde gethan, der Jungfrau Maria innerhalb 70 Jahren eine Kirche von gleicher Laͤnge erbauten, das Chor und das Fußgeſtell des Thurmes nicht mitgerechnet; der Thurm aber ward 325 Schuh hoch. Dieß iſt noch die ſchoͤne Hauptkirche im ſogenannten gothiſchen Styl, die mit ihrem ſchlanken, durchbrochenen Thurme eine Zierde der Stadt und der Ge— gend iſt. Ihre Vollendung fallt ins J. 1545. Eine kleinere Capelle, die Nicolaikirche, war ſchon im J. 1300 vom een Albert von der Achalm erbaut worden.

Der Antheil Reutlingens in den Kriegen der Staͤdte mit den Grafen von Wuͤrtemberg iſt bekannt, namentlich die Schlacht bei Reutlingen, die Ludwig Uhlands Lied ver⸗ herrlicht hat, und die Ulrich, der Sohn Eberhard des Grei— ners, durch einen Ueberfall von 600 Reutlinger Einwohnern, während die Ritter mit dem ſtaͤdtiſchen Heer im Treffen wa⸗ ren, im J. 1577 verlor; 86 adlige Ritter blieben auf dem Felde. Graf Ulrich mußte ſich unter einer Bruͤcke verſteckt halten, und konnte, verwundet, mit Muͤhe auf die Achalm, von der er herunter gekommen, zuruͤckgebracht werden. Die Schlacht fiel bei der ſeit 1551 abgebrochnen Capelle zu St. Leonhard vor, in der obern Vorſtadt, gegen Suͤdoſt, eine halbe

Viertelſtunde vor der Stadt. Zu Doͤffingen tilgte Ulrich dieſe Schmach mit feinem Blute, aber der Sieg kroͤnte ſei— nen Tod.

Reutlingen war eine der erſten Staͤdte, in welchen ſich der Geiſt der Reformation regte. Schon im J. 1513 rechtete

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der Magiſtrat mit ſeinem ſittenloſen Stadtpfarrer und Dekan Peter Schenk. Die Händel dauerten fort, und über den Ans fang der Reformation hinuͤber, ſo daß der Magiſtrat im Jahr 1519 (in demſelben Jahr, in das Herzog Ulrichs voruͤberge— hende Eroberung der Stadt fällt) einen Buͤrgersſohn, M. Matth. Aulber, als Pfarrer berief. Dieſer, auf der Unis verſitaͤt Tübingen mit Luthers Schriften bekannt geworden, predigte öffentlich und in haͤuslichen Lehrſtunden die neuen Meinungen. Barfuͤßer Moͤnche legten die Kutte ab, einen papiſtiſchen Prieſter zerrte das Volk von der Canzel« Bann und Reichsacht ward auf Aulber geſchleudert. Aber dle Stadt achtete es nicht, und Aulber trat noch im Jahr 1524 in den Eheſtand; hielt die Meſſe in deutſcher Sprache und das Abend: mahl ohne Beicht. Nach Eßlingen vor das Reichsregiment citiert, erhielt er 50 bewaffnete Reytlinger zum Geleite; ver: theidigte wacker 68 ihm vorgelegte Punkte, und laͤugnete nur Eine Beſchuldigung: daß er die h. Mutter Gottes verlaͤſtert, und fie eine Lohnwaͤſcherin genannt. Man ließ ihn ziehen, und nun war fein Anſehen in Reutlingen uneingeſchraͤnkt, und ſein Name auch im Ausland beruͤhmt. Zwingli ſchrieb un⸗ aufgefordert an ihn; die Reutlinger ſchickten Abgeordnete nach Wittenberg, und dieſe brachten (1526) von Luther ein Schrei⸗ ben an Aulber, und eines „an alle liebe Chriſten zu Reut⸗ lingen“ mit. Auch mit Brenz in Halle traten ſie in Abrede. Und auf dem Reichstag zu Augsburg trat der abgeordnete Buͤrgermeiſter von Reutlingen Churſachſen und Nuͤrnberg bei, und unterzeichnete die Confeſſtion. Im zojaͤhrigen Kriege hat Reutlingen viel ausgeſtanden; im J. 16351 ward es von dem kaiſerlichen General Graf Egon von Fuͤrſtenberg durch Capitulation, im J. 1645 von weima⸗ riſchen Truppen mit Gewalt eingenommen. Alles Ungluͤck aber, das die Stadt in dieſem und den nachfolgenden Franzoſenkriegen ausgeſtanden, übertraf zu Anz fang des 18ten Jahrhunderts die große Feuersbrunſt, die am Montag den zöften Sept. 1726, Abends zwiſchen 8 und 9 Uhr, durch Unachtſamkeit mit dem Licht beim Futter angegangen, faſt alle öffentliche und Privatgebaͤude, wenig ſchlechte Haͤuſer ausgenommen, verzehrte. Die meiſten Haͤuſer wurden, we— gen der Enge der Straßen, zuerſt an den Gibeln vom Feuer ergriffen, goſſen ihren feuerſpeienden Regen auf die Arbeiter G. Schwab, ſchwaͤb. Alb. 6

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herab, und machten das Loͤſchen unmöglich. Der Brand waͤhrte mehrere Tage, und ward in der zweiten Nacht durch einen ſtuͤrmenden Wirbelwind unterſtuͤtzt. Die uralte Hauptkirche brannte von innen mit Uhren, Orgel und Dachſtuͤhlen aus; die Glocken zerſchmolzen, Saͤulen, Schwibboͤgen und Haupt: gründe wurden geſprengt und zerſchmettert; der hohe gothiſche Haupt⸗ und Glockenthurm ſtand in und nach dem Brande lange Zeit ſchneeweiß gluͤhend da. Die Kirche ſchien damals unwiederherſtellbar, iſt aber ade wieder in guten Stand geſetzt worden.

Das Elend der Einwohner war graͤnzenlos. Viele hun⸗ dert Abgebrannte kampierten Tage lang in Gaͤrten und auf dem Felde elendiglich in Sturm und Regen.“ In einer arm⸗ ſeligen Capelle, die allein unverſehrt geblieben, wurde der Gottesdienſt gehalten, und weil kein einzig Gloͤcklein in der ganzen Stadt uͤbrig geblieben, ſo wurde mit der Trommel das Zeichen gegeben; denn der Herzog von Wuͤrtemberg hatte der ungluͤcklichen Stadt drei Compagnien ſeines Leibregiments zu Bewachung der Thore und des Eigenthums geſandt. Der reichliche Herbſtſeegen verdarb an den Weinſtoͤcken; es fehlte an Faͤſſern, ihn unterzubringen; denn alle waren in den Kel⸗ lern verbrannt oder verkohlt, der alte Wein ausgelaufen und von der Hitze vertrocknet. 5

Die bedraͤngte Stadt wandte ſich an den Reichskonvent, und wurde mit ſchwaͤbiſch Hall, das zu gleicher Zeit das glei= = Unglüd betroffen, auf 20 Jahre für Reichsſteuerfrey er⸗ klaͤrt.

Nach dieſem Brande wurde bie Stadt in etwas kleinerem Umfang, jedoch nicht ſchoͤner und nach keinem regelmaͤßigen Plane wieder aufgebaut; an die Stelle der 12 alten Thore traten nur 4 Haupt⸗ und 2 Nebenthore, jene mit ſteinernen Bruͤcken uͤber die breiten Stadtgraͤben, welche jetzt mit Gaͤr— ten ausgefuͤllt ſind, und an deren Seite eine ſchoͤne Fahrſtraße zwiſchen den Vorſtaͤdten und der inner Stadt rings um dieſe letztere führt. Vierzehn Thuͤrme (jetzt wohl zum Theil ab— gebrochen) zieren die hohen und feſten Stadtmauern und die Gräben. Zwei Vollwerke find, eins gegen Süden, mit unter— irdiſchen Gaͤngen, und eins gegen Norden angebracht. Die Stadt zaͤhlt jetzt 9294 Einwohner, und etwa 1250 Gebaͤude, worunter wenig maffive; die Straßen find ziemlich breit. Die

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Echaz, die an der Stadt vorbelfließt, und durch alle Stra⸗ ßen geleitet werden kann, gewaͤhrt den Muͤllern, Gerbern und andern Profeſſioniſten der gewerbsreichen Stadt große Vor- theile. Sie führt Forellen. Außer der ofterwaͤhnten Haupt⸗ kirche und dem ſchoͤnen aber abgelegenen Rathhaus bietet die Stadt keine anſehnlichen Gebaͤude dar. 5 5

Reutlingen hat ergiebigen Weinbau, bedeutende Gerbes reien, Leimſtedereien, Webereien, Bortenwuͤrkerei, Spitzen⸗ fabrikation, Pulvermuͤhle, ſtarke Buchdruckerei, gegen" Vuͤͤrtig beſonders für die wuͤrtembergiſche Societat zur Herausgabe der Claſſtker in den Holland. Ausgaben in ruͤhmlicher Thaͤtig⸗ keit; Handel mit Manufakturwaaren. Eine Schwefelquelle, der Heilbrunn genannt, ſeit 1715 oͤfters unterſucht, nahe bei der Stadt, vor dem mittlern Thore noͤrdlich auf der Ni: thwieſe gelegen, fängt an geſchaͤtzt und beſucht zu wer— den. Sie iſt jedoch mit keiner Badeinrichtung verbunden. Bemerkenswerth um ihrer Seltenheit willen iſt auch noch eine Stiftung für» arme keuſche Jungfrauen, denen jähre lich 20 Pf. Heller zur Ausſteuer gegeben werden ſollen. Dieſe werden am Freitag vor dem Palmtag im Spital von deſſen Pfleger und dem Stadtpfarrer ausgewaͤhlt, in Proceſſton sur Kirche geführt und geſpeist. So wurde es wenigſtens im J. 1805 noch gehalten. Anlagen und oͤffentliche Spaziergaͤnge hat und braucht die Stadt keine, da die ganze Gegend der ſchoͤnſte Garten iſt.

Neben der Achalm und dem St. Joͤrgenberg ſind noch an⸗ genehme Hoͤhen um die Stadt: der Scheibengipfel, mit dem Goldloch, einem verlaſſenen Bergwerke; der Gats buͤhl an einem waldigen Huͤgel, mit Wieſen, Weinbergen und Baumguͤtern umgeben, ehemals dem Rempiſchen Geſchlechte gehörig, mit Wirthſchaft. Endlich die pyramidenfoͤrmige Al- tenburg, ein kleiner, dem Joͤrgenberg ähnlicher Albvorſprung⸗ Im ı6ten Jahrhundert war ſte von Edelleuten bewohnt, die am Sonntag in rothen Maͤnteln ehrbarlich in die Kirche von Gomaringen kamen, am Werktag Vormittags das Feld bau- ten, des Abends aber auszogen, die Voruͤbergehenden zu be— rauben. Von ihrer Wohnung find noch Spuren zu ſehen. b. der Weſtſeite i jetzt die Wohnung des Pachters.

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84 Di.ie alte Verfaſſung der Stadt Reutlingen,

waͤhrend der Dauer ihrer Reichsfreiheit, war demokrati⸗ ſcher Natur, und vielleicht laſſen ſich manche noch nicht ver- wiſchte Eigenthuͤmlichkeiten des Charakters der Reutlinger hieraus erklären. Die geſammte Buͤrgerſchaft wählte alle Jahre ihre Obrigkeit neu, ein Recht, das ſie von Carl IV. im J. 1374 erhalten. Der Magiſtrat beſtand aus 16 Sena— toren, von denen die 3 Erſtgewaͤhlten Buͤrgermeiſter, der lte Vice⸗Buͤrgermeiſter war, aus 12 Zunftmeiſtern, von wel⸗ chen die belden erſten Schuldheißen hießen, und aus dem Syndikus, dem einzigen Rechtsgelehrten. Dieſer, mit den Schuldheißen und Buͤrgermeiſtern, bildete das geheime Collegium; der Buͤrgermeiſter, die 2 naͤchſten Senatoren, die 2 erſten Geiſtlichen und der Syndikus machten das Con- ſtſtorium aus. Noch beſtand eine Bau-Deputation und ein Feldgericht unter dem Vorſitz des zweiten Buͤr⸗ germeiſters. Jede der zwoͤlf Zuͤnfte bildete ein Zunftge⸗ richt aus 15 Perſonen, beſonders für Handwerksſachen; alle Zunftgerichte zuſammen (156 Perſonen) machten den großen Rath aus, der aber nur bei wichtigern Staats-Angelegen⸗ heiten und bei der jahrlichen Wahl zuſammengerufen wurde.

Schuldſachen gehoͤrten vor das Schuldheißenamt. Durch den Pariſer Frieden und den Reichsdeputationsſchluß von 1805 kam Reutlingen unter wuͤrtembergiſche Herrſchaft, nebſt ſeinem Gebiete mit den Doͤrfern Bezingen, Wannweil, Ohmenhauſen, Brunnweiler und Stockach, zuſam⸗ men 9659 Seelen. ede

Jetzt iſt Reutlingen Sitz einer Kreisregierung und einer Kreisſinanzkammer. b

Route des vierten Tages.“

Auf den Roßberg. 2 St.

Nach der Nebelhoͤhle . 2

Auf Lichtenſten /

4 Nach Oberhaufſen . ½ | Nach Unterhauſen ½

Nach Pfullingen 1

Auf die Achalm 1%

Rach Reutlingen. ,

8% St.

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Hlezu der Joͤrgenberg hin und her 1 St. Der Maͤgdleinsfels hin und her 2

11% St.

Fünfter Tag. ueber Rauh⸗Sankt⸗Johann nach Urach.

Obgleich Urach von Reutlingen nur ! kleine Stunden ent⸗ fernt iſt, fo nimmt es doch mit feinen Umgebungen, mit der Feſtung und den Seitenthaͤlern, die nicht voruͤbergegangen werden dürfen, einen vollen Tag weg. Die Chauſſee führt von Reutlingen über Metzingen (1% St.), von da durch das Uracher Thal, über Neuhauſen (% St.), Dettingen (% St.) nach Urach (1½ St.) in der Ebene; aber unſre Wan⸗ drer folgen ihr nicht, und auch wenn ſie zu Wagen ſind, ſchicken fie dieſen über Metzingen nach Neuhauſen oder Det⸗ tingen, wenden ſich ſelbſt zu Fuße vorerſt nach Suͤden, und betreten die Vicinalſtraße, die wohl gebahnt über den ſuͤdweſt⸗ lichen Fuß der Achalm, der eine ziemliche Hoͤhe bildet, nach dem großen Marktflecken Ehningen fuͤhrt, dem größten Dorfe des Landes (4584 Einw.). Dieſes liegt zwiſchen der Achalm und der Gebirgskette im Thal, je— doch hoͤher als Reutlingen, und iſt meiſt von herumziehenden Kraͤmern bewohnt.

Es iſt das vollkommene Gegenſtuͤck von Goͤnn ingen, ja der Handel iſt hier noch allgemeiner, und % der Bürger find Kaufleute, die ſich vom Landhandel mit allen Kaufmannsarti- keln, hauptſaͤchlich aber mit Ellen⸗, Galanterie= und kurzen Waaren naͤhren. Mann, Weib, Tochter und Sohn ziehen damit hinaus. Spitzenkrämer heißen ſie von einem eig⸗ nen Fabrikate, das aber den geringſten Theil ihres Handels ausmacht. Sie theilen ſich in 3 Hauptclaſſen: die erſte be⸗ zieht ihre Waaren vom Ausland, und verſchließt ſie wieder

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dahin auf Meſſen und an Krämer, auch an Mitbürger en gros.

Die zweite Claſſe beſchraͤnkt ſich auf inlaͤndiſche Märkte und auf den Detailhandel; eine dritte iſt blos dem Hauſteren mit unbedeutendern Artikeln ergeben; namentlich handelt fie mit Volks buͤchern, und bedarf eben darum und wegen ihrer phyſiſchen und moraliſchen Verdorbenheit einer ganz beſondern Aufſicht. Bei 200 Familien naͤhren ſich von dieſem unrühm— lichen mit Bettel und Betrug verbundenen Hauſierhandel, Urſpruͤnglich waren alle Ehninger Krämer nichts als Hauſterer und Laſttraͤger der Reutlinger Kaufleute: erſt ſeit 50 Jahren kaufen ſie ihren Bedarf in Frankfurt und auf andern Meſſen ein, und handeln damit in einem großen Theile von Deutſch— land, in der Schweiz, im Elſaß, in Lothringen u. ſ. w. Auf manchen Meſſen, wie in Salzburg und Tyrol haben ſie einen Abſatz von Me 1000 fl., ſind auch im Stande, bedeutende Summen zu kreditkeren. Dieſe bedeutendern Handelsleute beſchaͤftigen ihre aͤrmern Mitbürger, ſo wie die Vortenwuͤrker in Pfullingen, die Zeugmacher in Metzingen und Ebingen, und manche an e Fabrikanten. Auch dem Leinwandhandel in Urach find fie foͤrderlich. Ihre Farthen find kürzer, als die der Goͤn⸗ ninger. Gewerbe und Handel im Orte ſelbſt ſind unbedeutend. Die Spitzenproduktion beſchaͤftigt nur arme und alte. Weiber. Das Grundeigenthum wird von den Wanderern vernachlaͤſſigt; Felder und Kinder vermiethet. Daher allgemeine Verwilde⸗ rung, Die Kinder, ſobald fie die Schule verlaſſen, zum Hans del angehalten, machen ſich gar bald „einen Hinterbeutel,“ d. f. ſie betruͤgen die Eltern.

Kein Wunder, daß Unzucht, Rechthaberei, Proceßkraͤme⸗ rei, Unbotmaͤßigkeit, Frechheit, Widerſetzlichkeit bei Verzagt— heit, im Durchſchnitt der herrſchende Charakter eines Voͤlk— chens geworden, deſſen Grundzuͤge, nach der Verſicherung ge— nauer Beobachter, Gutmuͤthigkeit und Lenkſamkeit ſind.

Von Leibe iſt der Ehninger derb und gewandt; ſeine Sprache iſt durch die mannichfachen Wanderungen ſonderbar gemiſcht. Auch feine Gebraͤuche haben ihre Eigenthuͤmlichkeit. Bei Leichenbegaͤngniſſen halten die naͤchſten leidtragen⸗ den Perſonen eine ſtete Unterredung mit dem Verſtorbenen, wahrend fie hinter dem Sarge hergeben.

Bei Hochzeiten begiebt ſich die Braut nach der Mahle zeit in großer Begleitung vom Gaſthofe nach Haufe, um ſich

N

Fr

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fär den Ball umzuklelden. Während dleß geſchieht, beinftigt ſich die Begleitung im Hauſe mit Tanz und Wein. Von da geht der Zug mit der umgewandelten Braut in das Haus der naächſten Baaſe. Auch dleſe kleidet ich jetzt um, und inzwl⸗ ſchen wird aufs Neue getrunken und getanzt. So wird fort⸗ gemacht, bis alle Hauptperſonen zuſammengetrunken und ge- tanzt find. Jedoch find dieſe Gebrauche in ep ei age ziem⸗ lich in Abgang gekommen.

Nach Rauh⸗Saukt⸗ Johann ai auf den gruͤnen Felſen.

Hinter Ehningen empfaͤngt den Wanderer das Gebirge wieder. Der Weg nach Rauh Sankt «Johann (1½ St.) kann zur Noth, wenn die nachſtehende Bezeichnung genau beachtet wird, ohne Fuhrer gemacht werden. Erſt eine hohe Albſtraße 3 die im Dorfe erfragt werden kann, zur Selte hat man die ſchoͤnen Höhen des Kuttenbergs (mit herrlicher Aus= ſicht) und des niedrigen Rangenbergs, der aber eine Ausſicht gewährt, die der Achalmer wenig nachgiebt, und auf deſſen Grath ſich, große Seltenheit auf einem Floͤzgebirge, viel Gra⸗ nit findet. Links die Achalm; hinter ſich die Alteuburg, den Jorgenberg, Pfullingen, und vorwärts Ehningen, alles zu einer allerliebſten Landſchaft grouppiert. Der Weg nach Skt. Johann ſelbſt geht nordoͤſtlich den Gaisberg hinauf; (ein un⸗ mittelbarer Fußweg zum gruͤnen Felſen fuͤhrt den Kuttenberg hinauf; erfordert aber nothwendig einen Fuͤhrer). Bald von ſchoͤnem Wald aufgenommen wendet man ſich oͤſtlich, und ge⸗ langt auf der Hoͤhe zu einer ganz jungen Lindenallee, die man verfolgt, bis zu einem links einzuſchlagenden Pfade, der in den Buchenwald und unerwartet zum Jaͤgerhaus und Jagdſchloͤßchen Sankt-Johann führt, Urſpruͤnglich war hier nichts wie ein Waldbruderhaus. Herzog Eberhard Lud— wig ſchuf es zu einem Jagdſchloß um. Der hier wohnende Revierfoͤrſter erguickt mit dem Noͤthigen; und verſchafftz zu der, keine halbe Stunde entfernten, vom Jaͤgerhaus weſtlich gelegenen, koͤſtlichen Bergſpitze, die wahrſcheinlich von der nicht mehr kenntlichen Farbe des Gebaͤudes, das den jaͤhen Felſen umgiebt,

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5 Abe Der grüne Fels MER CHöHe 2809 W. F. heißt. . b 11 er g l ——

Aus dicht verwachſenem Wald, deſſen 2 1 Fort⸗ gehen auf der ebnen Albhoͤhe man erwartet, tritt man ganz unvermuthet auf die Gebirgskante, und jenen vorſpringenden Felſen heraus, der die wohlbekannte lachende Ausſicht auf die Flaͤche, und zwar gegen Norden bis zum Katzenbuckel des Odenwalds, und zum Koͤnkgsſtuhl bei Heidelberg dar⸗ bietet, nur gegen Oſten durch die Gebirge des Uracher Thals ſtaͤrker abgeſchnitten, dagegen ſich ſuͤdweſtlich die Achalm und hinter ihr die Grouppen der Obern Alb ganz neu darſtellen. Der Standpunkt ſelbſt iſt durch die ſchwindelnde Hoͤhe und den Keſſel, den das Gebirge bildet, das ſich hier in einem Halb⸗ cirkel herumſchlingt, einzig; das Doͤrfchen Glems, das in ſeinem Obſtwald ſich verlierend, ſenkrecht unter den Fuͤßen des Wandrers in der waldigen Tiefe liegt, iſt wohl mit den Schweizer Dörfern, an welchen ſich das Auge des von Rigi herabſteigenden Wandrers erquickt, zu vergleichen. Eine aͤhn⸗ liche Ausſicht gewaͤhrt auch der benachbarte Wolfsfels. (An⸗ dre geben dem gruͤnen Felſen ſelbſt dieſen Namen). Links von dem gruͤnen Felſen ſtrecken noch zwei andere aus dem Waldabhang ihre ſchroffen Zeigefinger empor; auch fie find bald beſtiegen und, ſo nahe ſie ſind, ſo wechſeln doch wiese die naͤchſten Umgebungen auf ihnen.

Von dieſem Standpunkte, der einer duftigen Würze Beleuchtung ſehr guͤnſtig iſt, bieten ſich dem Wandrer zwei Wege dar, die beide beſchrieben werden muͤſſen.

Deer eine fuͤhrt nach Sankt-Johann zuruͤck und auf dem Gebirge fort. Da gelangt man bald an den herrſchaftlichen Fohlenhof durch eine Lindenallee. Hier ſteht man an dem Abhang eines tiefen Seitenthales der Alb; rechts ab fuͤhrt der intereſſante Fahrweg erſt auf der Kante des Gebirges fort, dann ſo ins Thal hinab durch Waͤlder, daß der untre Fohlenhof links bleibt. Der Fußgaͤnger aber folgt hier oben links einem ſteinigten Wege etwa 8 Minuten lang abwaͤrts. Da oͤffnet ſich ſchon ein Durchblick in das herrlichſte Waldthal, und im Hintergrund hebt ſich der Uracher Schloßberg mit ſei— nen Ruinen und Felſen hoch aus der waldigen Tiefe. Zwei ſteile Wege fuͤhren in dieſes enge Thal hinab, durch dichtes

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Waldgeſtruͤpp, beide hoͤchſt beſchwerlich. Der, welcher welter rechts hinabgeht, vielleicht der abſchuͤſſigere, iſt doch als der weit merkwuͤrdtgere vorzuziehen, weil er an den

| terfein hinabfuͤhrt.

Urſpruͤnglich ſtand hier eine beſuchte Marlenkirche, die das Kloſter Zwiefalten im J. 1279 vom Grafen Ulrich von Wuͤrtemberg zu erhalten gewußt und in eine Probſtey verwan⸗ delt hatte. Diefe forderten, in der erſten Hälfte des ı5ten Jahrhunderts, die Grafen Ludwig und Ulrich, die Söhne Hene riettens, zuruͤck, denn ſie mochten gerne ein Kloſter in der Nahe ihrer Reſidenz Urach haben, wo fie ihrer Andacht pfle⸗ gen konnten.

So gründeten fie im J. 1439 hier ein Cart haͤuſet⸗ Kloſter von guter Zucht. Auch war die rauhe Gegend fuͤr die ſtrenge Ordensregel dieſer Johannisjuͤnger ganz geeignet. Die Carthauſe ſtand auf einer faſt unzugaͤnglichen Stelle, mit⸗ ten auf dem ſteilſten Abſturze des Berges. Daneben eine Kapelle Johannis des Taͤufers. Die Grafen begabten das Kloſter reichlich; ja fie hatten eine ſolche Vorliebe für dieſen Ort gefaßt, daß ſie ihr Erbbegraͤbniß nicht mehr zu Stuttgart, ſondern in dieſem ſtillen Thale haben wollten. So ward Graf

Ludwig hier begraben, der im J. 1450 zu Urach an der

Seuche ſtarb; ferner ſeine Gemahlin Mechtild, und ſein Sohn Ludwig (+ 1457), ja noch ſpaͤter, im J. 1550, Her⸗ zog Chriſtophs 17jaͤhrige Schweſter Anna (auch fie hatte die Peſt zu Urach weggerafft). Alle dieſe Leichname wurden aber ſpaͤter in die Gruft nach Tübingen gebracht (f. unten), Vielleicht hatte dieſes Kloſter auch Antheil an der großen Sinnesaͤnderung des Grafen Eberhard im Bart. Der Prior zu Guͤterſtein, gewoͤhnlich der alte Vater genannt, beſaß des jungen Grafen beſonderes Zutrauen. Als er nun, aufgeregt durch die Begebenheiten der Zeit, die einen allge⸗ meinen Kreuzzug gegen die Feinde der Chriſtenheit vermuthen lieſſen, eine Wallfahrt in das gelobte Land beſchloß, ein Ent— ſchluß, mit dem ein neues, geiſtiges Leben in ihm aufgegan— gen zu ſeyn ſcheint, ging er hin nach Guͤterſtein, und uͤbergab dort ſein Teſtament. „Es war gewiß ein feierlicher Tag, da Eberhard in jener Carthauſe, in dem ſchauerlichen Felsthal, über dem Grabe feines Vaters und feiner Brüder, umgeben 7

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von Jugendgenoſſen ), von ergrauten Dlenern, von vielen gottſeeligen Maͤnnern, knieend vor dem Hochaltar, das Ge— luͤbde der Pilgerſchaft ausſprach, und des alten Vaters Sees gen empfieng. Dieſer Tag, es war der ıote Mai 1468“ ,. Leicht mag einer unſrer vaterlaͤndiſchen Fruͤhlings-Wandrer ſeine Wiederkehr auf dieſer geweihten Stelle feiern. Auch bet feiner Heimkunft aus dem gelobten Lande, ehe der Graf ſeine Mutter, ſeine Raͤthe, ſeine Freunde ſah, ging er nach Guͤterſtein, zu dem alten Prior.

Einer der intereſſanteſten Bewohner des Kloſters war der Ritter Rudolph von Ehingen, von dem der Wandrer in dieſer Waldeseinſamkeit, die er ehedem bewohnt, vielleicht nicht ungern einiges Weitere liest:

Rudolph von Ehingen,

Burkhards Sohn, geb. im J. 1378, brachte feine Jugend in Oeſt⸗ reich und Ungarn zu, in treuen Dienſten Koͤnig Siegmunds und anderer Großen. Von da kehrte er im J. 1416 ins Land zuruͤck, und wohnte bei ſeinem kinderloſen Oheim in Hohenentringen. Dieſen beerbte er, heirathete eine Fraͤulein Agnes Truchſeß v. Haimertingen, und wohnte mit 4 andern Rittern in Lieb’ und Eintracht auf jenem Schloſſe; die fuͤnf zuſammen zeugten da 100 Kinder. Im Jahr 1420 ward er Rath und Vertrauter der Graͤfin Henriette, Regentin von Wuͤrtemberg. Aus Wien hatte er große Koſtbarkeiten theils gebracht, theils von ſeinem Bruder Wolf geerbt, weil aber in Schwaben damals die Sitte nicht war, ſo koſtbare Kleider zu tragen, ſo richtete auch er ſich nach dem Brauch des Vaterlandes, ſo lang er auch im Auslande gedient, und verkaufte jene Herrlichkeiten nach Frankfurt. Nach Henriettens Tod, als Graf Ludwig und ul⸗ rich das Land getheilt, ward er Ludwigs Rath, und von Ul— rich mit Entringen belehnt. Waͤhrend des Vormundſtreites hatte er den jungen Eberhard (im Vart) unter ſeiner Ob— hut, ſpaͤter ward er Statthalter und Rath deſſelben. Er war ſchoͤn, wacker und klug, arbeitſam und fleißig; mit Praͤlaten,

*

) Ihn geleiteten 24 Edle, darunter Georg Bombaſt von Ho⸗ henheim, ein Johanniter-Ritter, Großvater des beruͤhmten Theophraſtus Paracelſus.

”*) Dieſe vortreffliche Stelle, wie das meiſte über Güterſtein, iſt aus unſers Pfiſters Eberhard entlehnt.

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Grafen und Edelleuten lebte er friedlich. Seine Gemahlin ſtarb an einer Geburt, und nun lebte er in Jojahrigem Witt⸗ werſtande.

Als er das ein und achzigſte Lebensjahr erreicht, ver⸗ theilte er im J. 1459 unter die 4 Söhne, die ihm geblieben waren, ſeine Guͤter, machte ſein Teſtament, beſtellte ſeine Leiche, erkaufte von Tuͤbingen einen jaͤhrlichen Gedaͤchtniß⸗ und Ehrentag, an welchem wuͤrdigen Armen 100 Mannsroͤcke und eben fo viel Weiberroͤcke ausgetheilt werden ſollten. Dar- auf ritt der Greis mit 3 feiner Söhne nach dem Grabe der h. Hailwig bei Rottweil. Sie fey aus der Ehinger Geſchlecht, ſprach er, darum wolle er Abſchied von ihr nehmen. Dann gieng er nach Ehingen, wo er getauft worden, und wohnte dort dem Gottesdienſt bei. Auf dem Ruͤckwege ritt er an fei- nem Schloſſe zu Killberg vorüber, ohne einzukehren, und bes gab ſich in das Carthaͤuſer Kloſter zu Guͤterſtein, bei der Ka— pelle Skt. Johannis des Taͤufers, wo er fi ſchon vorher ein Kaͤmmerlein fuͤr ſich und ſeinen Diener beſtellt; nachdem er ſeine Soͤhne mit frommen Ermahnungen entlaſſen. Von nun an er kein Fleiſch mehr, und lebte Tag und Nacht der Or- densregel gehorſam; nur die Kutte konnte ſein ritterlicher Leib nicht an ſich leiden. Sein liebſter Sohn, der Ritter Georg, der früher auf den Nat) des Vaters das Hofleben verlaſſen, mit den Johannitern gegen die Tuͤrken geſtritten hatte, nach Jeruſalem und Damaſcus gewallfahrtet war, in Frankreich, Spanien, Portugall und Fetz feine Tapferkeit gezeigt, nach— mals Regimentsrath Graf Eberhards im Bart, dieſer Georg beſuchte ihn hier oft, und wohnte auch ſeinem letzten Stuͤnd—

lein bei. „Ich goͤnne euch der Ehren wohl, ſprach der Alte, daß ihr bei eures Vaters Ende ſeyn duͤrft. Nun iſt die Zeit meines Sterbens hie. Ich habe aber Gott den Herrn aller wegen gebeten, wenn es mir nutz waͤre zur Seeligkeit, daß er mir ſo viel Jahr und Tage verleihen wolle, als Skt. Johan— nes, der Apoſtel und Evangeliſt gelebt. Solches hat er faſt an mir erfuͤllet. Ich bin auch bereit, mit ganzen Freuden zu ſterben.“ Darauf erloſch er wie ein Licht um Skt. Galli Tag 1467 im often Jahr feines Alters, nach achtjaͤhrigem Aufent- halte zu Guͤterſtein. Den großen Fußſchemel ſeines Bettes hatte er ſich zum Sarge beſtimmt, und ward, in dieſen ein- geſchloſſen, nach Entringen ins Grab, das er vorher ſich aus⸗ en geführt.

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Ein Umſtand ganz eigner Art zog dem Kloſter ſeinen Un⸗ tergang zu. Nach einer ziemlich ſichern Tradition ſuchte der Herzog ulrich, da er, vom ſchwaͤbiſchen Bunde vertrieben, unſtaͤt und fluͤchtig umherirrte, Schutz und Aufenthalt, wie auf Lichtenſtein, fo auch in dieſer Carthauſe, wurde aber von den Clausnern abgewieſen. Dadurch aufgebracht, zerſtoͤrte er das Kloſter nach ſeiner Wiedereinſetzung. Gewiß iſt, daß er ſchon im J. 1554, da er mit dem Landgrafen Philipp von Heſſen waͤhrend der Belagerung von Hohenurach hier ſein Hauptquartier hatte, die hartherzigen Bruͤder ſeine Ungnade in hohem Grade fuͤhlen ließ. Im J. 1554 aber war der Platz Thon fo im Verfall, daß der Herzog Chriſtoph für nöthig fand, die fuͤrſtlichen Leichname nach Tuͤbingen bringen und dort bei⸗ ſetzen zu laſſen. Und unter den aufgehobenen Kloͤſtern war es eines der erſten. 0 *

Jetzt ſind nur noch wenige Spuren dieſes Kloſters zu ſe⸗ hen. Ja ſchon im ı6ten Jahrhundert war nichts mehr da, als Mauern, Weinkeller und ein Theil der Kirche. An ſeine Stelle iſt ein ſehenswerthes Brunnenhaus getreten, in dem eine an 5 Stellen dem Felſen entſpringende Felſenquelle nach kurzem Falle gefaßt und durch 3 Stiefel einer Waſſerkunſt in ſchenkelsdicken bleiernen Teicheln 300 Schritte den Berg hin⸗ auf zum Fohlenhof und Skt. Johann geleitet wird. Das Haus, laut der eingemauerten Inſchrift, von Eberhard Ludwig ger gruͤndet, iſt ſeit wenig Jahren neu erbaut. Das übrige Waf: ſer ſtuͤrzt in ſchoͤnen Fällen den Berg hinab, und iſt laͤngſt durch ſeine Eigenſchaft des Inkruſtierens bekannt. e

Ganz im Thale kommt man darauf zu dem neuerbauten Foh⸗ lenhofe Guͤterſtein mit der Wohnung des Fohlenmeiſters, und wandelt jetzt im tiefen, kuͤhlen, rund umſchloſſenen Ber geskeſſel, umrauſcht von Waldbaͤchen, auf geradem Wieſen— pfade der Veſte Hohenurach zu. |

Hier ſtehen wir ſtille, und wenden uns zu dem andern Wege, der ſich vom gruͤnen Felſen aus anbietet.

Das Uracher Thal.

Wer naͤmlich das Uracher Thal noch nicht geſehen, thut, zumahl wenn es Bluͤthezeit iſt, wohl, den eben beſchrie— benen Weg, ſo romantiſch die Parthie iſt, dennoch aufzuopfern, und eine ganz andre Richtung zu nehmen.

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Kom grünen Felfen führt zur Flaͤche hinab nordöftlich, die Bergwand durchſchneidend, die eine Eckſaͤule des Uracher Tha— les bildet, ein fahrbarer Steinweg mitten durch den Wald, mit beſtaͤndigem, weitem Ausblick auf die Ebene. Dieſen verfolgt der Wandrer ſo lange, bis er ſich links dreht, und nach Neuhauſen hinabfuͤhrt. Hier verlaͤßt er ihn und den Wald, und an der Stelle, wo er, nun ſchon etwas rechts ge— wendet, die Oerter des Uracher Thales Metzingen, Neu— hauſen, Dettingen, ſamt dem untern, offnen Theile des Thals zu feinen Fuͤßen freundlich gelagert ſieht, kehrt er ſich auf einem kaum ſichtbaren Fußpfad gegen das letztgenannte Dorf, Dettingen, eine mit Genzianen und andern Blumen uͤberſaͤete Berghaide hinab, das er in wenigen Minuten er- reicht, und wo er ſich nun mitten im Uracher Thal befindet, in welchem wir uns einen Augenblick umſehen muͤſſen.

Hinter ihm liegt der offnere, freundliche, aber minder intereſſante Theil des Thales, zunaͤchſt Neuhauſen, noch weiter der Ebene zu Metzingen. el.

Metzingen iſt einer der bedeutendſten Marktflecken des Landes (3609 Einw.), und liegt anmuthig an der weidenum— ſchatteten Erms. Wer den Sattelbogen bereiſ't, laſſe es nicht unberuͤhrt liegen. Urſpruͤnglich war es Eigenthum der Grafen von Achalm. Eine Volksſage, die von alten Hiſtori— kern für Geſchichte genommen wurde, berichtet, daß fruͤher in dieſer Gegend eine Stadt Ettenhayn geſtanden, bei der im J. 761 Pipin dem Herzog von Schwaben, Lanfred, eine graͤßliche Schlacht geliefert und 12,000 Schwaben niedergemacht habe. Die Stadt ſey zerſtoͤrt worden, und an ihrer Stelle habe im J. 965 Graf Wilhelm von Achalm den Grund zu Metzingen gelegt. Gewiß iſt, daß im vorigen Jahrhundert zuletzt noch ums J. 1780, zwiſchen Metzingen und Riede⸗ rich (auf der Stuttgarter Straße) zu wiederholten Malen Bogen, Harniſche, Pfeile, Hellebarten und Schwerter, und in großen unterirdiſchen Gruben vermoderte Menſchenknochen aufgehaͤuft gefunden worden. Leider wurde nichts von dieſen Gegenftänden öffentlich aufbewahrt. Die kleine Erms rich⸗ tet, von Platzregen angeſchwellt, von Zeit zu Zeit furchtbare Ueberſchwemmungen hier an. Die furchtbarſten waren im J. 17% und 178g, die letztere riß nicht weniger als 16 Gebaͤude von Grund weg, und verurſachte einen Schaden von 55,000 fl. Bei der Wegſchaffung des Angeſchwemmten ſtieſſen die Arbei⸗

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ter zwiſchen Metzingen und Neuhauſen auf zehn behauene Steine, Statuen, Poſtamente, Inſchriften, unverkennbar roͤ⸗ miſchen urſprungs. Das Ganze ließ ſich fuͤglich zu einem

Opferaltar gruppieren, und ſchelnt die Vermuthung, die wir

an einem andern Ort ausführen wollen, zu beſtaͤtigen, daß feit dem Standquartier der Legionen Caracalla's die Vetera- nen den ganzen Neckar entlang Dotationen erhalten und bleibende Anſtedelungen begruͤndet. In der Kirche zu Me⸗ tzingen, die ſchoͤn und geraͤumig iſt, ſieht man einen Grafen von Achalm knieend und betend, mit einem Prieſter zur Seite, abgebildet, uͤber ſeinem Haupte das Achalmer Wappen. Metzingen hat ſchoͤne Wollenwebereien, und einen hoͤchſt er⸗ giebigen Weinbau. Seine 7 beiſammenſtehenden Keltern find dem Unterlaͤnder Weingaͤrtner bekannt, und merkwuͤrdiger, als Aegyptens 7 Wunderwerke. Im Jahre 1728 ertrug Ein Mor⸗ gen Weinbergs 32 Aimer, der Preis des Aimers war 3 fl. 24 kr. Die eine Hälfte Metzingens kam ſchon im ııfen Jahrhundert an Wuͤrtemberg, die andere wahrſcheinlich am Schluſſe des 1ꝛ5ten. (S. die Schrift: Achalm und Metzingen. Tuͤb. 1790). . ar

Hier ift das Thal noch eine halbe Stunde breit, mehr Feld als Obſt, und die Geftalt der Berge großartig und ſchoͤn, aber noch nicht wild und drohend. Von den beiden Bergwaͤnden, welche die Couliſſen des Thales bilden, iſt die nach Suͤdwe⸗ ſten ſchauende, die den Gebirgszug anfaͤugt, der ſich oͤſtlich gegen Neufen zu zieht, ein Zweig des allmaͤhlig in die Ebene ſich niederſenkenden

Sattelbogens. Dieſer Gebirgsaſt bedarf wohl einer weitern Bezeichnung, denn wen die Eile draͤngt, oder andre Gruͤnde beſtimmen, Urach

mit ſeinen Umgebungen liegen zu laſſen, der findet hier eine

unvergleichliche Bergſtraße nach Neufen über dieſen Sat: telbogen. Die Hauptſtraße uͤber dieſen Gebirgsaſt verbin⸗ det Dettingen mit Neufen. Der Gipfel des Gebirges, das Hoͤrnle von ſeiner Geſtalt genannt, erhebt ſich zwiſchen Urach und Neufen, ſuͤdoͤſtlich von unſrem Thal, aber von den nahen Bergen verdeckt; die naͤchſte Gebirgswelle, die dieſer Gipfel vorwaͤrts treibt, heißt der Starkenberg, eine zweite groͤßere, aber ſchon tiefere, der Tuſenberg; von hier laͤuft

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das Gebirge in zwei Aeſte aus: der eine gegen Norden bildet den Sattelbogen im engern Sinn, erhebt ſich dann in ei⸗ nen Weinberg, und laͤuft hinab in die Ebene. Der andre maͤchtigere gegen Weſten bildet mehrere Gipfel, den Sankt— Flortiansberg, von drei Seiten mit Reben bewachſen, durch Glimmer und Granit ausgezeichnet, ehemals mit einer Ca— pelle eines Heiligen geziert, den Clauſenberg und, wo der Aſt ſich weſtlich in die Ebne bei Metzingen verliert, den Me- zinger Weinberg mit einem weiſſen, weithin ſchimmernden Thuͤrmchen. Die ſuͤdweſtliche Seite dieſes Aſtes macht die ebengenannte Bergwand des Uracher Thales aus. Zwiſchen dieſen mannigfaltigen Gipfeln nun windet ſich, zuerſt durch den ſogenannten Weinberg, der ſich durch einigen Marmor, nach Gold ſchimmernden Sand, und einen See auszeichnet, der ſteile Bergweg von Metzingen über den Sattelbogen nach dem Staͤdtchen Neufen erſt durch Weinberge, dann uͤber Vieh— waide, zuletzt uͤber einen Gipfel mit Buchen und Eichen. So lange iſt man auf dem weſtlichen Gebirgsaſt fortgegangen; nun geht es uͤber den hohen Fuß des Tuſenberges auf den noͤrdlichen hinuͤber, und damit beginnt der Reitz der Gegend; denn hier auf dieſer Mittelregion des Gebirges iſt Thal- und Berg- Natur wunderbar vermaͤhlt; man ſteht ſchon fo hoch, man hat die weite Flaͤche ſchon ſo tief unter ſich, athmet eine ſo ſcharfe und reine Luft; und doch ſind dieſe Hoͤhen, die ſich an die finſtern Waͤlder lehnen, mit Obſtgaͤrten uͤberdeckt, und zwei lachende Doͤrfer blicken zwiſchen den Baumgelaͤnden, den Waͤldern und Weinbergen hervor, das eine oͤſtlich gegen Neu— fen, Kolberg, auf einem flacheren Bergruͤcken, das tiefere weiter links, noͤrdlich Gravenberg. Nach dem erſtern kehrt ſich der Wandrer, nachdem er einen belohnenden Ruͤckblick auf Sankt Florian und die Achalm gethan; ſeitwaͤrts hat er die Filder, in der Ferne den Schwarzwald und den Schoͤn— buch; vor ſich Neufen, die Feſtung. Von Kolberg ſteigt er uͤber den untern Sattelbogen (und dieſer Senkung der Gebirgslinie gehoͤrt urſpruͤnglich und im engſten Sinne dieſer Name), und wird von einem neuen Ausblick gegen Oſten auf die drei blauen Gipfel des Staufen, des Rechbergs und des Stuifen uͤberraſcht; weiter links hinab verliert ſich das Auge in den Gebirgsſcheiden des Rems- und Neckarthals. Nun geht es uͤber Fruchtfeld hinab nach dem Staͤdtchen Neufen, wo Berg und Thal, deſſen oberer Theil hier nur

96 geſehen wird, etwas aͤrmer und kahler werden. Der ganze

Weg betraͤgt von Metzingen aus zwei Stunden, Babe Mittelpunkt Kolberg iſt.

Fortſetzung des Uracher Thals.

Doch zuruͤck ins Uracher Thal, und zu der Vergwand, die gegen Nordoſten ſchaut. Hier hebt ſich das andre Eck des Thales, der Dettinger Roßberg, deſſen weſtliche Seite der Reiſende vom gruͤnen Felſen aus durchſchnitten hat, zu einer maͤchtigen Höhe, und ſetzt ſich von Weſten gegen Oſten bis an die Uracher Markung fort. Auf ſeinen Gipfel fuͤhrt, an der Seite einer nackten Bergwand, die ein Erdfall den ganzen Berg hinab gebildet, ein ſteiler Fußpfad; Merkwuͤrdi⸗ geres aber bietet ein andrer Weg hinauf, die Roßfelder⸗ Staige. Noch auf der Ebene kommt man hier an das Hoͤl⸗ lenloch, ein durch 4 ſenkrechte, 60 Fuß hohe, Felſenwaͤnde gebildetes Viereck. Quer uͤber ſeine Mitte geht eine hohle Felſenbank, unter der man durchkriechen kann, worauf man an ein ſenkrechtes in unendliche Tiefe hinuntergehendes Fel— ſenloch kommt. Am Gipfel der Bergſtraße iſt wieder eine Hoͤhle in den Felſen, des Goͤnningers Hoͤhle genannt, die ſich aber bald verengt und in die Tiefen des Berges bin= eingeht. Dieſer Roßberg, mit Buchen bedeckt, und einem Eckfelſen gekrönt, tft der hoͤchſte in der ganzen Gegend, und ge= währt die gewohnte uubegraͤnzte Flaͤchenausſicht; rechts noch

dazu einen Niederblick ins Uracher Thal, links auf die Achalm

und die Oberalb. Nach Süden endlich ſollen die Schweizer⸗ und Tyroleralpen bei guͤuſtiger Witterung (d. h. bei heitrem Suͤdoſt⸗Himmel unmittelbar vor oder nach einem Regen) ſichtbar ſeyn. So iſt er bes Beſuchs wohl werth, der ihm mit einem guten Sankt-Johannerfuͤhrer am bequemſten vom gruͤnen Felſen aus gemacht werden koͤnnte; man gienge dann auf der Berghoͤhe fort, und die Roßfelder Staige hinab, nach Dettingen.

Am Fuße des Roßbergs liegt abgeſondert ein kleinerer

Berg, in Form eines abgekuͤrzten Kegels, das Karren buͤch—

lein genannt, kahl und ſteil, durch den hohen Nachbar ver— kleinert.

Mit Dettingen beginnt der pittoreffere Theil des Ura— cher Thals, das von hier an viel ſchmaler wird, und bald

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keine Viertelſtunde mehr breit iſt. Zur Linken fließt dem Wandrer die Erms, das klare Waldwaſſer, das ihm in Urach gute Forellen verſpricht. Zu beiden Seiten der Heerſtraße aber iſt ein herrlicher Bluͤthenwald von Kirſchen, Zwetſchgen, Birn⸗ und Nußbaͤumen, der bis dicht vor die Stadt Urach hinreicht. Dieſe, an dem Hintergrund einer Bergwand gela— gert, ſamt dem vorwärts gelegenen halbiugelfürinigen Fe— ſtungsberge, erſcheint dem Auge erſt da, wo ſich das Thal zur Rechten mehr gegen Suͤden kruͤmmt, und ſeinen wilderen Cha— rakter annimmt. Jezt werden auch die Berge, die der Wand— rer links hat, hoͤher und waldiger; beſonders aber bekommen die zur rechten Hand entſchiednere Formen und eine wildere Geſtalt. Dichte Buchenwaͤlder kleiden dieſe Kegel, Kugeln, und Saͤrge in ein undurchdringliches Gruͤn, und reichen bis zur Ebne hinab, wo ſie an den Bluͤthenwald der Obſtbaͤume ſtoſſen. In kuͤhle Seitenthaͤler thut das Auge von Zeit zu Zeit einen erfriſchenden Blick. Das erſte iſt das obenbeſchrie— bene Guͤterſteiner Thal. Nehmen wir an, daß ein Theil der Reiſegeſellſchaft ſich auf dem gruͤnen Felſen getrennt, und uͤber Sankt-Johann, den obern Fohlenhof, Guͤter— ſtein und den untern Fohlenhof in dieſes Thal gelangt iſt, fo wandern diefe Reiſenden durch die Matten, nach der Veſte und dem Obſtwalde der Heerſtraße zu, die fie bald auf nimmt, dann bis an die kleine Bruͤcke eines Baͤchleins. Die Wandrer aber, die von Dettingen herkommen, wenn ſie am Guͤterſteiner Thal und dem herrlichen Waldkegel, der der Anfang des Rundenbergs iſt, an deſſen Fuß einwaͤrts der untre Fohlenhof liegt, vorbeigegangen, verlaſſen die Chauſſée, wenden ſich rechts in den Obſtwald, und vereinigen ſich an jener Bachbruͤcke mit den Wandrern vom Guͤterſtein. Auf dieſem Standpunkt iſt auch ein ſchoͤnes Echo. Nun find ſie am Eingang zu einer zweiten Bergmulde, die der waldige Kegel des Rundenbergs von dem Guͤterſteiner Thale ſcheidet. Sie iſt von allen 4 Seiten von den hoͤchſten Waldbergen (oͤſt⸗ lich von der Veſte) eingeſchloſſen, heißt der Bruͤhl, oder das Bruͤhlbachthal, und fuͤhrt zu einer Aae des Tas

ges, zum Waſſerfall.

Auch ohne diefen wäre der kuͤhle, abgeſchiedue Waldpunkt

mit ſeinen immer bewaͤſſerten Wieſen und der herrlichen Wald— G. Schwab, ſchwaͤb. Alb. 7

98 f veſte im Ruͤcken ungemein einladend. Noch lockender aber rauſcht dem Wandrer von der ſuͤdweſtlichen Gebirgswand der dreifache Waſſerfall des Bruͤhlbachs entgegen, der ſich hier, vie ganze Albhoͤhe herab, uͤber Felſen faſt ſenkrecht ergießt, und auf den die Felſen und Waͤlder der Albhoͤhe niederſchauen. Von Ferne erſcheint er nur unbedeutend, doch laſſe man ſich den Weg uͤber die feuchten Wieſen und mitten durch bruͤcken⸗ loſe Baͤche nicht verdrieſſen. Bald verengt ſich der Weg, ehe man vor die Felswand des Waſſerfalls tritt, durch die von beiden Seiten herabſtuͤrzenden Bergwaͤlder, fo, daß man rüd- waͤrts kaum die Ruinen der Veſte hoch herabwinken ſieht; dann wird der Platz wieder breiter, und man ſteht in dem runden Waldkeſſel vor den Fallen des Baches. Klimmt der Wandrer rechts hinauf, wo ihm mitten aus der Felswand eine Tropf— ſteinhoͤhle winkt, ſo thue er dieſes nur nicht auf der truͤglich einladenden Bahn eines Tuffſteinbruchs, der ſich bald in wahr— haft lybiſchen Sand verliert, in dem der Kletterer huͤlflos ver— ſinken muß, ſondern er mache die muͤhſeligen Spruͤnge von Baumſtamm zu Baumſtamm. Die merkwuͤrdige und geräus mige Höhle iſt aber durch den Steinbruch unzugaͤnglich gewor⸗ den, und man haͤlt vor ihrem Eingang ohne die Moͤglichkeit hineinzuklettern. Von ihr wendet ſich der Beſchauer links, und kommt durch Baͤume und Geſtruͤppe mitten auf der Fels- wand zu den ſchoͤnſten Faͤllen. Beſſer laͤßt er jedoch die Hoͤhle ganz liegen, und klimmt unmittelbar an der Seite de

Waſſers das Felſengeſtein hinan, ſo hoch es ohne Gefahr ge— ſchehen kann, bis er etwa auf der Mitte des Berges, ange— ſchaͤumt und benetzt vom Waſſerfall, in ſeinem Staubregen ſteht. Was von ferne nur ſchmal und ſchwach erſchien, wird hier zum Strom, und bei hellem Himmel und günftigem Sonnenſtand (eine Stunde vor Mittag) ſchlingen ſich durch den Waſſerſtaub die Edelgeſteine eines oft wiederholten Regenbo— gens. Ein wildes Gehoͤlze umgiebt den Schauplatz der Scene; ein Hügel von wunderbar geftalteten Tuffſteinen, die in wil- der Unordnung durch einander geworfen ſind, lehnt ſich an die Bergwand, von welcher der Fall herabkommt. Eine koͤſtliche Gruppe uͤherhangender Baͤume ſpiegelt ſich oben am Rande in dem hervorſpringenden Waſſerbogen. Die Wand ſelbſt, uͤber welche der Bach hinabſtuͤrzt, iſt eine durch Jahrhunderte ge— bildete Tuffſteinmaſſe. Der Fall beſteht eigentlich aus drei

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Fällen, wovon jedoch bei trocknem Wetter der dritte verloren geht. Die beiden aͤuſſern ſtuͤrzen in Einem, der mittlere aber in drei Saͤtzen herab. Der vorderſte loͤst ſich von der Wand fo ab, daß man bequem zwiſchen den Fall und die Wand ſte⸗ hen kann. Die Höhe des Falls mag gegen 8o Fuß betragen. Klettert man etwas ſeitwaͤrts vom Falle noch weiter an der ſteilen Bergwand hinauf, fo gelangt man auf den Rand des Gebirgsabſatzes, von welchem der Sturz herabkommt, und fieht ſich unerwartet auf einer ſchoͤnen Wieſe, die vom klarſten Bache durchwaͤſſert iſt. Verfolgt man den Lauf des Waſſers, ſo verliert ſich bald ſeine Spur unter den Felſen, und nur ein Getoͤſe, dem entfernten Donner ahnlich, laͤßt uns ſeinen Urſprung errathen.

Der Platz, auf dem ſich der Wandrer hier befindet, über: trifft an duͤſtrer Abgeſchiedenheit Alles, was man ſich denken kann, und doch, trotz dieſer Felſen, dieſer unzugaͤnglichen Ab: haͤnge, dieſes verfinſternden Gehoͤlzes iſt der Hinunterblick auf den ruhigen Grund, in das unbewohnte, ſeit der Schoͤ— pfung in jungfraͤulicher Schönheit erhaltene Thal unausſprech— lich befrtedend, man fuͤhlt ſich ſo ganz allein, und nur der Blick auf die Burgruinen Hohenurachs im Hintergrund mahnt an das Leben hinabgegangener Geſchlechter.

Hier lebt und webt noch die Natur in ihrer alten Kraft nd Stille, ja die Wunder der ewigen Gerechtigkeit wiederho⸗ en ſich noch heute, hier auf dieſen Hoͤhen, in dieſen ſtillen

Gruͤnden.

Der Schwur. Eine Romanze ). Und hab' ich gebuhlt mit meiner Magd, Herr Nichter, ſo ſey es Gott geklagt, So will ich kein ehrlich Sterben Auf weichem Polſter erwerben.

Der reiche Bauer zoͤgert nicht,

N Zu Urach ſchwoͤrt ers vor Gericht, Er macht mit ſeinem Schwure Die Liebſte ſein zur Hure.

) Aus dem Mund eines Fuͤhrers, als Begebenheit aus der neueſten Zeit, 7

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Am ſpaͤten Abend aus dem Thor Geht er den Alpenſteig empor, \ Er ließ die Magd wohl weinen, Und an der Bruſt den Kleinen!

Was murrſt du alter Waſſerfall? Was ſchuͤttelt ihr die Haͤupter all, Ihr Eichen und ihr Buchen?

Ihr Winde, wen kommt ihr fuchen ?

Die hohen Felſen ſtehn zu Hauf, Sie heben den weiſſen Finger auf, Die Bauern alle die andern,

Mit Eile, mit Eile wandern.

Der Eine ſchleichet hinterher, a Sein Athem wird ihm kurz und ſower, Zu des Geſteines Kloͤtzen

Wankt er, ſich hinzuſetzen.

Die andern ſchaun ſich nach ihm um,

> Es ſchallt kein Tritt, der Wald ift ume Da ſtocken ihre Reden, Sie gehen weiter im Oeden.

Zuletzt im Regen und im Wind Die Dirne kommt mit ihrem Kind, Ihr iſt, als ob es riefe Wehklagend aus der Tiefe.

O weh, ſie kennt die Stimme wohl, Wie toͤnet fie fo bang und hohl, Die einſt ſo hell geklungen,

Die Zucht ihr fortgeſungen!

Es zieht fie zu der Felſenwand;

Sie beugt ſich ſchauend uͤber den Rand, Der Mond ſchleicht vor, zu leuchten, Dort liegts im Grund, im feuchten.

Tief unten zwiſchen Strauch und Baum, Und zwiſchen Fels und Waſſerſchaum, Da roͤchelt, in Quaal und Reue, Zerſchellt der Ungetreue.

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Des Herrn Gericht, wie biſt du ſchnell! Es ſcheint der Mond ganz kalt und hell; Es wirft die Magd ſich nieder,

Und drunten ſtoͤhnts nicht wieder.

Zu verſchweigen iſt übrigens nicht, daß, wie vorangegane gener anhaltender Regen den Waſſerfall ſehr verſchoͤnern kann, anhaltende Duͤrre ihn faſt ganz austrocknet. Einen Kupfer- ſtich vom Uracher Waſſerfall in Groß-Querfolio haben wir von dem Grabſtichel Herrn Duttenhofers.

Vom Waſſerfall umgekehrt, ſchlagen ſich unſre Reiſenden rechts nach dem Walde, an deſſen Fuße fie einen gebahnten Weg antreffen, der allmaͤhlig aufwaͤrts fuͤhrend endlich ſich mit

der Burgſteig vereinigt, die von Urach, der Stadt, aus, zur

Bergveſte Hohenurach \ (Eoͤhe 2449 Wuͤrt. Fuß.) i

fih hinauf windet. In dieſe tritt man ſchon auf ziemlicher Bergeshoͤhe ein, und ſteht in ein neues Seitenthal hinab, das,

vor dem Bruͤhl gelegen, ſich ſuͤdweſtlich von Urach hineinzieht,

und gegen Süden durch einen langen und hohen Bergrüden begraͤnzt wird, deſſen obre Haͤlfte mit Wald bewachſen iſt. Dieſer Berg iſt wegen des unvergleichlichen Ech o's zu bemer—

ken, das er Singenden oder auf Blasinſtrumenten Spielenden

(eben an der Stelle, wo der Hohenuracher Weg vom Waſſer— fall aus betreten wird) zuruͤckſendet. Die Tone dringen vier- fach verſtaͤrkt und verlängert, hell und durchſichtig, aus der

Gebirgswand heruͤber, als waͤre ein unſichtbarer Chor von

Engeln dort gelagert. Die Stimmen der Singenden, beſonders einfache Akkorde, die Klaͤnge des Floͤtenden werden nicht nur kraͤftiger und anhaltender, ſondern auch verklaͤrt zuruͤckgegeben.

Von dieſer Stelle hat man nur eine halbe Stunde bis zum Gipfel der Veſte zu ſteigen. Dieſer ſtumpfe Bergeskegel, von feinem Fuß an mit Wald bewachſen, ſteht von dreien Sets ten ganz frei, und ſelbſt die vierte, wo er gegen Suͤden mit dem hoͤhern Gebirge zuſammenhaͤngt, hat eine ſolche Vertie— fung, daß er dadurch einen ganz abgefonderten Berg auszu⸗ machen ſcheint.

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Oertliches und Geſchichtliches uͤber die Burg Hohenurach ).

Die Burg beherrſchte den ganzen Ruͤcken des Berges, und bot gegen die ſuͤdliche Alb 3 Terraſſen dar: 1) die untre Burg auf dem in ſteile Felſen abſtuͤrzenden hintern Bergruͤ⸗ cken, mit einer aus dem Felſen gehauenen Bruſtwehre, in deren Schutze die Capelle der Burg ſtand. 2) Die obre Burg, die, unmittelbar uͤber der untern ſtehend, ein ſehr hohes Bollwerk zeigt, welches im Viereck aufgemauert iſt, mit Halb⸗ monden auf den Ecken und einem ſehr hohen, ſtarken Thurm, der den Haupteingang bedeckt. 3) Ueber dem Vollwerk, auf dem vorderſten Felſengipfel, die innere Burg oder das eigent⸗ liche Schloß, welches die Stirn in das Hauptthal hinabwies. Der einzige Eingang in die obere Burg iſt in der oͤſtlichen, der Stadt zugekehrten Ecke. Vor dem Hauptthor, welches auf das Vollwerk fuͤhrt, liegt ein breiter und tiefer Graben, welchen man in den Felſen geſprengt hat; ein anderer Graben trennte das Bollwerk von der innern Burg. Ihr Umfang war nicht von Bedeutung. Der Schloßhof beſchrieb ein unregel- maͤßiges Viereck. Zwei Hauptgebaͤude umzogen die noͤrdliche und oͤſtliche Seite; auf der Weſtſeite lief eine hohe Mauer mit einem Thurm im Innern des Hofs; die Seite gegen das Bollwerk ſchloß der feſte mit einer wehrhaften Platteform be— deckte Eingang. An den aͤuſſern Ecken ſtanden ſehr feſte Thuͤr⸗ me; zudem umlief die ganze innere Burg ein mit vielen Thuͤrmen beſetzter Zwinger.

Die Ruinen find noch bedeutend: an mächtigen Bruſtweh⸗ ren vorbei kommt man auf der erſten Terraſſe durch ein dunk— les Thorgewoͤlbe in einen mit Baͤumen uͤberwachſenen Weg, der nach den hoͤhern Theilen hinauffuͤhrt. Vor dieſem erſten Gewoͤlbe kann man auf breitem Wieſenrand die Terraſſe rechts verfolgen, wo man an 3 mit Baͤumen gekroͤnten Thuͤrmen vor- uͤber zu dem hoͤchſten, noͤrdlichen Eckthurme wandelt, der ei— nen ſehr impoſanten Anblick gewährt; gegen Suͤdweſten öffnet ſich hier der Blick zum Waſſerfall, auf den ſchoͤnen gegenuͤber— liegenden Bergkegel, und gegen Sankt-Johann: noͤrdlich thut

) Mit mehreren Zuſaͤtzen aus Jaͤgers fleißigem und wohlge⸗ ſchriebenem Aufſatz in Gottſchalks Ritterburgen abgekürzt,

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fi das Dettinger Thal auf. Zum erſten Thorgewoͤlbe zuräds gekehrt, tritt man ein, und findet hier in der Nähe die Kam⸗ mern eines alten Gebaͤndes, vielleicht der Burgkapelle, aus deren tiefen Fenſterhoͤhlen man über die Felſen in die ſchau⸗ erliche Tiefe nach Urach hinabblickt. Dann ſteigt man auf zum zweiten Thorgewoͤlbe, das eine feuchte, ſchwarze Kerkerkam— mer gegen Weſten mit dicken Mauern und kleinen Fenſtern enthält, die Skt. Johann zu gekehrt in die Felſentiefe hinab: ſchauen. Nach einigen ſoll dies Friſchlins Kerker geweſen - feyn (ſ. unten). Aus dieſem zweiten Thorwege ſteigt man zu der Terraſſe hinauf, die den hoͤchſten Punkt bildet, und ſich auf dem Gipfel des Berges fortſetzt; hier wandelt man uͤber viele Truͤmmer durch einige dachloſe kleinere Gebaͤude (auch in dieſe Gegend verpflanzt eine andere Tradition Friſch⸗ lins Kerker) dem Gemaͤuer zu, das auf dem hoͤchſten Punkte ſteht. Hier genießt man eine herrliche Aus ſicht auf das Uracher Thal, in dem ſich Fruchtbarkeit in der Tiefe zur ſchauerlichen Wildheit im Gebirge, faſt wie im Heidelberger Thale, gatten. Im Hintergrunde ſcheinen von hier aus geſe— hen der Dettinger Roßberg und der Sattelbogen ganz zuſam— men zu ſtoßen, ſo daß kaum aus dem Winkel, den ſie bil— den, ein kleiner Abſchnitt der fernen Flaͤche herausblickt, de— ren Hintergrund das Schloß Hohenheim und die Gegend von Echterdingen und Degerloch bildet.

Der Erbauer der Burg iſt unbekannt. Wahrſcheinlich war es der erſte Graf von Urach, Egino I., der in der Mitte des niten Jahrhunderts lebte; wenn nicht die abgegangene Veſte Urach im Breisgau der aͤltere und urſpruͤngliche Sitz des Ge— ſchlechts iſt. Nach Cruſtus fol unſer Urach vor Zeiten auf „dem Hohenberg“ geſtanden ſeyn. Bei der Verkaufsurkunde an die Grafen von Wuͤrtemberg, vom J. 1254, wird Hohen: urach erwähnt. Die erſte Halfte ging in dieſem Jahre, die andere im J. 1265 durch Tauſch an Wuͤrtemberg uͤber. Die Grafen von Urach aber ſcheinen ins Breisgau gezogen zu ſeyn, und Hohenurach blieb von nun an wuͤrtembergiſch. Im Jahr 1511 wehrte ſich die cee gegen die Staͤdter. Vermoͤ⸗ ge des Vertrags von 142 fiel Hohenurach dem Grafen Ludwig zu, der 1450 hier an der Peſt ſtarb (ſ. Guͤterſtein). Die Burg wurde der Lieblingsaufenthalt Eberhards im

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Bart *). Er iſt auf der Veſte geboren, und das Kind ward mit vieler Pracht dort abgeholt, um in der Stadtkirche zu Urach getauft zu werden. Auf Hohenurach entwarf er die mei— ſten und loͤblichſten Regentenhandlungen. Bei ſeinem Beila— ger war auf der Veſte ein Rittergelage. In 3 Tagen gingen 165000 Laib Brod, 4 Eimer Malvafier, 12 Eimer Rheinwein, 500 Eimer Neckarwein auf. Auf Urach entwarf Eberhard den Plan zur Gruͤndung der Univerſttaͤt Tuͤbingen.

Im J. 1482 verlegte zu Folge des Muͤnſinger Vertrags Eberhard die Regierung von Urach nach Stuttgart. Im J. 1490 wurde dem wahnfinnigen Grafen Heinrich (dem Vetter Eberhards des Juͤngern u. Vater Herzog Ulrichs) Hohenurach zum Aufenthaltsort gegeben. Nachdem ein Vergleich des unverſoͤhn— lichen und wahnwitzigen Heinrichs mit ſeinen Unterthanen ver— geblich geweſen, lockte ihn Eberhard der aͤltere im J. 1489 nach Stuttgart, wo er in einen Ring geſchloſſen auf die Veſte Urach gebracht wurde. Sein edles Gemahl Eva folgte ihm dorthin, gebar ihm in der Gefangenſchaft (1498) noch einen Sohn Georg, (durch feinen Sohn Friedrich I. Stammvater des jetzt bluͤhenden wuͤrtemb. Hauſes) und wartete ihm getreulich bis zu ſeinem Tode (1519). Als Herzog Ulrich zur Regierung gekommen, ließ er den wahnſinnigen Vater mehrmals zu ſich nach Stuttgart kommen. Die Geburt Herzog Chriſtophs iſt wohl in das Schloß der Stadt Urach zu ſetzen. Am 9. Apr. 1519 wurde Urach, Stadt und Veſte, vom ſchwaͤb. Bunde belagert. Der Vogt Stephan Weiler, mit den aufruͤhriſchen Buͤrgern unterhandelnd, ward ermordet; der Burghauptmann verwei— gerte die Uebergabe, bis der kranke Graf Heinrich (15. April) geſtorben war; aber kaum war die Leiche aus dem Schloſſe geführt (1). April), fo zwang ihn die Beſatzung zur Ueber— gabe, und raubte die Burg vor ihrem Abzug aus. Nun war Dietrich Spaͤth Hauptmann des Bundes auf dem Schloß. Ulrich kam, und belagerte Urach, mußte aber wegen Man— gel an Geſchuͤtz wieder abziehen. Aber bei ſeinem zweiten Anzug (24. Mai 1554) von Tuͤbingen her uͤberwaͤltigte er die

* Ich fuͤrchte, in allen dieſen Angaben ſey die Burg Hobens urach mit dem fuͤrſtlichen Schloß der Stadt Urach verwech⸗ ſelt. Davon ſ. unten.

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Burg mit Landgraf Philipps Huͤlfe, der in der Nacht durch Abhauen der Waldbaͤume dem Geſchuͤtz einen Weg bahnte.

Im J. 1547, im ſchmalkaldiſchen Kriege, mußte ſich Stadt und Veſte an den Herzog von Alba nach langer Weigerung ergeben. Damals ſcheint die Burg grauſam verwuͤſtet wor— den zu ſeyn; denn Herzog Chriſtoph verwandte uͤber 19,000 fl. auf ihre Herſtellung. N | ums J. 1580 ſaß Friſchlin hier gefangen. Wir geben ſein von geſchickter Feder entworfenes Leben unten dem Wand— rer im Auszug. Er leſe es in den Ruinen ſeines Gefaͤngniſſes.

Im zojaͤhrigen Kriege war Hohenurach in ſchwediſchen Haͤnden, und wehrte ſich, als die Wuͤrtemberger den Kaiſer⸗ lichen die Stadt laͤngſt uͤbergeben (2. Nov. 1654), unter dem Obriſten Holzmuͤller hartnaͤckig gegen Mora, den Obriſten des Feldmarſchall Gallas. Erſt ganz ausgehungert uͤbergab ſich die Beſatzung (24. Jul. 1655) an den Obriſten Soyes, nachdem Holzmuͤller blind geworden und feinem Bruder, ei— nem Faͤhndrich, das Commando hatte uͤbertragen muͤſſen. Die tapfre Beſatzung erhielt ruͤhmlichen Abzug; die Feinde wußten die Burg zu ſchaͤtzen, und erhielten ſte in gutem Stande. Im J. 1639 ward Stadt und Burg dem Herzog wieder zugeſpro— chen, aber die uͤbermuͤthige Erzherzogin Clau dia wußte ſich (16. Sept. 1659) in Beſitz derſelben zu ſetzen. Noch kurz vor dem weſtphaͤl. Frieden erſcheint eine fremde Beſatzung auf Hohenurach; und Urach war das letzte Beſitzthum, das dem rechtmaͤßigen Landesherrn wieder eingehaͤndigt wurde.

Im J. 1695, während der franz. Ueberfaͤlle, diente Ho— henurach vielen zum Aſyl. Aber im J. 1694 traf ein Blitz den Pulverthurm, daß er zerſprang, und das Schloß ſelbſt feit Chriſtoph die erſte große Beſchaͤdigung erlitt. Seit dieſer Zeit blieb es baufällig, dürftig beſetzt. In der Mitte des vo» rigen Jahrhunderts zerfiel es, am Schluſſe deſſelben ward vie— les abgebrochen, beſonders um Ziegel zu erhalten, und die Steine wurden zur Erbauung des Jagdſchloſſes Grafeneck gebraucht. Noch im J. 1815 zerrte man an den ſchoͤnſten Par— thien der Truͤmmer, um einige Steine fuͤr den Marſtall auf dem Rutſchenhof zu gewinnen.

Eine Abbildung Hohenurachs im Kupferſtich, in Groß: Querfolio, haben wir von dem ruͤhmlichſt bekannten Kuuftler Herrn Duttenhofer.

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Nikodemus Friſchlin )).

Nik. Friſchlin, geb. zu Bahlingen am 22. Sept. 1547,

eines frommen Pfarrers Sohn, zeigte ein großes Dichter— talent, und ward ſchon im zıften Lebensjahr Profeſſor der freien Künfte zu Tübingen. Der große Beifall, mit welchem er hier lehrte, erfuͤllte ſeinen alten Lehrer und jetzigen Colle— gen, Martin Cruſtus, mit Neid. Deſſen abſichtliche Vernach— laͤſſigungen und Beleidigungen erregten Friſchlins Galle und Witz. Sein Ruhm verſchaffte ihm Rufe ins Ausland, die er jedoch, dem Vaterlande treu, zu ſeinem Ungluͤck ablehnte, und in Tübingen blieb. Leider gab ein nicht fleckenloſer Wan— del feinen Feinden Bloͤßen. So zog er eines Tages mit be= trunkenen Studenten durch Roſek, und ſuchte bei den Toͤch⸗ tern des dortigen Pflegers Quartier. Abgewieſen, warfen die Trunkenen die Fenſter ein; der Pfleger kam, ebenfalls betrun⸗ ken, von einem Gange nach Bebenhaufen noch zu dem Streite, und Friſchlin mit feinen Begleitern wurde zum Hofe hinaus⸗ gejagt. In ſeinen geiſtreichen Komoͤdien warf man ihm die Hbfeönitäten vor; er ſollte ein Pasquill auf die Stadt Tuͤbin⸗ gen an die ſchwarze Tafel geſchlagen haben; ſeine Gedichte, hieß es, hoͤhnten alle Staͤnde, zumal die gelehrten Profeſſo— ren. Mehr als Alles ſchadete ihm eine den Geiſt jener Zeit charakteriſterende Geſchichte:

Im J. 1580 (11. Maͤrz) hatte der Hofrichter Burkard von Anweil mit mehreren Edeln ein Geſchaͤfte zu Tuͤbingen. Eine Mahlzeit ward auf dem Rathhauſe veranſtaltet; unter den Gaͤſten befanden ſich auch der Vogt von Tuͤbingen Herter von Herteneck, und, vom Hofrichter geladen, Friſchlin.

ach der reichlichen Mahlzeit, als die andern Gaͤſte ſich ſchon erhoben, ſaßen der Hofrichter und der Vogt noch beim Weine feſt; jener ruft Friſchlin, der eben im Weggehen iſt, an den Tiſch, und reicht ihm den Pokal; Friſchlin thut Beſcheid, und trinkt es dem ſich uͤber den Tiſch hinlehnenden Vogte zu. Der feine Gruß, den ihm der hochmuͤthige Edelmann dage— gen entbietet, iſt: —'n Dreck! Friſchlin aber antwortet ihm friſch vom Munde weg: „Ich nehm' euer Maul, und eſſ' den Dreck und noch mehr!“ damit wendet er ſich weg, fest feine Pelzmuͤtze auf, und trinkt es dem Hofrichter zu. Indem fuͤhlt er ſich die Muͤtze mit flacher Hand vorwaͤrts ins

7) Auszug aus der ſchoͤnen Biographie Friſchlins von Conz.

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Geſicht geſchlagen. Friſchlin, ſich umfehrend ‚"fieht Niemand als den Vogt, der aber ſchon wieder die beiden Ellenbogen auf den Tiſch ſtemmt. Nun ſchuͤttet Friſchlin feinen Unwillen in Fluchen aus und geht. Seine Rache war, daß er eine im J. 1578 ohne Aufſehen gehaltne Rede zum Lobe des Landle— dens im Druck herausgab. In dieſer Rede vergleicht er das große laͤndliche Leben der alten roͤmiſchen Feldherrn, eines Fabricius und Curius, mit dem der Land- und Dorfjunker feiner Zeit; geiſſelt ihren anmaßenden Hochmuth, ihre derbe Sitte und viehiſche Schwelgerei. Pondera terre fruges consumere natos Centauren, Cyklopen, Polyphemen, Lapithen ſchimpft er ſie, denen er einen andern Herkules, wie Maximilian J., wuͤnſcht, um fie zur Vernunft zu bringen oder auszurotten. „Was iſt das für ein windiger Stolz dieſer Leute, daß ſie Niemand fuͤr edel achten, als der feine raus chigen, rußigen Ahnenbildniſſe aufweiſen kann? daß ſich die ungelehrteſten und ungeſchliffenſten Edelleute weit uͤber die gelehrteſten Maͤnner hinaufſetzen, aller Orten die erſte Bank einnehmen, uͤberall Hans obenan ſeyn wollen, am Hof und vor Gericht alles wollen ſchlichten und lenken, als ob wir Andern nur gar nichts wären und konnten ohne fie, und nur ihrer Huͤlfe, ihrer Gnade leben muͤßten?“ Der Rektor verbot den Verkauf der Rede, Friſchlin hatte das Herz, ſich an den Herzog Ludwig mit einer Beſchwerde durch ſeinen Famulus zu wenden, aber die Antwort zoͤgerte; einzelne Exemplare ſchluͤpften in die Haͤnde der Edelleute. Nun wurde die Rede confisciert. Klaglibellen wurden nach Stuttgart geſchickt. Dennoch drangen ſeine Feinde nicht durch. Der Herzog nahm ſich ſeiner an, und ermahnte die Nitter- ſchaft zu glimpflichern Geſinnungen. Aber Meuchelmoͤrder ſuchten ihn jetzt auf, ſo daß er, nach einer gefaͤhrlichen Nacht⸗ reiſe, ſeine Vorleſung einesmals mit dem Gebet anfieng: „Gott ſey gelobt, daß er mir mein Leib und Leben vor den Hofteufeln behuͤtet hat!“ Ein grobes Pasquill eines gewif- ſen Wagner erſchien gegen ihn, auf das ihm zu antworten unterfagt wurde. Vor einer adligen Hochzeit hatte der Her: zog die Gaͤſte, die gedroht, Friſchlin wie einen Hafen zu ſpießen, in Pflicht nehmen laſſen, nichts Gewaltſames gegen jenen zu unternehmen. Dennoch wollten zwei betrun⸗ kene Junker mit bloßem Gewehr feine Thuͤre ſtuͤrmen. Der

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Verſuch, dem kakſerlichen Hof eine Apologie gegen Wagner zukommen zu laſſen, zog ihm Hausarreſt auf Befehl des Her— zogs zu. Neue Klagen erhoben ſich gegen ihn. Eine herzog— liche Commiſſton erſchien, aber mit dem wohlthaͤtigen Auftrag, ihn, unter Angelobung kuͤnftigen Stillſchweigens und Friedens, aus feinem Arreſte zu entlaffen.

Unter dieſen Demuͤthigungen mußte ihm die Berufung zum Rektorat nach Laubach wie ein Ruf vom Himmel erſchei— nen. Er zog dahin im J. 1582 mit ſeiner Familie ab. Aber auch dorthin verfolgte ihn fein Damon. Die Ausarbeitung einer Grammatik verwickelte ihn in einen unſeligen gramma— tiſchen Streit abermals mit Cruſius. Auch der Adel ſandte ihm feine Blitze in dieſes fein Pathmos nach. Ungern ent⸗ laſſen, verließ er ſchon nach zwei Jahren Laubach und feine eintraͤgliche Stelle wieder, und kam nach Wuͤrtemberg zuruͤck (1584), nach Stuttgart. Umſonſt ſuchte fein guter Herzog auch nur um eine außerordentliche Profeſſur fuͤr ihn an. Die Univerſitaͤt blieb unerbittlich. Drei edle Grafen von Tuͤbin— gen ſorgten für ihn und feine Familie, denn feine Schrift: ſtellerei reichte nicht, ihn zu naͤhren. Er warf ſich nun, zum Verdruſſe ſeines Herzogs, auf die Medicin, wurde Doktor darin, und Furierte feine Magd (mit welcher ihn uͤberdieß feine Gegner des Ehebruchs beſchuldigt) zu Tode. Neue Ver: antwortung. Wegen dieſes oder andern Ehebruchs ward er vom Senat losgeſprochen (1587). Leider haben wir jedoch in ſeinen Schriften das eigne, wehmuͤthige Eingeſtaͤndniß ſeiner Schuld. ö